Bei gutem Wetter hat man vom Bonner Venusberg einen fantastischen Blick auf das Siebengebirge, vorausgesetzt, man befindet sich im 6.Stock des Operationszentrums der Bonner Universitätskliniken. Auf dem Foto erkennt man rechts oben den Petersberg, auf dem sich das Gästehaus der Bundesregierung befindet, ein üppig ausgestattetes Hotel mit Fernsicht zum Kölner Dom und einer interessanten Vorgeschichte: immerhin haben sich hier illustre Persönlichkeiten wie Kaiser Haile Selassie, der Schah von Persien (gleich zwei mal mit verschiedenen Ehefrauen) oder der Terrorist Jassir Arafat aufgehalten. Für einen frisch Operierten sind solche historischen Hintergründe allerdings weniger wichtig: man genießt die Weite der Landschaft und freut sich, daß die Klinik nicht im Stadtinnern von Bottrop oder Duisburg liegt.
Doch reicht dieser Blick nicht aus, um von den Mißlichkeiten abzulenken, die den Aufenthalt im Krankenhaus nun einmal begleiten: man liegt im Bett, allerlei Schläuche kommen aus diversen Körperöffnungen heraus und führen auch wieder hinein, und fortbewegen kann man sich nur mit einer Art fahrbarem Kleiderständer, der in diesem Fall jedoch weder Hemden noch Hosen trägt, sondern zwei Plastiksäcke.
Der eine, ganz oben am „Kleiderständer“ angebracht, enthält eine sog. „Spüllösung“, und der andere, am Fuße angebracht, fängt das auf, was der Körper mittels der Spüllösung an Operationsresten wieder nach draußen befördert. Der Unterschied zwischen den beiden Plastikbeuteln ist auffallend: die Spüllösung (Wasser mit NaCl angereichert) sieht schön klar und durchsichtig aus, der untere Beutel jedoch enthält eine bräunlich-rote Brühe, die ab und zu von der Krankenschwester in einen Eimer umgefüllt wird.
Diesen „Kleiderständer“ vor mir herschiebend habe ich mich also auf der Urologiestation im 6.Stock ein wenig umgesehen. Viel gibt es da nicht zu sehen, aber ich fand einen Aufenthaltsraum, ausgestattet mit ein paar Tischen und Stühlen, einem Kaffee- und Tee-Automat und sogar einem Regal mit der üblichen Dan-Brown/Uta-Danella-Literatur. Und auf den Tischen lagen Zeitungen herum. Zeitungen! Immerhin, aber meine anfängliche Begeisterung legte sich bald wieder: keine FAZ, keine WELT oder SÜDDEUTSCHE, kein einziges überregionales Blatt, sondern ausschließlich Lokalzeitungen. Und was lese ich da als Schlagzeile des Rhein-Sieg-Anzeigers vom 25.07.2012, direkt auf der ersten Seite:

