Gastbeitrag von N.N. über den Besuch eines Salafisten-Demostandes in Hamburg:
Am 24.03.2012 war Salafistentag in der Hamburger Innenstadt. Gleichzeitig fand irgendwo eine Demo gegen Neonazis statt, die guten alten Feinde der Linken und der Demokratie. Die neuen Feinde fanden kein Interesse. Ich bin also hin.
In der Mönckebergstr. hatte ich dann mit den Salafisten meine erste „Feindberührung“ – mit Nazis, Scientologen oder Kommunisten habe ich in meinem Leben schon viel diskutiert. Aber die bemützten Zauselbärte waren die härtesten der Harten! Und ließen gar nicht erst den Eindruck entstehen, dass sie mit diesem Land und seiner Verfassung auch mehr nur am Häkelkäppchen haben als alle Rechte vollumfänglich auszunutzen, um sie nach der ersehnten Einführung der Scharia sogleich abschaffen zu können. Was ohnehin kein Problem sei, denn Deutschland habe schließlich – „wusstest du das?“ gar keine richtige Verfassung. (Ja, wusste ich – von den Webseiten Horst Mahlers und Reinhold Oberlerchers…) Zuerst müssten die „Ostgebiete“ wieder an Deutschland zurückfallen und eine freie Abstimmung über eine dann endlich legitime Verfassung erfolgen. Warum nicht eine nach den Regeln der Scharia – wenn die Mehrheit dies wolle? Und gemäß Art. 146 GG, wie der Salafi mit Abitur und 6 Semester Elektrotechnik mir aus der GG-App seines neuesten iPhone vorliest.
„Wer uns bei unserer Arbeit für den Islam behindert oder bekämpft, gegen den darf der Muslim notfalls mit Gewalt vorzugehen“ – das erlaube der Islam bzw. Gott. Wer will sich schon gegen Gott auflehnen? Man müsse seine Weisungen befolgen. Mein junger Salafi-Diskutant schiebt sich die Ärmel seines weißen Pullis über die muskulösen Arme. Auf der Brust prangt die Schrift „Lies! Und befolge die Worte deines Herrn!“ Seine Augen leuchten. Die Scharia weltweit einzuführen ist die Pflicht jedes Muslimen, wer daran einen Zweifel lässt, gehöre seiner: – ihrer Meinung nach nicht zum Islam. So wie die Kollegen von der Ahmadija-Gemeinde drüben auf der anderen Straßenseite, für die sie nur größte Verachtung hegten („Popoknutscher“).
Fast die ganze Zeit redeten 5-6 Salafis auf mich ein, telefonieren zwischendurch, Allhamduila, es war kaum möglich, einen Gedanken zuende zu bringen. Ihr Weltbild ist komplett verriegelt – alle Handlungen werden in letzter Instanz an Allah relegiert, die oberste Autorität und Legitimation. Es gibt keine Wahrheit jenseits des Koran, „der Islam ist die einzig wahre Religion“ (so der Name ihrer Gruppierung, bekannt durch Pierre Vogel) und habe deswegen das Recht zu bestimmen, wo es langgeht. Andere Weltanschauungen bzw. sind allenfalls geduldet – und nur privat; ein öffentliches Werben für eine andere Auffassung jenseits des Islam ist verboten. „In Deutschland wird es noch dauern, aber es wird kommen, weil die Muslime die Mehrheit eines Tages stellen werden. Und deren Auffassungen musst du doch demokratisch gutheißen, stimmt’s?“ Das kenne ich zwar aus den islamischen Schriften, aber es so ungeschminkt und mit dem Ausdruck beseelten Entzückens zu hören, hatte schon was Irritierendes, beinahe Faszinierendes (zumindest, wenn man sich in die ausgehungerten Seelen von jungen MuslimInnen oder anderen „GottsucherInnen“ hineinversetzt, die meinen, nun endlich festen Grund unter ihr schwankendes Dasein erlangen zu können). Dabei mit einer absoluten Hingabe an die Überlegenheit des eigenen Wirkens und Wollens vorgetragen, das ich so nur aus Filmen kenne, die in längst überwundenen dunklen Zeiten spielen.
Um zu erfahren, wie sie es mit den Menschenrechten und den eigenen Ansprüchen an Toleranz und Religionsfreiheit halten, komme ich auf das Schicksal des iranischen Apostaten zu sprechen, der mittlerweile evangelischer Pfarrer geworden ist und deswegen hingerichtet werden soll. Wenige Meter von uns entfernt stehen Iraner, die wie jeden Sonnabend für Demokratie und Menschenrechte in ihrer Heimat demonstrieren. Einer der Iraner hatte mir eine Unterschriftenliste zugesteckt, die solle ich den Salafis doch mal vorlegen, „da habt ihr gleich mal was zum Diskutieren“, meint er listig. Ich erfahre, dass mein Salafi-Bruder „erst mal wissen muss, ob der Pastor ein Spion für Israel oder die CIA ist“, vorher könne er nicht unterschreiben. Und wenn er keiner ist, ob er sich „öffentlich zum Wechsel der Religion bekannt hat“ – das sei im Islam strafbar, da hätte er gegen Gesetze verstoßen. Er hätte doch wissen können, dass das die Todesstrafe bedeutet, er hat sich wohl freiwillig in die Situation gebracht: „In den USA gibt’s bei bestimmten Verbrechen ja auch die Gaskammer!“ Der Apostat hätte auswandern müssen, das Recht hätte ihm zugestanden. Er tat es nicht – weil er provozieren wollte? Also: keine Unterschrift.
