David Reich: Intelligenz ist erblich

Wer mit der Strassenbahn am Rhein entlang in Richtung Königswinter fährt, kann kurz vor der Haltestelle Clemens-August-Str. solche Schmierereien an den Mauern von Gebäuden in der Rheinallee bewundern. Bis zur Beseitigung der „Gemälde“ kann es manchmal Monate dauern, so daß man als Nutzer öffentlicher Verkehrsmittel tagtäglich einen Einblick in solche Formen hochintelligenter Kommunikation bekommt. Wie es um die Intelligenz der Schmierer selbst allerdings bestellt ist, darüber kann man nur Vermutungen anstellen…
Es ist schon ein paar Monate her, aber das Thema, das Markus Schär im April 2018 in einem Artikel der Neuen Zürcher Zeitung mit der Überschrift „Verbotene Erkenntnis“ ([1]) ansprach, wird wohl auch über die nächsten 100 Jahre aktuell bleiben. Es ist die Erkenntnis, daß es eine genetische Grundlage für die Intelligenz gibt – mit anderen Worten, daß Intelligenz vererbbar ist.
Daß eine solche Behauptung in den USA einen Intellektuellen-Streit über Erbgut und Rassen auslöst, wie es Markus Schär in seinem Artikel für die NZZ ausdrückt, ist allerdings nicht verwunderlich. Denn auch in den USA gibt es immer noch jede Menge solcher „Wissenschaftler“ (Juristen, Genderforscherinnen, Soziologen etc. ), die so denken wie etwa der Sozialphilosoph (und Begründer des Sozialismus und des politischen Anarchismus) William Goldwin (1756 – 1835), von dem folgender Satz stammt:

„Kinder sind eine Art Rohstoff, der uns anvertraut wird, und ihr Geist ist wie ein unbeschriebenes Blatt Papier“.

Steven Pinker zitiert in seinem Buch [6]Das unbeschriebene Blatt“ direkt nach diesem Satz einen Ausspruch Mao Tse Tungs, der in dieselbe Richtung geht:

Die schönsten Gedichte werden auf ein leeres Blatt geschrieben.

Ja, so ist das eben: am besten schreibt man auf ein leeres, weißes Blatt Papier (oder auf eine weiße Mauer in Königswinter), da kann man seinen Vorstellungen so richtig freien Lauf lassen. Genau wie jene 67 Dozierende, von Rechtsprofessoren bis zu Genderforscherinnen, die den führenden Genetiker David Reich über den richtigen Gebrauch der Genetik aufklärten: «How not to Talk about Race and Genetics».
Tja, bis hierher und nicht weiter! Das wollten sie wohl sagen, die Kollegen Rechtsprofessoren/Genderforscherinnen, ansonsten erteilen wir ein Sprechverbot. Doch so weit sind wir glücklicherweise noch nicht, denn noch können wir David Reichs Aussagen in der internationalen Buchwelt und im Internet vernehmen.
Daher zitiere ich hier noch einmal einige Aussagen aus seinen Büchern, die seinen Gegnern eher wie „biologistische“ Aussagen vorkommen könnten:
Warum zum Beispiel findet sich in allen Finalisten des 100-Meter-Laufs an den Olympischen Spielen seit 1980 das Erbgut aus Westafrika? In den letzten Jahren haben Studien gezeigt, dass es zwischen Populationen genetische Unterschiede gibt, die nicht nur die Hautfarbe bestimmen, sondern auch die Körpergrösse, die Krankheitsanfälligkeit oder eben die Fähigkeit, schnell zu laufen.

Ich mache mir Sorgen, dass wohlmeinende Leute, die die Möglichkeit von biologischen Unterschieden zwischen Populationen bestreiten, sich in einer Position eingraben, die sich gegen den Ansturm der Wissenschaft nicht verteidigen lässt.


So ist seit langem bekannt, dass zum Beispiel Afroamerikaner häufiger an Prostatakrebs erkranken als Weiße, dass Multiple Sklerose unter Weißen verbreiteter ist als unter Schwarzen und Latinos, und dass mehr jüdische als nichtjüdische Kinder mit dem Tay‐Sachs‐Syndrom, einer schweren Erbkrankheit, geboren werden.

Weitere Anmerkungen und Links

[1] NZZ: Der Genetiker David Reich löst in den USA einen Intellektuellen-Streit über Erbgut und Rassen aus
[2] Jüdische Allgemeine: Über Rasse reden
[3] Deutschlandfunk: Debatte in den USA
[4] epochtimes: Gentechniker David Reich entzündet Streit über Rassen und Erbgut in den USA
[5] Wikipedia über David Reich
[6] Steven Pinker: Das unbeschriebene Blatt

Gedenkfeier am Bonner Synagogen-Mahnmal, 08.11.2018

Die Initiative zum Gedenken an die Bonner Opfer des Nationalsozialismus hatte zu dieser Veranstaltung eingeladen. Bonns Oberbürgermeister Ashok Sridharan konnte wegen Krankheit leider nicht teilnehmen, dafür kamen wir aber in den Genuß der Rede von Margaret Traub, der Vorsitzenden der Bonner Synagogengemeinde. Frau Traub äußerte sich mit deutlichen Worten zu dem Judenhaß, den deutsche Medien mithelfen zu verbreiten und der in der Mitte der Gesellschaft angekommen sei (siehe Wortlaut der Rede von Margaret Traub im Anhang). In ihrer Rede fragt sie an mehreren Stellen

Was tun wir dagegen?

Ja, was tun wir z.B. gegen die Auftritte des BDS („Boycott, Divestment and Sanctions“) [3] in Bonner Kaufhäusern, wo BDS-Inspektoren nach Waren suchen, die „in illegalen israelischen Siedlungen im besetzten Westjordanland, Ostjerusalem und den Golanhöhen“ hergestellt wurden? Wäre es nicht besser und einfacher, wenn an den Eingängen dieser Kaufhäuser große Schilder mit der Aufschrift Kauft nicht bei Juden aufgestellt würden? Und in der Tat, es ist fast schon so weit, denn die Damen und Herren des BDS stehen mit „Kauft keine israelischen Produkte“-Schildern vor Geschäften, die israelische Waren im Sortiment haben. Geht man heute an einem Werbestand des BDS in Bonn vorbei und wirft einen Blick auf die Flugblätter und sonstigen schriftlichen Materialien, die dort ausliegen und von den Standbetreuern mit freundlichem Lächeln den Vorbeigehenden angeboten werden, so fragt man sich schon, in welcher Welt diese Leute eigentlich leben. Da ist von „israelischen Kolonien“ die Rede, von der „Mauer der Apartheid“, der „israelischen Besatzung“ und immer wieder werden wir aufgefordert, die israelische Besatzung zu boykottieren – durch einen „Kaufverzicht für einen gerechten Frieden in Palästina und Israel“.


Und was tun wir dagegen, fragt Margaret Traub? Nun, ich selbst verzichte einfach auf den Kaufverzicht und kaufe dafür besonders gerne in Geschäften, in denen israelische Waren angeboten werden. Und Flugblätter des BDS nehme ich gerne entgegen und entsorge sie im nächsten Papierkorb.

Lesen Sie im folgenden die Rede der Vorsitzenden der Bonner Synagogengemeinde Margaret Traub am 08.11.2018 am Bonner Synagogen-Denkmal

Sehr geehrter
… auch dieses Jahr haben wir uns versammelt, um der schrecklichen Nacht vom 09. auf den 10. November 1938 zu gedenken.

Es ist gerade einmal 80 Jahre her, als die Nationalsozialisten begannen, jüdisches Leben in Deutschland Schritt für Schritt auszulöschen. In dieser Nacht wurden Juden gedemütigt, wie Vieh aus ihren Geschäften getrieben, Scheiben klirrten, jüdische Geschäfte wurden geplündert, Menschen weinten und die Angst sollte für lange ein fester Bestandteil jüdischer Herzen werden.

Was mit „Kauft nicht bei Juden“ begann, endete in den Öfen der Konzentrationslager.
6 Millionen Juden fiel der Shoa zum Opfer. Es ist kaum ein Menschenleben her.
Seit ungefähr 30 Jahren stehe ich hier, an diesem Ort, und halte meine Rede in Erinnerung an die Geschehnisse der Reichsprogramnacht.
Jedes Jahr sage ich: „Wehret den Anfängen!“
Heute stehe ich wieder vor Ihnen, und wieder haben Juden in Deutschland Angst, wieder werden sie in Schulen gemobbt, auf bundesdeutschen Straßen attackiert – wie bei dem Angriff auf einen jüdischen Professor diesen Sommer, bei uns im Bonner Hofgarten, und nur, weil er eine Kippa trug.
Nicht nur in Deutschland haben Juden wieder Angst, nein, seit dem Attentat vor einer Woche in der Synagoge in Pittsburgh, USA, bei dem wir 11 Tote und 6 Verletzte zu beklagen hatten, fühlen wir uns in der ganzen Welt wieder nicht mehr sicher.
Es ist richtig und wichtig, der ermordeten Juden zu gedenken, das alleine reicht allerdings bei weitem nicht aus.
„Wehret den Anfängen“ haben wir trotz der jährlich an dieser Stelle ausgesprochenen Warnung verpasst, es ist höchste Zeit, daß sich Politiker und unsere Zivilgesellschaft für lebende Juden stark machen.
Es ist höchste Zeit, den Judenhass beim Namen zu nennen. Mitnichten findet man ihn nur in der rechten Szene – oder bei Flüchtlingen aus den Krisengebieten des Nahen Ostens, die Judenhass schon mit der Muttermilch aufgenommen haben, bei denen es in einigen Moscheen auch hier in Deutschland gepredigt wird -, nein,

Judenhass ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen

Was tun wir dagegen? Im September wurde vom Landtag von Nordrhein-Westfalen die Organisation BDS, die – wenn ich es so sagen darf – aus politischer Sympathie zur palästinensische Hamas zum Boykott jüdischer Produkte aus Israel aufruft, als antisemitisch verurteilt. Trotzdem patrouilliert sie fast jeden Samstag in der Bonner Innenstadt, mit dem Ziel, die einzige Demokratie im Nahen Osten als Apartheidstaat zu dämonisieren. Sie will Israel politisch, kulturell und auch wirtschaftlich isolieren. BDS-Befürworter stehen mit „Kauft keine israelischen Produkte“ Schildern vor Geschäften, die israelische Waren im Sortiment haben, oder stürmen manchmal Veranstaltungen mit Holocaust-Überlebenden.
Ich frage mich, warum sie fast jede Woche hier in Bonn und überall ihre Art von Judenhass öffentlich demonstrieren dürfen.

Was tun wir dagegen?
Wenn Israel seine Existenz gegen Terroristen verteidigen muß, wenn zivile Ziele vom Gaza-Streifen aus mit Feuerdrachen und Raketen angegriffen und israelische Soldaten an der Grenze von Steinen erschlagen werden, berichten deutsche Medien dennoch oft einseitig israelfeindlich. Sie sprechen von 50 getöteten Palästinensern und verschweigen, daß es sich (nach eigenen Angaben der HAMAS) um 50 Terroristen handelte. Deutsche Medien helfen so mit, Judenhass zu schüren. Wen wundert es da, wenn BDS an einem Gedenktag wie dem 9.November 2018 zum weltweiten Aktionstag gegen Israel aufruft? Zufall? Dieses gewählte Datum ist in meinen Augen Absicht, ein Faustschlag ins Gesicht, offene antisemitische Provokation.

Was tun wir dagegen?
Verstehen Sie mich nicht falsch, jedes einzelne Opfer der Shoa muß betrauert und beweint werden. Jedes einzelne Opfer der Shoa darf nie vergessen wewrden. Allerdings erscheint es mir in der heutigen Zeit mit ansteigendem Antisemitismus nötig, daß wir unmißverständlich darauf aufmerksam machen müssen, daß jüdisches Leben in Deutschland, in Europa, in der Welt, wieder gefährdet ist. Wir können nicht einseitig der toten Juden gedenken und die Lebenden dem unverhohlenen Judenhass schutzlos ausliefern. In diesen Zeiten braucht es mutige Stimmen und klare Worte aus der Politik und von jedem anständigen Bürger.

Die Schüsse in der Synagoge in Pittsburgh zeigen uns, wie Judenhass in der ganzen Welt präsent ist.
Wer erst jetzt anfängt, Anschläge verhindern zu wollen, fängt zu spät an. Wer Antisemitismus rechtzeitig und wirkungsvoll bekämpfen will,fängt bei antisemitischer Information in den Medien und sozialen Netzwerken an. Sie kann und muß – gerade in Deutschland – bekämpft werden. Wachsende Bedrohung kann man schicksalhaft hinnehmen – oder aufstehen.
Wir stehen auf gegen Antisemitismus.

Bonn trägt Kippa – heute und morgen

Den Toten zur Ehre und den Lebenden zur Warnung, laßt uns der 6 Millionen unschuldiger jüdischer Opfer gedenken, aber laßt uns gleichzeitig die Stimmen erheben gegen jede Form von Antisemitismus, laßt uns nicht wegsehen und laßt uns nicht aus Angst schweigen. Für ein „nie wieder“ müssen wir jetzt handeln.
Lassen Sie uns nicht im Stich.
Ich danke Ihnen!

Weitere Anmerkungen und Links

[2] (Wikipedia) UNHCR: Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen
[3] BDS-Inspektion bei Galeria Kaufhof Bonn

Gedenkfeier am Bonner Synagogen-Mahnmal, 08.11.2018

Die Initiative zum Gedenken an die Bonner Opfer des Nationalsozialismus hatte zu dieser Veranstaltung eingeladen. Bonns Oberbürgermeister Ashok Sridharan konnte wegen Krankheit leider nicht teilnehmen, dafür kamen wir aber in den Genuß der Rede von Margaret Traub, der Vorsitzenden der Bonner Synagogengemeinde. Frau Traub äußerte sich mit deutlichen Worten zu dem Judenhaß, den deutsche Medien mithelfen zu verbreiten und der in der Mitte der Gesellschaft angekommen sei (siehe Wortlaut der Rede von Margaret Traub im Anhang). In ihrer Rede fragt sie an mehreren Stellen

Was tun wir dagegen?

Ja, was tun wir z.B. gegen die Auftritte des BDS („Boycott, Divestment and Sanctions“) [3] in Bonner Kaufhäusern, wo BDS-Inspektoren nach Waren suchen, die „in illegalen israelischen Siedlungen im besetzten Westjordanland, Ostjerusalem und den Golanhöhen“ hergestellt wurden? Wäre es nicht besser und einfacher, wenn an den Eingängen dieser Kaufhäuser große Schilder mit der Aufschrift Kauft nicht bei Juden aufgestellt würden?
Und in der Tat, es ist fast schon so weit, denn die Damen und Herren des BDS stehen mit „Kauft keine israelischen Produkte“-Schildern vor Geschäften, die israelische Waren im Sortiment haben. Geht man heute an einem Werbestand des BDS in Bonn vorbei und wirft einen Blick auf die Flugblätter und sonstigen schriftlichen Materialien, die dort ausliegen und von den Standbetreuern mit freundlichem Lächeln den Vorbeigehenden angeboten werden, so fragt man sich schon, in welcher Welt diese Leute eigentlich leben. Da ist von „israelischen Kolonien“ die Rede, von der „Mauer der Apartheid„, der „israelischen Besatzung“ und immer wieder werden wir aufgefordert, diese israelische Besatzung zu boykottieren – durch einen „Kaufverzicht für einen gerechten Frieden in Palästina und Israel“.

Und was tun wir dagegen, fragt Margaret Traub? Nun, ich selbst verzichte einfach auf den Kaufverzicht und kaufe dafür besonders gerne in Geschäften, in denen israelische Waren angeboten werden. Und Flugblätter des BDS nehme ich gerne entgegen und entsorge sie im nächsten Papierkorb.
Lesen Sie im folgenden die Rede von Margaret Traub, der Vorsitzenden der Bonner Synagogengemeinde, am 08.11.2018 am Bonner Synagogen-Denkmal:
Sehr geehrter
… auch dieses Jahr haben wir uns versammelt, um der schrecklichen Nacht vom 09. auf den 10. November 1938 zu gedenken.
Es ist gerade einmal 80 Jahre her, als die Nationalsozialisten begannen, jüdisches Leben in Deutschland Schritt für Schritt auszulöschen. In dieser Nacht wurden Juden gedemütigt, wie Vieh aus ihren Geschäften getrieben, Scheiben klirrten, jüdische Geschäfte wurden geplündert, Menschen weinten und die Angst sollte für lange ein fester Bestandteil jüdischer Herzen werden.
Was mit „Kauft nicht bei Juden“ begann, endete in den Öfen der Konzentrationslager.
6 Millionen Juden fielen der Shoa zum Opfer. Es ist kaum ein Menschenleben her.
Seit ungefähr 30 Jahren stehe ich hier, an diesem Ort, und halte meine Rede in Erinnerung an die Geschehnisse der Reichsprogramnacht.
Jedes Jahr sage ich: „Wehret den Anfängen!“
Heute stehe ich wieder vor Ihnen, und wieder haben Juden in Deutschland Angst, wieder werden sie in Schulen gemobbt, auf bundesdeutschen Straßen attackiert – wie bei dem Angriff auf einen jüdischen Professor diesen Sommer, bei uns im Bonner Hofgarten, und nur, weil er eine Kippa trug.
Nicht nur in Deutschland haben Juden wieder Angst, nein, seit dem Attentat vor einer Woche in der Synagoge in Pittsburgh, USA, bei dem wir 11 Tote und 6 Verletzte zu beklagen hatten, fühlen wir uns in der ganzen Welt wieder nicht mehr sicher.
Es ist richtig und wichtig, der ermordeten Juden zu gedenken, das alleine reicht allerdings bei weitem nicht aus.
„Wehret den Anfängen“ haben wir trotz der jährlich an dieser Stelle ausgesprochenen Warnung verpasst, es ist höchste Zeit, daß sich Politiker und unsere Zivilgesellschaft für lebende Juden stark machen.
Es ist höchste Zeit, den Judenhass beim Namen zu nennen. Mitnichten findet man ihn nur in der rechten Szene – oder bei Flüchtlingen aus den Krisengebieten des Nahen Ostens, die Judenhass schon mit der Muttermilch aufgenommen haben, bei denen es in einigen Moscheen auch hier in Deutschland gepredigt wird -, nein,

Judenhass ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen

Was tun wir dagegen? Im September wurde vom Landtag von Nordrhein-Westfalen die Organisation BDS, die – wenn ich es so sagen darf – aus politischer Sympathie zur palästinensische Hamas zum Boykott jüdischer Produkte aus Israel aufruft, als antisemitisch verurteilt. Trotzdem patrouilliert sie fast jeden Samstag in der Bonner Innenstadt, mit dem Ziel, die einzige Demokratie im Nahen Osten als Apartheidstaat zu dämonisieren. Sie will Israel politisch, kulturell und auch wirtschaftlich isolieren. BDS-Befürworter stehen mit „Kauft keine israelischen Produkte“ Schildern vor Geschäften, die israelische Waren im Sortiment haben, oder stürmen manchmal Veranstaltungen mit Holocaust-Überlebenden.
Ich frage mich, warum sie fast jede Woche hier in Bonn und überall ihre Art von Judenhass öffentlich demonstrieren dürfen.
Was tun wir dagegen?
Wenn Israel seine Existenz gegen Terroristen verteidigen muß, wenn zivile Ziele vom Gaza-Streifen aus mit Feuerdrachen und Raketen angegriffen und israelische Soldaten an der Grenze von Steinen erschlagen werden, berichten deutsche Medien dennoch oft einseitig israelfeindlich. Sie sprechen von 50 getöteten Palästinensern und verschweigen, daß es sich (nach eigenen Angaben der HAMAS) um 50 Terroristen handelte. Deutsche Medien helfen so mit, Judenhass zu schüren. Wen wundert es da, wenn BDS an einem Gedenktag wie dem 9.November 2018 zum weltweiten Aktionstag gegen Israel aufruft? Zufall? Dieses gewählte Datum ist in meinen Augen Absicht, ein Faustschlag ins Gesicht, offene antisemitische Provokation.

Was tun wir dagegen?
Verstehen Sie mich nicht falsch, jedes einzelne Opfer der Shoa muß betrauert und beweint werden. Jedes einzelne Opfer der Shoa darf nie vergessen wewrden. Allerdings erscheint es mir in der heutigen Zeit mit ansteigendem Antisemitismus nötig, daß wir unmißverständlich darauf aufmerksam machen müssen, daß jüdisches Leben in Deutschland, in Europa, in der Welt, wieder gefährdet ist. Wir können nicht einseitig der toten Juden gedenken und die Lebenden dem unverhohlenen Judenhass schutzlos ausliefern. In diesen Zeiten braucht es mutige Stimmen und klare Worte aus der Politik und von jedem anständigen Bürger.
Die Schüsse in der Synagoge in Pittsburgh zeigen uns, wie Judenhass in der ganzen Welt präsent ist.
Wer erst jetzt anfängt, Anschläge verhindern zu wollen, fängt zu spät an. Wer Antisemitismus rechtzeitig und wirkungsvoll bekämpfen will,fängt bei antisemitischer Information in den Medien und sozialen Netzwerken an. Sie kann und muß – gerade in Deutschland – bekämpft werden. Wachsende Bedrohung kann man schicksalhaft hinnehmen – oder aufstehen.
Wir stehen auf gegen Antisemitismus.


Bonn trägt Kippa – heute und morgen

Den Toten zur Ehre und den Lebenden zur Warnung, laßt uns der 6 Millionen unschuldiger jüdischer Opfer gedenken, aber laßt uns gleichzeitig die Stimmen erheben gegen jede Form von Antisemitismus, laßt uns nicht wegsehen und laßt uns nicht aus Angst schweigen. Für ein „nie wieder“ müssen wir jetzt handeln.
Lassen Sie uns nicht im Stich.
Ich danke Ihnen!

Weitere Anmerkungen und Links

[2] (Wikipedia) UNHCR: Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen
[3] BDS-Inspektion bei Galeria Kaufhof Bonn

Vereinte Nationen gegen Israel


Alle paar Wochen findet man am Samstag in der Bonner Innenstadt einen Info-Stand, an dem junge Leute für das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR [1]) werben. Wird man als Vorbeigehender von einem dieser Helfer angesprochen, so gibt es eine einfache Frage, mit der man den Werbe-Redefluß dieser netten, jungen Menschen unterbrechen kann. Man fragt sie einfach, ob sie schon mal etwas von der UNRWA [2] gehört hätten und ob diese UNRWA irgendetwas mit der UNHCR zu tun hätte. Und siehe da: von der UNRWA hatten diese fleißigen Helfer noch nie etwas gehört, aber ob ich denn nicht für die UNHCR etwas spenden wolle, dass sei doch für einen guten Zweck?
(Hinweis: Im Jahr 2015 beschäftigte das UNHCR rund 9300 Mitarbeiter in 125 Ländern, beim UNRWA sind es mit 28800 Mitarbeitern in diesem Jahr etwa drei mal soviele, die zudem fast alle im Gazastreifen und im Westjordanland arbeiten.)
Ähnliches erlebte ich an einem der vergangenen Wochenenden, als auf dem Bonner Marktplatz eine große UNO-Informations-Veranstaltung stattfand. Auch hier begegnete man vielen meist jungen Helfern, die den vorbeigehenden Besuchern ihr Info-Material über UNO-Vollversammlungen und diverse Hilfsaktionen anboten. Auch das UNHCR war hier mit einem Stand vertreten, nicht aber das UNRWA, wofür die Mitarbeiter am UNHCR-Stand keine Erklärung hatten – sie kannten das UNRWA auch gar nicht. Wahrscheinlich hatte ich aber nur Pech mit dem Zeitpunkt meiner Befragung, vielleicht wäre ja kurze Zeit später ein Mitarbeiter dagewesen, der meine Fragen hätte beantworten können.
Wie auch immer: all jenen, die sich für Israel und sein Verhältnis zur UNO und den diversen UNO-Unterorganisationen interessieren, kann ich nur dringend empfehlen, das Buch von Alex Feuerherdt und Florian Markl ( [4] )

Vereinte Nationen gegen Israel
Wie die UNO den jüdischen Staat deligitimiert

zu lesen. Hier wird auf über 300 Seiten detailliert geschildert, wie es zur Gründung des Staates Israel im Jahre 1948 kam und wie die UNO seither in immer stärkeren Maße versucht, Israel als rassistischen Kriegsverbrecherstaat zu brandmarken. Die Autoren beschreiben in mehreren Kapiteln ausführlich, wie sich die Einstellung der UNO zum neu gegründeten Staat Israel allmählich änderte. Durch die Aufnahme immer neuer Staaten, die im Zuge der Entkolonialisierung entstanden und dabei von der Sowjetunion und deren Vasallenstaaten „unterstützt“ wurden, kam es (so die Überschrift zum Kapitel 5 des Buches) „von der Anerkennung zur Verdammung: die anti-israelische Wende„.
Diese Wende wurde begleitet vom internationalen Terrorismus der Palästinenser, dem Aufstieg der PLO bei den Vereinten Nationen sowie dem fast schon legendären Auftritt von Jassir Arafat im November 1974 am Sitz der Vereinten Nationen in New York, wo der Palästinenser-Führer den Zionismus als „terroristische Verschwörung zu Lasten der Araber“ brandmarkte.
In weiteren Kapiteln schildern die Autoren, wie es zu der „Zionismus ist Rassismus“ -Resolution 1975 kam, außerdem wird die Praxis des UN-Menschenrechtsrates im Kapitel 8 einer eingehenden Prüfung unterzogen. Gleich zu Beginn dieses Kapitels über „Die Farce des UN-Menschenrechtsschutzes“ erfährt man, worauf die Mitglieder dieses Rates besonderen Wert legen: es ist die Verurteilung Israels, jenes Staates, der nach Auffassung einer Mehrheit der Mitglieder dieser UN-Einrichtung

„mehr und gravierendere Menschenrechtsverletzungen verübt hat als der Rest der Welt insgesamt, darunter sämtliche Autokratien, Despotien und Diktaturen“

([4] Seite 193). Es ist also kein Wunder, wenn man erfährt, daß dieser Menschenrechtsrat seit seiner Gründung 2006 alleine 62 Resolutionen gegen Israel verabschiedete, gegen alle anderen Staaten der Welt zusammen aber nur 55.
Ich möchte abschließend hier nur noch auf ein Thema eingehen, das von den Autoren im Kapitel 8 ab Seite 203 behandelt wird: der Goldstone-Bericht. Hier handelt es sich um einen Bericht über die „Operation Gegossenes Blei“ vom Dezember 2008 bis Januar 2009. Mit dieser Operation hatten es die Israelis doch tatsächlich gewagt, gegen den seit dem Jahre 2000 andauernden Raketenbeschuß der Hamas aus dem Gaza-Streifen vorzugehen. In dieser Zeit beschoss die Terrororganisation Hamas den Süden Israels mit mehr als 8.000 Raketen und Mörsergranaten und gefährdete somit das Leben von über einer Million israelischen Bürgern ([5]). Die Israelis (und ihre Armee ZAHAL) aber hielten sich bei ihrem Gegenschlag in einer Weise an die Menschenrechte, die für Vertreter der Hamas geradezu unbegreiflich gewesen sein mag:

Während der gesamten Militäroperation hielt ZAHAL jeden Tag mindestens drei Stunden Waffenruhe und warnte Zivilisten vor jedem Militärschlag vor der geplanten Aktion: So wurden Durchsagen in den Nachrichten gemacht, über 2,5 Millionen Flyer verteilt und etwa 165.000 Telefonanrufe getätigt, um die Anwohner zu warnen.
Die Güterlieferungen in den Gazastreifen wurden während der gesamten Operation fortgesetzt.

Bei der UNO wurde mit dem Goldstone-Bericht im September 2009 ein vor Einseitigkeit nur so strotzendes Dokument veröffentlicht. Alex Feuerherdt und Florian Markl schildern im Kapitel 8 ihres Buches unter der Überschrift „Ideologie statt Fakten: der Goldstone-Bericht“ z.B., wie an der Erarbeitung dieses Berichts einige der weltweit radikalsten Anti-Israel-Aktivisten beteiligt waren – z.B. NGOs wie AL-Haq, Addameer oder B’Tselem, Breaking the Silence und Human Rghts Watch. So verwundert es nicht, daß im Goldstone-Bericht Israel „institutioneller Rassismus“, „Kriegsverbrechen“ oder auch „Verbrechen gegen die Menschheit“ vorgeworfen wurden. An mehr als 500 Stellen in dem Dokument wird auf israelische Menschenrechtsverletzungen und Kriegsverbrechen Bezug genommen.
Das paßte genau in die Sicht des UNO-Menschenrechtsrates, der im Oktober 2009 diesen Bericht in einer Resolution ausdrücklich billigte. Dem folgte im November 2009 auch die Generalversammlung der Vereinten Nationen: 114 Staaten stimmten für die entsprechende Resolution, 18 dagegen, 44 enthielten sich.
Interessanterweise distanzierte sich Richard Goldstone aber eineinhalb Jahre nach der Veröffentlichung dieses Berichtes von dem Dokument. Er schrieb in der Washington Post:

Wenn ich damals gewußt hätte, was ich heute weiß, wäre der Goldstone-Bericht ein anderes Dokument geworden.

Man glaubt es kaum, aber es war wirklich so, daß Goldstone ([4] Seite 209)

nicht nur die Behauptung zurücknahm, die israelische Armee habe absichtlich Zivilisten getötet, sondern er revidierte auch die Aussage, daß nur eine Minderheit der getöteten Palästinenser zu den Kombattanten gezählt habe. Vielmehr entspreche es der Wahrheit, daß hauptsächlich Mitglieder der Hamas und anderer teroristischer Organisationen getötet wurden.

Goldstone bestätigte überdies, daß Israel lediglich von seinem Recht auf Selbstverteidigung Gebrauch gemacht habe. Er schrieb in einem Bericht der Washington Post von 2011:

Israel hat wie jeder andere souveräne Staat das Recht und die Pflicht, sich und seine Bürger gegen Angriffe von außen und innen zu schützen.

Festhalten kann man also: Goldstone distanzierte sich von seinem eigenen Bericht, aber alle anderen Mitglieder der ursprünglichen Goldstone-Kommission taten das nicht, sondern sie widersprachen Goldstone in der britischen Tageszeitung Guardian vehement.
Sie stünden, so schrieben sie dort,

fest zu ihren Schlußfolgerungen und wiesen die Forderungen zurück, den Bericht zu überarbeiten oder gar zu verwerfen.

Insgesamt kann man sagen, daß die Lektüre dieses Buches meine ohnehin schon kritische Einstellung gegenüber der UNO und ihren Institutionen verstärkt hat. Wer etwas mehr über das Verhältnis zwischen UNO und Israel wissen möchte, insbesondere auch etwas mehr als uns die notorisch israel-kritischen deutschen Medien wie Tagesschau oder Süddeutsche Zeitung präsentieren, der greife zu diesem Buch mit seinen 282 Seiten Text, die durch über 700 Anmerkungen im Text ergänzt werden.

Anmerkungen und Links

[1] (Wikipedia) UNHCR: Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen
[2] (Wikipedia) UNRWA: Hilfswerk der Vereinten Nationen für Palästina-Flüchtlinge im Nahen Osten
[3] (Wikipedia) UNO-Flüchtlingshilfe e. V.
[4] Alex Feuerherdt, Florian Markl: Vereinte Nationen gegen Israel: Wie die UNO den jüdischen Staat delegitimiert
[5] hagalil über Operation Gegossenes Blei
[6] Massenmörder, Terroristen, Kannibalen, Diktatoren: Jeder darf vor der UNO-Vollversammlung sprechen

Köln, Chlodwig-Platz 13.10.2018: Demonstration gegen Israel

Am Samstag, den 13.10.2018, versammelten sich am Chlodwig-Platz in Köln einige Aktivisten aus der anti-israelischen Szene zu einer Demonstration. Unter dem Titel „Frieden ist möglich – auch in Palästina“ wollte man auf 16 Schautafeln den Kölner Bürgern zeigen, wer der eigentliche Bösewicht in Israel ist: nämlich die Israelis selbst.
Ich kam leider verspätet zu der Veranstaltung, so daß ich das Einschreiten der Polizei gegen eine 60-jährige Dame [6] nicht mehr mitbekam. Diese gehörte zu den Betreuern der Ausstellung und stürzte sich gleich zu Beginn der Veranstaltung auf die mit drei kleinen Israel-Fähnchen „bewaffnete“ Malca Goldstein-Wolf, die als jüdische Kölner Aktivistin inzwischen bundesweit bekannt geworden ist – siehe etwa ihr offener Brief an den WDR-Intendanten Tom Buhrow und dessen positive Reaktion darauf [8]. Glücklicherweise haben das konsequente Einschreiten der Polizei und mehrerer Freunde aus der pro-israelischen Szene dafür gesorgt, daß die Veranstaltung ohne weitere Zwischenfälle zu Ende ging (Wer mehr zu diesem Vorfall lesen will, findet genügend Hinweise und Informationen dazu bei den Links am Ende dieses Artikels).
Da ich selbst nur noch die letzten 20 Minuten der Veranstaltung miterlebte und mir dabei insbesondere die 16 Schautafeln genauer ansehen konnte, möchte ich zu Form und Inhalt dieser „Informationen“ etwas bemerken. Auf einer Schautafel mit der hochwissenchaftlich klingenden Überschrift „Postkoloniale Studien“ ist da z.B. von einem „zionistischen Siedlerkolonialismus“ die Rede, der sich durch „Gewalt, Expansionsbestrebungen“ und natürlich „Rassismus“ kennzeichnet.
Und damit man die ganzen „postkolonialen“ Geschehnisse auch besser im Kopf behält, werden noch ein paar Bilder hinzugefügt – die sind ja immer eine gute Unterstützung für das Gedächtnis. Deshalb durfte auf dieser Schautafel natürlich das Bild vom „Landraub“ nicht fehlen. Claudio Casula hat diese Grafik in seinem Beitrag über Kartentrickser ([9]) einmal als Piktogramm für historische Analphabeten bezeichnet, was man eigentlich eher als witzige Untertreibung bezeichnen kann. Wer mehr über diesen „Antizionistischen Kartentrick“ lesen möchte, findet auf dem Blog von Lizas Welt eine gute Zusammenfassung.
Auf Schautafel Nr.3 geht es um die „Gründung des Staates Israel“ – u.a. auch um die Gründe der UNO für ihre Entscheidung zugunsten eines neuen Staates Israel. Da lesen wir z.B.

„Nach der großangelegten europaweit organisierten Judenverfolgung durch den Nationalsozialismus in Deutschland suchen die überlebenden Juden verzweifelt nach einer neuen Bleibe. Statt ihnen im Westen einen sicheren Ort zu schaffen, weist ihnen die UNO eine neue Heimat in Palästina zu“.

Das verstehe wer will – wo doch die Juden mit Palästina gar nichts zu tun haben!
Statt dessen hätte man sie doch nach Madagaskar abschieben können, wie das schon die Nazis (oder auch andere Deutsche vor 1900) geplant hatten:

Juden nach Madagaskar Der deutsche Orientalist Paul de Lagarde schrieb 1885 als Erster in seinem Aufsatz „Über die nächsten Pflichten der deutschen Politik“ eher beiläufig über „nach Madagaskar abzuschaffende“ Juden. Madagaskar sei die weit klügere Wahl als etwa Palästina, betonte Lagarde, Vertreter des völkisch-rassistischen Antisemitismus.

(Klicken Sie links auf das Bild, um es größer darzustellen) Aber nicht nur die Gründung des Staates Israel ist für die von Hans Mörterr, Pfarrer der Kölner Luther-Kirche, protegierte Ausstellung „Frieden ist möglich – auch in Palästina“ ein wichtiges Thema, sondern auch die sog. „Abriegelung“ von Gaza. Auch zu diesem Thema gab es eine Schautafel mit vielen erläuternden Texten, z.B. zum „israelischen Krieg gegen die Zivilbevölkerung Gazas“:

Die im Gaza-Ghetto lebenden Palästinenser sind verzweifelt. Sie leisten Widerstand gegen das Eingesperrtsein im eigenen Land. Sie basteln kleine Raketen und schießen sie nach Israel ab.

Da fragt man sich ja schon, warum die Israelis vor einem Gegenangriff gegen Hamas-Stellungen über den betreffenden Gebieten zunächst Flugblätter abwerfen, auf denen ein Angriff angekündigt wird, damit sich Zivilisten in Sicherheit bringen können. Warum schicken die Israelis eigentlich Flugzeuge, Drohnen und Bomben mit nicht unerheblicher Sprengkraft in den Gazastreifen, wenn dort doch nur kleine Raketen gebastelt werden?
Nun, die Antwort ist ganz klar: jeder Mensch, der die Geschehnisse im Gazastreifen etwas intensiver verfolgt als nur durch das Lesen der Texte auf solchen Schautafeln, jeder also nur einigermaßen informierte Leser unserer Tageszeitungen (und sei es z.B. nur die Süddeutsche Zeutung) weiß inzwischen, daß im Gazastreifen eine international bekannte Terror-Organisation herrscht: die HAMAS. Diese betreibt z.B. einen Fernsehsender, der im Kinderprogramm regelmäßig zum Mord an Juden aufruft und

[13] … hält sich zudem eine regelrechte Kinderarmee, erzieht sie zum Dschihad und unterweist sie im Gebrauch von Waffen. Sie veranstaltet im Sommer militärische Trainingslager, an denen Zehntausende von minderjährigen Palästinensern teilnehmen. Dort lernen sie, dass Selbstmordattentäter Vorbilder sind und wie man israelische Soldaten angreift.

Anscheinend hatten die Initiatoren der Ausstellung vergessen, auf diese nicht ganz unwesentlichen Details zu verweisen. Aber vielleicht sind ihnen diese auch nicht bekannt….

