Die Initiative zum Gedenken an die Bonner Opfer des Nationalsozialismus hatte zu dieser Veranstaltung eingeladen. Bonns Oberbürgermeister Ashok Sridharan konnte wegen Krankheit leider nicht teilnehmen, dafür kamen wir aber in den Genuß der Rede von Margaret Traub, der Vorsitzenden der Bonner Synagogengemeinde. Frau Traub äußerte sich mit deutlichen Worten zu dem Judenhaß, den deutsche Medien mithelfen zu verbreiten und der in der Mitte der Gesellschaft angekommen sei (siehe Wortlaut der Rede von Margaret Traub im Anhang). In ihrer Rede fragt sie an mehreren Stellen

Was tun wir dagegen?

Ja, was tun wir z.B. gegen die Auftritte des BDS („Boycott, Divestment and Sanctions“) [3] in Bonner Kaufhäusern, wo BDS-Inspektoren nach Waren suchen, die „in illegalen israelischen Siedlungen im besetzten Westjordanland, Ostjerusalem und den Golanhöhen“ hergestellt wurden? Wäre es nicht besser und einfacher, wenn an den Eingängen dieser Kaufhäuser große Schilder mit der Aufschrift Kauft nicht bei Juden aufgestellt würden? Und in der Tat, es ist fast schon so weit, denn die Damen und Herren des BDS stehen mit „Kauft keine israelischen Produkte“-Schildern vor Geschäften, die israelische Waren im Sortiment haben. Geht man heute an einem Werbestand des BDS in Bonn vorbei und wirft einen Blick auf die Flugblätter und sonstigen schriftlichen Materialien, die dort ausliegen und von den Standbetreuern mit freundlichem Lächeln den Vorbeigehenden angeboten werden, so fragt man sich schon, in welcher Welt diese Leute eigentlich leben. Da ist von „israelischen Kolonien“ die Rede, von der „Mauer der Apartheid“, der „israelischen Besatzung“ und immer wieder werden wir aufgefordert, die israelische Besatzung zu boykottieren – durch einen „Kaufverzicht für einen gerechten Frieden in Palästina und Israel“.


Und was tun wir dagegen, fragt Margaret Traub? Nun, ich selbst verzichte einfach auf den Kaufverzicht und kaufe dafür besonders gerne in Geschäften, in denen israelische Waren angeboten werden. Und Flugblätter des BDS nehme ich gerne entgegen und entsorge sie im nächsten Papierkorb.

Lesen Sie im folgenden die Rede der Vorsitzenden der Bonner Synagogengemeinde Margaret Traub am 08.11.2018 am Bonner Synagogen-Denkmal

Sehr geehrter
… auch dieses Jahr haben wir uns versammelt, um der schrecklichen Nacht vom 09. auf den 10. November 1938 zu gedenken.

Es ist gerade einmal 80 Jahre her, als die Nationalsozialisten begannen, jüdisches Leben in Deutschland Schritt für Schritt auszulöschen. In dieser Nacht wurden Juden gedemütigt, wie Vieh aus ihren Geschäften getrieben, Scheiben klirrten, jüdische Geschäfte wurden geplündert, Menschen weinten und die Angst sollte für lange ein fester Bestandteil jüdischer Herzen werden.

Was mit „Kauft nicht bei Juden“ begann, endete in den Öfen der Konzentrationslager.
6 Millionen Juden fiel der Shoa zum Opfer. Es ist kaum ein Menschenleben her.
Seit ungefähr 30 Jahren stehe ich hier, an diesem Ort, und halte meine Rede in Erinnerung an die Geschehnisse der Reichsprogramnacht.
Jedes Jahr sage ich: „Wehret den Anfängen!“
Heute stehe ich wieder vor Ihnen, und wieder haben Juden in Deutschland Angst, wieder werden sie in Schulen gemobbt, auf bundesdeutschen Straßen attackiert – wie bei dem Angriff auf einen jüdischen Professor diesen Sommer, bei uns im Bonner Hofgarten, und nur, weil er eine Kippa trug.
Nicht nur in Deutschland haben Juden wieder Angst, nein, seit dem Attentat vor einer Woche in der Synagoge in Pittsburgh, USA, bei dem wir 11 Tote und 6 Verletzte zu beklagen hatten, fühlen wir uns in der ganzen Welt wieder nicht mehr sicher.
Es ist richtig und wichtig, der ermordeten Juden zu gedenken, das alleine reicht allerdings bei weitem nicht aus.
„Wehret den Anfängen“ haben wir trotz der jährlich an dieser Stelle ausgesprochenen Warnung verpasst, es ist höchste Zeit, daß sich Politiker und unsere Zivilgesellschaft für lebende Juden stark machen.
Es ist höchste Zeit, den Judenhass beim Namen zu nennen. Mitnichten findet man ihn nur in der rechten Szene – oder bei Flüchtlingen aus den Krisengebieten des Nahen Ostens, die Judenhass schon mit der Muttermilch aufgenommen haben, bei denen es in einigen Moscheen auch hier in Deutschland gepredigt wird -, nein,