Rhetorisch kannst du gegen sie nicht gewinnen, weil sie sich einfach nicht auf deinen Bezugsrahmen einlassen (Grund- und Menschenrechte, Freiheit der Entscheidung, Herrschaft des Rechts, Demokratie… alles Menschenwerk, nichts, was Gott geschaffen hat). So wie die Nazis alles aus dem Antisemitismus und nach den angeblichen Gesetzen des Sozialdarwinismus und der Rassenlehre ableiteten, geht jedes Argument bei ihnen durch den Filter des Koran. Zur Not ist eben Gottes Befehl die Richtschnur – und wer will und darf sich schon gegen Gott auflehnen? Dabei arbeiten sie mit den üblichen Tricks aller Seelenverkäufer: keine Frage beantworten, vielmehr als Antwort eine neue Gegenfrage stellen; für Schreckenstaten in islamischen Ländern „die Muslime oder besser sog. Muslime“ verantwortlich machen, der Islam selbst ist fehlerfrei; wenn etwas nicht zu leugnen ist, dann war eben eine „falsche Auslegung“ des Koran schuld (fehlerhafte Übersetzung); und immer ist man den „Manipulationen der westlichen Medien“ aufgesessen“, usw.
Die jüngsten Morde von Toulouse, Ehrenmorde, Zwangsheiraten… alles entweder Verfälschungen oder Propagandaübertreibungen durch die Medien. Toulouse? CIA-gelenkte Operation – „kannst du beweisen, dass es das nicht war?“. Ich frage meinerseits nach Beweisen. Sofort wird der Irakkrieg oder der Krieg in Afghanistan als Beleg dafür angeführt, wie der „Krieg gegen die Muslime“ mithilfe „falscher Behauptungen“ und „alles wegen Öl“ geführt wird. Versuche, die viel behauptete „Toleranz“ des Islam gegenüber den Buchreligionen mit der Wirklichkeit in islamischen Ländern zu konfrontieren, führen wieder zurück zum Anspruch des Islam und den Schwächen der Muslime. Fragt man nach dem eigenen Engagement gegen empörende Zustände im islamischen Kulturkreis, ist dort eben „die Scharia noch nicht richtig eingeführt“ oder liegt eine falsche Interpretation bzw. eine falsche Übersetzung des Koran vor. Wenn sie das Sagen hätten, wäre es zwar erlaubt, dass Nichtmuslime ihre Religion behalten und Kirchen „erhalten“ blieben – neue dürften aber nicht gebaut, geschweige denn Werbung für eine nichtislamische Religion gemacht werden; eine Bibel dürfe man aber lesen. Ausnahme Saudi-Arabien als Mutterland des Islam und wegen der „Heiligkeit“ seiner Erde. Im übrigen: wo habe denn ich gegen die Beteiligung der BRD am Afghanistankrieg protestiert? Und wenn ich die fehlende Meinungs- und Religionsfreiheit in islamischen Ländern beklage – wo gibt’s denn die Gesetze gegen die Leugnung des Holocaust? Ist das etwa Meinungsfreiheit? Da hätte doch ICH erst einmal was zu tun…
Spätestens als ich freimütig bekenne, den Islam für eine „dumme Religion“ und den Koran für sturzlangweilig und ohne jede inspirierende Kraft zu halten, zieht mich mein Dialogpartner mit der GG-App rasch zur Seite, wo die anderen uns nicht hören: „Nicht so laut – es gibt hier welche, die das gleich als Angriff gegen den Islam verstehen und sich dann vergessen könnten…“
So viel Fürsorge hatte ich jetzt tatsächlich nicht erwartet. Ich greife dankbar in den Stapel aufgehäufter Koranexemplare. Ich darf einen mitnehmen – er ist ja schließlich auf Deutsch geschrieben. Wäre er in Arabisch, dürfte ich ihn als „Ungläubiger“ nicht mal anfassen. Ich bin gerührt. Salam… und tschüß!
Ich ahne beim Überqueren der Mö, warum die alten und neuen Nazis den Islam so taff finden – die kompromisslos-kämpferische „Unterwerfung unter Gott“ (wörtliche Übersetzung des Wortes „Islam“) erinnert bei Salafisten an den Fanatismus der SS. „Tötet die Juden, wo immer ihr sie findet. Das gefällt Gott, der Geschichte, dem Glauben“, hatte der Großmufti von Jerusalem, al-Husseini, SS-Mitglied und Inspirator der SS-Division Handschar, einst seinen deutsch uniformierten muslimischen Soldaten mit auf den Weg gegeben. Ich habe heute in die Gesichter eines neuen islamischen Fanatismus geschaut, der Böses ahnen lässt, wenn ihm Pardon gegeben wird. Ich habe keinen Zweifel: wenn sie glauben, dazu von Allah befugt zu sein, werden sie eines Tages auch vor Mord nicht zurückschrecken.

Toulouse war nicht das Ende, es war nicht der Beginn, es wird sich fortsetzen. Irgendwo im Umkreis dieser Fundamentalisten „(Was ist denn schlecht daran, auf einem Fundament zu stehen?“) wächst eine Gefahr, auf die wir keine Antwort zu haben scheinen. Es ist übrigens die am schnellsten wachsende Gruppierung unter den Muslimen…
Die Jungs, mit denen ich diskutierte, sind an ihrem Büchertisch auf der Pierre-Vogel-Site in einem Video zu bewundern: . Derjenige, der nach dem kurzen Video-Intro links im Bild auf die Uhr schaut und sagt „Exakt 3 Stunden…“ ist der, der die Scharia für die ganze Welt und für Deutschland eingeführt sehen will. Im off übrigens auch die Stimme des rheinischen Salafisten Abu Nagie (Youtube), der nach dem Erfolg des Propagandanachmittags fragt.