Anmerkungen und Links

[1] haGalil: Frieden ist möglich – auch in Köln (10.10.2018)
[2] Kölner Stadtanzeiger (11.10.2018): Kölner Südstadt: Pfarrer Mörtter kämpft gegen Verbot einer Palästina-Ausstellung
[3] (14.10.2018) Kölnische Rundschau: Palästinenser-Ausstellung: Jüdische Aktivistin bei Protest in Südstadt angegriffen
[4] (14.10.2018) haGalil: Kein Frieden in Köln
[5] (15.10.2018) Jüdische Allgemeine: Die Grenze wurde erneut überschritten
[6] (15.10.2018) Kölner Stadtanzeiger: Angriff am Chlodwigplatz, Israel-Aktivistin bei Mahnwache in Köln attackiert
[7] (15.10.2018) Malca Goldstein-Wolf auf Facebook
[8] Malca Goldstein-Wolf „Gegen die Klischees kämpfen“ name=“b8″>[8] Malca Goldstein-Wolf „Gegen die Klischees kämpfen“
[9] (März 2008) Spirit of Entebbe: Nachhilfe für Kartentrickser
[10] 2014, Beitrag von Friedensdemo-Watch
[11] (Oktober 2015) Lizas Welt: Antizionistischer Kartentrick
[12] Juden nach Madagaskar
[13] Das ABC der Hamas

Bringt Eichmann her, tot oder lebendig!

Wer sich für die Geschichte des Mossad interessiert, sollte sich auf jeden Fall das Buch MOSSAD – Missionen des israelischen Geheimdienstes([1]) anschauen – dort schildern die beiden Autoren Michael Bar-Zohar und Nissim Mischal viele spannende Episoden aus der Geschichte dieses israelischen Auslandsgeheimdienstes. Mit am meisten beeindruckt hat mich dabei die Beschreibung der Jagd auf den deutschen Organisator der Judenvernichtung, Adolf Eichmann. Im Kapitel 6 wird hier auf 39 Seiten ausführlich erzählt, wie Adolf Eichmann in Argentinien aufgespürt und verhaftet wurde, wie es gelang, ihn ohne Wissen der argentinischen Behörden bzw. Polizei in einem Flugzeug der El-Al nach Israel zu bringen und dort vor Gericht zu stellen.
Bei seiner Verhaftung durch Mossad-Agenten in Argentinien wurde Eichmann nach der Nummer seines NSDAP-Parteiausweises sowie seiner Dienstnummer bei der SS gefragt. Beides konnte er auf Anhieb korrekt beantworten, nur bei der Frage nach seinem Namen zögerte er:

„Ihr Name?“
„Rocardo Klement.“
„Ihr Name?“, wiederholte die Stimme.
Er begann zu zittern. „Otto Heninger.“
„Ihr Name?“
„Adolf Eichmann.“
Totenstille senkte sich über den Raum. Er brach sie. „Ich bin Adolf Eichmann“, wiederholte er. „Ich weiß, daß ich in den Händen von Israelis bin. Ich spreche auch ein wenig hebräisch. Ich habe zusammen mit einem Rabbi in Warschau studiert…“
Dann begann er, einige Verse aus der Bibel vorzutragen, wobei er versuchte, die hebräischen Wörter mit der richtigen Betonung auszusprechen.
Niemand sagte etwas.
Die harten israelischen Jungs starrten ihn einfach nur fassungslos an.

Aber auch die zitierten Bibelverse konnten die Mossad-Agenten nicht davon abbringen, Eichmann nach Israel zu fliegen, wo er vor Gericht gestellt und am 15.Dezember 1961 zum Tode verurteilt wurde. Kurz vor seiner Hinrichtung betrat nochmal einer aus der Zielfahndergruppe des Mossad Eichmanns Zelle: Rafi Eitan.

Schweigend stand der Entführer dem in hellbraune Gefangenenuniform gekleideten Verurteilten von Angesicht zu Angesicht gegenüber. Eichmann sah ihm in die Augen und sagte auf Deutsch: „Ich hoffe, Sie folgen mir bald nach.“

Rafi Eitan jedoch lebt heute (2018) immer noch, und viele der an der Jagd auf Eichmann Beteiligten wie etwa der damalige Generalstaatsanwalt am Hessischen Oberlandesgericht Fritz Bauer waren über die Nachrichten von der Verhaftung Eichmanns und seinen Prozeß mit anschließender Hinrichtung erfreut und zutiefst bewegt.


Anmerkungen und Links

[1] Mossad: Missionen des israelischen Geheimdienstes

Coco Schumann – der Ghetto-Swinger erzählt

coco1Beim Schlendern durch einen Bonner Buchladen fiel mir vor kurzem dieses Buch von Coco Schumann auf. Es war vor allem der Titel „Der Ghetto-Swinger“, der mich faszinierte, und nach einem Blick auf die Rückseite war es klar für mich: dieses Buch mußt du sofort kaufen und lesen. Denn auf der Rückseite hatte Schumann folgende Kurzbeschreibung seiner Person hinterlassen:

Ich bin Musiker. Ein Musiker, der im KZ gesessen hat, kein KZler, der Musik macht. Ich habe viel zu sagen. Die Richtung ist klar: Back to the roots, in jene Welt, in der meine Seele zu Hause ist, in den Swing. Wer den Swing in sich hat, ob er im Saal steht oder auf der Bühne, kann nicht mehr im Gleichschritt marschieren.

Gesagt, getan: die Geschichte der Jazzlegende steht nun in meinem Bücherregal und hat mich beim Lesen stark beeindruckt – und stellenweise begeistert. Ich gebe im folgenden einen kurzen Überblick über den Inhalt und empfehle jedem Jazzfan und am Holocaust und der Judenverfolgung durch die Nazis Interessierten den Kauf dieses spannenden Buches.
Kurz nach der Machtergreifung der Nazis 1933 bekam das Berliner Geschäft der jüdischen Mutter von Coco Schumann Besuch von zwei SA-Angehörigen. Diese malten einen Judenstern an die Scheibe und versperrten der Kundschaft den Weg. Denn daß anständige Deutsche sich von einer Judensau die Haare schneiden lassen würden – das konnte man als aufrechter Nationalsozialist nicht dulden. Und so kam es, daß die Eltern von Coco Schumann, dem späteren Ghetto-Swinger, beschlossen, in eine etwas vornehmere Gegend Berlins zu ziehen, wo sie sich vor den Zugriffen der SA sicherer fühlten.
Und was machte der Ghetto-Swinger da? Er wehrte sich – schon als Jugendlicher – gegen die HJ-Grüppchen, denen er in Berlin häufig begegnete, indem er seine im jüdischen Sportclub Bar Kochba erworbenen Box-Fähigkeiten in der Praxis anwandte. Das bewahrte ihn allerdings nicht vor dem Gang ins KZ. Im Frühjahr 1943 sollte er eigentlich nach Auschwitz transportiert werden, konnte aber durch seinen Vater vor diesem Schicksal zunächst bewahrt werden. Dieser wurde nämlich mit seinem Arier-Ausweis beim Kriminalobersekretär Walter Dobberke vorstellig, der für die Deportation der Berliner Juden zuständig war.
coco2(Links: Schumann im Interview im ARD alpha-forum, 21.02.2017, 13:00 Uhr)
Und Schumanns Vater schaffte es doch tatsächlich, daß sein damals 18-jähriger Sohn erst einmal nach Theresienstadt kam, in jenes „Vorzeige-KZ“, das sogar von einer Kommission des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) am 23. Juni 1944 besucht wurde, welches an den Zuständen im Lager aber anscheinend nichts auszusetzen hatte. Denn: die Täuschung der Komitees des IKRK gelang unfaßbarerweise perfekt. Coco Schumann bemerkt hierzu: Vielleicht wollten sie so genau auch nicht Bescheid wissen?
Auf jeden Fall konnte Schumann aufgrund seiner vielseitigen musikalischen Fähigkeiten schon bald als Schlagzeuger bei der Lagerband, den „Ghetto-Swingers“, unterkommen. Als Mitglied dieser Band ist Schumann auch kurz in dem Nazi-Propagandafilm
Theresienstadt: Ein Dokumentarfilm aus dem jüdischen Siedlungsgebiet zu sehen, aber all das bewahrte ihn nicht vor dem Abtransport nach Auschwitz im September 1944, als man begann, das „Vorzeigelager“ Theresienstadt allmählich aufzulösen.
Und dort, in Auschwitz, stand Coco Schumann dann an der Rampe vor Josef Mengele. Dieser fragte ihn, wie alt er sei. Der kurze Dialog zwischen Mengele und Schumann verlief folgendermaßen:

Ich nahm Haltung an, legte die Hände an die nicht vorhandene Hosennaht (Anmerkung: er war ja nackt!) und sagte: „Zwanzig Jahre!“ Er schaute mich kalt an und fragte weiter: „Beruf?“ Nun guckte auch ich ihm direkt in die Augen: „Klempner und Rohrleger, Herr Hauptsturmführer!“

Daraufhin wies ihn der „Hauptsturmführer“ nach rechts, d.h. auf die Seite derer, die nicht sofort ins Gas geschickt wurden, sondern noch eine Weile für ihre Peiniger arbeiten durften. Und das tat er dann auch, aber eben auf seine Weise. Und er hatte dabei auch viel Glück: denn schon am ersten Abend in Auschwitz spielte er Reeperbahnlieder und Paul-Lincke-Melodien vor dem Lagerältesten, was alsbald auch bei der SS gut ankam.
Begleitet wurde Schumann u.a. von Otto Sattler, einem berühmten Bargeiger aus Prag, mit dem zusammen er aus Theresienstadt nach Auschwitz gekommen war. Beide standen eines morgens am Zaun ihres Lagers und schauten hinaus auf die Hauptstrasse, auf der ein Zug von Neuankömmlingen aus Theresienstadt sich in Richtung des „Hauptsturmführers“ Mengele bewegte, um von ihm entweder nach links, in die Gaskammer, oder nach rechts, in eines der Arbeitslager eingewiesen zu werden. Und:

Plötzlich erstarrte Sattler. Seine Frau und seine 5 Kinder gingen an ihm vorüber. Nur durch den Zaun getrennt warfen sie sich einen letzten Blick zu, unaufhaltsam bewegte sich der entsetzliche Zug der „Selektierten“ weiter. Otto schaute ihnen nach und konnte nichts tun.
Abends musizierten wir wieder vor unserem Lagerältesten. Als Otto seine Tränen nicht mehr zurückhalten konnte, herrschte dieser ihn an: „Warum heulst du denn die ganze Zeit – das kann einem ja die Laune verderben!“ Otto erzählte ihm, was vorgefallen war, doch es hinterließ keinen großen Eindruck: „Na, das ist doch kein Grund zu Weinen. Schließlich wirst du sie bald schon wiedersehen!“ Wir waren alle innerlich aufgewühlt, doch wir machten weiter….

All diese Szenen aus Schumanns Berichten sind beeindruckend – und noch viele andere mehr mit Schilderungen über die Rettung seiner Mutter vor den Zugriffen der Gestapo, seine Versuche, nach dem Krieg in Deutschland wieder Jazz zu machen, monatelange Ausflüge auf Schiffen zusammen mit anderen Musikern – es lohnt sich also garantiert, dieses Buch komplett durchzulesen.
Am besten fand ich aber seine Bemerkungen am Ende des Buches, auf den Seiten 220 und 221. Dort berichtet Schumann über einen „warmen Sommerabend auf der Terrasse eines Restaurants. Am Nebentisch hatten sich mehrere jüngere und äußerst heitere Menschen versammelt“. Schuman gab eine Runde nach der anderen aus, es wurde viel gelacht, aber das hörte dann auf, als sich die Gespräche in den politischen Bereich bewegten.

Denn nun beklagten sich diese netten jungen Menschen auf einmal über das „Ausländerproblem“ oder darüber, daß das Reinheitsgebot zwar für deutsches Bier gelte, nicht aber für das Volk der Völker. Seine Gesprächspartner ärgerten sich darüber, daß es schon wieder Schwierigkeiten mit dem Weltjudentum gebe. Sie sprachen über das alte Märchen von den KZs, dem Gas und den Öfen, schließlich wisse doch jedes halbwegs kluge Kind, daß Auschwitz eine einzige große Lüge sei,

Dies war für Schumann der Anlaß, sich flugs von seinen Gesprächspartnern zu verabschieden, und zwar mit diesen Worten:

Meine Damen und Herren, es tut mir furchtbar leid, ich möchte Ihnen nicht den schönen Abend verderben. Aber ich weiß es besser. Ich war da.

Das wars. Und Schumann schließt das Buch mit den Worten:

Ihre Reaktion wartete ich nicht mehr ab. Ich drehte mich um, ging fort, bummelte durch die nächtliche Stadt und pfiff mir mein Teil…

Anmerkungen und Links

[1] Swing-Legende Coco Schuman ist tot
[2] Swing-Musiker Coco Schuman ist tot
[3] KZ-Überlebender Coco Schuman ist tot
[4] Nachruf auf Coco Schuman
[5] Coco Schuman gestorben
[6] Ghetto-Swinger – Eine Jazzlegende erzählt
[7] Yad Washem Eintrag zu Walter Dobberke
[8] Das KZ Theresienstadt
[9] Die unvergesslichen Sprüche des Coco Schumann
[10] alpha-Forum: Coco Schumann, Jazz-Musiker und Gitarrist

Die Deutsch Israelische Gesellschaft und ihre Probleme mit Israel

maedchen-in-jerusalem(Links eine eigene Aufnahme aus dem „zionistischen Gebilde“, in diesem Fall der Jerusalemer Altstadt 2010) Unter der Überschrift

„Gedanken über eine mögliche Lösung des Konfliktes zwischen Israel und den Palästinensern, ein Diskussionsbeitrag, Juni 2016“

veröffentlichte das Magazin der Deutsch-Israelischen-Gesellschaft (DIG) in der Ausgabe 03/2016 ([1] einen „Diskussionsbeitrag“ von Wolfgang Kornblum, einem kürzlich verstorbenen langjährigen DIG-Mitglied aus Baden-Baden.
Liest man den Artikel von Wolfgang Kornblum ganz durch, so fragt man sich, warum der Autor eigentlich „langjährig“ Mitglied der DIG war. Er hätte genauso gut Mitglied des Instituts für Palästinakunde in Bonn sein können, wo man sich laut Satzung für die „Völkerverständigung zwischen Deutschland und Israel/Palästina, Demokratie, Frieden und Menschenrechte im Nahen Osten“ einsetzt, in Wahrheit aber

das fiktionale „Existenzrecht“ Israels als vermutlich wirkmächtigstes PR-Stunt der zionistischen Propaganda

bezeichnet ([2]). Wie komme ich zu diesem Schluß? Dazu muß man sich den Artikel etwas genauer ansehen. Liest man ihn zunächst einmal vollständig durch, so stellt man fest, daß er eigentlich eine einzige Zumutung ist für jemanden, der selbst Mitglied der DIG ist und deren Leitsätze bejaht. Wie z.B. diesen Leitsatz hier:

Die DIG engagiert sich für einen Frieden im Nahen Osten, der die Lebensfähigkeit Israels dauerhaft sichert. Sie tritt für eine Verständigung zwischen allen Völkern der Region ein und wendet sich entschieden gegen all diejenigen Kräfte innerhalb und außerhalb der BRD, die Israels Lebensrecht als jüdischer Staat bestreiten.

Außerhalb wie innerhalb der BRD gibt es leider nicht wenige „Kräfte“, die sich wünschen, die Nazis hätten ein wenig mehr Erfolg mit der Judenvernichtung gehabt. Der Autor des Artikels im DIG-Magazin 03/2016 gehört selbstverständlich nicht zu diesen Kräften. Aber was er dort schon am Anfang seines Artikels schreibt:

Eines der Kernprobleme, das nach meiner Überzeugung dringend gelöst werden müsste, ist der Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern. Daran müsste auch Israel ein großes Interesse haben, denn es gibt nach meiner Auffassung für Israel keine größere Sicherheit als ein friedliches Zusammenleben mit seinen Nachbarn.

erinnert doch nur zu sehr in Sprache und Diktion an einen Mitarbeiter des „Freitag“, den Henryk M.Broder in einem Artikel auf der WELT zitiert ([3]):

„Das Problem, welches mit der Gründung Israels einherging, ist nicht nur ein Problem der Palästinenser. Nein, es ist ein weltweites Problem … Erst wenn das zionistische Gebilde der Vergangenheit angehört, wird der Weltfrieden zur Gegenwart und die Hoffnung die Zukunft.“

Neben dem Beschwören eines „Ausgleichs auf Augenhöhe“ fordert DIG-Mitglied Kornblum eine „territoriale Trennungslinie, die im wesentlichen der Grenzlinie vor dem Sechstagekrieg entspricht.“ Auch diejenigen Teile von Ostjerusalem, die vor dem Sechstagekrieg nicht zu Israel gehörten, möchte Wolfgang Kornblum gerne den Palästinensern übergeben.
Solche Forderungen erinnern mich an die Wünsche gewisser rechtsradikaler Deutscher nach einem Deutschland in den Grenzen von 1937 – so als wenn der Krieg der Alliierten gegen Deutschland ein „ungerechter“ Krieg gewesen sei und deshalb der Zustand von vor 1939 wiederhergestellt werden müsse. Das ist natürlich gelinde gesagt schwachsinnig und wird auch von den meisten Beobachtern des Zeitgeschehens so beurteilt – nur bei Israel und seinen angeblich „unberechtigten Angriffskriegen“ sieht man das anders.
Der Autor Kornblum gehört offensichtlich zu jenen Zeitgenossen, denen nicht bewußt ist und die davon auch nichts hören wollen, daß der Sechstagekrieg (5.-10. Juni 1967) ein Verteidigungskrieg des Staates Israel gegen die ihn umgebenden arabischen Staaten war, die nichts anders als seine Vernichtung wollten. Dafür gibt es zahllose Belege, ich führe hier nur einen Hinweis aus der Dokumentation [4] an:

In den Wochen vor dem Krieg bildete sich eine breite Koalition von arabischen Staaten. Der ägyptische Präsident Nasser verkündete am 30. Mai 1967:
„Die Armeen Ägyptens, Jordanien, Syriens und des Libanon stehen einsatzbereit an den Grenzen Israels …, während hinter uns die Armeen des Irak, Algeriens, Kuwaits, des Sudan und der gesamten Arabischen Nation stehen …die Stunde der Entscheidung ist gekommen.“

Es ist mir ein Rätsel, wie der Autor dieser „Gedanken über eine mögliche Lösung“ es fertigbringen konnte, als ausgewiesenes Mitglied der DIG (und damit per Definitionem als Freund und Unterstützer Israels) zum Thema Grenzlinie nach dem Sechstagekrieg eine Position beziehen konnte, die ebenso von Teilen der deutschen linken wie rechten Israelhasser vertreten wird. Diesen Leuten kann man immer nur raten, sich die Taten und Aussagen arabischer Politiker aus den Monaten vor dem Juni 1967 anzusehen:

„Wir beabsichtigen einen grundlegenden Angriff auf Israel. Dies wird ein totaler Krieg sein. Unser primäres Ziel wird es sein, Israel zu zerstören.“
(Gamel Abdel Nasser, Staatspräsident Ägyptens, 26. Mai 1967)

Die Vorgeschichte des Sechstagekrieges ist ausreichend dokumentiert. Es ist daher gelinde gesagt unverständlich, wie man in einem Artikel des monatlich erscheinenden „DIG Magazins“ (Zeitschrift der Deutsch-Israelischen-Gesellschaft, Nr.3, 2016/5776) ohne Kommentar solche israelfeindlichen Ansichten publiziert.
Ich will aus dem Artikel von Kornblum nur noch einen Teil herausgreifen, der bezeichnend für seine Sicht des ganzen „Nahost-Problems“ ist. Er empfiehlt z.B. eine „Aufgabe der Blockade des Gazastreifens“ und eine „Wiederzulassung des freien Handels“. Interessant! Verhungern im Gazastreifen also täglich unzählige von unschuldigen friedlichen Bürgern aufgrund einer Blockade der israelischen Imperialisten?
Davon kann allerdings keine Rede sein [5] :

Täglich passieren 800 bis 1.000 Lastwagen den Grenzübergang Kerem Schalom von Israel in den Gazastreifen mit Brennstoff, Nahrungsmitteln, Medikamenten und Tierfutter. Sogar Baumaterial wird in das Gebiet transportiert, solange sich die dort tätigen internationalen Organisationen verpflichten, Zement und Metalle nicht an die Hamas weiterzugeben.

Wie man da als „langjähriges Mitglied der DIG“ noch von einer „Blockade des Gazastreifens“ reden kann, ist mir nicht ganz klar. Aber vielleicht hat das etwas damit zu tun, daß manche Mitglieder der DIG zu sehr durch ihre christliche Religion beeinflußt sind. Das führt dann zu solchen Kniefällen vor dem Islam wie hier in Jerusalem:

Bischof Bedford-Strohm und Kardinal Marx legen christliches Kreuz für den Islam ab….
Neben christlichen Stätten besuchten sie auch den islamischen Felsendom am Jerusalemer Tempelberg. Auf den Bildern von dort ist zu sehen, beide haben ihr christliches Kreuz, das sie sonst immer tragen, abgelegt. Bedford-Strohm begründete diese Verleugnung des Kreuzes mit dem „Respekt“ gegenüber dem moslemischen Gastgeber, der das so gewünscht habe.

Anmerkungen und Links

[1] DIG MAGAZIN, Zeitschrift der Deutsch-Israelischen Gesellschaft. Nr. 3 2016/5776
[2] Institut für Palästinakunde
[3] Es gibt ja genug Gründe, uns Juden nicht zu mögen: Henryk M. Broder in der WELT
[4] Der Sechstagekrieg, eine Dokumentation der israelischen Botschaft Berlin
[5] Blockadebrecher von israelischer Marine gestoppt

Mathematik zahlt sich aus – oder wie Logik das Affiliate-Marketing beflügelt

(Beitrag von Vincent Winterhager) Mathematik muss nicht spröde Theorie sein. Von der Einführung des Personal Computer bis hin zu Google bestimmen “Nullen und Einsen”, wie wir Inhalte erstellen und suchen. Vor kurzem habe ich gemeinsam mit meinem Vater (Inhaber dieses Blogs) ein mathematisches Verfahren entwickelt, das jedes Produkt mit Hilfe von Metadaten aus dem Internet benoten kann. Eine Funktion, die im Meer der Online-Produktportale ein Novum ist.
Eine kurze Einführung in die Thematik Affiliate-Marketing ist zu Beginn unabdingbar.
Der erste Begriff Affiliate bedeutet so viel wie “verbinden”, oder “assoziieren”. In diesem Kontext ist eine Verbindung gemeint zwischen Bloggern und Website-Betreibern mit kommerziellen Anbietern, die wie auch immer geartete Produkte anbieten. Diese Produkte werden auf der eigenen Seite eingebunden und beworben. Für eine Weiterleitung zum Partner-Portal wird eine Provision ausgezahlt.
Der zweite Begriff Marketing ist in diesem Zusammenhang jenes Prinzip, das die Optimierung und den Erfolg dieser Partnerschaft zum Ziel hat.
Nun ist dieses Konzept durchaus beliebt, denn mit geringem Startkapital und wenig bis kaum vorhandenen Programmierkenntnissen lässt sich eine passive Einkommensquelle aufbauen. Viele Menschen sehen im Konstrukt Affiliate-Marketing einen Gewinn an örtlicher und zeitlicher Freiheit, die ihre herkömmliche Beschäftigung nicht bieten kann. Also haben wir es hier mit der Erlösung von finanzieller Abhängigkeit, mit dem Traum einem von Konventionen gelöstem Leben zu tun?
Nun ja, eine große Anzahl von Menschen scheint dieser Meinung zu sein. Dies ist nicht zuletzt auf die Selbst-Vermarktung von sehr erfolgreichen Online-Unternehmern zurückzuführen, die nicht mehr die unternehmerische Idee als solche in den Mittelpunkt stellen, sondern das Lebenskonzept von “unabhängigen” Online-Marketern in das Zentrum der Aufmerksamkeit rücken.

Nachhaltiges Affiliate-Marketing

Dieses Konzept geht jedoch nur dann auf, wenn die Anzahl der Affiliate Marketer begrenzt ist und die vermittelten Inhalte einem gewissen Qualitätsanspruch gerecht werden. Durch die immense Popularität von Affiliate Marketing ist es fraglich, ob diese Idee langfristig Bestand haben wird. Und wenn sie Bestand haben sollte, dann nur mit Hilfe von sehr guten Inhalten und nützlichen Funktionen für den Benutzer.
In dieser Kontroverse stehen sich die Pole der Online Welt gegenüber. Auf der einen Seite stehen die Suchmaschinenbetreiber, auf der anderen Seite Amazon & Co. Online-Shops wie Amazon können ihren Umsatz durch Affiliates signifikant erhöhen und haben folglich ein großes Interesse am Wachstum dieser Branche. Andererseits haben Suchmaschinen nur dann Erfolg, wenn die Ergebnisse für den Benutzer eine hohe Relevanz aufweisen. Wenn die erste Google-Seite von Affiliate-Webseiten dominiert wird, hat Google seine Funktion nur bedingt erfüllt. Affiliate-Seiten können dem Benutzer durchaus weiterhelfen, sind zumeist aber mehr am wirtschaftlichen Erfolg als am Verbraucherschutz interessiert.

Notenverfahren

An dieser Stelle setzt die Mathematik ein. Mehrwert kann man durch verschiedene Funktionen bieten: Produktfilter, Vergleichstabellen, oder ein Blog über die Produktkategorie. Um den Kunden im Dschungel der Informationen eine Orientierung zu bieten, haben wir ein Benotungsverfahren entwickelt. Nominelle Bewertungen sind per se nichts Neues, man findet sie immer wieder in Produkt-Portalen. In der Regel sind diese Werte aber beliebig gesetzt und nicht das Ergebnis einer differenzierten Berechnung.
Über die Schnittstelle von Amazon lassen sich alle wichtigen technischen Daten eines Produkts auslesen. Einige müssen manuell beim Hersteller erfragt werden. Nun haben wir eine Anzahl von Werten mit verschiedenen Maßeinheiten, die wir auf eine Notenskala abbilden möchten. Ein bisschen Überlegung und Mathe-Grundkenntnisse aus der Oberstufe führten zu folgendem Verfahren:
Um dem Verbraucher eine Orientierung zu geben, hat jedes Produkt eine Gesamtnote. Es werden Noten zwischen eins und drei mit zwei Nachkommastellen vergeben.
Die Gesamtnote ist der Durchschnittswert der Noten pro Kategorie, die ebenfalls auf der Produktseite abgerufen werden können. Bei den Noten handelt es sich um eine Abbildung der tatsächlichen technischen Details des Produkts auf eine Notenskala.
Nun werden pro Kategorie ein minimaler Wert und ein maximaler Wert bestimmt, um eine Einordnung des Produktwertes zu ermöglichen. Die Differenz zwischen dem minimalen und dem maximalen Wert bildet den Wertebereich der Produktwerte. Ein Produktwert (zum Beispiel 1 Watt in der Kategorie Leistung) wird im Folgenden als Einheit bezeichnet.
Um verschiedene Maßeinheiten zu vergleichen, wird ein Notenwert pro Einheit (N1) gebildet. So kann jede Einheit in Notenform abgebildet und verglichen werden. Bei einer Notenskala von 1-3 berechnet sich N1 wie folgt:
vini1
Im nächsten Schritt werden die Noten pro Kategorie berechnet. Hier gibt es zwei Fälle: Der niedrigste Produktwert ist der beste Wert (z.B. Gewicht), oder aber der höchste Produktwert ist der beste Wert (z.B. Leistung).
Der erste Fall berechnet sich so:
vini2
Der zweite wird wie folgt ermittelt:
vini3
Nk = Note Kategorie
U = Produktwert
N1 = Notenwert pro Einheit
Min = Minimaler Produktwert
Max = Maximaler Produktwert
Nach der Abbildung der Produktwerte auf eine Notenskala werden die Ergebnisse der gewichtet. Abhängig von der Empfehlung (Testsieger, Leistungs-Empfehlung, Preisempfehlung) wird die Gewichtung ausgerichtet. Diese Methode können Sie in der Praxis auf meiner Seite anschauen.

Fazit

Dieses zugegebenermaßen nicht sonderlich komplizierte Verfahren ermöglicht dem Benutzer, einen schnellen Überblick zu gewinnen und sich für das richtige Produkt zu entscheiden. Sicherlich bildet diese Berechnung kein Äquivalent zu den Benotungen von Stiftung Warentest. Im Vergleich zu willkürlich vergebenen Zahlen auf anderen Seiten bietet dieses Verfahren jedoch eine transparente und sinnovolle Orientierung. Ich sehe es als Beitrag zu einer Branche, die sich oft viel zu sehr auf Suchmaschinenoptimierung konzentriert und völlig vergisst, was wirklich zählt: dem Kunden das beste Produkt zu empfehlen.

Heroischer Widerstand gegen die AFD

berlink1(Bild links: siehe [1]) Am Samstag, dem 01.Oktober 2016, traten weibliche und männliche Aktivist*innen aus der Berliner Linken-Szene zum Kampf gegen „rassistische Rechtspopulisten“ der AfD im Stadtteil Pankow an. Dabei richtete sich ihr Protest natürlich nicht nur gegen Rechtspopulisten, sondern auch gegen Rechtspopulist*innen, allerdings ist diese Form der Geschlechter-Gleichbehandlung bei unseren Linken verpönt, weil Frauen (und die vielen anderen nicht-männlichen Gechlechterformen) ja grundsätzlich nie „rechts“ sind, sondern fortschrittlich, selbstbewußt und mindestens auch sozial engagiert.
Daß die bei solchen Aktionen auftretenden Menschen sich gerne als „Aktivisten“ bezeichnen, ist übrigens auch kein Wunder: schon in der ehemaligen DDR gab es ja haufenweise Aktivisten, also „Werktätige, die bei der Erfüllung des Planes außerordentliche Leistungen vollbringen und dafür mit dem staatlichen Titel Aktivist der sozialistischen Arbeit geehrt“ wurden (siehe [4]).
Etwa 30 dieser „Aktivist*innen“ (welchen Geschlechtes auch immer) haben an diesem 1.Oktober 2016 in Berlin einen Wahlstand der AfD symbolisch zugemauert. Als Ziel gaben sie an: den AfD-Stand als „rassistischen Tatort“ markieren.
Ihre heroische Tat wurde gleich nach Vollendung auf Youtube publiziert. Dort sehen wir einen Julius Wagner, der mit einem Dauerlächeln ausgestattet über die seiner Meinung nach „gelungene Aktion“ berichtet:

Julius Wagner: Nationalismus ist keine Alternative
Wir haben heute die AfD auf dem Panke-Fest symbolisch eingemauert und als Tatort Rassismus markiert.
Wir rufen dazu auf, vor den Wahlen mit Aktionen gegen die AfD zu agieren. Am nächsten Wochenende wird es dazu ja unterschiedliche Aktionen geben. Das sollte heute der Auftakt sein.
berlin2(Bild links: siehe [2])
Wir sind heute zum Stand gegangen und haben vor dem Stand eine symbolische Pappmauer aufgebaut, Flyer verteilt und Sprüche gegen die AfD gerufen.
Die Mitglieder sind dann sofort agressiv geworden, haben die Mauer umgestoßen, haben die Antifas weggeschubst.
Wir sind darüber eigentlich etwas verwundert, weil wir eigentlich sehr friedlich waren.
Mitglieder der Rechtspartei reagierten aggressiv und griffen die Aktivisten an ( [2])
Das zeigt aber, daß die AfD es nicht einmal akzeptieren kann, wenn wir ihnen eine Pappmauer vor die Nase setzen und sie als rassistische Brandstifter markieren, während sie an den europäischen Aussengrenzen Mauern errichten wollen und den Schießbefehl durchsetzen.

Anmerkungen und Links

Hier der Text zum Film auf Youtube:
Eine Hand schnellt vor und packt einen ganz in weiß gekleideten Aktivisten am Hals und schleudert ihn weg. Laute Rufe »Nationalismus raus aus den Köpfen« ertönen, als Freunde zu Hilfe eilen und den Aktivisten aus den Fängen des AfD-Mitglieds befreien.
Diese Szene spielte sich am Wochenende in Pankow/Berlin ab, als etwa 30 Aktivisten symbolisch eine Mauer vor einem AfD-Wahlstand errichteten. Ihr Ziel: den Ort als einen »rassistischen Tatort« markieren.
Wenige Minuten vor dem Zusammenstoß hatten sich die in Maleranzügen vermummten Aktivisten des Bündnis »Nationalismus ist keine Alternative« mit Pappkartons, Flyern und Megafon ausgerüstet, Richtung dem Wahlstand auf dem Panke-Fest aufgemacht.
Dort stellten sie sich vor die Rechtspopulisten, errichteten ihre Pappmauer, sammelten die AfD-Flyer von Passanten ein und versprachen diese ordnungsgemäß zu vernichten. »Wir glauben, dass es nicht mehr reicht, die AfD nur zu ignorieren. Besonders nach dem Wahlerfolg bei den Mecklenburg-Vorpommern-Wahlen. Wir glauben, dass es jetzt wichtig ist, aktiv zu werden und die AfD in ihrem Handeln zu behindern.«
Der Protest fand eine Woche vor den Wahlen in Berlin statt, bei der die AfD mit 15 Prozent droht in den Landtag einzuziehen.
Die AfD-Mitglieder reagierten sehr gereizt auf den Protest und griffen einzelne Aktivisten mit an, dass obwohl die Aktivisten deutlich signalisierten keine Gewalt gegen die rechten Parteimitglieder anzuwenden.
Nach wenigen Minuten löste sich der Protest auf und die Aktivisten entschwanden in alle Himmelsrichtungen.
[1] Berliner Antifa „wehrt“ sich gegen AFD
[2] Neues Deutschland: Mauer vor AfD-Wahlstand errichtet
[3] AfD-Wahlparty Crashen!
[4] Wikipedia: Aktivist
[5] Wahlen zum Abgeordnetenhaus 2016
[6] Zentrale Einheitsfeier Dresden Brandanschlag auf Polizeiautos
[7] neues deutschland: Mauer vor AfD-Wahlstand errichtet

Berliner Gruppe "FOR-Palestine" propagiert die Abschaffung des Staates Israel

akw-abschaltenWie jedes Jahr zum 1.Mai gab es auch 2016 in Berlin wieder viele Aktivitäten zum „Tag der Arbeit“. Z.B. hier in Kreuzberg, wo sich die ganze bunte Vielfalt der Berliner Arbeiterbewegung zeigte: Anti-Atomkraft-[3], Frauen- und Lesbenbewegung, Windkraft-Bewegte und viele, viele Nachhaltigkeits-Befürworter_*Innen waren am Mariannen-Platz versammelt, um der Welt zu zeigen, daß es in Deutschland neben Rassist_Innen, Faschist_Innen und Rechtsradikalen auch friedliche Menschen gibt.
volker
Wer wollte, konnte Bücher von Sarah Wagenknecht oder Volker Pispers kaufen, um sich im Kampf gegen die Feinde der Arbeiterbewegung die richtigen Argumente anzueignen. Das ist deshalb besonders hervorzuheben, weil ja beide Personen von unseren offiziellen Medien boykottiert werden, weder im Fernsehen noch im Rundfunk findet man noch Beiträge von ihnen, und so war es kein Wunder, daß ihre Bücher an mehreren Ständen auslagen und von vielen Besuchern gekauft wurden.
2016-05-01_15-30-21kFür all diejenigen unter uns aber, die sich Sorgen um Palästina und die dort von den Israelis verfolgten Menschen machen, gab es hier am Mariannenplatz genügend Stände, die sich dieses Themas mit großem Engagement annahmen. Zu den Menschen, die für ein freies Palästina warben und das auch deutlich durch ihre Kleidung demonstrierten, gehörte auch dieser freundliche junge Mann, der mir, ohne daß ich ihn dazu aufgefordert hätte, seinen Rücken zeigte, damit ich den Satz auf seinem T-Shirt insgesamt sehen konnte:

Palestine will be free – from the river to the sea.

Ein wenig erinnerte mich das an die Rede vom „judenfreien Deutschland“, für das man vor nicht allzu langer Zeit in Deutschland „nachhaltig“ geworben hatte.
2016-05-01_15-30-25kUnter den „fortschrittlichen“ politischen Gruppierungen in Berlin, die sich für ein möglichst judenfreies Palästina engagieren, gibt es aber noch eine besonders aktive Gruppe namens FOR-Palestine (http://for-palestine.org/de/). Diese Gruppe befindet sich im antirassistischen Bündnis „My Right is your Right“ [2]in guter Gesellschaft: zusammen mit der Arbeiterwohlfahrt, dem „Bündnis gegen Rassismus“, dem „Flüchtlingsrat Berlin“, der „Lesbenberatung“ und dem „Grips-Theater“ (es gehören noch mehr dazu, z.B. das Maxim Gorki Theater, die Schaubühne und das Deutsche Theater).
Wofür werben nun diese „FOR-Palestine“-Leute? Hieß es früher unter den Nazis noch einfach “Juden raus aus Deutschland!“, so formulieren die revolutionären, internationalistischen und fortschrittlichen FOR-Palestine-Mitglieder eleganter:

„Die Rückkehr der Vertriebenen geht einher mit der Abschaffung der zionistischen Kontrolle, sprich die Abschaffung des Staates Israel samt seines Systems der Privilegien.“ ([4])

Solche Sprüche, das muß ich zugeben, erinnern stark an vergangene Zeiten in Deutschland, nur werden sie in einer anderen Sprache formuliert, wie man an dem folgenden Zitat ([1]) besonders gut sieht:

Die Kolonisierung Palästina durch den Zionismus hat Jahrzehnten vor dem zweiten Weltkrieg angefangen. Die zionistischen Migrant*innen, die Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts nach Palästina kamen, haben eine Ideologie für die Kolonisierung des Landes entwickelt – „Kibush Ha´avoda“, Besatzung der Arbeit. Nach dieser Ideologie sollte die Arbeit selbst im Palästina durch den Zionismus übernommen werden, die lokale palästinensische Arbeit durch die vom Zionismus sogenannte „Hebräische Arbeit“ ersetzt werden. Diese Idee wurde mit verschiedenen Mitteln verfolgt: durch Kauf palästinensischen Landes, durch die Verhinderung, auch mit Gewalt, palästinensischer Arbeiter*innen an der Arbeit teilzunehmen, oder durch das Bringen jüdischer Arbeiter*innen aus muslimischen Ländern, mit dem Gedanke, dass sie als nicht-Europäer besser arbeiten können, und trotzdem aber keine Palästinenser*innen sind.