Kasse rügt: Prostata-Krebs zu oft operiert

Diese Schlagzeile konnte man nun über das ganze Wochenende im Aufenthaltsraum ausgerechnet der Urologiestation bewundern, weil die nächsten Zeitungen erst am Montag geliefert wurden. Das Pflege-Personal jedoch hatte von einer Prostata-Studie noch nichts gehört, lediglich mein behandelnder Chirurg kannte die Studie der Barmer GEK. Wie sich wohl jemand fühlen mag, dem gerade ein Organ entfernt wurde, und der nun schwarz auf weiß nachlesen kann, daß die ganze Operation meistens überflüssig ist?
Mit dem Zeitvertreib im Aufenthaltsraum war es also nichts. Wie wäre es statt dessen mit Fernsehen? Jeder Patient hat an seinem Bett einen kleinen, an einem Schwenkarm angebrachten Siemens-Fernseher, und dort stehen rund 50 Programme zur Auswahl, eines schlimmer als das andere. Auf Bibel-TV sieht man die immerfort glücklich vor sich hinlächelnden Jung- oder Alt-Christen, die jeden Tag „mit Gott sprechen“ und ständig von Erweckungen, Erlösungen und Erleuchtungen heimgesucht werden. Auf sat1 bei Angelika Kallwass wird wie üblich geheult und geschrien, bei n-24 kann ich mir zum x-ten mal den Untergang des Schlachtschiffes Bismarck oder Hitlers verschiedene Freundinnen ansehen und im Morgenmagazin von ARD/ZDF wird vor Pommes Frites, Bratkartoffeln und Fleisch gewarnt.
Statt Fernsehen hätte ich also vielleicht einen Smalltalk mit dem über 80-jährigen Zimmergenossen in Erwägung ziehen können, aber auch das erwies sich als unmöglich, nachdem ich mehrere male am Tag den „Dialog“ der jeweiligen Krankenschwester mit dem Patienten verfolgen durfte:
Krankenschwester: Herr Baumann, haben Sie heute schon etwas getrunken?
Herr Baumann (krächzt): Hä? Mmmfff?
Krankenschwester (lauter): Haben Sie heute schon etwas getrunken?
Herr Baumann: Wa? Hä?
Krankenschwester (noch lauter):HERR BAUMANN, WIEVIEL HABEN SIE HEUTE SCHON GETRUNKEN?
Was bleibt in so einem Fall, ist das gute alte Buch, aber ich hatte leider in Erwartung eines viel kürzeren Aufenthaltes in dieser Klinik nur eines mitgenommen. So hatte ich bereits am zweiten Tag Andrei S. Markovits Buch über Antiamerikanismus und Antisemitismus (Titel: Amerika, dich haßt sich’s besser) ausgelesen und hatte nun nur noch einen Kugelschreiber sowie Kästchenpapier zur Verfügung. Und während ich also im Bett lag und vor mich hinbrütete, wanderte mein Blick immer wieder zu dem Verbindungsröhrchen zwischen dem NaCl-Beutel und dem Schlauch, der unter meiner Bettdecke verschwand. Plopp, plopp, plopp, fielen die Tropfen schön gleichmäßig herunter. Wirklich gleichmäßig? Ich begann zu zählen: 21, 22, 23,… Und da fiel mir auf, daß es ungefähr 4 Tropfen pro Sekunde waren. 4 Tropfen pro Sekunde, jeder Tropfen eine Kugel mit immer demselben Durchmesser: das schreit doch geradezu danach, aus diesen Daten die Zeit zu berechnen, die noch bleibt, bis man die Krankenschwester zum nachfüllen rufen muß! Gedacht, getan: Schreibgerät hatte ich, Gehirn war auch noch vorhanden und alle sonstigen Hilfsmittel lagerten auf der anderen Rheinseite im Siebengebirge. Was dabei herauskam, können Sie in dem PDF-File

Lösung der Tröpfchenaufgabe

nachlesen. Es dauerte – mit Unterbrechungen – allerdings einen ganzen Tag, bis ich alles sauber zu Papier gebracht hatte, aber danach fühlte ich mich erheblich besser und konnte die Zeit bis zur Entlassung sehr viel entspannter zubringen. Zumal mir nämlich noch etwas anderes einfiel, was ich schon immer mal gerne machen wollte: einen verschlüsselten Geheimtext knacken. Das kommt im nächsten Artikel dran.

Das Ende vom Lied war der Tag, an dem ich aus dem Operationszentrum entlassen wurde und das erste mal seit 5 Tagen wieder im Freien, in der Sonne stand: ein wahrhaft „befreiendes“ Gefühl, um mich herum Studenten, Personal und sicher auch der eine oder andere „Entlassene“. So ging ich auf die Busstation zu, verdrängte die Gedanken an Operationsfolgen wie Inkontinenz, Impotenz und die 50,- Euro, die der Gesundheitsfond auch für diesen unfreiwilligen Krankenhausaufenthalt einsackt und freute mich auf mein zu Hause.