Judenhass ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen

Was tun wir dagegen? Im September wurde vom Landtag von Nordrhein-Westfalen die Organisation BDS, die – wenn ich es so sagen darf – aus politischer Sympathie zur palästinensische Hamas zum Boykott jüdischer Produkte aus Israel aufruft, als antisemitisch verurteilt. Trotzdem patrouilliert sie fast jeden Samstag in der Bonner Innenstadt, mit dem Ziel, die einzige Demokratie im Nahen Osten als Apartheidstaat zu dämonisieren. Sie will Israel politisch, kulturell und auch wirtschaftlich isolieren. BDS-Befürworter stehen mit „Kauft keine israelischen Produkte“ Schildern vor Geschäften, die israelische Waren im Sortiment haben, oder stürmen manchmal Veranstaltungen mit Holocaust-Überlebenden.
Ich frage mich, warum sie fast jede Woche hier in Bonn und überall ihre Art von Judenhass öffentlich demonstrieren dürfen.

Was tun wir dagegen?
Wenn Israel seine Existenz gegen Terroristen verteidigen muß, wenn zivile Ziele vom Gaza-Streifen aus mit Feuerdrachen und Raketen angegriffen und israelische Soldaten an der Grenze von Steinen erschlagen werden, berichten deutsche Medien dennoch oft einseitig israelfeindlich. Sie sprechen von 50 getöteten Palästinensern und verschweigen, daß es sich (nach eigenen Angaben der HAMAS) um 50 Terroristen handelte. Deutsche Medien helfen so mit, Judenhass zu schüren. Wen wundert es da, wenn BDS an einem Gedenktag wie dem 9.November 2018 zum weltweiten Aktionstag gegen Israel aufruft? Zufall? Dieses gewählte Datum ist in meinen Augen Absicht, ein Faustschlag ins Gesicht, offene antisemitische Provokation.

Was tun wir dagegen?
Verstehen Sie mich nicht falsch, jedes einzelne Opfer der Shoa muß betrauert und beweint werden. Jedes einzelne Opfer der Shoa darf nie vergessen wewrden. Allerdings erscheint es mir in der heutigen Zeit mit ansteigendem Antisemitismus nötig, daß wir unmißverständlich darauf aufmerksam machen müssen, daß jüdisches Leben in Deutschland, in Europa, in der Welt, wieder gefährdet ist. Wir können nicht einseitig der toten Juden gedenken und die Lebenden dem unverhohlenen Judenhass schutzlos ausliefern. In diesen Zeiten braucht es mutige Stimmen und klare Worte aus der Politik und von jedem anständigen Bürger.

Die Schüsse in der Synagoge in Pittsburgh zeigen uns, wie Judenhass in der ganzen Welt präsent ist.
Wer erst jetzt anfängt, Anschläge verhindern zu wollen, fängt zu spät an. Wer Antisemitismus rechtzeitig und wirkungsvoll bekämpfen will,fängt bei antisemitischer Information in den Medien und sozialen Netzwerken an. Sie kann und muß – gerade in Deutschland – bekämpft werden. Wachsende Bedrohung kann man schicksalhaft hinnehmen – oder aufstehen.
Wir stehen auf gegen Antisemitismus.

Bonn trägt Kippa – heute und morgen

Den Toten zur Ehre und den Lebenden zur Warnung, laßt uns der 6 Millionen unschuldiger jüdischer Opfer gedenken, aber laßt uns gleichzeitig die Stimmen erheben gegen jede Form von Antisemitismus, laßt uns nicht wegsehen und laßt uns nicht aus Angst schweigen. Für ein „nie wieder“ müssen wir jetzt handeln.
Lassen Sie uns nicht im Stich.
Ich danke Ihnen!

Weitere Anmerkungen und Links

[2] (Wikipedia) UNHCR: Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen
[3] BDS-Inspektion bei Galeria Kaufhof Bonn