Es ist, als gäbe es in gewissen links-radikalen Kreisen eine Art Joseph Goebbels, zu dessen Aufgaben die Kontrolle sämtlicher Texte auf geschlechtergerechte Formulierung gehört. Allerdings nicht nur das. Sucht man nach einem übergreifenden Merkmal all dieser Texte auf irgendwelchen linken Webseiten, so findet man neben den sprachfeministischen Fanatikern besonders häufig Texte von Israel-Hassern. Irgendwie scheint das alles gut zusammenzupassen.

Anmerkungen und Links

[1] Redebeitrag auf dem internationalistischen Block der revolutionären 1. Mai Demo
[2] Demonstration von „My Right is Your Right!“ am Globalen Tag gegen Rassismus (20.03.2016)
[3] ausgestrahlt.de
[4] Berliner Tagesspiegel am 19.03.2016: Antisemitismus-Vorwurf vor antirassistischer Demo

Das Bundeswehrattraktivitätssteigerungsgesetz

Heute las ich in Henryk Broders neuem Buch „Das ist ja irre“ zum ersten mal etwas über ein Gesetz, das den irren Namen
Bundeswehrattraktivitätssteigerungsgesetz
(Kurzform BwAttraktStG) trägt. Zunächst dachte ich, Broder hätte sich den Namen nur ausgedacht, um Ursula von der Leyen lächerlich zu machen, aber ich mußte dann nach einem Blick auf Wikipedia akzeptieren: dieses Gesetz gibt es wirklich.

Bevor wir auf die eigentliche Absurdität dieses Gesetzes zu sprechen kommen (die mit seinem Namen nur entfernt zutun hat), möchte ich betonen, daß das BwAttraktStG keinesfalls die Spitze des Eisbergs der Verrücktheiten aus der Fachsprache der Verwaltungsjuristen darstellt. Da gibt es noch ein paar Stufen höher Bezeichnungen wie

Das Absurde an diesem BwAttraktStG ist aber nicht der Name, sondern sein Zweck und der Zeitpunkt seines Inkrafttretens (23.Mai 2015). Denn wodurch wurde die öffentliche Diskussion über die Bundeswehr in den Monaten zuvor bestimmt?
Es waren

  • das G36-Sturmgewehr, das bei Erwärmung durch Dauerfeuer wie auch bei wechselnden Außentemperaturen gerne mal daneben schießt,[15]
  • Hubschrauber des Typs NH90, die Triebwerksprobleme hatten und notlanden mußten,[14]
  • Maschinengewehre des Typs MG3, die Rissbildungen in den Blechgehäusen bekamen, so daß dieser Typ nun durch ein neues Gewehr, das MG5 von Heckler&Koch, ersetzt werden soll, [12]
  • 1215 MG5, die man im März 2015 bei Heckler&Koch bestellt hatte(für schlappe 20 Millionen Euro, insgesamt sollen es 200 Millionen werden), doch schon jetzt gibt es Beschwerden über die Schießgenauigkeit, [13]
  • das Scharfschützengewehr G22: da beschwerte sich die Bundeswehr über die geringe Lebensdauer der Originalläufe, [12]
  • der Schützenpanzer Puma: der sollte mal so stark gepanzert sein wie ein Kampfpanzer, dann hätte er aber 50 bis 70 Tonnen gewogen und wäre somit zu schwer für einen Lufttransport ins Ausland gewesen, also mußte er nachträglich abgespeckt werden, [11]
  • der Kampfjet „Eurofighter“: bei ihm werden regelmäßig alle paar Monate schwerwiegende Probleme bei der Produktion gemeldet, [10]
  • die Gefechtshelme, bei denen ’ne Schraube locker war [9].

Ursula von der Leyen und ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter (beachten Sie in den folgenden Gesetzesauszügen die Auswüchse von geschlechtergerechter Sprache!) täten also gut daran, die Ausrüstung der Bundeswehr zumindest so weit zu verbessern, daß das Gerät bei einer Vorführung anläßlich des Empfangs eines Staatspräsidenten aus dem Ausland einigermaßen funktioniert.
Statt dessen aber tritt am 23.Mai 2015 das Bundeswehrattraktivitätssteigerungsgesetz in Kraft, das in der

Verordnung über die Teilzeitbeschäftigung von Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr (Soldatinnen- und Soldatenteilzeitbeschäftigungsverordnung – STzV)

den Antrag auf familienbedingte Teilzeitbeschäftigung neu faßt.
In der alten Fassung sah der erste Teil dieses Antrags so aus:

Mit der Antragstellung ist darzulegen, dass mindestens ein Kind unter 18 Jahren oder eine pflegebedürftige sonstige Angehörige oder ein pflegebedürftiger sonstiger Angehöriger tatsächlich zu betreuen oder zu pflegen ist. Die Pflegebedürftigkeit einer oder eines sonstigen Angehörigen ist durch ein ärztliches Gutachten nachzuweisen.

Und was ist daraus geworden, nachdem Ursula sich das angesehen hat? Dieses:

„(1) Im Antrag auf familienbedingte Teilzeitbeschäftigung (§ 30a Absatz 1 Satz 2 des Soldatengesetzes) ist darzulegen, dass mindestens ein Kind unter 18 Jahren, eine pflegebedürftige sonstige Angehörige oder ein pflegebedürftiger sonstiger Angehöriger tatsächlich zu betreuen oder zu pflegen ist. Teilzeitbeschäftigung zur Betreuung oder Pflege mindestens eines Kinds unter 18 Jahren kann von beiden in einem Wehrdienstverhältnis stehenden Elternteilen beantragt werden. Beantragt werden kann eine anteilige, jeweils alleinige oder gemeinsame Teilzeitbeschäftigung.“

Na also! Der Nachweis der Pflegebedürftigkeit durch ein ärztliches Gutachten war doch reine Schikane des Gesetzgebers! Und das schöne ist jetzt ja auch, daß gleich beide, die Soldatin und der Soldat (die entweder schlicht verheiratet sind oder in einer Lebenspartnerschaft leben), auf Teilzeit gehen können. Eine saubere Lösung! Nur eins fehlt da noch:

Dürfen auch 2 lesbische Soldatinnen, die ein adoptiertes Kind gemeinsam erziehen, eine Teilzeitbeschäftigung zur Betreuung oder Pflege dieses Kindes beantragen?

Anscheinend nicht, sonst hätte man diese Möglichkeit im neuen Gesetz erwähnen müssen. Schlimm, da werden ja Menschen ausgegrenzt! Das wäre doch eine gute Möglichkeit für die GRÜNEN, einen Antrag auf Erweiterung des BwAttraktStG im Bundestag einzubringen.
Nehmen wir ein weiteres Beispiel: wer als Angehöriger gilt, den man in der Teilzeit betreuen darf, wird genauestens festgelegt. In der alten Fassung der STzV (falls Sie nicht mehr wissen, was damit gemeint ist: Soldatinnen- und Soldatenteilzeitbeschäftigungsverordnung) fallen darunter z.B.

Ehepartnerinnen und Ehepartner der Geschwister und Geschwister der Ehepartnerinnen und Ehepartner

Aber nur diese. Das aber mißfiel der Verteidigungsministerin und ihren Helfern aus den diversen Amtsstuben, denn da fehlten doch eindeutig die Lebenspartnerinnen und Lebenspartner! Was wurde also im neuen Gesetz aus dieser alten Passage?

Ehepartnerinnen und Ehepartner der Geschwister, Lebenspartnerinnen und Lebenspartner der Geschwister, Geschwister der Ehepartnerinnen und Ehepartner und Geschwister der Lebenspartnerinnen und Lebenspartner“

Wunderbar! Jetzt kann z.B. eine lesbische Soldatin, die mit einer bisexuellen Soldatin verLebensPartnert ist, deren behinderten schwulen Bruder betreuen. Montags bis mittwochs schießt sie mit dem G36 und verbrennt sich dabei die Hände, den Rest der Woche ist sie „auf Teilzeit“ und ärgert sich über den 2. Partner ihrer bisexuellen Lebenspartnerin, der in der freien Wirtschaft arbeitet und keine Zeit zur Betreuung des behinderten Bruders hat.
Wenn das nicht ungerecht ist!
Aber eigentlich sollte die Bundeswehr ja in der Lage sein, die Bundesrepublik Deutschland bei einem Angriff von außen zu verteidigen. Verfolgt man die Meldungen über Serien von Ausrüstungspannen bei Panzern, Sturmgewehren und Hubschraubern (um nur mal drei zu nennen!) und schaut sich dann dieses
Bundeswehrattraktivitätssteigerungsgesetz an, so könnte man wie Henryk M.Broder auf die Idee kommen, die Bundeswehr gleich ganz abzuschaffen:

Man könnte sie natürlich auch abschaffen, das Verteidigungsministerium auflösen, und durch einen Anrufbeantworter ersetzen: „Liebe Angreifer, bitte beachten sie, wir haben soeben kapituliert. Machen Sie es sich bequem und achten Sie bitte auf Ihren CO2-Fußabdruck.“

Anmerkungen und Links

[1] Henryk M. Broder: Das ist ja irre! Mein deutsches Tagebuch
[2] Bundeswehr-Attraktivitätssteigerungsgesetz
[3] Rindfleisch­etikettierungs­überwachungs­aufgaben­übertragungs­gesetz
[4] Der SPIEGEL: Beschluss im Schweriner Landtag: Längstes Wort Deutschlands hat ausgedient
[5] Rindfleischetikettierungsüberwachungsaufgabenübertragungsgesetz
[6] Bremer Sprachlog
[7] Verkehrsinfrastrukturfinanzierungsgesellschaftsgesetz – VIFGG
[8] Vermögenszuordnungszuständigkeitsübertragungsverordnung – VZOZÜV
[9] Gefechtshelm hat ’ne Schraube locker
[10] Rüstungsprojekt der Bundeswehr: Neue Mängel beim Kampfjet „Eurofighter“
[11] Zwölf Gründe, warum Bundeswehrprojekte so oft schiefgehen
[12] Probleme mit Bundeswehr-Waffen: Das G36 ist nicht allein
[13] Neues Maschinengewehr MG5
[14] Noch mehr Ärger mit dem Militärhubschrauber
[15] Bundeswehr erwägt Modernisierung des G36

Die heilsamen Schwingungen der Christiane Tietze

https://www.youtube-nocookie.com/embed/Y9rCS_I8UU4 Wer gerne lacht, sollte am besten gleich zum Ende dieses Artikels vorscrollen. Und wer etwas über Raum und Zeit erfahren möchte, braucht sich heutzutage nicht mehr mit lästigen Formeln aus Physik und Mathematik herumzuschlagen. Man geht statt dessen einfach auf die Internetseite Raum&Zeit und bekommt dort in Vorträgen und Video-Clips die Welt erklärt. Oder man kauft sich das raum&zeit Magazin des Ehlers Verlags aus dem oberbayerischen Wolfratshausen. Der preist seine „Fachzeitschrift“ mit den folgenden Worten:

Ob Atomkraft, Mobilfunk-Terror oder Apparatemedizin – die Gesundheit von Mensch und Natur wird seit Jahrzehnten den Profit- und Macht-Interessen von Wirtschaft und Politik geopfert, so die Überzeugung der Herausgeberinnen des raum&zeit Magazins.

Solche Sätze könnten auch aus einem Parteiprogramm der GRÜNEN, der LINKEN oder der Violetten stammen. Oder der Jusos. Wes Geistes Kind die „Mitarbeiterinnen“ (denn raum&zeit beschäftigt selbstredend ausschließlich Frauen, obwohl manche der Mitarbeiterinnen eher wie Männer aussehen) aber nun wirklich sind, erfasst man am besten durch einen Blick auf die top-aktuellen Themen und Veranstaltungen auf der Hauptseite von raum&zeit:

  • Tödliche Affentransporte von Air France
  • Kornkreis in Alling / Biburg (Bayern)
  • Massenabschlachtung von Grindwalen
  • Saatgut in der Hand großer Konzerne
  • Monsanto greift Glyphosat-Kritiker an
  • Trotz Niederlage: Bayern könnte TTIP stoppen!
  • Workshop: Heilen mit Zeichen

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter (und auch die schwulen, lesbisch und sonstwie gearteten Mitarbeitenden) von raum&zeit befinden sich mit solchen Themen in guter Nachbarschaft zur NPD, auf deren Internetseite man z.B. folgende Beiträge findet:

Nehmen wir hier nur mal das Thema Glyphosat heraus: da sind sich die GRÜNEN, die LINKE, die NPD und die Süddeutsche Zeitung einig. Und natürlich Greenpeace, Nabu und BUND und die „Mitarbeiterinnen“ von raum&zeit. Alle sind der Meinung, daß Glyphosat schnellstens verboten werden sollte, und am besten sollte man gleich die Einfuhr sämtlicher Produkte des US-Konzerns Monsanto verbieten. Auf die Begründungen braucht man hier nicht näher einzugehen, es sind die üblichen nationalistischen, rechts- wie linksradikalen Thesen gegen die US-Imperialisten und deren Banken und Konzerne. Wer eine gute Darstellung der Glyphosat-Problematik lesen will, sei auf den Beitrag von Susanne Günther in Novo Argumente verwiesen.
raum&zeit rudert also mit der NPD und deren zahlreichen Freunden im selben braunen Sumpf. Man muß den „Mitarbeiterinnen“ aber eines zugute halten: Ihre Themen und Beiträge sind so weit ab von der Realität, daß sie zum Lachen reizen. Sie sind einfach gute Unterhaltung! Und deshalb habe ich der „Klang-Therapeutin“ Christiane Tietze von raum&zeit folgende E-Mail geschrieben:

Liebe Medium und Klang-Heilerin Christiane Tietze,
gibt es bei Ihnen auch eine Ausbildung zum „Donnertrommel-Schamanen“ für weniger als 250,- Euro?
Ich bin gerade nämlich aus Indien von einer Fortbildung zum homöopathischen Realitätenkellner zurückgekommen und deshalb total pleite, die Fortbildung war zwar impulsmäßig und orgontechnisch sehr erfolgreich, genauso wie auch Ihr für mich wahnsinnig tief bewegendes Interview zur Klangtherapie, nur haben mich die Fahrt nach Indien und die Seminargebühren (1 Woche Kreative Homöopathie inkl. Realitätenkellner-Prüfung) einiges gekostet!
Wäre also nett, wenn Sie mir ein Angebot machen könnten, ich würde mich auch gerne revenchieren mit einer Ausbildung zur hellsichtigen Kornkreis-Kellnerin, die ich in meinem neu gegründeten „Institut für ganzheitliche Energieverarbeitung“ für nur 399,- Euro anbieten kann.

Sprachfeminismus in den "Notizen vom Birklehof"


Zweimal im Jahr bekomme ich Post aus Hinterzarten im Schwarzwald. Im Briefkasten liegen dann die „Notizen“ der Schule Birklehof, jenes Internats, in dem ich 3 Schuljahre bis zum Abitur verbrachte. Diese Jahre waren zum Teil sehr erholsam, befreiten sie mich doch von dem strengen, autoritären Schulgeist des städtischen Gymnasiums in Gevelsberg, das ich zuvor 6 Jahre lang besucht hatte.
Am Birklehof ging es in vielen Dingen ungezwungener zu: kein militärischer Drill im Sportunterricht, ein Riesenangebot an musikalischer Betätigung und ein angenehm freundlicher und direkter Kontakt zu Lehrern und Erziehern. Doch ist mir schon damals aufgefallen, daß es unter der Decke der auf Elterntagen und Abiturfeiern demonstrierten heilen Birklehof-Welt ganz schön brodelte.

Das mag damit zusammenhängen, daß wir als „68er“ nicht gerade besonders träge waren, wenn es darum ging, die „Erwachsenen“ zu provozieren, die Lehrer, die Mentoren, die Eltern, kurz eben alle, die uns damals so auf den Geist gingen. Aufgemalte Hakenkreuze auf der direkt am Birklehof vorbeiführenden Bundesstrasse nach Freiburg, nächtens mit Ölfarbe vollgeschmierte Lehrerautos und Sauforgien im Jazzkeller unter der Turnhalle gehörten zu jenen Ereignissen, die von den Verantwortlichen dieser Schule am liebsten totgeschwiegen wurden. Am unangenehmsten war es ihnen, wenn sich Schüler auf einer offiziellen Veranstaltung der Schule kritisch äußerten: wenn sie z.B. anstatt eines Gebetes aus der damals populären „Mao-Bibel“ vorlasen oder in einer Abiturfeier zum Entsetzen der Lehrer und Hauserwachsenen die fehlende sexuelle Freiheit beklagten.
Das alles ist jetzt mehr als 48 Jahre her, und es hat sich einiges in der Welt geändert. Aber eines ist seitdem gleich geblieben: Lehrer, Erzieher und Mitarbeiter des Internats unterliegen nach wie vor dem gesellschaftlichen Mainstream. Waren sie 1966 noch stockkonservativ, wie wir es als 68er damals empfanden, so sind sie heute stramme Gutmenschen.
Um auf diesen Gedanken zu kommen, reicht ein Blick in die halbjährlich von der Schule Birklehof an alle interessierten Alt-Birklehofer (also ehemaligen Schüler) verschickten „Notizen vom Birklehof“. Dort begegnet uns z.B. Petra Gerster [2], Hauptmoderatorin von ZDF-Heute, die eine „auf ökonomische Verwertbarkeit verengte Sicht von Bildung“ beklagt und für eine „umfassende Charakterbildung“ plädiert. Solche Sprüche kommen bei den Birklehof-Verantwortlichen gut an, nicht nur weil Petra Gerster auch mal Lehrerin werden wollte, sondern auch deshalb, weil der Birklehof schon immer großen Wert auf eine klassische humanistische Bildung legte. Und es war schon immer unter der Würde des Birklehof-Lehrers bzw. Mitarbeiters, an so etwas wie ökonomische Verwertbarkeit auch nur zu denken. Hier dachte man lieber an altgriechische Philosophen oder Goethes Farbenlehre und nahm abends im Eßsaal an Übungen in anthroposophischer Bewegungskunst (Eurythmie) teil.
Zwar sind inzwischen Latein und Griechisch keine Pflichtfächer mehr, und man achtet auch darauf, daß das Schulgeld von 2600,- Euro pro Monat für die internen Schüler gezahlt wird.
Das tat man allerdings auch schon vor 50 Jahren, insofern hat sich nicht viel geändert.
Aber wer die Berichte in den „Notizen vom Birklehof“ aufmerksam studiert, sieht sofort, warum gerade Leute wie Petra Gerster oder auch Richard David Precht (Monogam wurde der Mensch durch die jüdische Seuchenmoral) in diesen Heften gerne zitiert werden [2]. Denn worum geht es in fast allen Beiträgen der Notizen vom Birklehof? Man ahnt es schon:

Literatur, Kunst, Philosophie, Wandern im Schwarzwald,Theater, Musik, Tanz und Inszenierung, alte Sprachen, Sport.

(Foto links: Winter 1977, Neubirkle) Daneben gibt es natürlich noch Berichte über den Weihnachtsmarkt, über Mitarbeiter, die in den Ruhestand gehen und neu eingestellte Lehrer. Wer aber Beiträge über die Schulfächer Mathematik, Physik, Chemie, Biologie oder Informatik sucht, blickt vergebens in diese „Notizen“. Das ist den Verfassern dieser Hefte offensichtlich schon zu sehr „ökonomisch verwertbar“, womöglich zu „materialistisch“. Lediglich bei neu eingestellten Mitarbeitern für naturwissenschaftliche Fächer macht man da gezwungenermaßen eine Ausnahme, ansonsten schreiben Altbirklehofer wie Viktoria Brigitte von Bonin (früher Roth) in den „Notizen“ lieber darüber, wie schön es doch war, als sie beim Altbirklehofer Treffen feststellte, daß sie nicht die einzige in der Runde mit einer 5 in Mathe war (es waren sogar 10 von 13 Anwesenden, die sich über eine 5 in Mathe freuten).
Doch all diese schönen Berichte über

  • „Griechisch-Seminare für Eltern“,
  • „Erlebnispädagogik beim Nachmittagssport“ oder
  • „Tanz und Inszenierung als Klassenarbeit“

mit ihren vielen Fotos könnte man ja noch ertragen, würde man nicht auf jeder Seite durch einen unerträglich konsequenten Sprachfeminismus gequält. Denn wer sich die von der Redakteurin Hanna Kneser (einer Angestellten der Schule Birklehof) als „Notizen“ verschickten Informationsblätter durchliest, bekommt den Eindruck, als habe ein Art feministische Reichsschrifttumskammer der Redaktion Vorgaben für die Veröffentlichungen gemacht. So kann man u.a. im Notizenheft vom September 2011 128-mal die Sprachkombination „Schülerinnen und Schüler“ lesen. Das wäre ja noch ertragbar, aber es kommen weitere sprachliche Verrenkungen dazu:
(Foto links: Blick auf das sog. „Haupthaus“ im Januar 1977)Da ist von Mitschülerinnen und Mitschülern die Rede, von Teilnehmerinnen und Teilnehmern, Bundessiegerinnen und Bundessiegern. Lehrende unterrichten Abiturientinnen und Abiturienten, Mitschülerinnen und Mitschüler werden von Mentorinnen und Mentoren betreut, Sportlerinnen und Sportler trainieren gemeinsam mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, es wimmelt von Kolleginnen und Kollegen, Unterhausbewohnerinnen und -bewohnern, Unterstufenschülerinnen und -schülern und Oberstufenschülerinnen und -schülern. Unter den Birklehofschülerinnen und -schülern gibt es auch Norwegenfahrerinnen und -fahrer, die wahrscheinlich keine Sechstklässlerinnen und -klässler sind, sondern eher der Oberstufe Zuzuordnende.
In dem verkrampften Bemühen, immer auch die weibliche Form mit zu erwähnen (und das natürlich immer an erster Stelle vor der männlichen), unterlaufen den Redakteuren dieser „Notizen“ z.T. groteske grammatikalische oder auch Schreibfehler (oder sie vergessen ihre eigenen Sprachvorschriften). So schreiben sie z.B.

  • … besprach sie gemeinsam mit ihren Schülerinnen und -schülern die Ziele [2]
  • Fast alle Schülerinnen und Schüler waren Fahrschüler [6]

Da fragt man sich dann schon, wie ein Deutschlehrer an dieser Schule einen solchen geschriebenen Satz benoten soll.
Es mag zwar sein, daß Lann Hornscheidt, „Professx“ für Gender Studies und Sprachanalyse am Zentrum für Transdisziplinäre Geschlechterstudien der Humboldt-Universität in Berlin, diese Art der Schreiberei als „geschlechtergerecht“ oder „nicht zweigendernd“ empfindet, es könnte aber auch sein, daß es Leser der Birklehof-Notizen gibt, die den extremen Sprachfeminismus in diesen Heften als Sexismus wahrnehmen und die katzbuckelnde Unterordnung der Schuldirektoren und Mitarbeiter unter diese feministische Genderposse nur lächerlich finden.
Oder was soll man wohl denken, wenn man folgenden Satz in einem Schreiben des Birklehofs an ehemalige Schüler liest:

Unsere Lehrerinnen und Lehrer, Hauserwachsenen und Mentorinnen und Mentoren stehen den Schülerinnen und Schülern als Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner zur Verfügung.

Anmerkungen und Links

Alle Fotos in diesem Artikel sind Eigentum des Verfassers.
[1] Die Neue Rheinische Zeitung in „Über uns“
[2] Birklehof-Notizen, Ausgabe September 2011
[3] Wikipedia über Petra Gerster
[4] Elite-Internat Birklehof: Vorwürfe gegen ehemaligen Schularzt
[5] Wikipedia über das Internat Birklehof
[6] Birklehof-Notizen, Ausgabe März 2012

Dresden 1945: 25000 oder 250000 Tote?

Im Blog von Klaus Peter Krause [1] gab es im Februar 2015 eine kleine Diskussion über die Opferzahlen der Luftangriffe auf Dresden im Februar 1945. Unter der Überschrift „Wieviele Bombenopfer in Dresden waren es wirklich?“ wurde dort die seit 70 Jahren in gewissen Kreisen herumgeisternde Behauptung
Statt 25000 eher 250000 Tote des Bombenterrors von Briten und Amerikanern
als „beweisbar“ hingestellt, und zwar u.a. aufgrund einer „Analyse“ von einer Frau Karin Zimmermann ([6]).
Ich habe Herrn Krause daraufhin folgenden Leserbrief geschrieben, den er auch in seinem Blog veröffentlichte:
Es ist schon erstaunlich, mit wie wenig Fachkenntnis hier alle möglichen absurden nazikompatiblen Behauptungen aufgestellt werden. Wie zum Beispiel die Totenzahlen von Dresden.
Da sind es einmal 300.000, dann wieder „mindestens 250.000“, manchmal auch „nur“ 200.000, jedoch erscheint den meisten in diesen Kommentaren die Zahl 25.000 als völlig unwahrscheinlich.
Diese Meinung kann nur jemand haben, der Null Ahnung von der Arbeit der Historiker in den letzten 60 Jahren zu diesem Thema hat.

Oder überhaupt wie der Blogger Reinhard Lütkemeyer aus Bad Godesberg die Meinung vertritt,
„Die genaue Zahl der Bombenopfer konnte nie ermittelt werden. Jüdische pseudowissenschaftliche Propagandaschriften aus neuerer Zeit sprechen deshalb verharmlosend von nur 25.000 Opfern.“
Lütkemeyers Website “scusi” http://scusi.twoday.net/) wurde schon mal von Reinhard Mohr in Spiegel-Online (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,632499,00.html) explizit als antisemitisch bezeichnet.
Anscheinend vertrauen Sie, Herr Krause, ähnlich wie Lütkemeyer bei ihren „Recherchen“ offensichtlich lieber dem britischen Holocaustleugner David Irving, der die Tagebücher der Anne Frank als Fälschung bezeichnete und bei seiner Behauptung über 202.040 Tote in Dresden seinerseits einer Fälschung aufgesessen war. Den von ihm als Beweis über Jahrzehnte immer wieder vorgelegten “Tagesbefehl Nr.47″ des höheren SS- und Polizeiführers Dresden hatte nämlich das Goebbelsche Propagandaministerium passend korrigiert:
„In Ehlichs Abschrift betrug die damals aktuelle Zahl der Todesopfer 20.204, die Zahl der insgesamt erwarteten Opfer 25.000 und die der kremierten Leichen 6.865. Offenbar hatte irgendjemand, wahrscheinlich aus Goebbels’ Propagandaminsterium, das Dokument grob gefälscht, indem er einfach an jede dieser drei Zahlen eine Null anhängte.“
Einer der besten Kenner der Luftangriffe auf Dresden, der Historiker und Zeitzeuge Götz Bergander, hatte diese Fälschung schon 1977 aufgedeckt. Irving hat jedoch immer wieder versucht, die Opferzahlen in Dresden nach oben zu “korrigieren”, sogar nachdem er die obige Fälschung in einer neuen Ausgabe seines Buches “Der Untergang Dresdens” zugeben mußte. Seine Halsstarrigkeit kostete ihn schließlich 2 Millionen Pfund Gerichtskosten für den Verleumdungsprozesses, den er im Frühjahr 2000 in London gegen die amerikanische Historikerin Deborah Lipstadt und ihren Verlag Penguin Books angestrengt hatte. Seitdem ist er ein vom Gericht bestätigter “Antisemit und Holocaustleugner”.
Und, liebe Freunde dieses Blogs von Karl Peter Krause, selbst wenn ihr nichts von der ganzen Problematik um die Opferzahlen wißt, dann hättet ihr euch wenigstens den Abschlußbericht der Historiker-Kommission der Stadt Dresden durchlesen können, die Ende 2008 ihr Ergebnis veröffentlichte:

„Im Ergebnis der Untersuchungen der Kommission sind bislang 18.000 Dresdner Luftkriegstote nachgewiesen worden, die den Luftangriffen zwischen dem 13. und 15. Februar 1945 zuzuordnen sind. Die Kommission geht von maximal 25.000 Menschen aus, die während der Februar-Luftangriffe in Dresden ums Leben gekommen sind. „

18.000 sind also definitiv nachgewiesen worden! Und wer saß in dieser Historikerkommission ?
Götz Bergander, Berlin, selbst Zeitzeuge der Bombardierung Dresdens und Autor der Publikation “Dresden im Luftkrieg”,
die Luftkriegsexperten Dr. Horst Boog, Steegen, und Dr. Helmut Schnatz, Koblenz,
Wolfgang Fleischer vom Militärhistorischen Museum der Bundeswehr in Dresden,
der Amtsleiter des Stadtarchivs Dresden Archivdirektor Thomas Kübler,
Prof. Dr. Rolf-Dieter Müller vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt der Bundeswehr Potsdam,
Dr. Rüdiger Overmans, Freiburg, als ehemaliger Mitarbeiter dieses Institutes und
Dr. Alexander von Plato , Leiter des Bereiches “Oral History” an der Fernuniversität Hagen.
Weiterhin gehören zur Kommission Matthias Neutzner als Vertreter der Interessengemeinschaft “13. Februar 1945″ e.V.,
der am Stadtmuseum Dresden tätige Wissenschaftler Friedrich Reichert,
die Dresdner Historikerin Nicole Schönherr vom Frauenstadtarchiv und Zeitzeugenarchiv Dresden und
Dr. Thomas Widera vom Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung e.V. an der TU Dresden.
Die wissenschaftliche Leitung hatte Prof. Müller übernommen.
====> Und das sollen alles jüdische Geschichtsverfälscher sein?
Und noch ein letztes zu den ach so schlimmen Tieffliegerangriffen in Dresden. Erstens gibt es auch über dieses Thema Untersuchungen von Historikern, die garantiert mehr von der Sache verstehen als ein Klaus Peter Krause ([1] (z.B. Helmut Schnatz: Tiefflieger über Dresden? Legenden und Wirklichkeit, Mit einem Vorwort von Götz Bergander).
Und zweitens kann man sich auch einfach den Artikel „Warum gab es keine Tiefflieger über Dresden?“ (Untertitel: Obwohl zahlreiche Zeitzeugen das Gegenteil glauben, sind sich seriöse Historiker sicher: Am 13. und 14. Februar 1945 flogen alliierten Jäger keine Angriffe auf das bombenzerstörte Dresden.) verfasst von Sven Felix Kellerhoff in der Zeitung „Die Welt“ vom 22.05.13 durchlesen. Wer dann immer noch glaubt, daß mindestens 200.000 Deutsche in Dresden umgekommen sind, kann sich ja als Hilfsredakteur beim Panzerarchiv (http://forum.panzer-archiv.de/viewtopic.php?t=2506) bewerben. Da trifft er dann auf Gleichgesinnte.


In einem 2.Leserbrief habe ich folgendes geschrieben:
Die von Dr. Klaus Peter Krause als
sachkundige couragierte Frau Karin Zimmermann, Jahrgang 1941, die sich mit zahlreichen politischen Themen befasst und sich öffentlich dazu äußert
beschriebene Dame hat in ihrem Bericht, der dem Artikel von Krause zugrunde lag, auch mehrfach David Irving zitiert. Sie erwähnt ihn in ihrer “Untersuchung” über die Bombardierung Dresdens auf den Seiten 18, 27 und 44.
Natürlich nur als Kronzeugen für ihre Behauptung, daß die Historikerkommission in Dresden aus unfähigen, von der Stadt Dresden extra ausgewählten Personen bestand, allesamt US-Bewunderer, die die Anzahl der Toten auf jeden Fall unter die 25.000 drücken wollten.
Frau Zimmermann vergaß zu erwähnen, was über Irving bekannt ist, möglicherweise hält sie es auch für Wikipedia-Greuelmärchen:
“.. ist ein britischer Geschichtsrevisionist und Holocaustleugner. Er verfasste etwa 30 Bücher über die Zeit des Nationalsozialismus, darunter 1963 ein Buch über die Luftangriffe auf Dresden, das ihn bekannt machte.
1977 leugnete er Adolf Hitlers Initiative am Zweiten Weltkrieg und sein Wissen vom Holocaust bis 1943. Dadurch verlor er allmählich sein bisheriges Ansehen als seriöser Sachbuchautor. Seit 1988 bestreitet er öffentlich den Vernichtungszweck der Gaskammern und Krematorien der Konzentrationslager Auschwitz. Er wurde deshalb in mehreren Staaten strafrechtlich verurteilt und erhielt Einreiseverbote.
1977 bewies ein Fund Götz Berganders endgültig die Fälschung der Opferzahlen: Im Propagandaministerium von Joseph Goebbels war an jede Originalzahl zu bereits kremierten (6.865), registrierten (20.204) und erwarteten (25.000) Toten eine Null angehängt und so die Zahlen verzehnfacht worden, um die Luftangriffe in der Auslandspresse als Verbrechen darzustellen.”
Irving, der in mehreren seiner Bücher behauptet hatte, Anne Franks Tagebücher seien eine Fälschung, obwohl das BKA bereits 1980 in einem Gutachten ein für alle mal die Echtheit geklärt hatte, verstieg sich im Prozess gegen den Verlag Penguin Books und die amerikanische Religionswissenschaftlerin Deborah Lipstadt zu der Behauptung, dass „auf dem Rücksitz von Senator Edward Kennedys Auto in Chappaquidick mehr Frauen starben als in den Gaskammern von Auschwitz.“
Diese Tatsachen sind seit langem bekannt. Warum geht Frau Zimmermann mit keinem Wort auf die erwiesene Fragwürdigkeit von Irvings Ausführungen zum Thema Dresden ein?
Und warum stellen Sie selbst, Herr Krause, keinerlei kritische Fragen zum Thema “David Irving” in Zimmermanns Untersuchung?
Sie haben, um bei Ihren Worten zu bleiben, offensichtlich weder die Bücher von Götz Bergander noch die Ausführungen von Helmut Schnatz (incl. seiner neueren Nachträge zum Thema) gelesen.


Nach diesem Beitrag war der Herr Karl Peter Krause nicht mehr gewillt, einen weiteren Leserbrief von mir in seinem Blog zu veröffentlichen. Das kann ich gut verstehen!

Anmerkungen und Links

[1] Homepage von Klaus Peter Krause
[2] Klaus Peter Krause: Wieviele Bombenopfer in Dresden waren es wirklich?
[3] Gert Bürgel: Tiefflieger – Dresden 1945
[4] Sächsische Zeitung vom 30.03.2009: Hobbyforscher liefert Zeugen für Tiefflieger
[5] Panzer-Archiv.de über die Dresdner Opferzahlen
[6] Karin Zimmermann über die Opferzahlen und Tieffliegerangriffe
[7] Die WELT: Warum gab es keine Tiefflieger über Dresden?
[8] Helmut Schnatz: Nachträge Tiefflieger über Dresden
[9] Die WELT: Das Rätsel der Tieffliegerangriffe auf Dresden
[10] Die WELT Geschichts-Dossier über Tiefflieger über Dresden

Leserbrief von David Irving in der Times vom 7. Juli 1966:

Sehr geehrte Damen und Herren –
Ihre Zeitung genießt einen beneidenswerten Ruf, was Genauigkeit
angeht, und Ihre Bereitschaft, auch die kleinsten Fehler von
einem Tag auf den nächsten zu korrigieren, weckt gewiss die
Begeisterung Ihrer Leser; wie aber soll ein Historiker einen
Fehler korrigieren, wenn er feststellt, dass er sich geirrt hat?
Ich bitte Sie um Berücksichtigung auf Ihren Seiten.
Die Bombenangriffe von 1945 auf Dresden wurden in den letzten
Jahren von manch einem als Beweis dafür angeführt, dass
konventionelle Bombardements zerstörerischer sein können als
Atombombenangriffe, und andere haben versucht, daraus falsche
Lehren zu ziehen. Der Anteil meiner eigenen Schuld daran ist
nicht gering: In meinem 1963 erschienenen Buch The Destruction of
Dresden habe ich festgehalten, dass die Zahl der Todesopfer in
dieser Stadt zwischen 35.000 und mehr als 200.000 liegt.
Die höheren Zahlen habe ich nicht als absurd empfunden, als ich
die Begleitumstände gewürdigt habe. Drei Jahre lang habe ich
versucht, die deutschen Dokumente in Zusammenhang mit den Schäden
ans Licht zu bringen, doch die ostdeutschen Behörden konnten mich
nicht unterstützen. Vor zwei Jahren konnte ich aus einer privaten
ostdeutschen Quelle ein Dokument bekommen, das anscheinend ein
Auszug aus dem Bericht des Polizeipräsidenten war. Dort wurde eine
endgültige Opferzahl von „einer Viertelmillion“ genannt. Die
übrigen dort enthaltenen Statistiken waren akkurat, doch
inzwischen ist klar, dass diese Statistik der Todesopfer eine
wahrscheinlich 1945 entstandene Fälschung war.
Die ostdeutschen Behörden (die sich ursprünglich weigerten, mir
die Dokumente zu überlassen) haben mir eine Kopie des 11-seitigen
„Schlussberichts“ gegeben, der etwa einen Monat nach den Luftangriffen
auf Dresden vom Bezirkspolizeichef verfasst wurde. An der
Echtheit dieses Dokuments besteht kein Zweifel. Kurz gesagt zeigt
der Bericht, dass die Zahl der Todesopfer in Dresden sich
weitgehend in der gleichen Größenordnung bewegt wie bei den
schwersten Luftangriffen auf Hamburg im Jahre 1943. Man sollte
noch anmerken, dass der Verfasser des Dokuments, der Höhere SS-
und Polizeiführer Elbe, in Dresden für die Zivilverteidigung
zuständig war.
Seine Zahlen waren viel niedriger als jene, die ich zitiert habe.
Der entscheidende Abschnitt lautet: „Personenschäden: am 10. März
1945 waren 18.375 Tote, 2.212 schwer Verletzte und 13.918 leicht
Verletzte und 350.000 Obdachlose und dauerhaft umquartierte Personen
registriert.“ Die Gesamtzahl der Todesopfer, „vor allem Frauen
und Kinder“, sollte 25.000 erreichen; weniger als einhundert Tote
waren Soldaten. Von den bis dahin geborgenen Toten waren 6.865
auf einem Platz in der Stadt eingeäschert worden. Insgesamt
35.000 Personen waren als „vermisst“ registriert.
Die Echtheit des Berichts steht völlig außer Zweifel, da ich nur
wenige Tage nach dem ersten aus einer westlichen Quelle einen
zweiten deutschen Lagebericht erhalten habe. Er wiederholt exakt
die im oben erwähnten Bericht genannten Zahlen, auf denen er
offensichtlich beruhte.
Der zweite Bericht, eine Zusammenstellung der Berliner Polizei
über die „Luftangriffe auf das Reichsgebiet“ vom 22. März 1945
wurde durch Zufall, nachdem er falsch eingeordnet worden war,
zwischen den 25.000 Akten des Reichsfinanzministeriums gefunden,
die derzeit im westdeutschen Bundesarchiv erschlossen werden. Er
wurde mir von Dr. Boberach, einem Archivar, übermittelt.
Ich habe kein Interesse, falsche Legenden zu verbreiten und
aufrecht zu erhalten, und deshalb ist es mir ein Anliegen, dass
die Dinge diesbezüglich richtig gestellt werden.
Ich verbleibe mit vorzüglicher Hochachtung
David Irving, 25 Elgin Mansions, W.9.

Barbara Hendricks

Daß eine lesbische SPD-Frau Umweltministerin wird, sollte uns nicht erstaunen. In vielen Bereichen gibt es schon Frauenqoten, da wäre es ja nur gerecht, wenn es auch Lesben- und Schwulenquoten gäbe. Z.B. in der Regierung oder zumindest bei den gutbezahlten Politikerstellen. Wegen der Vielfalt und der Gerechtigkeit.
Und noch etwas erstaunt uns kaum: das naturwissenschaftliche Desinteresse dieser Umweltministerin. Damit fällt sie in der Masse der Bundestagsabgeordneten auch überhaupt nicht auf. Andererseits: es ist ja schon komisch, wofür sich SPD-Abgeordnete so alles interessieren.
Es soll z.B. SPD-Bundestagsabgeordnete gegeben haben, die Kinderpornographie im Internet bestellen oder als ehemalige Bundesforschungsminister Bücher über 9/11 schreiben, um die eigentlichen Verantwortlichen zu benennen: die Israelis, den Mossad und die CIA.
Das ist gelebte Vielfalt!
Doch die jetzige Umweltministerin Hendricks, die sich mit einer kleinen Randbemerkung in einem Pressegespräch Anfang 2014 als Lesbe geoutet hat, will gerne ein vollständiges Verbot von grüner Gentechnik in Deutschland.
Das allerdings sollte uns schon erstaunen. Denn eigentlich erwartet man von einer Umweltministerin ein gewisses Maß an naturwissenschaftlicher Bildung. Mit wem sie ins Bett steigt und ob sie sich morgens eher weiblich oder abends eher männlich fühlt, spielt keine Rolle. Sie sollte wenigstens den Sachgegenstand ihres Ministeriums beherrschen.
Die SPD-Ministerin aber hat als Historikerin zum Thema „Die Entwicklung der Margarineindustrie am unteren Niederrhein“ promoviert. Das war sicher ein sehr, sehr schwieriges Thema, so daß die Barbara nur wenig Zeit zur Beschäftigung mit Genen, Bio und so hatte.
Außerdem ist Barbara eine Gläubige, die der Meinung ist, daß irgendwo hinterm Planeten Pluto Gott sitzt und die Strippen zieht. Deswegen ist sie auch Mitglied im Zentralkomitee der deutschen Katholiken und plädiert dafür, daß auch Lesben mal Priester_IXen werden können.
Ganz klar: da bleibt dann einfach auch keine Zeit mehr, sich mit so Sachen wie Genen, Atomen und Quecksilber in Sparbirnen zu beschäftigen.
Und deshalb brauchen wir auch über das abgrundtiefe dumme Geschwätz dieser Ministerin gar nicht erstaunt zu sein. Bei uns kann eben jeder Umweltminister werden, Hauptsache er oder sie ist schwul oder lesbisch, hat Soziologie oder Psychologie studiert und plädiert auf dem Katholikentag für die ersatzlose Abschaffung der Gentechnik.

Doppelnameritis

Justizministerin Antje Niewisch-Lennartz führte heute Frau Dr. Britta Knüllig-Dingeldey in Hildesheim in das Amt der Präsidentin des Landgerichts ein und verabschiedete ihren Vorgänger, Dr. Ralph Guise-Rübe.
Man glaubt es erst gar nicht, aber dies war ein Ausschnitt aus einer echten Pressemitteilung des niedersächsischen Justizministeriums. Das könnte dann – fiktiv – z.B. so weitergehen:
Nach ihrer Rede sprach Justizministerin Niewisch-Lennartz mit der ehemaligen Justizministerin Leutheuser-Schnarrenberger über die Auswirkungen des neuen 4-fach-Namen-Gesetzes auf die Bundesdruckereien. Am Gespräch beteiligt waren auch Marianne Burkert-Eulitz, Sprecherin für Kinder, Jugend und Familie von Bündnis 90/Die Grünen, Rita Knobel-Ulrich, Autorin und Filmemacherin, und Katrin Göring-Eckardt, Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages.
Michael Grosse-Brömer, Erster Parlamentarischer Geschäftsführer der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, und Petra Bosse-Huber, Vizepräses der Evangelischen Kirche im Rheinland sowie Elisabeth Winkelmeier-Becker, CDU-Kreisvorsitzende Rhein -Sieg, haben nach dem Gespräch von Niewisch-Lennartz mit Leutheuser-Schnarrenberger und Burkert-Eulitz über die fehlende Bereitschaft der Politiker geklagt, ein neues fortschrittliches 4-fach-Namen-Gesetz auf den Weg zu bringen. Die Bedenken der Bundesdruckerei leuchten ihnen nicht ein.
Deren Chef nämlich, Dr. Eggertman-Dödel, hatte zusammen mit Prof. Hornscheidt-Sudel und Verwaltungschef Müller-Blasberg auf den erhöhten Papierverbrauch hingewiesen. Dr. Eggertman-Dödel, Niewisch-Lennartz und Hornscheidt-Sudel wollen nun mit dem Wissenschaftler_Innen-Rat der Uni Hannover eine nachhaltige Lösung dieses Problems mit dem Ziel schaffen, leicht lesbare und verständliche Behördenformulare zu erstellen. Leutheuser-Schnarrenberger warnte Eggertman-Dödel, Niewisch-Lennartz und Hornscheidt-Sudel vorbeugend aber schon mal vor den Angriffen von Prof.Dr. Kratzmann-Streuselkuchen und dessen Mitarbeiterin Dr. Ines Pohl-Witzigmann, die im Finanzministerium die Ausgaben der Bundesdruckerei kontrollieren. Diese, so meinte Frau Leutheuser-Schnarrenberger, hätten kein Verständnis für 4-fach-Namen und wollten grundsätzlich bei Doppelnamen bleiben.


Anmerkungen und Links

[1] Amtseinführung der neuen Präsidentin des Landgerichts Hildesheim
[2] Grüne nominieren Antje Niewisch-Lennartz als Justizministerin

Avishai Cohen

Im jüdischen Kalender / 2009-2010 (5770) / 27.Jahrgang (Herausgeber: Henryk M. Broder) gibt es einen Hinweis auf den israelischen Bassisten Avishai Cohen:

Es gibt viele israelische Songs, die auf russischen Songs basieren. Osteuropäische Melodien, versehen mit hebräischen Texten. Das wurde zu einem Folk-Idiom in Israel. Dann gibt es Komponisten, die den mediterranen Sound und die arabischen Rhythmen der Darabouka mit westlichen Harmonien verbanden. Das brachte einen speziellen Sound hervor. Dieser Sound bin ich.

Ja, dieser Sound ist Avishai Cohen. Und um ihn zu höhren, klicken Sie auf den obigen Youtube-Link und hören der wunderbaren Musik zu, die Avishai Cohen mit seinem Schlagzeuger Itama Doari, dem israelischen Pianisten Shai Maestro sowie dem Gitarristen Itamar Doari und der Sängerin Karen Malka auf den Leverkusener Jazztagen 2009 auf der Bühne produziert hat.
Es gibt nur wenige Musiker, die einen Jazz-Begeisterten wie mich „vom Hocker reißen“ können. Dazu gehört eindeutig Avishai Cohen. Dabei liegt es nicht nur an meiner Begeisterung für das Land Israel, daß ich die Musik dieses Bassisten so beeindruckend finde. Denn unabhängig von den wundervollen Gesängen in jüdischer Sprache auf der obigen Aufnahme beeindrucken mich dort vor allem seine Kompositionen, die Arrangements und die Zusammenarbeit mit den anderen Musikern. Da offenbart sich eine gewaltige musikalische Kraft.
Bei seinen Improvisationen, sofern sie ausschließlich mit dem Bass produziert wurden, bin ich eher zurückhaltend. Ich bin kein Baß-Spezialist. Da ich aber in den vergangenen Tagen zufällig in Berlin Erberhard Weber gesehen und gehört habe, möchte ich auch Avishai Cohen ein Kompliment machen: dein Spiel auf dem Bass hat mich schwer beeindruckt und ich werde mich bemühen, für deinen nächsten Besuch in Deutschland eine Konzertkarte zu bekommen!
Aber was ist eigentlich das besondere an dieser Musik? Was hat mich an der Musik von Shai Maestro, Itamar Doari und Karen Malka so stark beeindruckt? Es ist, wie immer in solchen Fällen, eine spezielle Mischung aus modalem Jazz und einfachen Harmonien, besonders Moll-Harmonien. Avishai Cohen beherrscht den Umgang mit solchen gefühlsgängigen Harmonien perfekt. Er komponiert und arrangiert in einer Art und Weise, die niemand einfach so mal „ad acta“ legen kann. Und so bleibt er auch im Gehör haften!

Schwarze Brabbelsäcke in deutschen Talkshows und die sehr geehrtx Profx. Lann Hornscheidt


Während bei Anne Will am 29. Mai 2013 eine schwarz verhüllte Dame (die Schweizer Muslimin Nora Illi) den Anwesenden klarzumachen versuchte, daß ihre (Ver)kleidung ihre ganz persönliche, freiwillige Entscheidung sei, so wie das ja auch bei allen anderen muslimischen Frauen der Fall sei, während also die restlichen Gäste der Talk-Show mit gotteslästerlich entblößten Gesichtern staunend auf den in schweizerischem Dialekt vor sich hin brabbelnden schwarzen Sack schauten, den auch der hartgesottenste Antifeminist als Schlag ins Gesicht jeglicher Frauenbefreiung erkennen mußte, währenddessen also geschah im weit entfernten Leipzig an der dortigen Universität etwas, das dem einfachen Bürger mindestens genauso unverständlich vorkommen mag. Denn in Leipzig wurde eine geänderte „Grundordnung“ der Universität beschlossen,

in der hinfort nur noch von Professorinnen, Assistentinnen, Dozentinnen und Wissenschaftlerinnen die Rede ist. In Fußnoten wird darauf hingewiesen, daß damit auch Männer gemeint seien.


Konsequenterweise müßten nun die Türschilder und Briefbögen der männlichen „Professorinnen“ geändert werden (oder mindestens ergänzt werden durch solche Mitteilungen wie auf dem Foto links, zum Vergößern einfach anklicken). Wer aber denkt, daß wir es hier mit einer tiefgreifenden Änderung im Sprachgebrauch der Uni-Verwaltung zu tun haben, der liegt leider falsch. Denn der Irrsinn des feministischen Sprachwahnsinns breitet sich schon seit Jahren in Deutschland und Europa aus, unterstützt von Politikern sämtlicher Parteien und den Journalisten fast aller Medien. Die Änderung von Türschildern und Briefbögen würde daher im allgemeinen Gender-Kauderwelsch der Universitäten kaum auffallen. Verstehen könnten es Nicht-Akademiker sowieso nicht, die schon beim Aussprechen solcher Wörter wie

  • StudentInnenrat
  • Promovierendenrat
  • Studierendenvertretungen
  • ProfX Lann Hornscheidt

Probleme haben. Was soll man sich als normaler Mensch auch schon unter einem „ProfX“ vorstellen? Oder muß man dazu eher schon außergewöhnlich sein, also ständiger Besucher von 3sat, Phoenix und WDR3, um zum eingeweihten Kreis derjenigen zu gehören, die wissen, was ein „ProfX“ ist? Wer gerne mehr aus diesen eingeweihten Kreisen erfahren will, sollte einen Blick auf die Webseite von Lann Hornscheidt an der HU-Berlin werfen. Dort findet man – in roter Schrift deutlich vom anderen Text abgegrenzt – folgende Aufforderung:

Wenn Sie mit Profx. Lann Hornscheidt Kontakt aufnehmen wollen, achten Sie bitte darauf, geschlechtsneutrale Anreden zu verwenden.
Bitte vermeiden Sie alle zweigendernden Ansprachen wie „Herr ___“, „Frau ___“, „Lieber ___“, oder „Liebe ___“.
Eine mögliche Formulierung wäre dann z. B. „Sehr geehrtx Profx. Lann Hornscheidt„.
Andere Möglichkeiten werden auf der persönlichen Homepage erwähnt.

Fast könnte man es sich denken, daß diese an ihrem akademischen Titel klebende Nicht-Wissenschaftlerin Hornscheidt für die Aktion der Leipziger Hochschulrektorin Beate Schücking Sympathie empfindet. In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung lesen wir zum Thema „Professorin“:
Die SZ fragt ([12]):

Sie glauben, dass der Titel „Professorin“ in Ihrer Grundordnung dafür sorgt, dass mehr Frauen in die Wissenschaft gehen?

Schücking antwortet:

Es ist ein symbolischer Akt. Aber vielleicht hilft er, die Debatte über Geschlechtergerechtigkeit an den Unis zu beleben. Gerade an der Spitze haben wir auch in Leipzig noch viel zu wenig Frauen.

„Gerade an der Spitze…“ Um die Spitze geht es vor allem, das legt die Wortwahl von Frau Schücking nahe. Da, wo man „spitzenmäßig“ viel Geld verdienen kann und wo man ebenfalls „spitzenmäßig“ Einfluß auf die restliche Gesellschaft ausüben darf.
Ab 1. Januar 2016, das wissen wir inzwischen, herrscht auch im DAX Geschlechtergerechtigkeit: dann greift nämlich die Frauenquote der Ministerin Schwesig. Ab diesem Zeitpunkt ist nicht mehr Fachkenntnis an der Spitze deutscher Unternehmen gefragt, sondern die Zugehörigkeit zu einem speziellen Geschlecht. Für Lann Hornscheidt und alle anderen menschlichen Wesen, die nicht so genau wissen, ob sie nun männlich, weiblich oder irgendwas dazwischen sind, ist das keine gute Nachricht: denn so bleiben sie leider ausgegrenzt, was wir alle als schrecklich ungerecht empfinden.
Aber es gibt ja noch andere Möglichkeiten, sich für ausgegrenzte Minderheiten einzusetzen. Z.B. könnte man -wie bei den GRÜNEN schon geschehen (siehe hier) – sich dafür einsetzen, daß die Mitgliederverwaltung aller im Bundestag vertretenen Parteien um eine neutrale Geschlechtskategorie erweitert wird. Da gäbe es ganz viel zu tun, müßten doch Millionen von Formularen umgestellt werden, aber das wäre ja auch eine sehr wirksame Arbeitsbeschaffungsmaßnahme.
Während also Millionen begeisterter geschlechtsneutraler Bürger_Innen sich an der schwierigen Umstellung auf eine geschlechtsneutrale Sprache bei Behörden und Parteien beteiligen, bleiben nur ein paar wenige, unbelehrbare faule Volksgenossen übrig, die in den Abwasserkanälen die Exkremente beseitigen und in Kaltwalzwerken und Steam-Crack-Anlagen unwichtige, materielle Arbeiten verrichten.


Beschluss des GRÜNEN Länderrats vom 28.04.2012


Beschluss gender-neutrale Geschlechtskategorie
Rechte von Intersexuellen und Transgendern stärken: Erweiterung der Mitgliederverwaltung um eine neutrale Geschlechtskategorie
Alle personalisierten Formulare (Mitgliedsanträge, Anmeldungsformulare, etc.) von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei denen eine Angabe zum Geschlecht gemacht werden soll, mögen künftig um ein drittes Feld ergänzt werden. Dieses Feld soll einen geschlechtsneutralen Eintrag ermöglichen. Auch in der Verwaltung und Speicherung der Mitgliederdaten („Sherpa“) sollen die Geschlechtszugehörigkeiten „Herr“ und „Frau“ bzw. „männlich“ und „weiblich“ um eine neutrale Kategorie erweitert werden.
Dementsprechend soll in den Anschreiben des Bundesverbandes an jene Menschen, welche sich der neutralen Geschlechtskategorie zugeordnet haben, eine geschlechtsneutrale Anredeform ermöglicht werden.
Dem Bundesvorstand wird aufgetragen, bei den Landes- und Kreisverbänden für die Regelungen aktiv zu werben und sie bei der praktischen Umsetzung zu unterstützen. Der Bundesvorstand möge dem Länderrat über den Fortschritt der Umsetzung berichten.
Vorschläge für die praktische Umsetzung:
Zu 1.) ein geschlechtsneutrales Feld in Formularen:
O Frau
O Herr
O –
Zu 2.) eine geschlechtsneutrale Anrede (als Möglichkeit neben den bestehenden männlichen und weiblichen Anredeformen):
Hallo Andreas, Hallo Claudia, Hallo Kim, …
Liebes Mitglied


Ausschnitt aus dem ESF-Bundesprogramm für den Zeitraum 2007 bis 2013

(ESF = Europäischer Sozialfonds)
In dieser Tabelle [19] werden alle „Begünstigten“ für den o.a. Zeitraum mitsamt der bewilligten Beträge aufgezählt. Die auf Gleichstellung – also Förderung von Frauen – bezogenen Leistungen werden geschickt verstreut zwischen anderen Leistungen aufgezählt, erkennbar sind sie aber an der alphabetisch aufsteigenden Ordnung bei den Namen der Begünstigten. Man braucht nur nach dem Stichwort „Frauen“ bei den Projekten zu suchen, dann wird man schnell fündig.
Hier einige Summen aus der Liste, bezogen auf die Jahre 2010 – 2012:
Frauenförderung in Betrieben, Initiativen, Behörden usw.: 1.105.154,82 Euro
Frauen als Gründerinnen: 384.991,7 Euro
Förderung frauenbezogener Projekte an Hochschulen: 5.137.407,99 Euro
Daneben gibt es noch einzelne Förderungen wie z.B. des Autonomen Frauenzentrum Potsdam e.V., das im Jahre 2011 38.880,00 Euro für sein Projekt „2511B045BQ Bereitstellung von 1 Bürgerarbeitsplätzen im
Rahmen der Beschäftigungsphase des Modell-projekts ‚Bürgerarbeit'“ bekam.
Oder wie Kerstin Ihling-Weber, die 2008 vom ESF 1631 Euro Förderung bekam, man fragt sich nur, wofür? Es reicht offensichtlich, ein „Bio-“ vor den Namen des eigenen Betriebs zu setzen, um förderungswürdig zu erscheinen, wie das Beispiel http://www.bio-naturfriseur.de/ zeigt.

Begünstigte Jahr Unterstützungssumme in Euro
Verein Machtlos E.V., Projektarbeit „Gender & Migration“ in Leipzig 2012 38.675,00 (ESF)
G/I/S/A, Gender-Institut Sachsen-Anhalt PartnG, Entwicklung von Methoden und Instrumenten des Gender Managements für Unternehmen 2012 1.078.570,59 (ESF)
K. Beratungs- und Projektentwicklungsgesellschaft mbH, „FRAUENSACHE“ – Cross-over-Mentoring für weibliche Führungskompetenz 2012 527.758,05
Bundesarbeitskreis ARBEIT UND LEBEN e.V., Female Professionals: Frauenpotenziale in Betrieben nutzen! 2010 1.097.496,89
AGENTUR DER WIRTSCHAFT GmbH ProDomo – Weiterbildungsprogramm zur Förderung von
weiblichen Fach- und Führungskräften
2010 984.382,48
Ausbildungsgemeinschaft Industrie, Handel und Handwerk e. V. Frauenpower 2011 295.847,38
AWO Seniorenheim Wildau GmbH Expedition Zukunft: Frauen gestalten Arbeit, Leben und
Karriere!
2011 383.142,50
Berufliche Fortbildungszentrum der Bayerischen Wirtschaft (bfz) gGmbH, Abt.
Bildungsforschung: Frauen in technische Berufe – Förderung der Chancengleichheit von Frauen (FiT)
2012 355.889,23
Bildungs- und Dienstleistungs-Institut Gera GmbH: Mehr Power, Frauen 2012 421.586,73


Anmerkungen und Links

[1] Integriertes Handlungskonzept für Bonn-Neu-Tannenbusch 2010
[2] Sprachreform an der Uni Leipzig: Guten Tag, Herr Professorin, Spiegel Online 03.06.2013
[3] Frauensprache
[4] Die Legende von der weiblichen Lohndiskriminierung
[5] Sprachfeminismus in der Sackgasse
[6] Das Taboo der Gender-Theorie. Geisteswissenschaftliche Geschlechterforschung und die Biologie
[7] Löhne: Die Wahrheit über die Ungleichheit
[8] van Creveld: je härter die Bedingungen, desto geringer die Wahrscheinlichkeit, eine Frau anzutreffen
[9] Der norwegische Wissenschaftler Harald Eia gegen den Gender-Mainstream
[10] SPIEGEL Online: Sprachreform: Uni Leipzig verteidigt Herr Professorin
[11] Gleichstellungsbeauftragter der Uni Leipzig: „Das Denken in den Köpfen ändern“
[12] Interview in der SZ mit Hochschulrektorin Beate Schücking
[13] Bettina Röhl
[14] Bernd Lassahn: Sexismus ist weiblich oder das Märchen vom bösen Buschmann
[15] Christoph Zimmer: Geschlecht und Menge. Gleichschaltung durch Genderpolitik. 2010
[16] Christoph Zimmer: Genderjustiz. 2013.
[17] BBB-Merkblatt „Sprachliche Gleichbehandlung von Frauen und Männern“#
[18] Agentur für Gleichstellung im europäischen Sozialfonds für Deutschland
[19] Liste der Begünstigten 2007 – 06/2013 (Zielgebiet 1) des europäischen Sozialfonds
[20] Biologen widersprechen Gendertheorie

Ursula von der Leyen und ihr Kampf gegen Boko Haram

Würde die Bundeswehr in einer EU-Armee aufgehen, so wäre das ganz im Sinne unserer Verteidigungsministerin von der Leyen. Sie selbst könnte nun eine Etage höher als EU-Verteidigungsministerin agieren und dabei die vielen Hilfsaktionen der Bundeswehr koordinieren. Also Medikamente, Ärzte und Psychologen in internationale Konfliktregionen schicken.
Waffen brauchen wir nicht mehr. Denn wir wollen IMMER eine politische Lösung, und die kann man ja am besten mit humanitären Massnahmen begleiten.
Wie bei Boko Haram. Seitdem Ursula von der Leyen ihre Bundeswehr-Anti-Konfliktteams und Ärzte nach Nigeria geschickt hat, hat der Terror der Boko Haram aufgehört. Schon toll, wie sie das schafft, die Ursula, und das, obwohl sie in ihrem Wochenendhaus und der Berliner Ministerinnen-Wohnung ziemlich weit weg von Nigeria ist! Oder gerade deswegen?

Anmerkungen und Links

[1] Juncker spricht sich für EU-Armee aus

Kinder als Heilmittel "heillos zerrütteter Beziehungen"

Daß Lesben und Schwule gute Eltern sein wollen, haben wir früher schon einmal auf dieser Webseite gewürdigt. Aber wir sollten unbedingt auch an die Eltern von behinderten Kindern denken. Um die geht es also auch in diesem Beitrag, zu dem ich durch einen Leserartikel von Olaf Schäfer auf ZEIT-Online angeregt wurde.
Olaf Schäfer, das wissen wir nach einem Blick auf die Seite http://www.buerger-energie-berlin.de/unterstuetzer, ist besorgt um die Energieversorgung der Berliner Bürger. Oder der Bürgerinnen und Bürger, um in der Sprache seiner alternativlos grünen, linken und antirassistischen Freunde zu sprechen. Auch sorgt er sich, wie man seinem „Nutzerbeitrag von Saltadoros“ auf Jakob Augsteins „Freitag“ entnehmen kann, weniger um die Zeichner von Charlie Hebdo als um Leipziger bzw. Dresdner Bürgerinnen und Bürger, die sich – völlig unbegründet – ihrerseits wiederum darum Sorgen machen, daß man ihnen eine „art- und lebensfremde Religion aufzwingen könnte“. Da lachen ja die Hühner oder sogar die Leser des Satire-Artikels von Olaf Schäfer alias „Saltadoros“ (Der ewige Sachse).
Aber: das sind sehr gefährliche Entwicklungen, denen man Einhalt gebieten muß. Z.B. indem man wie Olaf Schäfer durch seine vorbehaltlose Unterstützung der Genossenschaft „Bürger-Energie-Berlin“ ein Zeichen setzt. Oder indem man Petitionen wie „Für ein buntes Deutschland – eine Million Unterschriften gegen Pegida!“ oder „Stoppen Sie die Plastikverpackung von ‚Einkauf Aktuell‘ “ bei Change.org unterschreibt.
Daß jemand wie Olaf Schäfer, der also, wie wir sehen, täglich in vorderster Front gegen Konzerne, Banken und rechte Umweltverschmutzer kämpft und unablässig für die Unterschrift von Change.org-Petitionen wirbt, daß der sich auch für Behinderte einsetzt, dürfte ja wohl eine Selbstverständlicheit sein.
Und so bekommen wir aus seinem Artikel auf ZEIT-Online die volle Bandbreite seiner überragenden gutmenschlichen Fähigkeiten mitgeteilt. Wir erfahren z.B., daß sich in ihm alles gegen eine „künstliche Befruchtung“ sträubte, gegen diese „durchgestylte Kinderwunschpraxis“. Wo doch heutzutage alles in Richtung „natürlich“ geht! Eine künstliche Befruchtung, das ist für den promovierten Philosophen Olaf Schäfer schon fast so etwas wie genmanipulierter Reis. Nein, das möchte er nicht, obwohl er schon „von Anfang an damit gerechnet hatte, dass ich einmal ein behindertes Kind haben würde“.
Olaf Schäfer ist also sogar ein Hellseher, der schon im zarten Kindesalter die Zukunft vorhersehen konnte – eine Eigenschaft, die er mit vielen Umweltaktivisten teilt, die jetzt schon wissen, daß spätestens in 100 Jahren unsere Erde durch Klimawandel, Plastikmüll und Genmais unbewohnbar geworden ist.
Warum läßt sich also einer wie Olaf Schäfer, der schon beim Gedanken an „mit Babyfotos gefüllte Pinnwände“ in Kinderarztpraxen das Kotzen kriegt, dann doch zu dieser unmenschlichen, durchtechnisierten, unnatürlichen und von Anthroposophen, Zeugen Jehovas und IS-Schlächtern abgelehnten Methode der Fortpflanzung hinreißen?
Ja, wir ahnen es schon: auch hier ist es der vorbildlich altruistische, gutmenschliche und allem sozialem aufgeschlossene Character des Olaf Schäfer. Denn mit dem Kind wollte er „die damals schon heillos zerrüttete Beziehung retten“.
Anscheinend hat aber auch dieses Heilmittel gegen die Krankheit „heillos zerrüttete Beziehung“ nicht geholfen. Deshalb hat dann Olaf Schäfer nach – oder auch vor – der Trennung beschlossen, das „Heilmittel“ einfach für sich selbst zu behalten. Kann man ja auch verstehen, wenn man bedenkt, daß das Kind (also das Heilmittel) „auf Drängen der Mutter mehrere diagnostische Verfahren durchlaufen mußte“! Womöglich noch solche Verfahren, in denen statistische (!) Auswertungen von medizinischen Versuchen mit seiner Tochter – also dem Heilmittel – gemacht wurden.
Nach vielen Jahren Kampf mit der Mutter, den Gerichten und der rechten Lügenpresse, die ja grundsätzlich nie über Behinderte und deren unter der Behinderung leidenden Eltern berichtet, konnte Olaf Schäfer sich endlich zurücklehnen und den Alltag genießen. Er war froh, seine Tochter „nicht in ein Heim oder zur Familie der Mutter abgeschoben zu haben“. Abschieben, das wissen wir, geht gar nicht. Auch nicht in ein Heim oder zur Familie der Mutter, bei Flüchtlingen geht das nicht und schon gar nicht bei Behinderten. Aber irgendwie, sagt sich Olaf Schäfer, hat es die Vorsehung dann doch auch gut mit ihm gemeint:
„Ich bin kein religiöser Mensch, aber ich habe oft gedacht, dass es irgendwie gut war, dass ausgerechnet dieses Kind bei mir gelandet ist.“
Ja, „irgendwie“ haben eben auch alle grün-links gestrickten Menschen einen Hang zur Religiosität, selbst wenn sie sich als „nicht religiös“ bezeichnen.
Aber abseits aller Polemik sollte man Olaf Schäfer doch mal fragen, warum er auf ZEIT-Online dieses Sammelsurium von Sozial-Protzerei, Beleidigtsein und Hochstilisieren seiner Tätigkeit zum sich jahrelang aufopfernden alleinerziehenden Vater einer behinderten Tochter veröffentlichen mußte?
Hat das Heilmittel „ich habe eine behinderte Tochter“ doch nicht ausgereicht und mußte daher der Herr Philosoph unbedingt seinen Mitmenschen über diese Leserartikel-Spalte einer nicht unbedeutenden deutschen Wochenzeitung aus seinem ach so ergreifenden, ach so bewundernswerten Alltag berichten?
Und als letztes: wie wäre es, wenn Olaf Schäfer zusammen mit Jakob Augstein bei einer Talkrunde von Peter Sloterdijk im Fernsehen auftreten würden?
Da würde sogar ich einschalten!

Lehrbeauftragte der Uni und der VHS München kassieren für das Fach "Astrologische Psychologie"

8500 Kurse und Veranstaltungen bietet die Münchner Volkshochschule (VHS) an – da dürfte für jeden Geschmack etwas dabeisein. Und wenn man sich aus diesem riesigen Angebot etwas ausgewählt hat und dann einen Blick auf die Leitlinien der VHS wirft, kann man sich beruhigt zurücklehnen: die Verwantwortlichen der VHS sind vorbildliche Bürger, die das „lebensbegleitende Lernen“ als unverzichtbar empfinden. Daher bieten sie

der Münchner Bevölkerung ein breit gefächertes und qualitativ hochwertiges allgemeines, berufliches, politisches und kulturelles Weiterbildungsangebot und erfüllen so eine unverzichtbare Aufgabe der öffentlichen Daseinsvorsorge.

Wie breit gefächert und hochwertig das Angebot an Lehrveranstaltungen der VHS ist erkennt man, wenn man sich z.B. die Themen des VHS-Dozenten Wolfhard König [1] anschaut. Der bietet derzeit zwar nur einen einzigen (2-stündigen) Vortrag über Sexualität – Sigmund Freud und die Folgen bei der VHS an, und das für nur schlichte 7 Euro, aber wenn man sich die weiteren beruflichen Aktivitäten des Wolfhard König anschaut, erkennt man schnell, daß die 7 Euro Eintrittsgebühr für seinen Vortrag über Freud (König: „Freuds drei Abhandlungen zur Sexualtheorie sind bis heute revolutionär.“) die Zuhörer eigentlich nur reif machen sollen für weitere Einkäufe im Psycho-Kaufhaus König. Dort kann man z.B. etliche „Vorlesungen“ zum Thema Astrologie auf DVD erstehen, etwa

  • eine Einführung für 20,- Euro,
  • Skripte zu den Grundlagen für 25,- Euro,
  • ein Häuser-Horoskop für 25,- Euro,
  • karmische Astrologie und Mondknoten, ebenfalls für 25,- Euro.

Aus Büchern und DVDs lernen ist aber nicht jedermanns Sache – gerade im Esoterikbereich wollen viele doch lieber den Meister selbst mal im Original sehen und reden hören. Daher bietet König z.B. den Erwerb eines Zertifikats Astrologisch- Psychologische Beratung an, womit man dann in seine Fußstapfen steigen und diese Astrologisch- Psychologische Beratung selbst wieder anderen Beratungsbedürftigen anbieten kann. Dazu muß man 3 sog. Module, bestehend aus jeweils drei Wochenenden zu allerlei Themen der Astrologie, mit dem Herrn Dipl.-psych. König und einer Anzahl weiterer Wißbegieriger verbringen und bekommt dann am „finalen Abschlußwochende“ das Zertifikat überreicht.
Und was kostet der Spaß?

  • Pro Modul muß man 585,- Euro hinblättern,
  • für das Abschlußwochenende noch einmal 210,-,
  • macht zusammen 1965,- Euro.

Nun wäre der VHS-Dozent König schlecht beraten, wenn er seine DVDs, Seminare und „Vorlesungen“ nur auf der eigenen Webseite oder derjenigen der VHS München anbieten würde. Die Verkaufszahlen steigen, das weiß jeder, der schon mal mehrere Produkte aus Eigenherstellung verkaufen wollte, wenn der Vertrieb über möglichst viele Kanäle läuft. So ist es also auch kein Wunder, daß der Dipl.-Psych. König seine Produkte auch über das Portal für Astrologische Psychologie ([3]) verkauft, und – da auch er gerne mit Titeln protzt – z.B. bei der Universität München als Lehrbeauftragter geführt wird ([1]).
Da es ja doch einigermaßen erstaunlich ist, daß ein esoterisch durchdrungener Astrologie-Gläubiger und Horoskopschwätzer vom Steuerzahler bezahlte Kurse für Studenten an einer Universität hält, habe ich mich am Uni-Klinikum nach König erkundigt.
Frau Martina Mayr vom Sekretariat der Abteilung für Psychotherapie und Psychosomatik der Uni München teilte mir am 14.01.2015 am Telefon mit, daß „Herr Dr.“ König in der Tat als Lehrbeauftragter der Uni arbeitet und derzeit für Studenten Kurse durchführt, im Augenblick den Kurs mit der Bezeichnung „L5“. Mehr wollte sie dazu nicht sagen, Zugriff auf diese Kursdaten hätten nur Studenten.
Da fragt man sich natürlich, was wohl das besonders geheimnnisvolle an den Kursen des Wolfhard König ist. Möchte das Institut vielleicht lieber nicht, daß seine Tätigkeit in der Öffentlichkeit bekannt wird?
Warten wir ab, was die vielen Professoren, Privatdozenten und Doktoren des Instituts, die ich angeschrieben habe, zum Thema Wolfhard König zu sagen haben. Vielleicht kann mir der eine oder andere auch etwas zu den merkwürdigen Titeln des König sagen: Diplom-Mathematiker (mit Schwerpunkt „Logik“ und „Wissenschaftstheorie“) nennt er sich und wird von Frau Mayr am Telefon als „Dr.“ König bezeichnet, hat aber auf seinen Webseiten keinerlei Hinweis auf einen Doktortitel.
Aber man kann ja an jeder Universität die Doktor- und Diplomarbeiten frei einsehen (es sei denn, der Verfasser heißt Helmut Kohl). Ich bin gespannt, zu welchem Thema Wolfhard König diplomiert bzw. promoviert hat.

Anmerkungen und Links

[1] Dipl.-Psych. et math. Wolfhard König auf der Webseite der Uni München als Lehrbeauftragter
[2] Wolfhard König als Dozent auf der Webseite der Volkshochschule München
[3]Wolfhard König auf dem Astrologie-Portal
[4] Internationale Akademie für astrologische Psychologie
[5] Immanuel-Krankenhaus in Berlin, Naturheilkunde
[6] Homepage von Wolfhard König

Lesben und Schwule wollen auch Eltern sein

Am 13.11.2012 zeigte das Magazin „kreuz und quer“ um 22.30 Uhr im österreichischen Fernsehen OR2 den Film Familie andersrum: Homosexuelle mit Kind, der homosexuelle Eltern porträtierte. Im Anschluß diskutierten dann bei Günter Kaindlstorfer die Ärztin Elia Bragagna, der Schauspieler Karl M. Sibelius, der Psychiater Christian Spaemann und die Juristin Stephanie Merckens.
Die Sendung liegt schon einige Zeit zurück, aber ein paar Dinge habe ich mir gemerkt und damals festgehalten. Besonders beeindruckend war für mich der frisurmäßig modern, sprich orkangeschüttelt in der Runde sich präsentierende Karl M. Sibelius, ein österreichischer Schauspieler, Theaterdirektor, Sänger, Regisseur und Friedensforscher. Ein vielseitig begabter Mensch also, auf jeden Fall beeindruckender, als säße da nur ein österreichischer Elektroingenieur, Direktor des Elektrizitätswerkes Wien, Radiobastler und Ego-Shooter-Landesmeister. Im Gegensatz zu der üblichen, mitleidig herablassend lächelnden Standardmiene von Talkshowgästen wie Dieter Graumann, Alice Schwarzer oder Jürgen Trittin zeugte Sibelius‘ permanente Zornesfalte in seinem strengen Gesicht davon, dass er es besonders ernst nahm.
Besagter Sibelius ist schwul und lebt mit seinem Partner, dem Wirtschaftswissenschaftler, Universitätsdozenten und HOSI-Aktivisten Rainer Bartel , zusammen.
Nun ist das nicht gerade besonders überraschend, daß zwei Schwule zusammenleben. In diesem Falle ist es aber wichtig, da die beiden ein „Elternpaar“ sind. Sie haben nämlich eine Tochter, die auf den netten Namen Ella-Pearl hört. Natürlich ist Ella-Pearl mit Sibelius und seinem Partner Bartel nicht genetisch verwandt, obwohl dies (rein theoretisch) auch möglich gewesen wäre.
Nein, in diesem Falle hat sich der „Friedensforscher“ Sibelius mit seinem Partner in die USA begeben und dort die im März 2005 in den Slums von Chicago geborene Ella-Pearl adoptiert. Und jetzt lebt Ella-Pearl in Österreich bei Papi und Mami – pardon, bei Papi 1 und Papi 2 – und wartet gespannt auf den Tag, wenn sie von ihren Eltern aufgeklärt wird – z.B. über die Frage, warum sie keine Mutter hat sondern einen Papi 2.
Doch Papi Nr.1 Sibelius beschäftigen ganz andere Fragen bei der Erziehung seiner „Tochter“.
Denn als engagierter Christ achtet er nämlich auch auf Fragen des Glaubens:

„Wir möchten Ella-Pearl im Frühling taufen lassen.“

Die Frage ist nur, ob die Kirche da mitspielt. Oder mitgespielt hat – der Vorgang liegt ja 2 Jahr zurück. Und neben der Kirche quälen die beiden Väter (oder Eltern?) auch die Fragen, die durch das Familienrecht aufgeworfen werden. Denn, so beklagt Sibelius, sein Partner tauche in keinem offiziellen Papier auf. Schlimm, schlimm. Was würde passieren, wenn er selbst stirbt?
Sibelius:

Wir lassen und aus diesem Grund nicht verpartnern. Wenn wir verpartnert wären, dann hätte er noch weniger Rechte, d.h. wenn mir etwas passieren würde, würden die ihm das Kind eher abnehmen als dass er’s übernehmen darf. …
Ich glaube, dass ich sehr wohl in der Lage bin, mütterliche Liebe zu geben…
Wir sind eine ganz ganz tolle Familie und das lass ich mir von niemandem von aussen kaputtreden… und selbst wenn wirs nicht wären, dann scheitern wir halt, das ist das Leben!!! Man muss auch scheitern dürfen, ich muss jetzt nicht das homosexuelle Vorzeigepaar sein, ich weiß nicht, ob ich in 5 Jahren noch mit meinem Partner zusammen bin, ich hoffe es, ja, aber was wir immer gemeinsam machen werden ist, für unsere beiden Kinder zu sorgen…

Das ist ja prima. In Zukunft sagen alle, denen man irgendetwas in ihrer Familie und der Erziehung ihrer Kinder vorwirft: nein, nein, wir sind eine ganz ganz tolle Familie und das lass ich mir von niemandem von aussen kaputtreden…
Denn das hat Sibelius klar erkannt: es sind immer nur Leute „von außen“, die seine Familie kaputtreden wollen. Und das geht seiner Meinung nach ja schon mal gar nicht. Jeder hat ein Recht auf Privatsphäre! Was hinter der Tür zu seinem familiären Heim geschieht, geht diese Leute „von aussen“ überhaupt nichts an! Und auch, wenn da alle paar Wochen ein neuer Partner erscheint und ausgiebig auf „Verpartnerung“ getestet wird, geht das diese „Leute von aussen“ nichts an. Alles geschieht ja nur zum Wohle der „eigenen Kinder“, die selbstverständlich nie auf die Idee kommen werden, nach der echten Mutter zu fragen.
Denn wie sagt unser Sibelius in dieser Sendung:

Ich glaube, dass ich sehr wohl in der Lage bin, mütterliche Liebe zu geben…

Nein, das bist du nicht, Karl M. Sibelius. Was es bedeutet, eine Mutter zu sein und mütterliche Liebe zu geben, ein Kind im Bauch zu tragen und es auf die Welt zu bringen: davon hast du Null Ahnung. Oder wie ich als Mathematiker und NICHT-Theaterdirektor es formulieren würde: dein Wissen darüber und dein Einfühlungsvermögen sind von der leeren Menge kaum zu unterscheiden.


Anmerkungen und Links

[1] Akademie für Sexuelle Gesundheit AfSG
[2] Homepage von Eila Bragagna
[3] Mitglieder der Bioethikkommission in Österreich
[4] Karl M. Sibelius in Wikipedia
[5] Ungewöhnliche Familie bewegt ganz Österreich
[6] derstandard.at, 13.11.2012, 22:30 MAGAZIN
(Um 23.15 Uhr diskutieren bei Günter Kaindlstorfer die Ärztin Elia Bragagna, Schauspieler Karl M. Sibelius, Psychiater Christian Spaemann und Juristin Stephanie Merckens.)
[7] Familie andersrum, Kommentar von orf.at zum Film am 13.11.2012
[8] Doktorarbeit zum Thema gleichgeschlechtliche Erziehung
Anwesend in der Sendung waren auch noch:


Stephanie Merckens (Juristin, Mitglied der Bioethik-Kommission)

Dr.em. Rechtsanwältin, Mitglied im Beirat des Instituts für Ehe und Familie, Mitglied im Familienbeirat des Landes Oberösterreich, Mitglied im Kollegium des Landesschulrates Oberösterreich, Lebensschutzbeauftragte der Erzdiözese Wien, Mitglied der Europakommission der österreichischen Bischofskonferenz.

Elia Bragagna
http://eliabragagna.at/
ist Leiterin der Akademie für Sexuelle Gesundheit AfSG, auf deren Homepage es heißt:
Die Akademie für Sexuelle Gesundheit (AfSG) versteht sich als Plattform für sexualmedizinisch interessierte MedizinerInnen, (Sexual)-TherapeutInnen, (Sexual)-PädagogInnen, (Sexual)-BeraterInnen, ApothekerInnen und Pflegepersonal.

Die Berliner Buchhandlung Dussmann und ihre Abneigung gegen Israel

politiker1Am 14.September 2014 gab es am Brandenburger Tor in Berlin eine Veranstaltung zum Thema „Steht auf! Nie wieder Judenhass in Deutschland!„. Aufgerufen dazu hatte der Zentralrat der Juden in Deutschland, der sich Sorgen darüber macht, daß „in vielen deutschen Städten blanker Hass auf Juden wieder offen ausgebrochen ist.“
Dagegen, so meinten auch die links abgebildeten Teilnehmer der Veranstaltung in Berlin, müsse dringend etwas unternommen werden. Also trat man gemeinsam um 15 Uhr auf die Bühne vor dem Brandenburger Tor, wo sich schon Stunden zuvor Presse und Fernsehen in Position gebracht hatten. Obwohl die Redner bei dieser Veranstaltung – wie üblich – die ach so schlimme Ausgrenzung von Minderheiten in Deutschland beklagten, war das gemeine Volk, also die vielen nach Berlin gekommenen Freunde der Juden und Israelis, durch einen Metallzaun von der erhabenen Politprominenz getrennt.
Dies geschah natürlich „nur“ zum Schutz vor rechtsradikalen Antisemiten, die aber bei dieser Veranstaltung unsichtbar blieben.

[youtube https://www.youtube.com/watch?v=S1Dgz1k_qs4?feature=player_detailpage&w=300&h=250; style=“float:left;margin-right:20px;“]
Dafür gab es aber genügend Verrückte aus der linken und muslimischen palästinafreundlichen Szene, die sich unter die Zuhörer mischten und vor den 300 oder 600 (genau wußten sie es auch nicht) israelischen Atombomben warnten, wie z.B. dieser in Berlin stadtbekannte Herr, der keine Gelegenheit ausläßt, um gegen den „faschistischen Atomterror der Israelis“ zu demonstrieren.
[youtube https://www.youtube.com/watch?v=tXcQh2ioees?feature=player_detailpage&w=300&h=250]Auch die Vertreter christlicher Sekten waren zugegen, die sich über „Jesus liebt dich“ – Plakate aufregten und deren Entfernung forderten. Nur der sehr starken Polizeipräsenz bei dieser Veranstaltung war es zu verdanken, daß es zu keinen gewalttätigen Ausschreitungen kam.
Doch von all dem bekamen unsere Politiker und die anderen Prominenten, die vom gemeinen Publikum auf riesigen Bildschirmen bewundert werden durften, nichts mit, weil sie nach der letzten Rede in die bereitstehenden Autos stiegen und sich schleunigst davonmachten.
Es waren u.a.

  • Bundespräsident Joachim Gauck,
  • SPD-Chef Sigmar Gabriel,
  • Bundeskanzlerin Angela Merkel,
  • Dieter Graumann, Präsident des Zentralrats der Juden,
  • Noch-Bürgermeister Wowereit,
  • Kardinal Reinhard Marx, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz
  • Nikolaus Schneider, EKD-Ratsvorsitzender.

die sich auf der Bühne mit wohlgesetzten Worten (Graumann: „Die meisten Muslime denken bestimmt anders“ [8]) vom Antisemitismus auf der Strasse distanzierten. Die Reden waren so jämmerlich schwülstig und selbst-beweihräuchernd, daß es nicht lohnt, sie hier auseinanderzunehmen. Wer aber nun dachte, daß sich als Folge dieser hochpolitischen Ermahnungen der zuständigen Verbandsfunktionäre und Bundespolitiker in Berlin eine Welle der Sympathie für den Judenstaat Israel breit machte, der lag voll daneben.
Berlin_Schmierereien1Nur einen Tag später nämlich sah man im Berliner Tiergarten auf einem Denkmal diese netten Sprüche über die „Juden Kindermörder“. Da waren die Damen und Herren Minister, Bundespräsident, Bundeskanzlerin und Vorsitzender des Zentralrats aber schon lange wieder abgereist und mit wichtigeren Dingen beschäftigt als mit dem hastigen Wegpinseln antisemitischer Hetzsprüche auf Berliner Denkmälern.
Ich selbst konnte diese neuen, in schönem blau gehaltenen Inschriften auf dem Denkmal im Berliner Tiergarten leider nicht bewundern, da ich mir heute die bekannte Berliner Buchhandlung Dussmann ansehen wollte. Natürlich auch mit dem Hintergedanken, die Werke der Politprominenz der gestrigen Demonstration einmal näher in Augenschein zu nehmen.
Doch zunächst steuerte ich im 3.Stock von Dussmann die Abteilung „Politik und Zeitgeschichte“ an, wo ich auch gleich in einem Regal das fand, was mich interessierte: Bücher zum Thema Israel und Palästina.. Und siehe da: 22 Bücher stehen dort, am 15.09.2014, in Dussmanns „Israel/Palästina-Abteilung“. Sie finden hier eine vollständige Liste aller dort ausgestellten Bücher. Ich habe sie mir alle einzeln angeschaut und konnte folgendes feststellen:


Von den 22 Büchern waren nur 4 von Autoren verfasst, die man als „israelfreundlich“ bezeichnen kann. Rund 82% der von Dussmann angebotenen Literatur zum Thema „Israel/Palästina“ schießt also aus vollen Rohren gegen Israel.

Nun könnte man natürlich sagen, daß es derzeit auf dem deutschen Buchmarkt hauptsächlich „israelkritische“ Literatur gibt und den Buchhändlern gar nichts anderes angeboten wird. Doch davon kann keine Rede sein, wenn man sich die folgende Liste hochaktueller Bücher zum Thema Israel anschaut, die auf dem Buchmarkt erhältlich sind:

  • Michael Wolfssohn: „Wem gehört das heilige Land?“ ,
  • Sylke Tempel: „Israel. Reise durch ein altes neues Land“,
  • Tobias Jaecker : „Antisemitische Verschwörungstheorien nach dem 11.September“,
  • Ralph Giordano: „Israel, um Himmels willen, Israel“
  • Rolf Behrens: „Raketen gegen Steinewerfer“, Das Bild Israels im SPIEGEL
  • „Neu-alter Judenhass, Antisemitismus, arabisch-israelischer Konflikt und europäische Politik“ (Klaus Faber, Julius H.Schoeps, et.al.)
  • Mitchell G. Bard: „Behauptungen und Tatsachen, der israelisch-arabische Konflikt im Überblick“,
  • Tilman Tarach: Der ewige Sündenbock,
  • Henryk M.Broder und Eric Follath: Gebt den Juden Schleswig-Holstein! Wenn Deutsche Israel kritisieren – ein Streit.

Was schließen wir also daraus? Ja, der geneigte Leser weiß es schon: bei der Berliner Buchhandlung Dussmann wird die Abteilung „Israel/Palästina“ von einem Mitarbeiter betreut, der in seiner Freizeit die Artikel von Evelyn Hecht-Galinski im Internet sammelt, die Hamas als Friedensbewegung einstuft und bei allen Veranstaltungen von Ken Jebsen und Jürgen Elsässer gerne in der ersten Reihe sitzt. Da kann die Auswahl der Bücher gar nicht anders sein.
non-zionist
wowereit
jesus-plakat


Anmerkungen und Links

Hier folgt die Liste der Bücher zum Thema „Israel/Palästina“, die bei Dussmann Anfang September 2014 im Regal standen.
In Klammern steht eine Bewertung der Autoren nach folgendem Punkteschema:
-10 = Extrem israelfeindlich
-5 = israelfeindlich
0 = neutral
+5 = israelfreundlich
+10 = sehr israelfreundlich
Andreas Altmann: Verdammtes Land, eine Reise durch Palästina (0)
Amar-Dahl: Das zionistische Israel (-10)
Ralf Balke: Israel, Geschichte, Politik, Kultur (+10)
Helga Baumgarten: Kampf um Palästina – Was Wollen Hamas und Fatah? (-10)
Henryk M. Broder: Die Irren von Zion (+10)
Judith Butler: Am Scheideweg, Judentum und die Kritik am Zionismus (-10)
Alexander Flores: Der Palästinakonflikt – Wissen was stimmt (-10)
David Grossmann: Diesen Krieg kann keiner gewinnen (-5)
Steffen Hagemann: Israel, Wissen, was stimmt (+10)
Dietmar Herz: Palästina (0)
Stephane Hessel, Elias Sanbar: Recht auf Frieden und Recht auf Land (-5)
Stephane Hessel, Elias Sanbar: Palästina: Das Versagen Europas (-5)
Margret Johannsen: Der Nahost-Konflikt (-5)
Moshe Machover: Irael und Palästinenser (-10)
Sari Nusseibeh: Ein Staat für Palästina? (-5)
Sari Nusseibeh mit Anthony David: Es war einmal ein Land, Ein Leben in Palästina (-5)
Pappe/Hilal (Herausgeber): Zu beiden Seiten der Mauer (-10)
Diana Pinto: Israel ist umgezogen (0)
Donna Rosenthal: Die Israelis (+10)
Shlomo Sand: Warum ich aufhöre, Jude zu sein (Ein israelischer Standpunkt) (-5)
Shlomo Sand: Die Erfindung des jüdischen Volkes (Israels Gründungsmythos auf dem Prüfstand) (-5)
Shlomo Sand: Die Erfindung des Landes Israel (Mythos und Wahrheit) (-5)
Marlene Schnieper: Nakba – die offene Wunde (-10)


[1] Dussmann: das „Kulturkaufhaus in Berlin“
[2] Zentralrat der Juden in Deutschland lädt zur Veranstaltung ein
[3] SPD ruft zur Demonstration auf
[4] Der STERN kommentiert die Veranstaltung in Berlin
[5] Die Tagesschau zur Veranstaltung in Berlin
[6] Die „Jüdische Allgemeine“ berichtet über die „Großveranstaltung“
[7] Rede von Bundeskanzlerin Angela Merkel im Wortlaut
[8] Rede von Zentralratspräsident Dieter Graumann
[9] Zusammenfassung der Veranstaltung auf der Webseite der Deutschen Welle
[10] Anette Kahane in der Berliner Zeitung über die Veranstaltung vom 14.09.2014

Rapper, DKP und "Die Linke" in Bonn: Juden raus aus Palästina

junge-frauenWie fast an jedem Samstag konnte man auch am 30.08.2014 an den bekannten, von der Stadt Bonn für Demonstrationen und politische Veranstaltungen freigegebenen Lokalitäten diverse Verrückte bei ihrem Bemühen beobachten, die vorbeigehenden Besucher für ihr jeweiliges Anliegen zu interessieren. Diesmal waren es zwei Gruppierungen, die schon seit langem in Bonn aktiv sind und keine Gelegenheit auslassen, ihren eigenen unterbelichteten Geisteszustand zur Schau zu stellen.
Um wen handelte es sich? Da waren zunächst am Münsterplatz die unermüdlichen Unterstützer der vom Völkermord bedrohten Palästinenser. Darunter waren diesmal

  • die Partei „Die Linke“,
  • die Uralt-Kommunisten-Partei DKP,
  • die Vertreter des Instituts für Palästinakunde Bonn e.V.
  • ein Rapper, der mit seinem monotonen Gejammer die Toten in Gaza beschwor,
  • und natürlich die unvermeidlichen weiblichen Befürworter des „Friedensprozesses“ mit ihrer leicht abgenutzten „Peace“-Flagge.

die-linke-dkpLinks auf dem Foto sehen wir eine jene älteren Damen, die sich unermüdlich für den Frieden weltweit einsetzen, besonders aber für den Frieden in Gaza, der ihnen mehr am Herzen liegt als der Frieden im Sudan, Syrien oder im Irak. Die Friedens-Fahne, die sie hält, ist übrigens auch bei jenen sehr beliebt, die den Frieden weltweit per Fernheilung (also durch rein geistige Übertragung über Tausende Kilometer hinweg!) verbreiten wollen –

[youtube https://www.youtube.com/watch?v=Ys_8qZ5JBuU?feature=player_detailpage]nämlich jenen Esoterikern, die zeitgleich am Bonner Friedensplatz mit Musik und allerlei mit geschlossenen Augen vorgetragenen Friedensansprachen die Vorbeigehenden langweilten. Anscheinend haben sie aber mit ihren Versuchen, den Frieden per Fernheilung in die Welt zu übertragen, an diesem Tag keinen Erfolg gehabt – zumindest bei den Religioten der IS im Irak und in Syrien sind die Bonner Friedensstrahlen nicht angekommen.
Die Palästina-Spezialisten hatten sich – sinnvollerweise – als Veranstaltungsort jenen Teil des Münsterplatzes ausgesucht, der samstags normalerweise vom Bonner Ökomarkt beansprucht wird.
Wer also heute „ökologisch korrekt“ einkaufen wollte – und das sind in Bonn eine ganze Menge Leute -, bekam statt dessen den gähnend langweiligen und monotonen Singsang eines Rappers vorgesetzt, der mit seinen Texten die übliche Litanei über „die von den Israelis ermordeten Palästinenserkinder“ anstimmte und dabei eher wie ein schlechter Abklatsch von Wasim Taha alias „Massiv“ daherkam. [1]. Interessant an diesem Spektakel ausgeflippter Disko-Antisemiten war für den Aussenstehenden die Tatsache, daß es immer noch Vertreter von im Bundestag vertretenen Parteien schaffen, auf solchen Fanatiker-Veranstaltungen mit Büchertischen und Flugblättern für ihre Partei zu werben.
Vielleicht sehen wir sie demnächst mit der Sammelbüchse in der Hand, wenn sie Spenden für den Wiederaufbau von Gaza sammeln – der soll ja nach EU-Schätzungen 5-6 Milliarden Euro kosten, inkl. Instandsetzung der Tunnel für die tapferen Kämpfer der Hamas.

Anmerkungen und Links

[1] Jungle World: Ralf Fischer über die Facebook-Seiten einiger Deutsch-Rapper
[2] Ber­li­ner Neo­na­zi-​Rap­per Pa­trick Kil­lat alias „Vil­lai­n051“

Religioten in Bonn

„200 Schiiten trauerten friedlich um ihren Imam“: so titelte die Internetausgabe des Bonner Generalanzeigers noch am Abend des 24.08.2014, als nach stundenlangem Geschrei, Gejammer und Gebrüll die „Gedenkveranstaltung“ der Schiiten an den „Märtyrertod al-Husains“ endlich beendet war. Stattgefunden hatte das ganze in der Wenzelgasse, also an einer der belebtesten Stellen der Innenstadt von Bonn: hier schlendern täglich tausende von Bonnern an den Geschäften entlang, und an Sonntagen wie diesem 24. August kommen noch viele Touristen hinzu.
Diesen bot sich in der Wenzelgasse nun ein Bild, das man eigentlich nur von Berichten aus arabischen Ländern im aktuellen Fernsehen kennt: rund 200 schwarz gekleidete Männer saßen barfuß auf der Strasse und hörten dem wild gestikulierenden „Redner“ zu, dessen (in einer Fremdsprache gehaltene) Ansprache auf den gebildeten Zuhörer den Eindruck machte, als habe hier einer intensiv die Redetechnik des Gröfaz Hitler studiert.
frauen-bonn-ashurafest
Streng getrennt von den Männern saßen ein paar – ebenso pechschwarz verhüllte – Frauen mit ihren Kindern, die dem Jammer-Singsang des Redners ehrfürchtig zuhörten. Allerdings entsprach die Frauenquote auf dieser Veranstaltung ganz sicher nicht den Vorstellungen grün-roter Feministinnen, dominierten hier doch eindeutig die Männer.
Auch fragt man sich, warum keine der anwesenden Damen das Wort ergreifen durfte – vom Standpunkt eines unbefangenen Beobachters her war diese „Frauengruppe“ fast „unsichtbar“, sieht man von ihren Gesichtern ab, die teilweise sogar unverhüllt waren. Das wäre doch mal ein Fall für die Bonner Gleichstellungsbeauftragte Brigitte Rubarth [5] gewesen, die ihre Aufgaben u.a. so definiert:


Die Gleichstellungsstelle ist Ansprechpartnerin für alle Bonnerinnen und Bonner, unabhängig davon, ob es sich um Erwerbstätige, nicht Erwerbstätige, ältere und jüngere oder ausländische Frauen und Männer handelt, deren Situation unter Gleichbehandlungs- und Gleichberechtigungsgesichtspunkten als besonders schwierig anzusehen ist.

Anscheinend ist das Interesse der Gleichstellungsbeauftragten an der Situation ausländischer Frauen unter „Gleichbehandlungs- und Gleichberechtigungsgesichtspunkten“ nicht besonders hoch, sucht man doch vergebens nach Stellungnahmen aus feministischen Bonner Kreisen zu solchen Veranstaltungen der „Religion des Friedens“.
Bonn-schiiten3Man interessiert sich hier mehr für so wichtige Aufgaben wie die Durchsetzung der sog. „geschlechtergerechten Sprache“ an der Universität und in den Bonner Behörden. So sucht man in sämtlichen offiziellen Formularen, Anträgen und Broschüren der Bonner Universität vergebens nach „Studenten“, weil diese inzwischen durch „Studierende“ ersetzt wurden. Es gibt also keine Studenten, die Islamwissenschaften studieren, sondern nur noch Studierende der Islamwissenschaften.
Die Durchsetzung solcher Dümmlichkeiten ist den Gleichstellungsbeauftragten der Stadt Bonn offenbar wichtiger als eine Änderung der Lebensverhältnisse von muslimischen Frauen, die in einer eklatant frauenfeindlichen – hier trifft das Wort wirklich einmal zu – und von Männern total dominierten Welt leben müssen.
schiiten-bonn1Doch das Schlagen der eigenen Frau ist auf Dauer auch für den männlichen Angehörigen der „Religion des Friedens“ langweilig. Deswegen schlägt er bei solchen Gelegenheiten wie der Veranstaltung zum Gedenken an den „Märtyrertod al-Husains“ gerne auch mal sich selbst, natürlich nur symbolisch, wie mir ein Teilnehmer bedeutungsvoll erklärte. Er vergaß mir aber zu erklären, woher die vielen Narben auf den Rücken der Männer kamen, die sich nach dem Ende der Reden erhoben hatten und nun mit bloßen Oberkörper dastanden, um sich „symbolisch“ mit den Händen auf die Brust zu schlagen. Ob sie sich wohl zum Ausgleich von ihren Frauen abends im Schlafkämmerchen ab und zu auspeitschen lassen und deshalb vernarbt waren?
[youtube https://www.youtube.com/watch?v=8wCJ9lXTNZY?feature=player_detailpage] Oder haben sie einfach nur zu häufig das Ashura-Fest in Afghanistan besucht, wo man sich nicht nur auf die Brust schlägt, sondern auch gerne mal mit Messern im Gesicht herumschnippelt? [4] Wie auch immer: der unbefangene Zuschauer mußte beim Anblick des Rituals den Eindruck gewinnen, daß der Bildungsstand der Teilnehmer dieser Veranstaltung sich nicht wesentlich von dem ihres vor 1500 Jahren verstorbenen Imams unterscheidet. So ist es kein Wunder, daß die vorbeigehenden und manchmal auch kurz verweilenden Bonner dem Treiben doch recht konsterniert zuschauten.
Ein Reporter des Generalanzeigers hat 2012 diese Veranstaltung religiöser Fanatiker mit ganzen 9 Sätzen auf der Webseite seines Arbeitgebers beschrieben [2] (ein Bericht des Generalanzeigers über die analoge Veranstaltung im Jahre 2012). Rund die Hälfte dieses Artikels diente dazu, die Teilnehmer und Organisatoren in den höchsten Tönen zu loben: die Veranstaltung sei „friedlich“ verlaufen, die Polizei habe mitgeteilt, die“Anmelder dieser rein religiösen Veranstaltung verhalten sich äußerst kooperativ“, es seien keine Salafisten.
Allerdings:

  • Daß Schiiten genauso wie Sunniten glühende Antisemiten sind,
  • daß diese Leute gerade erst am 26.Juli auf einer Demo in Bonn, in der „Frieden und Freiheit für Gaza“ gefordert wurde, auf arabisch Haßsprüche gegen Juden und Israel brüllten, [6]
  • daß die Hisbollah im Libanon eine von der EU offiziell als Terroristenorganisation eingestufte schiitische Gruppe ist,
  • daß Schiiten im Iran, in Afghanistan und Irak seit Jahrzehnten zur Vernichtung des Staates Israel aufrufen,

all das scheint dem Generalanzeiger, der Polizei und den Behörden, die solche Veranstaltungen genehmigen, nicht bekannt zu sein. Es fragt sich nur, wie lange die Verantwortlichen noch den Kopf in den Sand stecken wollen. Nach dem nächsten gelungenen Bombenattentat auf den Bonner Bahnhof, so kann man hoffen, könnte man ja vielleicht ein oder zwei Stellen bei der Gleichstellungsbeauftraten der Stadt einsparen und das Geld für eine bessere Präsenz der Bonner Polizei nutzen.


Anmerkungen und Links

[1] Bonn: Schiiten-Selbstgeißelung vor Sexshop
[2] 200 Schiiten trauerten friedlich um ihren Imam
[3] Schiitische Ashura-Feiern: Erlösung durch Buße und Leiden, von Prof. Dr. Christine Schirrmacher
[4] FOCUS: Millionen Schiiten geißeln sich
[5] Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Bonn
[6] Leserbriefe zum Artikel „Stoppt das Blutvergießen“ vom 26. Juli über eine Demo in Bonn, in der „Frieden und Freiheit für Gaza“ gefordert wurde

Alte Meister in jungen Händen

1960_482k
1963_Schulorchester_374kDer in diesem Artikel der Gevelsberger Zeitung vom 19./20.03 1960 erwähnte Dieter Rück war bis zu meinem Weggang von der Schule mein Flötenlehrer. Da meine Mutter mir mangels Geld keine richtige Querflöte kaufen konnte, habe ich während dieser Zeit auf einer Rarität gespielt: als Leihgabe von Dieter Rück hatte ich eine Böhmflöte aus Holz, versehen mit einigen wenigen Metallklappen.
Bemerkenswert an dem Bericht in der Zeitung ist der ehrfurchtsvoll-unterwürfige Ton, in dem der Redakteur von den “Werken alter Meister in jungen Händen” spricht. Da mag es zwar auch mal “nicht immer ganz fehlerfreie Vorträge” der Schüler geben, aber


“Wichtig und wesentlich ist, daß junge Menschen an die großen und hohen Werte des europäischen Kunstschaffens herangeführt werden“.

Und nicht etwa amerikanische Negermusik in der heiligen Aula des Gymnasiums Einzug hält. “Herangeführt” werden die Schüler, so möchte es der Redakteur, von “berufenen Menschen”, die sie lehren, die “alten Meister nachzuempfinden und zu würdigen”. Gut, daß wir auf den heutigen Schulen eine etwas vielfältigere Musikwelt haben!
Nein nein, lieber Herr Redakteur, deine Recherchen waren miserabel. Denn hättest du auch nur eine Probe im Orchester des Gymnasiums angesehen, so hätte sich dir ein ganz anderes Bild geboten. Da gab es nämlich einige Schüler, die sich über die ganze Sache auch noch lustig machten. Aus dem “Priestermarsch” wurde der Priesterarsch, und die regelmäßigen Rühranfälle des Orchesterchefs Ernst Boucke führten bei einigen – den hohen Werten des europäischen Kunstschaffens noch nicht ganz so aufgeschlossenen – Schülern zu anhaltendem Gekicher.
Das ganze hatte aber einen durchaus nützlichen Wert: wer im Orchester mitspielte, bekam von der Musiklehrerin automatisch eine 1.

SpitzenmitbewohnerIn sucht eineN ZwischenmieterIn in Köln

Auf der Seite der Facebook-Nutzerin Juana Magon findet man folgende Sätze:

ZWISCHENMIETERiN GESUCHT für WG-Zimmer in Köln-Deutz März – Mitte Juli.
Da ich den Frühling an der Ostküste verbringe, suche ich für die Zeit eineN ZwischenmieterIn…. SpitzenmitbewohnerInnen und mehr nette Menschen im Haus.

Das finde auch ich „spitzenmäßig“:

„suche ich für die Zeit eineN ZwischenmieterIn.“

Wie man sich vor dem Millionenpublikum von facebook zum Vollidioten macht, bleibt ja jedem selbst überlassen. Die Wahl der Mittel ist völlig frei. Vermuten kann man allerdings, daß hier vor lauter geschlechtergerechter Dummsprache jemandem die letzte Gehirnzelle davongelaufen ist.
In diesem Zusammenhang empfehle ich auch die Seite „Gegen jeden Antisemitismus“, für die besagte Dame anscheinend mitverantwortlich ist. Nach der Lektüre des dortigen Artikels „Aufruf zur Kundgebung am 17. August 2014, 16:00 Uhr, Hauptbahnhofs- Vorplatz Köln“ empfehle ich den Schreiberlingen/Autoren_I*nnen eine Reise nach Israel.

In Israel nämlich wird man ihnen mitteilen, daß man an Unterstützung durch Beauftragte der Reichsschrifttumkammer für geschlechtergerechte Sprache keinerlei Interesse hat.

"Free Gaza" in Bonn

2014-07-15_18-33-46Immer wenn auf dem Münsterplatz in Bonn für Palästinenser, Gaza oder die „völkerrechtswidrig besetzten Gebiete im Westjordan-Land “ demonstriert wird, sehen wir vorwiegend Menschen wie die hier abgebildeten. Es ist schon fast rührend: 80-jährige, die „Schluss mit der Besatzung“ fordern, stehen neben jungen Kopftuchfrauen, die Schilder mit „Free Gaza“ hochhalten. Ergänzt wird diese bunte Zusammenstellung „friedensbewegter“ Menschen durch eine Reihe älterer Damen, die bei fast allen Bonner Veranstaltungen zum Thema Palästina anwesend sind. Unter diesen befinden sich regelmäßig auch engagierte „Christinnen“ wie z.B. Frau Dr. Sträter vom evangelischen Kirchenkreis Bonn, die sich gerne für ein friedliches und respektvolles Miteinander von muslimischen und nicht-muslimischen Bonner Bürgerinnen und Bürgern einsetzen, vorzugsweise in einer Umgebung, wo man unter sich ist, etwa im Migrapolis – Haus der Vielfalt im Zentrum Bonns [1].
[youtube https://www.youtube.com/watch?v=haSNKZVJVO8?feature=player_detailpage&w=300;a=left;&amp]Zu dieser Sorte frommer Menschen gehörte auch die Rednerin auf dieser Aufnahme, die ein Gebet des Rabbi Levi Weinman-Kelman für die Kinder von Gaza vorlas [3], ein Text, der ohne weiteres auch von Margot Käßmann hätte stammen können. Daß man hier als Alibi-Juden den Rabbi Levi Weinman-Kelman sprechen ließ, hat natürlich seinen besonderen Grund – seine Reformgemeinde in Jerusalem hat ein eigenes Gebetbuch herausgegeben: zum Abschluss jedes Sabbatgottesdienstes sprechen sie ein Friedensgebet, das auch einen Vers aus dem Koran enthält.[2]
[youtube https://www.youtube.com/watch?v=19zMBCT-KjM?feature=player_detailpage]Die fromme Rednerin machte sodann Platz für einen weiteren älteren Herrn, der sich den Zuschauern als aufrechter Alt-68er präsentierte: er habe an diesem Platz schon einmal demonstriert, nämlich gegen den Vietnamkrieg, und jetzt demonstriere er gegen die kriegerische Auseinandersetzung zwischen Israelis und Palästinensern. Diese Einleitung erforderte erst mal kräftigen Beifall der Zuhörer. Sodann bekamen wir die Standardfloskel über die „wahren Schuldigen“ an dem „Massaker“ in Gaza zu hören:


Die Europäer sind schuld daran, daß die Juden aus Europa vertrieben sind. Das müssen wir klar sehen. Die Last dieser Verantwortung tragen die Palästinenser! Sie werden aus ihrer Heimart vertrieben, ihnen werden die Grundstücke abgenommen, abgebaut, kaputt gemacht mit Bomben. Und aus Protest gegen diese Politik sage ich Ihnen 2 Gedichte, eins für die Kinder, und eins… ähm…wegen der Angst, die ich habe, der Befürchtung, daß dieser Konflikt im Mittelosten sich ausdehnen kann zu einem Weltkrieg.

Leider waren in diesem Augenblick weder Joschka Fischer noch Frank Walter Steinmeier zugegen, um den Mann mit ihren Warnungen vor dem gefürchteten Flächenbrand im Nahen Osten zu unterstützen.
Die erste Behauptung des tapferen Anti-Vietnamkriegs-Demonstranten hingegen, daß nämlich „die Europäer“ schuld an der Vertreibung der Juden aus Europa seien, schien in dieser Runde niemanden zu erstaunen. Eher fühlte man sich erleichtert, zu hören, daß nicht nur die Deutschen die Schuldigen waren, sondern auch die anderen Europäer, also z.B. die Dänen, Schweden, Spanier und Franzosen.

bild1
(Klicken Sie auf den Pfeil, um den Youtube-Film zu sehen) Die Rednerin in diesem kurzen Filmausschnitt hingegen sprach über „die Kinder“. Die Kinder in Gaza nämlich, die durch die „Massaker“ der Israelis täglich umkommen. Denen wolle sie eine Stimme geben:
Aber die Kinder in Gaza haben keine Stimme…sie zählen nicht, nicht einmal die toten Kinder.

Ja, so ist das mit den Kindern. Keiner will sie zählen, selbst wenn sie tot sind. Niemand weiß ja auch genau, ob sie nicht im nächsten Augenblick aufstehen und im Davonrennen den UNO-Totenzählern einen Vogel zeigen…
Aber noch nicht einmal diese als Reichsbetroffenheitsnudel auftretende Rednerin aus dem Bonner Umfeld diverser Palästinenser-Organisationen schaffte es, das Publikum für die Solidaritätsveranstaltung am Bonner Münsterplatz zu vergrößern. Die „Kernmannschaft“ rund um die Redner blieb bestehen, keiner der vom Kaufhof zur Post oder zur Bahn hastenden Menschen wollte sich dazugesellen. Die Revolution wollte einfach nicht ausbrechen.
So blieb man unter sich, um in freundlicher Atmosphäre einfach mal ein wenig Gedankenarmut auszutauschen.


Anmerkungen und Links

[1] Gesprächsrunde: Zusammenleben gestalten – Muslime in unserer Stadt Bonn
[2] Katholische Christen begegnen Rabbi Levi Weinman-Kelman in Jerusalem
[3] Gebet des Rabbi Levi Weinman-Kelman für die Kinder von Gaza.
[4] Institut für Palästinakunde Bonn
[5] Bonn: Stoppt die israelische Aggression!
[6] Demonstranten greifen israelisches Paar in Berlin an
[7] Ein Prediger in einer Berliner Moschee fordert öffentlich den Tod der „zionistischen Juden“
[8] Linke und Rechtsextreme protestieren gegen Israel
]9] Berliner Morgenpost: Demonstranten in Berlin greifen israelisches Paar an
[10] Postkarte an Düsseldorfer Juden: Vernichtet die Juden!
[11] Christian Ortner: der Irrtum der Paliversteher.
[12] Bonn: Stoppt das Massaker in Gaza!
[13] Millionenhilfen der EU für die Palästinenser
[14] Der Mythos von der Belagerung Gazas
[15] Reinhard Lütkemeyer: Deutsche zahlten Billionen Mark an Wiedergutmachung an Israel
[16] Blog von Reinhard Lütkemeyer aus Bad Godesberg: Protokolle eines Verrückten
[17] Der zynische Krieg mit den Opferzahlen in Gaza
[18] Independent Media: Tuesday, August 5, 2014:IDF Operation Data
[19] S.P.O.N. – Der Kritiker: Die Deutschen und ihr Lieblingskrieg
[20] Die dubiose Rolle der UN im Gazastreifen
[21] Matthias Küntzel (08.August 2014):Warum starben 400 Kinder in Gaza?
[22] Offener Brief 150 Kulturschaffender in Deutschland zum Krieg in Gaza
[23] Henryk M.Broder: Die Erben der Firma Hinkel (*)

"Wir sind die Neuen" – und deutsche Filmemacher bleiben die Alten

wir-sind-die-neuenIn der Filmkritik zu „Wir sind die Neuen“ lese ich gerade, wie sich deutsche Filmemacher und -kritiker die personelle Zusammensetzung von Wohngemeinschaften (WGs) vorstellen.
Bei den „entspannten Oldies“ aus der Alten-WG denken die Filmemacher dabei natürlich an Alt-68er, „die nachts trinken, philosophieren und alten Hits lauschen“ und früher mal Rechtsanwalt oder allenfalls „Biologin“ (die Anfang- 60erin) waren. In der jüngeren WG sind sie auch nicht besser: da studiert man Kunstgeschichte oder Jura (statt Germanistik und Psychologie).
Den Machern des Films kommt nicht in den Sinn, daß heute 65-Jährige, auch wenn sie seinerzeit in einer WG wohnten, vielleicht auch Elektrotechnik, Maschinenbau oder Physik studiert haben könnten. Oder Mathematik, Informatik und Chemie. Und daß sie in ihrer Alten-WG nachts möglicherweise etwas anderes machten als zu trinken, zu philosophieren und alten Hits zu lauschen. Wie wäre es z.B. mit Besuchen der Kinder unserer „Alt-68er“? Vielleicht wollen die mit ihren Vätern oder Müttern auch mal gerne ihren neuen Quadrocopter ausprobieren oder brauchen Ratschläge für die Programmierung ihres Content Management Systems? Oder möchten einfach nur Papi bitten, ihnen schnell mal eben Miles Davis „So what“ zu transscribieren?
angela_merkelNein, das paßt nicht ins klischeegesättigte Weltbild der Drehbuchschreiber und Regisseure. Da sehen sie die Welt genauso einfältig wie Angela Merkel [1], die in einem Interview mit BILD der FRAU im März 2013 folgendes sagte:


„Es gibt so viele Menschen, die härtere Belastungen als ich tragen, wenn ich nur sehe, was Pflegerinnen und Pfleger in Altenheimen oder Krankenhäusern leisten, die oft über Jahrzehnte mit Menschen in Notsituationen arbeiten.“

Daß es hunderte andere Berufe gibt, in denen Menschen hart arbeiten und dafür sorgen, daß wir uns morgens warm duschen können und tagsüber statt eines Plumpsklos eine Toilette mit Wasserspülung aufsuchen dürfen, das fällt anscheinend noch nicht mal der Bundeskanzlerin ein, die immerhin Physik studiert hat (möglicherweise). Mit ihrem Gerede von den „Pflegerinnen und Pflegern“ biedert sie sich lieber bei den Gutmenschen aus Politik und Medien an, die wie
Andrea Nahles, Claudia Roth oder Claus Peymann das Rechenzentrum eines Kraftwerks oder einer Steamcrack-Anlage nur aus den stinklangweiligen Tatort-Filmen der ARD kennen.
Doch nicht nur die Oldies-WG im Film „Wir sind die Neuen“ setzt sich so zusammen, wie es dem eigenen Werdegang der Drehbuchschreiber höchstwahrscheinlich entspricht: auch bei der jungen Studenten-WG sucht man vergebens nach Elektroingenieuren, Chemielaboranten oder wenigstens einem schlichten Programmierer, der dem gebildeten Filmregisseur eher unter dem Begriff Nerd bekannt ist. Auch eine kaufmännische Angestellte, die sich tagsüber mit der Koordinierung der Montagearbeiten von Abluftanlagen, der Erstellung von Rechnungen und Terminlisten herumschlägt und abends Bücher von Henryk M. Broder liest, auch solche Menschen haben in den „Youngster“-WGs deutscher Filmregisseure nichts zu suchen.

Doch könnte man das alles ja noch verkraften, wären da nicht die extrem langweiligen, schauspielerisch erbärmlich schlecht gespielten und aufgesetzt wirkenden Szenen aus dem Trailer, die mich davon abhalten, diesen Film in ganzer Länge anzusehen. Da könnte ich mir ja auch die ARD-Serie „Um Himmels willen“ anschauen, bei der man nach spätestens 2 Minuten zum nächsten Sender zappt, um nicht dem Irrsinn zu verfallen.
Ja, es ist schon erstaunlich, daß der Drehbuchschreiber Ralf Westhoff drei Jahre an diesem Drehbuch „gefeilt“ hat, das angeblich „bissig-frische Dialoge, gutes Timing und sichere Figurenzeichnung“ enthält. Weniger erstaunlich ist es, daß deutsche Filme dieser Sorte international kaum Erfolge aufweisen können, wohingegen uns aus den USA jede Menge Serien wie „Breaking Bad“, „Homeland“ oder „Sex and the City“ erreichen, die offensichtlich gerne gesehen werden. Aber das gemeine Volk, das weder Kunstgeschichte noch Psychologie noch Theaterwissenschaften studiert und noch nicht mal in einer WG autonome Lebens- und Widerstandsformen ausprobiert hat, weiß anscheinend die Filme aus den USA mehr zu schätzen.
Die weit über dem gemeinen Volk stehenden „gebildeten“ Deutschen wissen hingegen, daß die „Amis“ ein kulturloser Haufen von primitiven Waffenfanatikern sind, gesteuert von Riesenkonzernen, Geheimdiensten und Rassisten.

Anmerkungen und Links

[1] Kanzlerin Merkel: Altenpfleger haben härteren Job als ich

Mathematische Analphabeten: warum sich die Werbung für Roulette-Systeme auf Facebook lohnt

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Auf Facebook findet man gelegentlich Werbung für Methoden zum Geldverdienen, die sich eigentlich eher an Esoteriker, Verschwörungsfanatiker oder nach dem richtigen Glauben Suchende wenden. Schon die Überschriften sind wirklich überzeugend:

Verdienen 399 Euro pro Tag
dein-online-erfolg.com
Ich verdiene 500€ / Tag und mehr. Du kannst das auch! Klicke jetzt hier und erfahre mehr!

Wer dann so doof ist und auf dein-online-erfolg.com klickt, der wird mit einem schwungvollen

Herzlichen Glückwunsch, dass Sie Ihren Weg hierher gefunden haben!

begrüßt und erfährt dann schnell, wohin die Reise geht. Was die Autoren dieser Webseite wünschen ist nämlich nichts anderes, als daß man sich bei einem der von ihnen empfohlenen Spielcasinos im Internet anmeldet und dort sein Geld verjuxt. Und damit man das macht, wird dem unbedarften Leser eine „wissenschaftlich“ geprüfte „Systemmethode“ zum Gewinnen erklärt: es ist die seit Jahrhunderten bekannte Verdoppelungsstrategie, von der auch seit ebenso langer Zeit bekannt ist, daß sie nur zu einem führt: nämlich dem finanziellen Ruin des Roulette-Spielers. Doch davon lesen wir auf der Seite von dein-online-erfolg.com, die sich auch mal als „der-reiche-sack.com“ präsentiert, natürlich nichts, statt dessen erfahren wir folgendes:

DIESE MATHEMATISCHE TATSACHE WIRD IHNEN TAUSENDE DOLLAR EINBRINGEN!

Ja Potzblitz, da freun wir uns schon auf die vielen Dollars, die wir demnächst mit mathematisch bewiesenen Tatsachen verdienen werden, aber was sagen denn andere Leute, die wie wir bei ihrem letzten Pauschalurlaub in Malle oder Ägypten in der Wüste keinen Platz zum Surfen gefunden haben, zu diesen tollen Möglichkeiten?

bitte entschuldigen Sie mein Deutsch. Ich nutze Methode und verdiene 2340 € in vier Tagen. Ich habe nie so fiel Geld gehabt. Ein großes Dankeschön
Victor, Madrid (Spanien)

Ähnlich überzeugende Dankesbriefe lesen wir von Victoria, Kapstadt (Südafrika), Christopher, Berlin (Deutschland) und Mark R. (Toronto, CAN), die jetzt alle schon Millionäre sind und mit den Gewinnern des Dschungelcamp am Strand von Rio jeden Abend richtig einen draufmachen können.
Und damit meine Leser auch genau wissen, wie man jetzt ganz leicht jeden Tag 1200,- Euro im Internet-Casino verdienen kann, habe ich alles noch mal ganz genau aufgeschrieben:
Wie funktioniert das Verdoppelungsprinzip beim Roulette?


Anmerkungen und Links

[1] Der reiche Sack

Judith Butler, Laura Kajetzke und Theodor W.Adorno: wie man mit pseudowissenschaftlichem Geschwätz berühmt wird

Kürzlich las ich auf einem Blog der GRÜNEN „Heinrich-Böll-Stiftung“ einen Artikel von Laura Kajetzke zum Thema „Beschneidung“ [1]. Kajetzke ist am Lehrstuhl für allgemeine Soziologie der Philipps-Universität Marburg tätig. Ihr Artikel erschien auf dem Blog „Was ist der Streit-Wert?“, der auf der Website des Gunda-Werner-Instituts administriert wird. Dort kümmert man sich um Feminismus und Geschlechterdemokratie, genauer gesagt:

Das Gunda-Werner-Institut in der Heinrich-Böll-Stiftung (GWI) bündelt geschlechterpolitische und feministische Themen, bietet einen Veranstaltungskalender und informiert über Stipendien und Stellenangebote.

Dieses „Institut“, an dem sich feministisch gesinnte Irre über

  • „geschlechtersensible Wirtschaftsethik“,
  • „gendersensible Ost-West-Dialoge“,
  • „bedingungsloses Grundeinkommen aus feministischer Sicht“ und
  • “ geschlechtergerechte Lebensformen “

austauschen, ist zwar – wie bei den meisten grün-alternativen „Inintiativen“, „Stiftungen“ und „Instituten“ – ein Sammelbecken von Menschen, die in normalen Arbeitsverhältnissen gar nicht überlebensfähig wären, aber es kommen in diesem Institut auch besonders jene zu Wort, bei denen alles irgendwie „inter-„, „trans- “ und „post-“ ist. Zur letzteren Gattung Mensch zählt auch die eingangs erwähnte Laura Kajetzke, deren Arbeitsschwerpunkte

„Soziologische Theorien, Poststrukturalismus, Wissenssoziologie, Raumsoziologie und Diskurstheorie sind, und außerdem beschäftigt sie sich mit Machtwirkungen von Schulräumen und dem Spießertum als Lebensform.“

Heinrich_boell_stiftung
Zusammenfassend könnte man also sagen, daß die Hauptbeschäftigung der Laura Kajetzke nachhaltige Phrasendrescherei ist, die in gewissen Bereichen deutscher Universitäten schon als „Wissenschaft“ gilt. Als besonders nachhaltig erweist sich dabei das Wort „Diskurs“, das von Kajetzke in fast jedem zweiten Satz in diversen Varianten verwendet wird. Da wimmelt es nur so von „diskurssimplifizierenden Akteuren“, die “ diskursanalytisch gesehen“ nach einer „regulierenden Diskursbeendigungsstragie“ suchen oder einfach nur eine diskursive Lawine lostreten wollten.

Kajetzke selbst zählt sich offensichtlich zu den „Diskurskomplizierer_innen, die einen problema­ti­sieren­den Diskurs führen wollen“ und ist beleidigt, weil sie trotzdem durchs „mediale Raster“ gefallen ist. Lediglich bei den GRÜNEN und ihrer mit 53 Millionen Euro Steuergeldern im Jahr 2013 geförderten Heinrich-Böll-Parteienstiftung hat man ein offenes Ohr für das Diskursgeschwätz der „Diskurs-Forscherin“. Andererseits hat sie für ihre Diplomarbeit von der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS) immerhin einen mit 250,- Euro dotierten Preis bekommen, der ihr freudestrahlend von Frau Professorin Dr. Beate Krais am 9. Oktober 2006 in der Kasseler Stadthalle überreicht wurde. Ihre Diplomarbeit trug den Titel

„Der Begriff des Wissens in Aushandlungsfeldern diskursiver Praktiken.“

Seit 2006 arbeitet Kajetzke übrigens auch an ihrem Doktor zum Thema

„Die geisteswissenschaftliche Wissensproduktion unter den Bedingungen der sogenannten ‚Wissensgesellschaft’. Eine wissenssoziologisch-diskursanalytische Untersuchung.“

Da sie bis zum heutigen Tage (13.April 2014) nur als „Dipl.-Soz. Laura Kajetzke“ an ihrer Universität geführt wird, ist wohl in den vergangenen 8 Jahren diskursiven Geschwätzes nicht besonders viel Verwertbares herausgekommen.
annette-schavanVielleicht sollte sie sich mal bei „Frau Professorin“ Annette Schavan erkundigen, wie man eine Doktorarbeit in weniger als 8 Jahren abschließen kann. Schavan wurde immerhin in dieser Woche der Ehrendoktor der Universität Lübeck verliehen, sie hat einige Erfahrung mit Doktortiteln.
Für uns bescheidene Bürger ohne Doktortitel ist es allerdings schon erstaunlich, wie sich Kajetzke und andere Armleuchter_Innen aus ihrer Soziologenbranche als „Mitarbeiter an Lehrstühlen“ aufplustern und davon auch noch leben können. Aber sie haben Erfolg damit. Denn gerade dieses ihr aufgeblasenes pseudowissenschaftliches Kauderwelsch aus tausend Versionen des Wortes „Diskurs“, verbunden mit solchen Wendungen wie „…interdisziplinärer Diskurs einer emanzipatorischen Gesellschaft, die sich an den Bedürfnissen jedes_r Einzelnen orientiert“, empfinden weite Kreise unserer Gesellschaft als besonders tiefliegend und wissenschaftlich fundiert. Wobei wir in diesen Kreisen besonders viele Theologen, Soziologen, Psychotherapeuten und Gender-„Wissenschaftler“ finden.
Zu letzteren ist auch Kajetzke zu rechnen, die immerhin von 2005 bis 2008 Frauenbeauftragte des Fachbereichs Gesellschaftswissenschaften und Philosophie der Philipps-Universität Marburg war und in ihrem Artikel für das Gunda-Werner-Institut beklagt, daß in der Beschneidungsdebatte leider


keine jüdisch-feministischen Positionen zu Wort kamen, die sich u.a. mit der Brit Mila als Frauen exkludierenden Initiationsritus befassen.

Kajetzke ist allerdings nur ein kleiner Fisch gegenüber Judith Butler, die sich durch hochtrabendes akademisches Geschwafel gepaart mit einer speziellen Abneigung gegen den Staat Israel auszeichnet. Bei Butler wimmelt es nur so von „Diskursen„, „vordiskursiven Differenzen zwischen Geschlechtern„, „diskursiven Machtmechanismen„, die Kategorie Geschlecht wird „diskursiv konstruiert“ und überhaupt ist alles irgendwie „diskursiv„, und wenn nicht, dann eben „performativ„, „inkohärent“ oder „übersubjektiv„. Vielleicht auch noch transkulturell oder intersexuell, auf jeden Fall aber postdiskursiv.
Und wenn etwas geschieht, dann nicht einfach so, das wär ja noch schöner, sondern immer ist es ein „Prozeß“. Butlers pseudowissenschaftliches Geschwafel wurde sogar beim alljährlich stattfindenden Bad Writing Contest wegen des folgenden Bandwurmsatzes preisgekrönt:


Der Schritt von einer strukturalistischen Erklärung, nach deren Verständnis das Kapital soziale Beziehungen auf relativ homologe Weise strukturiert, zu einer hegemonialen Ansicht, nach der Machtbeziehungen Wiederholung, Konvergenz und Reartikulation unterworfen sind, führte die Frage der Temporalität in die Überlegungen zur Struktur ein und markierte einen Wechsel von einer Form Althusser’scher Theorie, die strukturelle Totalitäten als theoretische Objekte begreift, zu einer Theorie, in der die Einsichten in die kontingente Möglichkeit von Struktur ein erneuertes Konzept von Hegemonie erschließen, das mit den kontingenten Orten und Strategien der Reartikulation von Macht verknüpft ist.

Diese Übersetzung findet man in Steven Pinkers Buch mit dem Titel „Das unbeschriebene Blatt“ auf Seite 572 (und nicht auf Seite 154, wie es irrtümlich bei Wikipedia heißt). Allein schon dieser eine Satz von Butler zeigt, daß uns hier das schiere Gelaber, ein hohlröhrendes Nichts (Wolf Schneider [8]) gegenübertritt. Und keinesfalls Satire, was man beim ersten Lesen vielleicht denken könnte. Es konnte nicht ausbleiben, daß Butler 2012 der Theodor-W.-Adorno-Preis der Stadt Frankfurt verliehen wurde. Das kann man gut verstehen, denn Adorno zählt ebenso wie Habermas zur Schwätzerelite unter den deutschen Soziologen. Adornos Behauptungen z.B. über Jazz sind inhaltlich nicht an Lächerlichkeit zu überbieten:


„Das sozial nicht konformierende Moment des Jazz mag in seiner Zwischengeschlechtlichkeit gelegen sein“,

das muß man sich auf der Zunge zergehen lassen und dabei daran denken, daß ganze Generationen von Soziologen dieses Geschwätz ernst genommen und darauf aufbauend hunderte von Diplomarbeiten geschrieben haben. [9]
Gegen die Verleihung des Adorno-Preises an Butler hat es viele Proteste gegeben, insbesondere wegen Butlers Unterstützung der Boycott, Divestment and Sanctions Kampagne und ihrer ultra-radikalen Ablehnung des Staates Israel. Leider reden ihre Kritiker aber häufig in genau derselben mit geblähten Imponiervokabeln angereicherten Philosophensprache wie Butler selbst. Man kann das sehr schön an den Beiträgen von Alex Gruber und Magnus Klaue auf Facebook [10] verfolgen, die man beide ebenfalls für einen Preis beim Bad Writing Contest vorschlagen könnte.

Anmerkungen, Links und Literaturverweise

[1] Laura Kajetzke: Lasst euch nicht versimplifizieren: Beobachtungen zum Diskurs um religiöse Beschneidung
[2]Alan Posener in der WELT: Wenn Schafe blöken
[3] Vorhauthäuter und Vorhauthüter*
[4] Gunda-Werner-Institut
[5] Jahresbericht 2012 der grünen Parteienstiftung Heinrich-Böll-Stiftung
[6] Dipl.-Soz. Laura Kajetzke
[7] Herausragende Abschlussarbeit der Marburger Soziologin Laura Kajetzke
[8] Wolf Schneider: Deutsch für Kenner
[9] Das Saxophon klingt wie der Gesang eines kastrierten Negers: Theodor W.Adorno und das „sozial nicht konformierende Moment des Jazz“
[10] Adorno gegen seine Preisträger verteidigt – Gegenveranstaltung zur Preisverleihung an Judith Butler

Also jetzt passen Se mal auf, ich zeig Ihnen dat jetzt mal.

[youtube https://www.youtube.com/watch?v=6GPnT2-QToM?feature=player_detailpage]
Da ich mich vor einigen Monaten mal intensiv mit der Technik von Küchenmaschinen befasst hatte, beschloss ich, eine neue Version von Dieter Krebs im Eisenwarengeschäft zu schreiben:
Verkäufer (V.): Sie wollen eine Küchenmaschine haben? Ja was denn für eine?
Kunde(K.): Na einfach ’ne Küchenmaschine!
V.: Also eine mit Wiederanlaufsicherung und Überlastungsschutz? Oder lieber mit Sollbruchstelle an der Antriebswelle?
K.: ??
V.: Nehmen Se doch einfach diese hier, die hat ein einfaches Planeten-Rührsystem. Oder wolln Se lieber die hier mit dem dynamischen 3-D Rührsystem und dem Spritzgebäckvorsatz?
K.: Ich wollt eigentlich nur ’ne Küchenmaschine!
V.: Freistehend oder unterbaufähig?
K.: Ähm… in der Küche!
V.: Also jetzt passen Se mal auf. Ich zeig Ihnen dat jetzt mal. Sie nehmen die Rührschüssel, setzen sie bündig in die Aussparung des Gerätesockels und befestigen dann den Knethaken oder den Rührschlagbesen oder den Teigrührer am unteren Antriebskopf des
Multifunktions-Schwenkarms.
Vorher müssen Se natürlich den Multifunktions-Schwenkarm mit der Entriegelungstaste entriegeln, sonst tut sich da nix!
Und vergessen Se nich, den Antriebsschutzdeckel auf den oberen Antriebskopf des Schwenkarms zu setzen, so lange nicht der Durchlaufschnitzler benutzt wird!
Danach können Se den Multifunktions-Schwenkarm wieder nach unten senken und mit der Entriegelungstaste sichern. Das zu bearbeitende Rührgut tun Se dann mit dem Rührschlagbesen oder dem Teigrührer oder dem Knethaken bearbeiten.
Alles klar?
K.: Ach – ich hätt dann doch lieber nur ’nen Kochlöffel.:-)

EU-Abgeordnete als Abzocker

eu_abgeordneter (Klicken sie links auf das Bild, um den RTL-Film zu sehen) Warum stehen morgens um 7 Uhr im Straßburger EU-Parlament Abgeordnete mit Reiseköfferchen vor einem Zimmer Schlange?
Antwort: sie setzen ihren Namen auf eine "offizielle Anwesenheitsliste" und machen sich dann schnell aus dem Staub.
Zu den Zeiten, als diese RTL-Sendung entstand, konnten sie dadurch nämlich 284,- Euro Tagegeld kassieren (heute sind es 304 Euro). Einfach so, fürs Nichtstun bzw. für ihre Abwesenheit im Sitzungssaal. Das paßt irgendwie ins Bild, wenn man sich die sonstige Überversorgung der europäischen Parlamentarier anschaut:

7.956,87 EUR Brutto beträgt die monatliche "Entschädigung", nach Abzug der EU-Steuer und einem Unfallversicherungsbeitrag sind das 6.200,72 EUR Netto
4.299 EUR Netto steuerfreie pauschale monatliche Spesenvergütung,
304 EUR Netto Tagegeld,
21209 EUR Maximale monatliche Summe für Assistenten, Büropersonal und Studien etc.

Was das Tagegeld betrifft, so ist dieses in einer Verordnung festgelegt:

Das Parlament zahlt diese Pauschalvergütung in Höhe von 304 EUR je Tag, an dem das Mitglied an offiziellen Sitzungen der Gremien des Europäischen Parlaments, denen es angehört, teilnimmt, soweit diese Sitzungen innerhalb der Europäischen Gemeinschaft stattfinden. Sie deckt Unterkunft, Mahlzeiten sowie alle weiteren Kosten der Teilnahme ab. Das Parlament zahlt diese Vergütung nur, wenn das Mitglied eine offizielle Anwesenheitsliste unterschrieben hat.[3]

Da es aber einige Abgeordnete gibt, die sich zwar in der offiziellen Anwesenheitsliste eingetragen haben, dann aber nach Hause zum Rasenmähen gefahren sind, und die somit gar nicht an den Abstimmungen und Gremiensitzungen teilnehmen, hat die EU auch für diese Parlamentarier einen Anreiz geschaffen, bis zum Ende der Sitzungen des Parlaments auszuharren:

Während der Plenartagungen wird das Tagegeld für Mitglieder, die nicht mindestens an der Hälfte der namentlichen Abstimmungen teilgenommen haben, die jeweils am Dienstag, Mittwoch und Donnerstag der Tagung in Straßburg und am zweiten Tag der Tagung in Brüssel stattfinden, um die Hälfte gekürzt.

Wie gesagt: das gilt nur für Plenartagungen, also wo das ganze Parlament im Sitzungssaal tagt. Bei den restlichen "Gremiensitzungen" braucht man nur seinen Namen auf die Anwesenheitswliste setzen und kann dann getrost wieder nach Hause fahren. Das alles, wir ahnen es schon, reicht für die ganz normalen Tätigkeiten eines Abgeordneten bei weitem nicht aus. Deshalb darf der fleißige Abgeordnete zusätzlich weitere Gelder verbraten, z.B. für einen persönlichen Assistenten, eine Sekretärin oder zur Beauftragung einer Studie:

2011 beläuft sich der monatliche Höchstbetrag, der für alle hiermit verbundenen Kosten zur Verfügung steht, je Mitglied des Europäischen Parlaments auf 21 209 EUR. Diese Gelder werden grundsätzlich nicht an die Mitglieder selbst ausgezahlt.

So ist es richtig: Assistenten und Sekretärinnen bekommen ihr Geld direkt von der EU, der Abgeordnete selbst kassiert dafür deren Dienstleistungen umsonst. Auch nicht schlecht. Aber was ist, wenn man von Brüssel mal eben für eine Sitzung nach Straßburg reisen muß? Dann entstehen doch Reisekosten? Keine Angst, auch dafür gibt es Regelungen, die den Abgeordneten ganz sicher nicht zum Nachteil gereichen. Bei den Reisekosten rechnet die EU-Behörde nicht mehr mit Pauschalen, sondern läßt sich die entstandenen Kosten im einzelnen nachweisen – Bahnreisen werden natürlich 1.Klasse bezahlt. Anscheinend hatten frühere Abgeordnete den Bogen zu sehr überspannt und Pauschalen für nicht vorhandene Reisen kassiert.
Und für Autofahrer? Für die gibt es immerhin 50 Cent pro Kilometer. Ich habe mal nachgerechnet, wieviel ein Abgeordneter, der vorwiegend mit seinem privaten Auto fährt, monatlich an Reisekosten geltend machen kann: Die kürzeste von Google-Maps berechnete Route von Brüssel nach Straßburg umfaßt 462 Km, hin und zurück also 924 Km. Wer mit dem privaten Auto fährt, kassiert dafür dann 462,- Euro. Bei durchschnittlich 5 Sitzungen im Monat und 5 weiteren "Arbeitsbesuchen" macht das immerhin 4620,- Euro im Monat. EU-Abgeordnete fahren natürlich grundsätzlich umweltschonende Kleinwagen mit extrem geringem Spritverbrauch – da können sie sich von den 4620 Euro monatlich schnell noch mal eine Solaranlage auf dem heimischen Dach bauen lassen.
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hiltrud-breyer-2
Daß Sonnenenergie ein wichtiger Energielieferant für die Zukunft ist, weiß z.B. auch die Abgeordnete der GRÜNEN, Hiltrud Breyer , die in unserem RTL-Filmchen partout ihr Gesicht nicht zeigen wollte. Auch Hiltrud Breyer kam per Aufzug in die Etage, wo in einem Zimmer die Anwesenheitsliste auslag.
Doch kaum erblickte sie das Reporterteam von RTL, als sie auch schon die Flucht ergriff: sie stürzte zurück zum Aufzug und versuchte verzweifelt, die Aufzugstüren zu schließen. Warum sie vor den RTL-Reportern flüchtete, kann man sich denken: ausgerechnet sie als Trägerin des Bundesverdienstkreuzes und "offizielle Mitunterstützerin der überwachungskritischen Datenschutzdemonstration Freiheit statt Angst" mochte nicht so gerne dabei erwischt werden, wie sie sich das Tagungsgeld von 304,- Euro erschleichen wollte.
Nein, das stimmt sicher auch nicht. Sie wollte wahrscheinlich nur schnell auf die Toilette gehen, wurde durch die Anwesenheit der durchweg männlichen RTL-Mitarbeiter irritiert und bekam durch deren frauenfeindliches Gehabe einen Schock. Klar, daß sie dann durchdrehte! Als Mitglied des Ausschusses für die Rechte der Frau und die Gleichstellung der Geschlechter weiß sie schließlich, daß man auch auf den Fluren der EU-Gebäude vor Männern nicht sicher sein kann. Also ist sie sicher schnell nach Hause gefahren – diesmal ohne die Unterschrift auf die Anwesenheitsliste. Da hat sie dann noch ein bißchen an Ihrer Website gebastelt [4]. Die ist oben blau mit vielen kleinen Wölkchen, dann kommt eine grüne Wiese mit ein paar tollen Menüpunkten und dann viel Text, alles geschrieben von der Hiltrud:

Man entwarf Sonnenkollektoren, so genannte Solarzellen oder in der Fachsprache Photovoltaikanlagen, welche das Sonnenlicht (eine Strahlungsenergie) einfangen und es in elektrische Energie umwandeln. In der Regel bestehen diese Zellen aus Silizium. [4]

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(Foto: Markus Koljonen), Ja, liebe Hiltrud. So hört sich das an, wenn sich Alt-68er Politik"wissenschaftler/Innen", die Sonnenkollektoren nicht von Solarzellen unterscheiden können, zum Thema Sonnenenergie äußern. Nimm einfach ein Physikbuch für die 10.Klasse Gymnasium und lies nochmal nach, was eigentlich ein Sonnenkollektor ist und wie er sich von einer Solarzelle unterscheidet. Falls du deine Schulbücher nicht mehr zur Hand hast, tut es auch Wikipedia. Wenn du dich solchermaßen wieder auf den Stand der Technik hochgebeamt hast, werden wir wohl hoffentlich nie mehr solche unterirdischen Dummheiten wie die folgende von dir lesen:

Um ein optimales Ergebnis zu erzielen, empfehlen wir besonders die Installation auf dem Dach, in einem freistehenden Gebiet oder in südlicheren Lagen Deutschlands.

Und ich dachte immer, daß Solarzellen im Keller, auf Hundehütten oder am Nordpol installiert werden müßten. Na ja, danke für den Hinweis!

Update 23.11.2013

Inzwischen gibt es die Website [4] der Hiltrud Breyer nicht mehr. Das ist wirklich schade, so viele wunderschön aufbereitete Fettnäpfchen werden einem ja nur selten angeboten. Hiltrud Breyer war aber anscheinend auch peinlich berührt von den Aufnahmen, die das RTL-Team von ihr gemacht hatte. deshalb hat sie bei Youtube durchgesetzt, daß die dort hochgeladenen Ausschnitte aus der RTL-Sendung innerhalb Deutschlands nicht gesehen werden dürfen ( http://www.youtube.com/watch?feature=player_embedded&v=-gifW0mmwm8 ). Sie ist übrigens offizielle Mitunterstützerin der überwachungskritischen Datenschutzdemonstration Freiheit statt Angst und seit dem 31.10.2013. als Nachrückerin für Franziska Brantner wieder im EU-Parlament.
Ach ja, und vergessen wir eins nicht: die Dame ist natürlich auch esoterisch angehaucht. Breyer ist Anhängerin so genannter komplementärmedizinischer Verfahren wie Akupunktur, Homöopathie und der anthroposophischen Medizin und setzte sich als Politikerin für diese ein. [5]

Anmerkungen und Links

[1] RTL-Reporter besuchen das EU-Parlament
[2] EU ist Abzocke geworden
[3] Entschädigungen und Vergütungen der EU-Abgeordneten
[4] GRÜNEN-Abgeordnete Hiltrud Breyer auf ihrer Homepage über "Solarenergie"
[5] Hiltrud Beyer setzt sich für Akupunktur, Homöopathie und anthroposophische Medizin ein

Berliner Negerküsse

DSCN3763kIn Berlin, einer Stadt, in der besonders viel MultiKulti herrscht, begegnet man in der U-Bahn nicht nur arabischen und türkischen Jugendlichen, die Behinderten, Alten und Schwangeren beim Aufsuchen von Sitzplätzen behilflich sind und ihnen anschließend gerne aus dem Koran vorlesen, sondern auch Angehörigen vieler anderen Ethnien, z.B. auch Negern.
Neger, das muß man hier genauer erklären, sind Menschen, die früher mal so hießen, aber jetzt nur noch „Schwarze“ genannt werden dürfen. Wenn man genauer hinguckt (was man nicht darf, weil es sich beim Hingucken um einen rassistisch/biologistischen Vorgang handelt), so stellt man tatsächlich fest, daß sie schwarz sind. Manchmal vielleicht auch nur halbschwarz, vielleicht auch braun, aber ich weiß ja nicht, ob man das so einfach sagen darf, ohne gleich als Rassist zu gelten. Jedenfalls gibt es da Abstufungen zwischen Schwarz und Weiß.
Neger gab es übrigens früher auch in vielen Kinderbüchern. Aus denen wurde sogar öffentlich vorgelesen. Das waren noch Zeiten! Heute ist das ja anders:


Mehrere Zuhörer sowie eine Podiumsteilnehmerin hatten Yücel beim Vorlesen der Texte am Aussprechen des Wortes „Neger“ hindern wollen und verließen, nachdem es zu einer lautstarken Auseinandersetzung gekommen war, den Saal.[5]

Mit dem öffentlichen Vorlesen bekommt man also heute Probleme, wenn man das Wort „Neger“ vorlesen möchte. Da bietet es sich an, die Neuauflagen und Neuaufnahmen (ab 2009) des Oetinger-Verlages zu verwenden, denn in denen sind die Worte „Neger“ und „Zigeuner“ nicht mehr zu finden. [6]
kristina_koehlerJa, da sind wir aber froh! Jetzt können wir einfach so drauflos lesen und brauchen nicht mehr wie Kristina Schröder beim Vorlesen aufzupassen:


Schröder hatte kurz vor Weihnachten in einem Interview erzählt, wenn sie ihrem Mädchen einmal Kinderbuchklassiker wie „Die kleine Hexe“ von Ottfried Preußler, „Jim Knopf“ von Michael Ende oder „Pippi Langstrumpf“ von Astrid Lindgren vorliest, dann werde sie diskriminierende – aber zum Zeitpunkt, zu dem die Geschichten geschrieben wurden übliche – Begriffe wie „Neger“ oder „Zigeuner“ auslassen.

Das ist jetzt alles anders. Denn Pippi Langstrumpfs Papa ist jetzt ein „Südseekönig“, nicht ein Negerkönig. Nun können wir unseren Kindern etwas vorlesen, ohne daß wir befürchten müssen, zwischendurch über das Wort „Neger“ zu stolpern. Prima! Aber eins stimmt uns noch bedenklich:


In Bayern werden immer noch in Bars, Cafés, Biergärten etc. Mixgetränke mit dem Namen „Neger“ angeboten oder Bezeichnungen verwendet, die diesen Begriff enthalten (z.B. „Eisneger“). Diese Diskriminierung im öffentlichen Raum legitimiert Rassismus, da sie vom bayrischen Staat wissentlich gebilligt wird. Sie ist Ursache zahlreicher Auseinandersetzungen und stört somit den sozialen Frieden. Die Beleidigung „Neger“ verletzt die Würde aller Afrikaner und Afrikanerinnen und allgemeinhin Menschen afrikanischer Herkunft. Insbesondere wir, die wir in Deutschland leben oder uns hier aufhalten, sind davon betroffen.

[1]
Ich hatte ja eigentlich gehofft, daß nach der Umbenennung von Pippi Langstrumpfs Papa zum „Südseekönig“ jetzt endlich alle Neger aus der deutschen Literatur und dem deutschen öffentlichen (politisch korrekten) Leben ausgemerzt sind, aber anscheinend sind da immer noch Reste, die es zu beseitigen gilt. Es ist wie mit dem Judenkuchen in Holland, der das gleiche Schicksal wie die niederländischen Juden vor genau 70 Jahren erlitten hat, als etwa 110.000 der 140.000 jüdischen Einwohner des Königreichs deportiert wurden. Er (der Judenkuchen) mußte weg, weil er angeblich eine Beleidigung für die Juden ist. [7]
Aber wer hat eigentlich diesen Brief an den bayrischen Staatsminister Joachim Herrmann („Betreff: Rassistische Getränkebezeichnungen in Bayern“) unterzeichnet? Z.B. diese hier:


Notruf und Beratung für vergewaltigte Frauen und Mädchen Koblenz, e.V., Koblenz
RUBICON Beratungszentrum für Lesben und Schwule Köln
Landeskoordination der Anti-Gewalt-Arbeit für Lesben und Schwule in NRW
Lesbische und Schwule ALTERnativen, Köln
Afrika-Rat Berlin-Brandenburg

Und nun mal zurück in die Wirklichkeit: ich werde mir weder von irgendwelchen „Notrufen für vergewaltigte Frauen und Mädchen“ noch von einer „Landeskoordination der Anti-Gewalt-Arbeit für Lesben und Schwule in NRW“ vorschreiben lassen, wie ich Menschen mit einer bestimmten Hautfarbe anrede.
Ganz im Gegenteil: ich werde es so halten wie jene sympathische Berlinerin, die mir dieser Tage von einer lustigen Begegnung in der U-Bahn schrieb:


Eben habe ich so gelacht in der Bahn.
Da saß auch eine Mutter mit 2 kleinen Mischlingsmädchen.
Die eine Maus erzählte, daß sie heute in der Schule mit einem Kuss rechnen mussten.
Ich sagte, du meinst bestimmt einen Abakus. Sie zuckte mit den Schultern. Ich fragte sie, ob sie einen Abakus kennt.
Sie guckte mich an und sagte, nein ich kenne nur Negerkuss.
Ich finde das total lustig, ich kann mich gar nicht mehr einkriegen.

[1] UN-Antirassismusausschuss rügt Deutschland: Schutz vor Rassismus muss verbessert werden.
[2] Bernd Lassahn auf der Achse des Guten: Ein Neger mit Gazelle zagt im Regen nie!
[3] Alan Posener: Manchmal muss man „Neger“ sagen
[4] Ist „Pippi Langstrumpf“ rassistisch?“Negerkönig“ sorgt für Ärger
[5] Jan Fleischhauer: S.P.O.N. – Der Schwarze Kanal: „Sag das Wort nicht“
[6] Sind in den aktuellen Übersetzungen der Bücher Astrid Lindgrens die Worte „Neger“ oder „Zigeuner“ zu finden?
[7] Henrik M.Broder: Erst der Negerkuss, jetzt der Judenkuchen
[8] The Hebrew hammer

Fracking-Mythen

634px-rig_wind_river(Gastbeitrag von Jorge Arprin) Trinkwasser und Gesundheit haben für uns absoluten Vorrang. Wir werden deshalb für ein Moratorium sorgen, das einen Verzicht dieser Technologie bei der unkonventionellen Erdgasgewinnung vorsieht, bis ausreichende wissenschaftliche Erkenntnisse vorliegen und alle Risiken für Gesundheit und Umwelt bewertet und ausgeschlossen werden.“
(Quelle)

Fracking-Verbot, brought to you by Große Koalition.

Nach der Mietpreisbremse und dem Mindestlohn wird jetzt zum nächsten Schlag ausgeholt. Wieder muss der Bürger für Ideologie teuer aufkommen. Seit dem Jahr 1998 sind die Strompreise in Deutschland um 68% gestiegen. Die Kostenbestandteile, die von Unternehmen beeinflusst werden können, also Erzeugung, Transport und Vertrieb, sind um 11% gestiegen, die staatlichen Abgaben (für die Förderung von regenerativen Energien) dagegen um 243%! Sie machen jetzt mehr als die Hälfte des Strompreises aus.

Die EEG-Umlage führt also dazu, dass jedes Jahr 600.000 Haushalten der Strom abgestellt werden muss. Das sind die Kollateralschäden der Nachhaltigkeitsideologie. Fracking, also die Förderung von Erdgas- und Erdölvorkommen aus Gesteinsschichten, könnte vielleicht für eine billigere und bessere Energieversorgung sorgen, sowie in den USA (und uns nebenbei weniger abhängig vom russischen Gas machen), trotzdem soll es verboten werden. Oder ist es vielleicht so: Fracking könnte Deutschland voranbringen, also wird es gerade deswegen verboten?

Was ist aber mit den Argumenten gegen Fracking? Der irische Filmmacher Phelim McAleer hat sich die größten Fracking-Mythen vorgenommen. Wie bei den meisten anderen Mythen der Umweltbewegung haben sie kein allzu gutes Verhältnis zur Realität.

Mythos 1: Fracking kann Wasser brennen lassen

Es gibt wohl keine schlimmere Lüge über Fracking als die, dass Fracking Wasser brennbar machen kann. Dieser Mythos kam durch die vom Fracking-Gegner Josh Fox produzierte Dokumentation “Gasland” auf, indem ein Mann zeigt, wie sein Wasserhahn – angeblich wegen Fracking – in Flammen aufgeht. Es gab aber schon vor Fracking solche Vorkommnisse, und Fox selbst gab an, dies gewusst zu haben. Allerdings hielt er diese Information für seine Dokumentation für “nicht relevant”.

Mythos 2: Fracking vergiftet das Wasser

Lisa Jackson, ehemalige Vorsitzende der amerikanischen Umweltbehörde (EPA) und keineswegs Fracking-Befürworterin, bezeugte vor dem US-Kongress, dass es keinen einzigen belegten Fall gibt, indem Fracking Trinkwasser kontaminiert hat. Fracking benutzt auch keine giftigen Chemikalien und verursacht kein Brustkrebs, wie Josh Fox behauptete. Eine von vielen Behauptungen, die Fox aufstellte und dann widerlegt wurde, ohne dass Fox sich zu einer Klarstellung durchrang. McAleer meint dazu treffend:

This is the anti-fracking playbook. Scare people, get media attention. And when the science comes in debunking the scare story, move on to the next scare story.

Mythos 3: Fracking verursacht Erdbeben

Jede Tätigkeit, die unter dem Boden durchgeführt wird, hat Folgen für die Erde, ob es einem gefällt oder nicht. Es ist kein hinreichender Grund, um Fracking zu verbieten. Umweltfreundliche Energien wie Wasserkraft und Erdwärme (Geothermie) haben nachweislich Erdbeben verursacht. Aber diese Energien sollen nach dem Willen der meisten Fracking-Gegner nicht verboten, sondern sogar mit Milliarden vom Staat gefördert werden. McAleers zynischer Kommentar dazu:

It seems that some earthquakes are more equal than others.

Mythos 4: Fracking verbraucht viel Wasser

Ja, Fracking verbraucht viel Wasser. Aber man sollte die richtigen Maßstäbe setzen: Die Amerikaner verbrauchen jedes Jahr mehr als 20-mal so viel Wasser für ihre Rasenplätze.

Es gab bei jeder Technologie Ängste und Bedenken aufgrund ihrer vermeintlichen Schädlichkeit. Im Jahr 1840 sagten bayrische Ärzte, dass eine Eisenbahnfahrt verrückt machen kann. In unserer Zeit sollte man eigentlich weiter sein und freie Forschung erlauben, anstatt sie zu behindern. Ob Fracking, Gentechnik, Atomkraft oder Torlinientechnik – Deutschland ist ein technophobes Land. Wenn ein Deutscher heute die Eisenbahn erfunden hätte: Sie würde wohl niemals gebaut werden.

Nackte Ärsche sind Zwangsenthüllung

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Musliminnen verschleiern sich freiwillig

Die österreichische Ethnologin Drin Ingrid Thurner gehört zur Klasse jener europäischen Intellektuellen, Islam-Experten und Respekt-Soziologen, die mit immer neuen Spitzfindigkeiten in der Öffentlichkeit für das Tragen des Schleiers werben.
Thurners Argument ist dabei ein besonders antiquiertes: als eine wesentliche Begründung für die Bedeckung würden Musliminnen nämlich immer wieder angeben, dass sie sich nicht über ihren Körper definieren lassen wollten. Und das sei doch auch das Anliegen des westlichen Feminismus gewesen: kein Objekt der sexuellen Begierde mehr wollte frau sein.
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Das könnte glatt der Schmock der Woche sein. Hat man schon jemals muslimisch Verschleierte vor der Fernsehkamera einen solch verschwurbelten Satz sagen hören:
„Ich möchte mich nicht über meinen Körper definieren lassen“?
Nein, ganz sicher nicht, vor allem nicht „immer wieder“, wie uns Frau Thurner einreden will. Schlimmer noch: es gibt nicht eine einzige repräsentative Studie über muslimische Verschleierte, schon die Befragung der Bedauernswerten würde am Veto ihrer männlichen Familienmitglieder scheitern. Verklemmte Moral-Apostel und dem Gender-Wahnsinn Verfallene wie die Kulturanthropologin Thurner instrumentalisieren trotzdem die Verschleierten für ihre Zwecke und unterstützen damit die menschenverachtende Behandlung von Frauen im Islam.

Männer dürfen fast alles, Frauen fast nichts

Die eigentlichen Gründe für die Verschleierung sind die totale Rechtlosigkeit und massive Unterdrückung von Frauen im Islam, ihre Reduktion auf ein blosses sexuelles Besitzobjekt genau eines Mannes, dem es andererseits freisteht, sich weiterer Frauen seines Harems zu „bedienen“. Im Islam gibt es sehr einfache Regeln: Männer dürfen fast alles, Frauen fast nichts und Sex ist eine nationale Zwangsvorstellung, wie es Betsy Udink in ihrem Buch „Der Sex-Trieb des Mannes als Maß aller Dinge“ ausdrückte. Wer behauptet, daß Frauen im Westen „gezwungen“ würden, halbnackt herumzulaufen, sollte bedenken, daß es bisher noch kein Regime auf dieser Erde gegeben hat, welches die Frauen mit vorgehaltener Kalaschnikow dazu gezwungen hat, bauchfrei zu gehen, wohl aber einige islamistische Diktaturen, die den Schleier mit Gewalt durchgesetzt haben.
DSCN2439kSolche Gedanken sind der Ethnologin/Reiseleiterin Thurner völlig fremd. Sie beschäftigt sich lieber mit so „hochwissenschaftlichen“ Themen wie

  • der „Anthropologie des Pilgerns“,
  • der „interkulturellen Kommunikation“
  • oder der „Ästhetik des Tourismus“.

bei denen mehr geschwafelt als wissenschaftlich geforscht wird. Und deshalb ist Ingrid Thurner auch nicht irgendeine Frau Dr., sondern sie ist
„Frau Drin Ingrid Thurner“,
die sich mit einem hochgestellten „in“ von einem „männlichen“ Doktor glaubt abgrenzen zu müssen. Warum? Weil im universitären Umfeld schon immer diejenigen Leute besonderen Wert auf ihren Titel und dessen korrekte Schreibweise gelegt haben, deren „wissenschaftlicher Output“ durch das vollständige Fehlen nichttrivialer Sätze geprägt wird.

Postkoloniale Theoriebildung: der Jargon ersetzt die Wissenschaft

Ingrid Thurner hat es wie viele Alt-68er und feministische Ideologen geschafft, irgendwann eine Stelle an einer Universität zu ergattern, wo sie ungestraft Aussagen wie


Ansätze aus dem Bereich einer interpretativen Kulturanthropologie, der Ethnographie als dichter Beschreibung, der Cultural Studies und postkolonialer Theoriebildung.

in die Beschreibung ihrer „Forschungsarbeiten“ einfügen darf. Aber das genügt ihr nicht. Sie will mehr. Sie will nicht wie früher vor der Mensa stehen, Alice Schwarzers „EMMA“ oder Flugblätter über die permanente männliche Vergewaltigung verteilen und sich über jede Gelegenheit freuen, bei der sie sich selbst als Opfer „männlicher Gewalt“ und „patriarchaler Strukturen“ stilisieren kann. Nein, sie will mehr. Denn Frauen wie Thurner sehen sich nicht nur allerorten von männlichen Vergewaltigern und konformistischen Westnackedeis umgeben, sondern sie beklagen vor allem ihre minimale Repräsentanz in den Führungsetagen von Politik, Wirtschaft und Wissenschaft.
IMG_0853k(Links sehen Sie eine junge Polizistin in einem Tel Aviver Einkaufszentrum) Doch schaut man sich an Thurners eigenem Institut für Kultur- und Sozialanthropologie um, so sieht es da ganz anders aus: am gesamten Institut sind die Frauen in der Mehrheit, nämlich mit 57,77% weiblichem Personal. Mehr noch: 68 von 110 Lektoren (Thurner ist selbst eine, also keine Professorin) in ihrem Institut sind aufgrund ihres Vornamens eindeutig dem weiblichen Geschlecht zuzuordnen – das sind 61,8%. Bei den Dozenten sind es 5 weibliche von 14 insgesamt (35,7%), beim wissenschaftlichen Personal 5 von 11 (45,45%). 40% der Dozenten und Wissenschaftler immerhin sind also Frauen. Daß es nicht mehr sind, könnte damit zusammenhängen, daß die 61,8% weibliche Lektoren zu viel mit Weltreisen und dem Schreiben von Artikeln für die Süddeutsche Zeitung oder „www.islam.de“ beschäftigt sind, um vor der Islamophobie und der Zwangsenthüllung zu warnen.
Ingrid Thurner behauptet, daß Bikini-Trägerinnen ihre „knappen“ Bikinis mit „überhöhten Preisen“ bezahlen. Damit würden diese beweisen, wie abhängig sie vom männlich/dominanten ausbeutenden Kapitalismus sind, und wer die „wesentlichen Körperteile weniger verbirgt als zur Schau stellt“, drängt sie dem anderen Geschlecht ja nur auf.

Stöckelschuhe und hautenge Jeans: kapitalistische Zwänge

Allerorten herrschen also Zwänge, besonders jene, die die „wesentlichen Körperteile betreffen“. „Konform-westlich denkende Frauen“ werden gezwungen, in Stöckelschuhen und hautengen Jeans mit „richtig stehendem Busen“ sich männlichen Blicken preiszugeben, muslimische Frauen werden von den Revolutionswächtern der Bundesrepublik dazu gezwungen, ihre Burka gegen einen Bikini einzutauschen, und muslimische Schüler müssen ihre Gebete auf der Schultoilette verrichten, weil die Schulbehörden ihnen die Zuteilung eines eigenen Gebetsraums verweigern.
Schrecklich, schrecklich. Wer steckt nur hinter all diesen gemeinen Zwangsmaßnahmen? Es sind, wie kann es anders sein, „rechtspopulistische Politiker, Boulevardblätter, Feministinnen, Sozialdemokratinnen, erzkonservative Katholiken, Ex-Muslime“. Fehlt nur noch der Hinweis auf die Israelis, den ewigen Sündenbock dieser Welt.
IMG_0804kSchließlich provozieren die mit ihren Nacktbadestränden (wie links auf dem Foto in Tel Aviv) schon lange die Palästinenser, die sich dagegen nur mit Selbstmordattentaten wehren konnten – bis das israelische Militär diese Strände gezielt unter Schutz nahm.

Was sind die gemeinsamen Ziele von Rechtspopulisten und Ex-Muslimen?

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Da kann man nur raten:

Dieser ganze Islam- und Verhüllungsdiskurs zeigt: Die Muslimin wird dringend benötigt, nämlich zur Verhüllung des Dilemmas, dass in dieser aufgeklärten Zeit Frauen zwar beinahe nackt herumlaufen dürfen, aber sonst wie eh und je wenig zu entscheiden haben.

Man muß schon besonders blöde sein, um die These aufzustellen, daß ein angebliches „Dilemma“ zwischen dem „Nacktsein dürfen“ (nach Thurner ist das dasselbe wie das Verbot des Schleiers) und der Frauenquote in den höheren Etagen (von Wissenschaft und Politik) „durch die Muslimin“ verhüllt werde. So als würden durch mehr verhüllte Musliminnen mehr Frauen Ministerpräsidentin oder Dekanin werden.
Und damit sind wir beim entscheidenden Punkt angelangt: Thurner gehört einfach zu den vielen Menschen in unserer Gesellschaft, die gerne Chef wären ohne etwas dafür zu tun. An ihrem eigenen Institut ist sie nur eine jämmerliche kleine Nummer, während ihre Geschlechtskolleginnen sich als Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte auf Landes- oder Bundesebene, als Professorinnen in der Gender-Forschung oder als Leiterinnen von EU/UNO-Frauenbehörden profilieren.
Es gäbe aber auch noch andere Möglichkeiten für Ingrid Thurner, gesellschaftlich sinnvolle und anerkannte Arbeit zu tun. Sie könnte sich z.B. in Afghanistan totschießen lassen. Oder bei der Müllabfuhr, in Kaltwalzwerken oder Hochöfen arbeiten, in Transformatorenwerken als Ingenieurin Leitungsquerschnitte berechnen oder bei der Feuerwehr Leichen aus Autowracks holen. Die Männer, die in diesen Bereichen arbeiten, warten alle auf die Frauenquote, damit sie endlich auch mal im Kindergarten arbeiten können. Ach ja: als Frau hat man auch die Möglichkeit, Kinder zu gebären und großzuziehen. Wie wäre es damit? Oder ist das schon zu rechtspopulistisch?
Und schließlich: wenn die Thurner lieber an der Universität bleiben will – da fehlen noch viele Frauen bei den Mathematikern, den Physikern, den Elektroingenieuren und Maschinenbauern. Nur zu!


Anmerkungen und Links

[1] ingrid-thurner-und-die-freiheit-des-islam
[2] Gewissenloses Islam-Bashing, Der angebliche Zusammenhang von Islam und Gewalt – oder wie eine Religion stigmatisiert wird.
[3]Ingrid Thurner am institut für Kultur- und Sozialanthropologie
[4] Homepage von Ingrid Thurner
[5] Vom Zwang das Kopftuch nicht zu tragen – Kommentar von Ingrid Thurner auf AhLulBayt News Agency
[6] Feminismus und Kopftuchdebatte: Der nackte Zwang
[7] Auf der Achse des Guten: weiblich_verhuellte_logik
[8] Wider ein „Burka“-Verbot
[9] Der nackte Zwang. In: Süddeutsche Zeitung, 22. 6. 2010
[10] Vom Zwang das Kopftuch nicht zu tragen. islam.de, 29. 6. 2010
[11] Wie Fremdenfeindlichkeit Integration verhindert. In: Die Presse, Spectrum 15. 5. 2010
[12] Das Kopftuch: Der Stoff, aus dem Vorurteile sind.
[13] Zum weiblichen Sextourismus. In: Die Presse, Spectrum 31. 10. 2009
[14] Inszenierungen des weiblichen Körpers. WDR 5, Politikum, 13. 7. 2010
[15] Gebetsräume für muslimische Schüler in Berlin

Dieses Haus wurde abgerissen, um für den Neubau einer Moschee Platz zu machen. Vielen Dank für Ihr Verständnis.

DSCN3785Eine freundliche Aufforderung zur Müllentsorgung findet man in Berlin auf Mülleimern, die wie hier in Neukölln von der Stadtreinigung am Wegesrand aufgestellt wurden. Das besondere am „Becherbutler“ ist dabei die Art, wie man den potentiellen Kunden anspricht: aus einer kriecherisch-dienenden Haltung heraus bittet man die vorüberziehenden „Herrschaften“, doch gnädigerweise ihre ausgesoffenen Becher, leeren Flaschen und vollgerotzten Taschentücher dem „Butler“ zu übergeben.

Dies erinnerte mich an die „Straßenbegleitimperative zum Kuscheln“, die Dietmar Wischmeyer in seinem „Deutschbuch der Bekloppten & Bescheuerten“ beschrieben hat. Dort zeigt er nämlich, wie sich aus früher eindeutigen Befehlen, „die selbst der Blödeste mit etwas Nachdenken begreifen konnte“, eine unterwürfig-bittende, gelegentlich auch kumpelhaft-anbiedernde oder übertrieben witzig daherkommende Schildersprache entwickelt hat.

Denn hieß es früher noch:

  • „Rasen betreten verboten“,
  • „Nicht in den Wald scheißen“,
  • „Ausfahrt freihalten“,

so entschuldigt man sich heutzutage quasi für die Unverschämtheit eines Verbotes:

  • „Bitte keine Werbungen oder kostenlose Zeitungen. Danke!
  • „Es wird höflich gebeten, die sanitären Einrichtungen sauber zu halten“
  • „Aus Respekt vor unseren Mitarbeitern und internationalen Gästen bitten wir Sie Zärtlichkeiten in unseren Räumlichkeiten zu unterlassen.“ [1]

Noch blöder sind dann die um Verständnis heischenden Ankündigungen von Verspätungen bei der Bundesbahn: Der ICE 335 von Stuttgart nach München hat voraussichtlich 35 Minuten Verspätung. Wir bitten um Ihr Verständnis. Zerstückelte Leichen von Selbstmördern auf den Gleisen, umgefallene Bäume, massenweise Fahrdienstleiter im Urlaub: wir bitten um Ihr Verständnis. Nähert man sich dann dem Zielbahnhof mit 2 Stunden Verspätung, so leiert der Zugbegleiter schnell noch die nicht mehr erreichbaren Anschlußzüge runter und verabschiedet sich mit

Wir danken für Ihre Reise mit der Deutschen Bahn.

Anschließend das ganze noch mal im speziellen Zugbegleiter-Eglisch:

…Sänk ju for träwellin wis deutsche Bahn.

Wischmeyer zählt in seinem Buch noch weitere Bahnansagen und Schilder-Anweisungen auf, die er (mit Recht) als eine Zumutung für den Normalbürger empfindet:

  • „Bitte verlassen Sie diesen Raum so, wie Sie ihn selber vorzufinden wünschen.“
  • „Danke, daß Sie das Geschirr abgeräumt haben.“
  • „Willkommen auf dem Nichtraucherbahnhof Köln!“
  • „Diese Baustelle besteht bis zum Jahre 2018. Vielen Dank für Ihr Verständnis!“

Was den Leser bei diesen Sprüchen so irritiert, ist das von der jeweiligen Behörde vorweggenommene Einverständnis, das man ja noch gar nicht gegeben hat. Wer nach 3 verpaßten Anschlußzügen und 2 Stunden Verspätung noch um „Verständnis“ gebeten wird, kommt sich da schon ein bißchen verarscht vor. Und wenn im Cafe Goldbraun steht „Danke, daß Sie das Geschirr abgeräumt haben“, so gerät man als Normalmensch ja doch in Versuchung, jetzt erst recht nicht abzuräumen.

Und was erwartet uns bei der nächsten Stufe der Freundlichkeitsoffensive, wenn wir abends nach Hause kommen und unser Haus abgerissen vorfinden? Ganz einfach ein schlichtes Schild vor dem Trümmerhaufen mit dem Hinweis

Dieses Haus wurde abgerissen, um für den Neubau einer Moschee Platz zu machen. Vielen Dank für Ihr Verständnis.

Anmerkungen und Links

[1] Kussverbot in Tiroler Lokal

Entartete Zitate

bernd-lucke-jauchDa die Sprachpolizisten der deutschen Gutmenschen derzeit mal wieder auf der Jagd sind, diesmal nach Leuten, die das Wort „Entartung“ in schriftlicher oder mündlicher Form verwenden, gebe ich hier ein paar Anregungen für die Ermittler, wo sie leicht fündig werden können:
Andreas Borcholte im SPIEGEL, 28.01.2002 : [9]

„Der Frauenheld begegnet der quotengeilen Entartung seines Berufs mit grenzenlosem Gleichmut, gestört nur vom gelegentlichen, aber wirkungslosen Aufbäumen seines Gewissens.“

Arnulf Baring in der Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.11.2002 : [8]

„Deutschland ist auf dem Weg in eine westliche ‚DDR light‘. Ein Symptom dieser Entartung ist die Tatsache, dass rund achtzig Prozent unserer Abgeordneten aus dem öffentlichen Dienst, aus den Gewerkschaften kommen“

Günther Grass 2007 auf der Leipziger Buchmesse: [6], [7]

Grass spricht in einem Interview auf der Buchmesse von der „ Entartung des deutschen Journalismus.“

Gabor Steingart im SPIEGEL am 15.04.2013 über „Eine unheilige Allianz von Bankern und Politikern hat die westlichen Marktwirtschaften verformt.“ [5]:

Die XXL-Bezahlung selbst unterer Dienstgrade weist alle Merkmale einer ökonomischen Entartung auf.“

Kardinal Joachim Meisner in einer Ansprache im Kölner Dom 2007:[4]

Dort, wo die Kultur vom Kultus, von der Gottesverehrung abgekoppelt wird, erstarrt der Kult im Ritualismus und die Kultur entartet.

Johannes Ponader, der erwerbslose politische Geschäftsführer der Piratenpartei, am 24.06.2012 im SPIEGEL-Interview [3]:

„Ich werde vom Sozialsystem heftig hinterfragt, weil ich mich politisch engagiere und trotzdem Sozialleistungen beziehe. Das ist eine extreme Entartung des ganzen Systems

Helmut Schmidt, Altkanzler, am 12. September 1992 auf Seite 8 der Frankfurter Rundschau:[1]

Man kann aus Deutschland, mit immerhin einer 1.000 jährigen Geschichte seit Otto I. nicht nachträglich einen Schmelztiegel machen. Weder aus Frankreich, noch aus England, noch aus Deutschland dürfen Sie Einwanderungsländer machen. Das ertragen die Gesellschaften nicht. Dann entartet die Gesellschaft!

Wolfgang Schäuble am 15.06.2011 [2]:

Das Gedenken an den Bau der Berliner Mauer lädt unweigerlich zum Nachdenken über Entartungen von Macht und Politik ein. Es sind solche Entartungen, die die Mauer vermeintlich notwendig und dann auch möglich gemacht haben, und nur sie haben ihren Bestand für viel zu lange 28 Jahre sichern können.

Anmerkungen und Links

[1] Helmut Schmidt in der Frankfurter Rundschau
[2] Rede von Bundesminister Dr. Wolfgang Schäuble am 15.06.2011
[3] Johannes Ponader. Piraten-Partei, zum SPIEGEL
[4] Kardinal Joachim Meisner warnt vor „entarteter“ Kultur
[5] Gabor Steingart im SPIEGEL am 15.04.2013 über „Eine unheilige Allianz von Bankern und Politikern hat die westlichen Marktwirtschaften verformt.“
[6] Günther Grass 2007 auf der Leipziger Buchmesse
[7] Grass auf der Leipziger Buchmesse 2007: So redet ein Literaturnobelpreisträger
[8] Arnulf Baring am 19.11.2002 in der Frankfurter Allgemeine Zeitung
[9] SPIEGEL-Autor Andreas Borcholte über einen Roman von John Irving

Israel, die "devote Nutte der USA" und der Endsieg der Deutschen

Schlendert man in der Jerusalemer Altstadt über die Strassen, so begegnet man gelegentlich auch jungen Damen wie dieser, die ihr Gewehr sowohl am Markt als auch am Strand mit sich herumtragen. Juden wehren sich gegen den Terror ihrer Nachbarn, so vermittelt es dieses Bild, und es beunruhigt den zuschauenden friedensbewegten Westeuropäer keineswegs, weil es nämlich zum Alltag gehört und Sicherheit im Alltag für die Israelis sehr wichtig ist. So ist es auch nicht verwunderlich, wenn man beim Betreten eines Fahrstuhls im 5.Stock eines Eilater Hotels plötzlich einer jungen Israelin gegenübersteht, die außer einem wuchtigen Gewehr nicht besonders viel am Leibe trägt, was angesichts der Temperaturen in dieser Gegend aber durchaus verständlich ist.
Weniger verständlich ist dagegen, daß manche Deutsche den Judenstaat gerne als „devote Nutte der USA“ bezeichnen. Daß solche Etikettierung ganz normal in Kommentaren etablierter Nachrichtenmagazine wie in diesem Falle heise-online [2] geäußert werden, bestärkt jedoch die eigene Voreingenommenheit gegenüber gewissen deutschen Medien. (Bewohner des besagten „Judenstaates“ sehen Sie auf dem Foto links.)
Um das zu verstehen, muß man sich zunächst mal fragen: wie kommt man überhaupt auf heise-online? Nun, jeder, der mal irgendwie beruflich mit EDV zu tun hatte, hat auch schon von heise-online gehört. Das Magazin berichtet vorwiegend aus der Welt der Datenverarbeitung und Computer, und das schon seit vielen Jahren. Und seitdem ich den Newsletter von Xing regelmäßig zugeschickt bekomme, erreichen mich auch erstaunlich viele Hinweise auf Artikel bei heise-online.
[youtube https://www.youtube.com/watch?v=5yB3n9fu-rM?feature=player_detailpage]
Was ist in diesen Artikeln seit rund 2 Monaten das Hauptthema ? Natürlich der Fall Edgar Snowden. Seitdem dieser neue Messias der elitären Whistleblower-Religion [13] mit seinem geklauten Notebook auf dem Globus unterwegs ist und dabei besonders gerne in jenen Staaten Pause macht, in denen die Menschenrechte nicht gerade eine besonders große Rolle spielen und Anwälte oder Journalisten, mithin „Staatsfeinde“, gerne auch mal per Kopfschuss in Kremlnähe umgebracht werden, seitdem also dieser aufrechte Kämpfer für Menschenrechte und Datenschutz häppchenweise die Festplatte seines Notebooks den Reportern von SPIEGEL, Guardian und SZ zuspielt, seitdem ist auch in der Magazinwelt der EDVler ständig die Rede von US-Suchmaschinenriesen, US-Internetkonzernen und gigantischen unterirdischen US-Rechenzentren, in denen die Daten von Millionen unbescholtener Bürger gesammelt werden.
Die Betonung liegt hier auf „US“, denn aus all diesen Berichten und Artikeln scheint der Haß auf die kulturlose amerikanische Massengesellschaft (mit der Betonung auf „amerikanisch“), die, so vermutet der kritisch denkende deutsche Gutmensch, garantiert von Finanzhaien, Hegde-Fonds-Managern und reaktionären Republikanern gesteuert wird.
[youtube https://www.youtube.com/watch?v=xNccN_72Lik?feature=player_detailpage] (Das Youtube-Video oben stammt von Jürgen Elsässer, der seit Ende 2010 Chefredakteur des politischen Monatsmagazins Compact ist, in welchem er u.a. „rechtspopulistischen und verschwörungstheoretischen Positionen“ ein Forum bietet – siehe Wikipedia).
Von solchen Assoziationen ist es nicht mehr weit zur Vermutung, daß es eine Achse Washington-Jerusalem gibt, über die der „angelsächsische profitorientierte Pragmatismus“ gesteuert wird. Und weil diese Ansicht der Weltverhältnisse, dieses dumpfe Gefühl, daß nicht wir hier in Deutschland, sondern weit weg von uns die Angelsachsen, also die Briten und US-Amerikaner, an allem Elend der Welt Schuld sind, weil also dieses schon von den Nazis gepflegte Vorurteil unsere gesamte Gesellschaft derzeit noch eint, genau deshalb ballern auch solche relativ bedeutungslosen Presseorgane wie heise-online.de aus vollen Rohren gegen US-Amerikaner, Briten und, wie kann es anders sein, auch gegen Israelis.

heise-online schwimmt also voll auf der Linie der antiamerikanischen deutschen Presse mit und läßt dabei keine Gelegenheit aus, beim Leser das dumpfe Gefühl zu fördern, daß auch die Israelis irgendetwas mit diesen Spähaktionen, der NSA und den gigantischen Datenspeichern der Geheimdienste zu tun haben müssen. Das belegen z.B. die folgenden Schlagzeilen:

  • Besuch eines in Deutschland unpopulären Politikers: Merkel empfängt Netanjahu in Berlin [3],
  • Google erkennt Palästina an, [4],
  • Rechte in der Schweiz und Israel bläst zum Angriff gegen Jean Ziegler, [5],
  • Bomben ins Blaue, Israels Geheimdienste wissen nur wenig über die Lage in Syrien. Dennoch hat die Luftwaffe Ziele dort bombardiert – eine gefährliche Aktion, warnen Kritiker, [6],
  • NSA reicht Rohdaten an israelischen Geheimdienst weiter, [7]

So bekommt man einen interessanten Eindruck von Israel. Es scheint sich um einen Staat zu handeln, der aufrechte Menschenrechtler wie Jean Ziegler kritisiert, Bomben einfach mal so ins Blaue abwirft und mit Rohdaten der NSA unschuldige Bürger ausspäht.
Ein aktueller Artikel über Big Data made in Israel[10] zeigt besonders deutlich, wovor heise-online.de Angst hat. Es ist die Befürchtung, daß der Militarismus der Israelis und ihr Hang zur Geheimniskrämerei dazu führen wird, daß ein weltumspannender US-amerikanisch-israelischer Geheimdienst sämtliche Datenübertragungen auf der Welt kontrollieren wird. Denn, so heise-online:

… fast alle [Programmierer] haben bereits in der Aufklärungseinheit der israelischen Armee gearbeitet. Geheimniskrämerei gehört für sie also zum Geschäft.

Aber was das schlimmste ist:

für die israelische Armee entwickelten sie Algorithmen, die aus abgefangenen Nachrichten das künftige Verhalten von Staatsfeinden erschließen sollen. [10]

Da schrillen bei deutschen Demokraten natürlich sämtliche Alarmglocken! Deshalb schreiben sie dann auch schnell einen Leserbrief an heise-online:

…So entwickelt sich Israel gerade zur kleinen Bitch der 5 großen Brüder. Weiter so! Die Welt braucht noch viel mehr devote Nutten der USA.

Wenn man so etwas liest, hat man manchmal den Eindruck, daß viele Deutsche am liebsten wieder die alten V2 gegen die „US-Amerikaner“ und das internationale Finanzjudentum in Stellung bringen würden. Irgendwann muß es doch mal mit dem Endsieg klappen!

Anmerkungen und Links

[1] heise-Newsticker: Big Data made in Israel: Armee als Start-up-Inkubator
[2] Kommentare zum heise-Artikel
[3] heise-online: Besuch eines in Deutschland unpopulären Politikers: Merkel empfängt Netanjahu in Berlin
[4] heise-online: Google erkennt Palästina an
[5] heise-online: Rechte in der Schweiz und Israel bläst zum Angriff gegen Jean Ziegler
[6] heise-online: Bomben ins Blaue, Israels Geheimdienste wissen nur wenig über die Lage in Syrien. Dennoch hat die Luftwaffe Ziele dort bombardiert – eine gefährliche Aktion, warnen Kritiker
[7] heise-online: NSA reicht Rohdaten an israelischen Geheimdienst weiter
[8] heise-online: Strafverfolger sammeln millionenfach Daten
[9] Maria Lourdes Blog
[10] Big Data made in Israel, der Original-Artikel in Technology Review
[11] Im Silicon Valley Israels
[12] Matthias Heitmann im Cicero über: Wider die elitäre Whistleblower-Religion!
[13] Russland: Menschenrechtsanwalt und Reporterin in Moskau ermordet

Bonnerinnen und Bonner begrüßen Syrerinnen und Syrer in ihrer Stadt

schwarz1Im Newsletter der Stadt Bonn lese ich heute:

Fest steht, dass NRW zunächst 1050 Flüchtlinge aus Syrien aufnehmen wird, die Ministerpräsidentin hat aber bereits angekündigt, dass das Land NRW bereit sei, darüber hinaus mehr Syrerinnen und Syrern Zuflucht zu gewähren.

Darüber freuen sich alle Bonnerinnen und Bonner, auch die Migrantinnen und Migranten und alle Bürgerinnen und Bürger sind stolz auf ihre grün-rote Stadt. Migrantinnen und Migranten, im Stadtbild bisher noch stark unterrepräsentiert, wie man am nebenstehenden Foto erkennt, werden dann stärker sichtbar. Deshalb freuen sich insbesondere die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Sozialamts und die Sozialdezernentin über die


rechtliche und auch die moralische Verpflichtung, diese Menschen, die vor Krieg und Tod flüchten, mit offenen Armen und offenen Herzen aufzunehmen. Als deutsche UNO-Stadt stehen wir dabei in einer besonderen Verantwortung“, sagte Sozialdezernentin Angelika Maria Wahrheit am Dienstagabend im Hauptausschuss.

Während also die Bonnerinnen und Bonner gespannt auf die ersten Syrerinnen und Syrer warten, um sie in ihren Wohncontainern in alten Kasernen der Stadt Bonn zu begrüßen, ist der drohende Militärschlag der US-Militaristen glücklicherweise durch die Initiative des russischen Friedenspräsidenten Putin und des deutschen Aussenministers Guido Westerwelle zugunsten eines „politischen Prozesses“ ersetzt worden.
Daher freuen sich die Syrerinnen und Syrer über diese positive Entwicklung, die dazu führt, daß ihnen nun bis zur nächsten Giftgas-Nachlieferung wieder ganz klassisch und ehrenvoll Beine, Arme und Köpfe von Bomben, Granaten und Gewehrkugeln abgerissen werden. So kommen dann weitere Syrerinnen und Syrer nach Bonn und NRW, wo sich Ministerpräsidentin Hannelore Kraft
barbara-steffens2und Frauenministerin Barbara Steffens um sie kümmern werden. Ministerin Steffens kann dann den Syrerinnen und Syrern einen Besuch abstatten und ihnen vorschlagen, pro Wohncontainer eine Gleichstellungsbeauftragte zu wählen. Die Ministerin bietet hierfür auch gerne Einführungslehrgänge an.
Sollten unter den Syrerinnen und Syrern auch Akademikerinnen und Akademiker sein, so kann sich Barbara Steffens auch vorstellen, die Akademikerinnen im Professorinnen II – Programm des Bundes [1] mit einer „vorgezogenen Professur“ zu versehen. Beispielsweise für das Fach „anthroposophische Medizin“. Die Nichtakademikerinnen und Nichtakademiker unter den Syrerinnen und Syrern in den Bonner Wohncontainern überläßt man einfach den Bonnerinnen und Bonnern, die sich schon auf den Besuch aus dem Nahen Osten freuen.


Anmerkungen und Links

[1] Staatlich subventionierte Männerdiskriminierung an Hochschulen

Unter den Talaren – Muff von 1000 Jahren

Am 6. Juli 2013 versammelten sich auf der Hofgartenwiese vor der Bonner Universität ein paar hundert Absolventen, feierlich gekleidet im Talar und den Farben ihrer Fakultät, um aus den Händen ihres Dekans die „lateinische Urkunde“ zu empfangen – vom Rektor Jürgen Fohrmann als „schmückender Ausweis eines erfolgreichen Studiums“ bezeichnet. Es war Samstag mit strahlendem Sonnenschein, ein Tag also, an dem sonst auf der Hofgartenwiese Studenten, Familien mit Kindern und jede Menge junge Leute sich tummeln, Fußball spielen, lesen, diskutieren oder einfach nur auf dem Rücken liegen und in den Himmel schauen.
Heute aber sah das alles ganz anders aus. Die Wiese war unter den Holzplatten einer riesigen Halle verschwunden, die schon vor einer Woche aufgestellt worden war (Bild links) – schließlich mußte das Ereignis gründlich vorbereitet werden. Und dann, am Tage des großen Uni-Festes, begann alles mit dem „Einzug des Rektorates“. Wer als schlichter Bonner Bürger zufällig vorbeikam und einen Blick auf die „einziehenden“ Damen und Herren Professoren werfen konnte, mußte unweigerlich den Eindruck bekommen, es handle sich um eine Versammlung kirchlicher Würdenträger.
Vorne auf der Bühne standen die Professoren, Doktoren und manchmal auch Absolventen dieser Universität, bekleidet mit Talaren und Barrets in den Farben ihrer Fakultäten und hielten „Ansprachen“. In solchen Kreisen hält man eben nicht mehr Reden, sondern „Ansprachen“, und es macht sich gut, wenn man mit wenigstens einem akademischen Titel daherkommt.
So begannen die Ansprachen also mit dem Rektor Jürgen Fohrman, pardon: Prof.Dr. Jürgen Fohrmann, nach ihm sprach Jürgen Nimptsch, dessen Titel leider nur der des Oberbürgermeisters von Bonn ist (ansonsten ist Nimptsch Gymnasiallehrer, GEW-Funktionär und ein typischer SPD-Apparatschik), und danach sprach als Gastredner „Alumnus“ Dr. Norbert Blüm, der in Bonn Philosophie, Germanistik, Geschichte und Theologie studiert hat. Blüm schwelgte in seiner Rede von den „Wonnen der Wissensfreude“, die ihm ein gewisser Joseph Ratzinger, „Liebling der Studierenden“, oder ein Prof. Martin, nach Blüms Meinung ein „strenger Denker und Kantscher Systematiker“, vermittelt hätten. Das Publikum lauschte ergriffen und spendete Applaus.
Das Gerede, besser gesagt Geschwafel über die „Wonnen der Wissensfreude“ und die großartigen Erleuchtungen, derer er durch die Vorlesungen eines späteren Papstes teilhaftig werden durfte, das Gelaber also des ehemaligen Bundesministers auf dieser Veranstaltung, der der akademische Dünkel aus allen Poren troff, erinnerte mich an frühere Äußerungen des Rentenexperten zum Thema Religion, Gewalt und Hass.
So antwortete Blüm auf eine Interviewfrage des Muslim-Markt am 23.02.2007: Welche zukünftige Projekte treiben Sie an?

Blüm: Hass und Gewalt zurückdrängen. Der Toleranz einen Weg bahnen und dem friedlichen Zusammenwirken der Religionen die Bahn brechen. In der Zukunft, für die ich kämpfe, gibt es weder Folter noch Selbstmordattentäter.

Hehre Ziele. Derselbe ehemalige Bundesminister, ausgebildet an der Universität Bonn u.a. als katholischer Theologe, weiß natürlich, wer seinen Zielen im Wege steht: Israel, der Zionismus, die Amerikaner, der Kapitalismus und natürlich die „Ungläubigen“. Es verwundert daher nicht, daß der „Alumni“ der Uni Bonn, Norbert Blüm, in Interviews schon mal Sätze wie „Die Sperranlage ist Stein gewordene Menschenverachtung“ oder „Israel führt einen Vernichtungskrieg gegen die Palästinenser“ von sich gibt und dabei gar nicht merkt, daß er Propagandasprüche von Horst Mahler nachplappert.
Später wurden dann etliche Professoren mit Preisen für ihre vorbildlichen Leistungen an der jeweiligen Fakultät geehrt. Dabei vergaß der Ansager niemals, vor den Namen den jeweiligen Titel zu erwähnen, so daß den Zuhörern der Kopf vor so vielen „Herr/Frau Professor Dr.“ nur so schwirrte. Die geehrten Professoren und Doktoren standen dabei auf der Bühne und sahen aus, als hätten sie sich zu einer Feier kirchlicher Würdenträger im Vatikan versammelt.
Nun weiß der gemeine Bürger über diese merkwürdige Verkleidung bei Studenten und Professoren nicht viel. Also dachten sich die Verfasser der Begleitbroschüre zu dieser Veranstaltung einen 2-seitigen Text aus, in welchem sie die Tradition der Talare, insbesondere an der Universität Bonn, näher erläuterten. Vom ganzen unerträglich pompösen, akademisch aufgeblasenen Charakter der Veranstaltung her war es allerdings kein Wunder, daß auf diesen 2 Seiten nicht ein einziges Wort zur Plakataktion jener Studenten der Hamburger Universität vom 09.November 1967 zu finden war, die den Ausgangspunkt der gesamten Studentenbewegung der 68er bildete:
Unter den Talaren – Muff von 1000 Jahren. In Bonn am 6.Juli 2013 tat man so, als hätte es dieses Ereignis nie gegeben. Ganz offensichtlich war man nicht bereit, den Muff der 1000 Jahre herzugeben, geschweige denn einzusehen, daß es so etwas jemals gegeben hätte. Schade also, daß es keine Bonner Studenten gab, die an diesem Tag dasselbe Spielchen wie damals die beiden Stundenten bzw. ASTA-Vorsitzenden Detlev Albers und Gert Hinnerk Behlmer mit ihren Professoren spielten und sich mit diesem Transparent vor die Herren und Damen Professoren stellten, so daß diese den Text auf dem Transparent nicht sehen konnten, das Publikum im Saal aber sehr wohl.
Doch das wäre wohl auch zu viel verlangt von den Studenten, die nämlich alle, ohne Ausnahme, selbst mit einem Talar verkleidet in der Halle saßen und gespannt auf die Verteilung der „lateinischen Urkunde“ warteten. Im Begleitheft der Veranstaltung sind diese Studenten übrigens alle namentlich aufgeführt, nach Fakultäten getrennt. Und da fällt dem unbeteiligten Leser noch etwas interessantes auf: auf 13 Seiten verteilt sich diese Tabelle aller Absolventen dieses Jahrgangs. Und auf diesen 13 Seiten sind 7 Fotos der Studenten verteilt, auf denen sie uns mit Talar und Barret bekleidet zulächeln.
Jedoch sehen wir auf keinem einzigen dieser 7 Fotos einen männlichen Studenten. Scharf gestellt sind ausschließlich die Gesichter hübscher Studentinnen, und so darf man sich wohl die Frage stellen, warum das so ist. Ist der Genderwahn auch an der Bonner Universität schon so weit fortgeschritten, daß es in der Grundordnung der Uni nur noch Professorinnen gibt? Und sollen zum Ausgleich für Jahrhunderte der Unterdrückung jetzt männliche Studenten in den Publikationen der Universität gar nicht mehr abgebildet werden? Oder sind die Verfasser dieser Begleitbroschüre etwa verkappte Sexisten, die ihre Pamphlete gerne mit Bildern hübscher Frauen schmücken?
Wahrscheinlicher ist der erstgenannte Grund: der Genderwahn hat auch diese Uni ergriffen. Man sah das aber nicht nur an diesen Fotos, sondern hörte es auch in den „Ansprachen“ im Festzelt, wo unentwegt von Absolventinnen und Absolventen, Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, Professorinnen und Professoren und, etwas einfacher, von Studierenden die Rede war. Neben ihrem Geschlecht gibt es aber noch eine weitere Eigenschaft, die das Leben der Studenten an der Uni prägt: nämlich ihr jeweiliges Studienfach.
Die Financial Times [4] meint, daß die Unternehmen, die das Fest finanzieren, unter den Absolventen Nachwuchs rekrutieren könnten. Ich vermute mal, daß die Redakteure der Zeitung die Studienrichtungen der Absolventen nicht genauer unter die Lupe genommen haben, sonst wäre ihnen aufgegangen, daß die meisten dieser Absolventen nur bei einem einzigen Unternehmen unterkommen werden: beim Staat und seinen Ablegern (worunter auch die Haupt-Sponsoren dieser Veranstaltung fallen, die Deutsche Telekom und die Deutsche Post).
Hunderte von Rechtswissenschaftlern, Germanisten, Romanisten, Asien-Wissenschaftlern und Ernährungs- und Lebensmittelwissenschaftlern, Kunst-, Medien- und Gesellschaftswissenschaftler, welche Firma braucht diese Leute? Nach Fakultäten aufgegliedert stellt den Löwenanteil die Philosophische Fakultät mit 346 Absolventen, und es ist kaum zu erwarten, daß „die Unternehmen“ sich um diese Leute reißen werden. Außer vielleicht ein paar Abteilungen der Telekom, die sich in „Meetings“ um „neue, innovative und nachhaltige Konzepte“ bemühen.
Eins hat mich aber beruhigt, nachdem ich mich über die Zahlen der Stundenten an der Uni informiert hatte:

Glücklicherweise meiden immer noch mehr als die Hälfte der Absolventen diese Pomp-Veranstaltung des akademischen Dünkels.


Anmerkungen und Links

[1] Wikipedia über „Unter den Talaren – Muff von 1000 Jahren“
[2] Ex-Staatsrat Gert Hinnerk Behlmer provozierte damals die Universität Hamburg
[3] Bundeszentrale für politische Bildung: Wider den Muff von 1000 Jahren – Die 68er Bewegung und der Nationalsozialismus
[4] Financial Times: Bonner Uni-Absolventen feiern wie die Amis
[5] Pressemitteilungen der Uni Bonn vom 03.07.2013: Mit Talar und Barett: 9. Bonner Universitätsfest am kommenden Wochenende
[6] Offizielle Seite der Uni Bonn zum Universitätsfest

Demonstration am 23.06.2013 in Bonn gegen Erdogan

In Bonn trafen sich zwar nicht 40000 wie einen Tag zuvor noch in Köln, aber trotzdem war gegen 14:00 Uhr das Beethoven-Denkmal am Münsterplatz umringt von einer bunten Schar türkischer Mitbürger, die sich hier zur Veranstaltung Bonn versammelt sich für die TÜRKEİ! einfanden. Diese schleppten einen Haufen phantasievoll bemalter und beschrifteter Plakate mit, wie z.B. die nebenstehende junge Frau. Besonders die Kinder fielen mir in dem Getümmel auf: viele noch im Kinderwagen, einige Dreikäsehochs hielten schon große Fahnen mit dem Bild von Atatürk hoch oder mit Überschriften wie „Europa braucht keinen Hitler mehr“.
Die Bilder sprechen für sich: hier trafen sich auf jeden Fall keine fanatischen Muslime, sondern moderne, laizistische Türken, denen der radikal-islamische Trend der AKPisten in der Türkei ein Greuel ist.
Nachdem die Demonstranten zum Bonner Marktplatz gezogen waren, konnte ich dort kurz mit einem der Zugbegleiter sprechen, einem jungen Mann, der Flugblätter verteilte.

Ich sprach ihn darauf an, daß es bedauerlich wäre, daß sich fast gar keine Deutschen an der Demonstration beteiligten. Auch er bedauerte das, aber er war guter Hoffung: über 60% der Türken seien laizistisch eingestellt, die Vertreter der AKP seien in Deutschland inzwischen in der Minderheit und in der Türkei werde sich der brutale Polizeistaat nicht lange halten können. Der Mann war übrigens seit 6 Tagen unterwegs, er wohnt eigentlich in Mönchengladbach und begleitete die Demonstrationen der letzten Tage in ganz Deutschland.
Am Rande der Demonstration standen auch ein paar AKPisten, erkennbar an ihren finsteren Mienen und gelegentlichem wütendem Geschrei in Richtung der Redner auf der Bühne am Marktplatz. Glücklicherweise war hier mit drei Einsatzwagen die Polizei ausreichend präsent, so daß nichts passierte.
Insgesamt hatte ich einen überwältigend guten Eindruck von dieser Versammlung, ich habe selten so viele sympathische, offen wirkende und freundliche Menschen auf einer politischen Veranstaltung gesehen, mit Kindern und Familien, ein krasser Gegensatz zu den Demonstrationen  und Veranstaltungen von Palästinensern, Feministinnen oder grünen Verbotsfanatikern. Die Türkei wird es mit diesen Menschen schaffen, den Diktator Erdogan  zum Teufel zu jagen.





Wie man einen maximal langen Stock durch eine Röhre schiebt


Über diese Frage durfte ich mir im Abitur 1966 den Kopf zerbrechen. Da wir damals als Leidtragende zweier Kurzschuljahre nicht denselben Kenntnisstand wie unsere Vorjahresabiturienten hatten, waren die Aufgaben in diesem Jahr entsprechend einfacher.
In der Lösung der Aufgabe wird über weite Strecken zunächst versucht, das „Schieben einer Strecke bzw. eines Stockes durch eine Röhre“ mathematisch exakt zu beschreiben. Dabei ist die Röhre so wie oben in der Abbildung vorgegeben, d.h. sie besteht aus drei Rechtecken: A, B und C. Diese entstehen durch die Vorgabe des Punktes P=(a,b), durch den jeweils Parallelen zu den Koordinatenachsen gezogen werden.
Die vollständige Lösung findet man in diesem PDF-File:
Abitursaufgabe 1964
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Bonner "Libertäre" fordern "selbstverwaltete Räume"

Mindestens einmal die Woche bekomme ich Post von der recyclingpapierfreundlichsten Stadt Deutschlands: der Stadt Bonn. So steht es ganz unten auf dem Newsletter ‚BonnLive online‘, der natürlich elektronisch, ganz ohne Papier, übers Internet kommt. Darin präsentiert die Verwaltung der rot-grün regierten ehemaligen Bundeshauptstadt, was in der Stadt in dieser Woche so alles passiert:

Und das alles in einer einzigen Woche! Bonn, so scheint es, ist nicht nur die recyclingpapierfreundlichste Stadt Deutschlands, sondern auch umwelt-, klima- und frauenfreundlich, und wenn noch ein paar mehr Naturheilpraxen, Yoga-Zentren und Kristallschädelhüter-Schulen dazukommen, dann könnte Bonn wohl Freiburg den Rang als „Esoterik-Hauptstadt“ streitig machen.
Wir wollen aber nicht ungerecht sein: denn Bonn ist auch, was soziale Gerechtigkeit und Schutz von Minderheiten angeht ein Vorbild für alle anderen Städte. Das sieht man schon, wenn man an einem Tag wie dem heutigen Samstag über den Münsterplatz geht und dort vielen schwarz verschleierten Muslimas mit ihren Kindern begegnet, die sich besonders gerne in den Kaufhäusern des Bonner Stadtzentrums die Bikinis anschauen, die sie aus verständlichen Gründen nie tragen dürfen.
Aber nicht nur dieses bunte Völkergemisch zeichnet das Bonner Stadtleben an so einem Samstag aus, sondern auch das Engagement seiner Bürger in Umwelt-Initiativen und -Verbänden, die an diesem Tag auf dem Münsterplatz ihre Stände aufgebaut hatten. Vertreten waren der BUND, Greenpeace und die „Biologische Station Bonn“, es wurde ökologisch angebauter Wein geboten, Kinder durften für ihre Schulklassen Kräuterkurse buchen und wer wollte, konnte auch allerlei Pflanzen – heimische natürlich – für den Garten zu Hause mitnehmen.
Auf dem Nachhauseweg, den ich ökologisch korrekt mit öffentlichen Verkehrsmitteln antreten wollte, wurde ich jedoch durch eine Demonstration in der Nähe des Stadthauses aufgehalten. Dort hatte die Polizei die Strasse gesperrt, damit eine Gruppe von vielleicht 100 jugendlichen Demonstranten zusammen mit einem Kleinlastwagen ungestört ihr Anliegen den am Strassenrand stehenden Bürgern mitteilen konnten. Es handelte sich dabei um Mitglieder des sog. Libertären Zentrums , deren Hauptanliegen darin besteht, möglichst mietfrei in leerstehenden Wohnungen „frei von Hierarchien und jeglicher Diskriminierung sich selbst gegenüber treten zu können“, dies selbstverständlich „selbstbestimmt“ und „selbstverwaltet“.
Da die grün/rote Stadtregierung in Gestalt des Oberbürgermeisters Jürgen Nimptsch den Forderungen der Widerstand Leistenden nicht nachkommt, fühlen sich die LIZ-Menschen nun ausgegrenzt. Es bleibt ihnen nichts anderes über, als mit ihren Kassettenrecordern, Radios, Schlafsäcken und Bierflaschen auf der Hofgartenwiese und anderen frei zugänglichen Plätzen der Innenstadt sich niederzulassen und dort gegen den „kapitalistischen Normalzustand“ bei der Wohnungsvergabe zu demonstrieren.
Als jemand, der die Gründung der GRÜNEN in Bonn miterlebt hat, frage ich mich angesichts solcher Ereignisse, ob die Stadtindianer der 80er Jahre irgendwann doch seßhaft geworden sind und Nachwuchs bekommen haben. Ähnlichkeiten zwischen beiden Gruppen sind nämlich deutlich sichtbar, sowohl äußerlich als auch in ihren Flugblättern – die heutzutage natürlich durch eine Website ergänzt werden.

Muslime in Bonn

Am Dienstag, den 26. Februar, trafen sich im Migrapolis – Haus der Vielfalt, Brüdergasse 16-18, in der Bonner Innenstadt Muslime und Musliminnen, Christen und Christinnen, Bürgerinnen und Bürger, um sich über den alltäglichen Rassismus der Bonner Bürgerinnen und Bürger gegenüber ihren muslimischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern auszutauschen.
Angekündigt hatte diese Veranstaltung die Stabsstelle Integration der Bundesstadt Bonn unter dem Titel „Zusammenleben gestalten – Muslime in unserer Stadt“. Als Veranstaltungsort hatte man das seit dem 30.März 2011 für solcherlei Zusammenkünfte vielfach genutzte Migrapolis – Haus der Vielfalt gewählt, ein im Zentrum Bonns gelegenes Ladenlokal, in dem man sich u.a. zu folgenden Veranstaltungen trifft:

  • an jedem 1. Sonntag im Monat tagt dort das Café Palästina, eine Einrichtung des Instituts für Palästinakunde Bonn [8], das auf seinen Internetseiten die üblichen Klagen über den „Apartheidstaat Israel“ und den täglich stattfindenden Holocaust an den Palästinensern führt,
  • an jedem 1.Dienstag im Monat zur Gesprächsreihe Religionen und Gebet, Begegnung und Austausch über das Beten der Kulturen und der Religionen mit Beispielen aus den in Deutschland befindlichen Kulturen und Religionen,
  • KulturCafé mit Lesung und Brunch:
    Die interkulturelle und interaktive Schreibwerkstatt für Frauen mit und ohne Migrationshintergrund stellt sich vor.

Wir sehen: im Haus der Vielfalt herrscht keine Langeweile. Vorträge über den „Terrorstaat Israel“ werden dort ebenso regelmäßig gehalten wie „interreligiöse Exkursionen zur DITIB-Moschee und zum Bonner BuddhistTemple in Bad Godesberg“. Und genau in dieses Schema paßte auch die Podiumsdiskussion, die laut Bonner Generalanzeiger „durchweg gehaltvoll war“ [8], eine Aussage, die allerdings stark abhängig vom jeweiligen Standpunkt des Beobachters ist.
Betrachten wir ein paar Statements der Teilnehmer. Zunächst stellte die städtische Integrationsbeauftragte Coletta Manemann die Teilnehmer der Podiumsdiskussion vor:

Wir wollen nicht über Muslime reden, sondern mit Ihnen…
Deswegen haben wir heute abend eingeladen zu einer Gesprächsrunde mit Muslimen, die sich in vielerlei Hinsicht, in Vereinen, in Gruppen, in Initiativen, in den Schulen sehr intensiv und schon sehr lange …. und ich bin den Teilnehmern und den Teilnehmern (!!!) sehr dankbar…. Frau Dr. Sträter vom evangelischen Kirchenkreis Bonn…..

Frau Manemann hat wie alle Redner auf solchen Veranstaltungen das Problem mit der feministisch korrekten Sprechweise: sie wollte eigentlich sagen, daß sie den Teilnehmern und Teilnehmerinnen dankbar sei, aber inzwischen hat es sich sogar bei Reden im Bundestag so eingebürgert, daß man das „…innen“ wegläßt und nur noch etwas dahernuschelt von „Bürgern und Bürgern“, „Teilnehmern und Teilnehmern“ oder „Schülern und Schülern“. Wir sehen also großzügigerweise von einer Beschwerde bei der Gleichstellungsbeauftragten der Stadt Bonn ab und hören uns an, was die unterwürfig mit ihrem akademischen Titel angeredete Frau Dr.Sträter eingangs zu sagen hatte:
Frau Dr. Sträter:

Wir haben hier heute abend auf dem Podium Teilnehmerinnen und Teilnehmer… für ein friedliches und respektvolles Miteinander von muslimischen und nicht-muslimischen Bonner Bürgerinnen und Bürgern, wir haben auch Menschen hier, die hier in Bonn aktiv sind…
alle, möchte ich sagen, sind so an der Basis aktiv, in Dialogkreisen, in Stadtteil-Initiativen….

Sträter hat Theologie studiert und promovierte in Sozialwissenschaften. Sie hat ein Buch geschrieben mit dem Titel „Kopftuch und Kreuz: Muslimische Frauen aus evangelischer Sicht“ und hat auch mal als Pfarrerin gearbeitet. An diesem Abend war sie als Islambeauftragte des Evangelischen Kirchenkreises Bonn zuständig für die Moderation der Diskussion.
Wir wollen lieber nicht im einzelnen wissen, zu welchem Thema die Sozialwissenschaftlerin Sträter promoviert hat, es war schon anstrengend genug, das leere Geschwafel aus der Doktorarbeit von Annette Schavan auch nur ansatzweise in den Schavan-Plags zu lesen. Aber auch ohne Doktorarbeit ist das Gerede von den muslimischen und nicht-muslimischen Bonner Bürgerinnen und Bürgern, die allesamt ungeheur „aktiv“ sind, in Dialogkreisen, in Stadtteil-Initiativen, vielleicht noch in Gebetskreisen oder muslimisch-christlichen Gesprächskreisen, einfach nur abschreckend.
Sträter selbst und den zahlreich im Saal anwesenden vorzugsweise weiblichen Christen, pardon: Christinnen, gefiel es dagegen, den muslimischen Podiumsteilnehmern in jedem 2.Satz ihren „Respekt“ zu bezeugen, überhaupt schwelgte der ganze Saal im ständigen Respekt-Geraune vor sich selbst und den anderen, weil ja doch alle nur „Menschen“ seien, Religion spiele da gar keine Rolle.
Das meinte auch Younis Kamil, ehrenamtlich tätiger Sportbetreuer, der von der einseitigen Presse enttäuscht ist. Er liest keine Zeitungen mehr und informiert sich nur noch über das Internet.
Kamil spricht als einziger der Podiumsteilnehmer in seiner Anfangsrede von einer spürbaren Radikalisierung der Muslime in seinem Erfahrungsbereich („Bei Edeka darf man klauen, weil das Ungläubige sind“).
Frau Sträter runzelte darauf die Stirn und fragte Kamil:

Denken Sie, daß da ein Zusammenhang besteht, zwischen der Erfahrung der Ausgrenzung und der Bereitschaft, dann auch solche radikalen Botschaften auch zu hören?

Natürlich, natürlich!
So wie sich verzweifelte Palästinenser mit Steinen gegen terroristische rechtsradikale israelische Siedler und Soldaten wehren, so sind auch bei uns die muslimischen extremistischen Jugendlichen nur verzweifelt und können sich nicht anders wehren. Mit Religion hat das alles nichts zu tun, es sind die Rechtspopulisten, die Rechtsradikalen, die Banken und Großkonzerne und alle, die nicht genügend RESPEKT vor den muslimischen Menschen haben. Die Schuldfrage ist also geklärt, man kann sich anderen Themen zuwenden.
Z.B. dem Thema Frauen, Familie und Menschenrechte. Hierzu sprach die von Sträter aufgeregt und erwartungsvoll als „Frauen- und Menschenrechts-Aktivistin“ angekündigte (stolze) Kopftuchträgerin Saloua Mohammed, doch hatte man hier den Eindruck, in einer Reality-TV-Show von RTL II zu sitzen, wo sich bekanntlich besonders gebildete Zeitgenossen zu schwierigen gesellschaftlichen Problemen äußern.
Sträter:
Welche Rolle haben nun muslimische Frauen in der Dialogarbeit?
Saloua Mohammed:

Es ist genug Platz auf dieser Welt für uns… ich weiß gar nicht warum man so einen Hehl daraus macht…du bist Muslim, du bist Buddist, du bist dies du bist das…. ich mein, im Endeffekt wir sind Menschen… auch eine muslimische Frau hat Ängste, hat Träume, hat Wünsche, …’n stinknormaler Mensche, ja? So lang man DEN Muslim verteufelt, DEN Muslim nicht kennenlernen möchte… wir müssen echt anfangen, in unseren Köpfen aufzuräumen… viele Ängste entstehen hier oben, viele Ängste sind unberechtigt..
Ma‘ ganz ehrlich, wieviele Veranstaltungen haben wir schon gemacht über Muslime und Islam?… Aber es sind immer wieder dieselben Vorurteile die ans Tageslicht kommen… Auch wenn eine Muslima sich engagiert und in die Dialogarbeit reingeht…
Ich bin selbst aktiv in der Dialogarbeit, nicht nur hier in Bonn.. da sind Menschen, die dich aufrichtig kennenlernen wollen, die Respekt vor dir haben, Respekt als MENSCH, die dich als MENSCH ernst nehmen. Und ich finde, es ist doch eine Schande, daß wir darum heutzutage kämpfen müssen….
und ich finde, ein Mensch, der keinen Zutritt zu sauberem Wasser hat, der hat ’n ernsthaftes Problem…

Und so ging es weiter. Es gab nur am Ende der Veranstaltung einmal einen unruhigen Moment, als eine Zuhörerin den im Vorstand der Bonner DITIB-Moschee tätigen Abdlqalq Azrak auf die Tatsache ansprach, dass der Verfassungsschutz diese Moschee wegen der Auftritte von Salafisten überwache. Die Zuhörerin wurde durch einen empörten Aufschrei des gesamten Saales sofort daran gehindert, in dieser Richtung weiterzubohren.
Denn in einem waren sich die anwesenden Christen und Christinnen, Muslime und Musliminnen einig: in ihren Moscheen und Gotteshäusern wird ausschließlich gebetet, und das könne man ja Salafisten nicht verbieten.

Alle Zitate sind wortwörtlich von mir während der Veranstaltung notiert worden.


Anmerkungen und Links

[1] Gesprächsrunde: Zusammenleben gestalten – Muslime in unserer Stadt Bonn
[2] Integrationsratswahl am 7. Februar 2010
[3] Integrationsrat in Bonn
[4] Landesintegrationsrat NRW
[5] Bonner Institut für Migrationsforschung und Interkulturelles Lernen (BIM) e.V.
[6] Veggie-Tag: Bonn macht mit beim vegetarischen Donnerstag
[7] Bonner Generalanzeiger über die Veranstaltung am 22.02. im Haus Migrapolis
[8] Institut für Palästinakunde Bonn

Vagina-Bilder und Palästina-Fans auf dem One Billion Rising V-Day in Bonn

Heute (14.02.2013) fand weltweit der One Billion Rising V-Day (Vagina-Day) statt, ein Tag, an dem eine Milliarde Frauen zu Streiks und Protestkundgebungen aufgerufen wurden. Man hoffte, daß sie massenhaft ihre Büros, Arbeitsplätze und Häuser verlassen würden und gemeinsam durch öffentliches Tanzen ein Zeichen setzen könnten für ein Ende der Gewalt gegen Frauen und Mädchen.
Warum man das Ende der Gewalt, die unbestreitbar in vielen Ländern an der Tagesordnung ist, durch Tanzen herbeiführen kann, erklärt uns Eve Ensler, Gründerin und künstlerische Leiterin dieser Veranstaltung, folgendermaßen:

WARUM TANZEN?
„Durch Tanzen nehmen wir Platz ein, und obwohl es keine feste Richtung hat, tun wir es gemeinsam. Tanz ist gefährlich, fröhlich, sexuell, heilig, störend und ansteckend und er bricht die Regeln. Es kann überall passieren, jederzeit mit jeder und jedem, und es ist kostenlos. Tanz verbindet uns und treibt uns, weiter zu gehen, und das ist der Grund, warum er im Zentrum von One Billion Rising ist. „

Das ist einleuchtend. Tanzen kann wirklich überall „passieren“, überraschenderweise nimmt man dadurch „Platz ein“ und ist vor allem „fröhlich und sexuell“, z.B. in Saudi-Arabien oder bei den Taliban in Afghanistan. Dort allerdings ist das Tanzen nicht so gerne gesehen, es kostet einen womöglich nur die Kleinigkeit des eigenen Kopfes, aber das geht uns jetzt hier im Westen nichts an, wir wollen nur einmal „fröhlich, sexuell, heilig und störend“ sein!
Und seien wir doch ehrlich: in Afghanistan, Ägypten oder im Sudan können wir nichts ändern, weil wir gegen Interventionskriege sind und überhaupt gegen jede Gewalt und natürlich auch für die Religionsfreiheit. Und außerdem, so weiß uns die Frankfurter Frauendezernentin Sarah Sorge (Grüne) zu berichten,

Gewalt gegen Frauen gibt es nicht nur in Indien. Es gibt sie auch in Deutschland, in Frankfurt und in unserer Nachbarschaft

Da hat sie recht. Hier bei uns geht es nämlich um die alltägliche Gewalt der sexistischen deutschen Männer gegenüber ihren Frauen. Und die ist ja schon schlimm genug, wie wir erst vor ein paar Wochen erfahren haben, als ein Spitzenkandidat einer im deutschen Bundestag vertretenen Partei einer Journalistin spätabends ein Kompliment zu ihrem Busen machte.
(Links auf das Bild klicken, um den Youtube-Film zu sehen) Das dachten auch die Bonner Veranstalterinnen dieses denkwürdigen Tages und schrieben in ihrem Facebook-Blog:

Zum Ablauf: geplant ist folgendes:
Wir strömen aus verschiedenen Richtungen „sternförmig“ auf den Münsterplatz, halten unsere Plakate und sonstiges hoch, machen auf uns aufmerksam, laufen ungeordnet herum.
Dann fängt die Musik „ohne Text“ an, wir setzen uns Mitten auf den Münsterplatz auf den Boden, Beethoven hinter uns, Gesicht Richtung Sinn Leffers, Blick auf dem Boden: niedergeschlagen – und sind bereit den Tanz gleich zu beginnen.
Danach kommt der Song mit Text und wir heben die Hände zum Himmel im Gebet, führen den kompletten Tanz durch (für weitere Übungstermine oben in „Veranstaltungen“ reinschauen).
Zum Schluß: so lange wie möglich (und wie es für jede/n angenehm ist) den Zeigefinger hoch halten, Stille, danach mit Würde die Mitte verlassen und sich drum rum stellen.
Das ganze kann je nach Stimmung wiederholt werden – oder wir sind offen für Gespräche mit Zuschauern

Tanzen gegen Gewalt

Und genauso lief es dann auch ab am Bonner Münsterplatz. Zum Klang einer bombastischen Musikanlage wurde getanzt, die Hände reckten sich mit einem ausgestreckten Zeigefinger gen Himmel, es gab keinen Widerspruch, niemand störte, man war unter sich als Masse glücklich, und anschließend gab es noch mangels der nicht zustandegekommenen Gespräche mit Zuschauern eine Ansprache an die „Menschen“.
In dieser etwas stotterig vom Blatt abgelesenen Rede wurde noch einmal darauf hingewiesen, daß mehr als eine Milliarde Frauen von Vergewaltigung und Gewalt betroffen sind. Leider wurde nicht mitgeteilt, wie diese Zahl zustande gekommen ist. Die Sprecherin sprach von einer „offiziellen Schätzung“, nach der jede dritte Frau (sexuelle) Gewalt erfährt, was dann auf die Weltbevölkerung hochgerechnet wurde. Auf anderen Veranstaltungen am selben Tag war „nur jede vierte Frau“ betroffen, also 250 Millionen weniger, was zeigt, daß es den Protagonisten solcher Demos auf ein paar Millionen mehr oder weniger nicht ankommt.
Wer da wann und wie „offiziell“ geschätzt hat und warum (sexuell) in Klammern gesetzt wurde auf dem in der Menge der Zuschauer verteilten Flugblatt – alles unwichtig angesichts der vielen glücklich vor sich hinlächelnden Frauengesichter am Münsterplatz. Die bekamen von der Sprecherin ihren Opferstatus noch einmal bestätigt, indem diese erklärte,

  • daß Frauen seelisch, politisch und wirtschaftlich immer noch unterdrückt werden,
  • daß sie in Beziehungen in psychischer Abhängigkeit gehalten werden, lediglich als Anhängsel dargestellt und oft nicht ernst genommen,
  • daß sie verunsichert sind, daß sie schweigen über das, was ihnen angetan wird,
  • daß sie wirtschaftlich benachteiligt sind,
  • daß sie weniger Lohn für die gleiche Arbeit bekommen,

usw.usw.
Wenns nicht so traurig wäre, hätte man über diese naive Anhäufung von oberflächlichen Behauptungen, die mit der Realität in der Bundesrepublik in keiner Weise korrelieren, noch lachen können, aber all das geht ja leider auf Kosten der wirklich benachteiligten Frauen in islamisch geprägten Ländern oder Indien, denen mit einem Tanz am Bonner Münsterplatz wenig geholfen ist.
[youtube http://www.youtube.com/watch?v=gAkpLRAWf2s?feature=player_detailpage&w=640&h=360]

Frauen und Männer, die Achtung haben vor der weiblichen Kraft

Zum Abschluß der Tanz-Demonstration wünschte sich die Sprecherin folgendes:

… den wunderschönen Frauen- und Männern, die ihren Körper ehren, und die Achtung haben vor der weiblichen Kraft, und keine Angst davor haben, sondern die Mut haben, die weibliche Kraft zu schützen, und zu ehren und mit Würde und Achtung zu begegnen, ein fröhliches Ertanzen und Erleben der Erde!

Weibliche Kraft? Erleben der Erde? Ehre, Würde, Achtung? Kennen wir das nicht irgendwoher? Bevor wir auf diese Frage näher eingehen, werfen wir noch einen Blick auf das Ende der Tanzerei. Zum Schluß ihrer Rede hat eine der Ansagerinnen noch einmal darauf hingewiesen, daß im Anschluß an die Veranstaltung in Bornheim eine Dia-Show von Renu li zu den „Wundern der Weiblichkeit“ gezeigt werde. Dabei seien ganz viele sehr schöne Bilder von Vaginas. Die solle man sich auf keinen Fall entgehen lassen, weil sie wirklich ganz schön seien.
Die Veranstaltung war also vorbei, die Lautsprecheranlage wurde (natürlich von einem Mann) abgebaut, und ich machte noch schnell eine Runde um die Tanzfläche. Und siehe da, die üblichen Begleitgestalten solcher „fortschrittlicher“ Veranstaltungen waren auch wieder da: die Jungmannen und -frauen der IG-Metall, bewaffnet mit Riesenfahnen und Palästina-Solidaritäts-Plakaten auf dem Rücken:
ppp
Toll, dachte ich, die Frauen in Gaza und im Westjordan-Land tanzen sicher auch grad ausgelassen zum Vagina-Day zusammen mit ihren Männern, aber wahrscheinlich werden die rechtsradikalen Israelis die Tanzerei wieder mal verbieten. Traurig, traurig.
Aber wer hat nun diese ganze Geschichte auf dem Münsterplatz organisiert? Nun, das waren natürlich hochgradig engagierte Frauen, die sich ganz besonders und schon immer für die Frauen in Syrien, Saudi-Arabien und Indonesien eingesetzt haben. Zu denen gehört z.B. das Bonner Frauen-Netzwerk, die sich auch „BonnesFemmes“ nennen.

Das Bonner Frauen-Netzwerk

Und was ist das Bonner Frauen-Netzwerk „BonnesFemmes“ [4]?

Wir sind ein Netzwerk für freiberuflich oder selbständig tätige Frauen im Raum Köln/Bonn, das über den Austausch von Visitenkarten weit hinausgeht.

Das finden wir natürlich toll, denn wenn Frauen „freiberuflich oder selbständig“ tätig sind, dann sind sie sicher nicht mehr in dieser verstaubten, reaktionären Frauenrolle (mit Kindern und so) verhaftet sondern machen ganz andere Sachen, z.B. sind sie Flugzeugingenieurin oder Systemprogrammiererin oder Operator in einem Rechenzentrum.
Schauen wir also, mit welchem „Business“ sich Frauen auf der Website von BonnFemmes präsentieren dürfen:

Coaching (Karrierberatung, Beruf(ung)sberatung,Gründungs- und Unternehmensberatung)
Matriarchale Rituale und Tanz
Sexualberatung & -therapie
balance-praxis
Ortho-Bionomy®
Commid
NES-Scanverfahren
Liquid-Balance
Naturheilverfahren
Reiki für Frauen
Body & Mind Bewegungen

Und nun versteht man auch, warum auf dem One Billion Rising V-Day von der Ansagerin über „Weibliche Kraft“, „das Erleben der Erde“ und „Ehre, Würde, Achtung“ geredet wurde: es ist die Sprache der alternativen Psychoszene, zu der der Verein BonnFemmes gehört. Auf seiner Homepage heißt es:

Bei Bonn Femmes können Frauen ihr Potenzial entdecken und erweitern. Durch die offene und konstruktive Atmosphäre, die alles zuläßt und nichts erzwingt, können wir gegenseitig Feedback geben, uns inspirieren, die (un)sinnigsten Geschäftsmodelle erdenken und erproben.

Was an „(un)sinnigen Geschäftsmodellen“ dort zu finden ist, möchte ich an einigen Beispielen erläutern.
Die Heilpraktikerin (Psychotherapie) Angela Diwisch [5] beispielsweise bietet auf ihrer Homepage Sexualberatung, Sexualtherapie sowie Weiblichkeit und Selbstwert an. Leider bezahlt die Krankenkasse solcherlei „Behandlungen“ nicht, daher sind die Kunden von Frau Diwisch genötigt, für die 50-Minuten-Sitzungen einen Hunderter rauszurücken:

Die Behandlungsdauer bei sexuellen Funktionsstörungen beläuft sich auf etwa 10 – 25 Sitzungen. Sprechen Sie mich an, ich berate Sie gerne!
Erstgespräch € 50,00
Therapie und Beratung 50 Minuten € 100,00
Schülerinnen / Studentinnen € 50,-

Das sind bei 10 Sitzungen zu 50 Minuten immerhin 1000,- Euro für gerade mal einen Tag Arbeit, sofern die Klienten nicht gerade aus dem studentischen Milieu kommen. Wir sehen also, daß ALDI-Kassiererinnen, Hauptschülerinnen und Studentinnen mit 400 Euro-Jobs bei sexuellen Funktionsstörungen keine Chance haben, an einer der wirklich spannenden sexualtherapeutischen/beraterischen Sitzungen von Angela Diwisch teilzunehmen.
Oder nehmen wir die Naturheil-Praxis von Monika Glausch. Frau Glausch bietet eine „homöopathische“ Körpertherapie namens Ortho-Bionomy ® an. Sie beschreibt auf ihrer Homepage diese Behandlungsmethode folgendermaßen:

Dr. Arthur Lincoln Pauls, anglo-kanadischer Osteopath, entwickelte die Ortho-Bionomy, um den Menschen auf eine einfache und natürliche Art zu helfen.
Ortho-Bionomy ist eine Körperbehandlung im homöopathischen Sinn, Ähnliches wird mit Ähnlichem behandelt: die behutsame Übertreibung einer vertrauten Fehlhaltung lässt den Körper diese erkennen und gibt einen Impuls zur Selbstkorrektur mit langfristiger Wirkung.

Mit anderen Worten: Ortho-Bionomy ist eine pseudowissenschaftliche, auf dem Energieverständnis östlicher Medizinsysteme aufbauende manuelle Therapie, zu der keinerlei randomisierte Studien bekannt sind [7]. Deshalb wird sie von Frau Glausch auch für eine Vielzahl von körperlichen Leiden als Therapie empfohlen, denn Krankheit ist für sie wie für die vielen anderen „beratend und kreativ“ tätigen Frauen von BonnFemmes nichts anderes als „Hinwendung zu sich selbst“:

Das Heilsame einer Krankheit ist die Hinwendung zu sich selbst.
Den Körper bewusst und positiv erleben, seine Signale verstehen lernen.
Zugang zum inneren Wissen des Körpers erlangen.
Seine Botschaften wahrnehmen und leben.

Auf ähnlich hohem „spirituellen“ Niveau befindet sich das „Wohlfühlangebot“ von Vera Stöcker, die dort alte Bekannte aus dem therapeutischen Supermarkt der ganzheitlich Verblödeten anbietet:

  • Reiki Sitzungen
  • mit Yin & Yang-Ausgleich
  • und Chakra-Harmonisierung

Ausgebildet wurde Frau Stöcker in Nepal und England in der Usui-Tradition, jetzt darf sie sich Reiki-Meisterin nennen. Als solche wird sie eine Menge Geld für ihre Ausbildung bezahlt haben, was bedauerlich ist, da Reiki außer einem eventuellen Placebo-Effekt keinerlei therapeutischen Nutzen hat, alle anderslautende Propaganda einschließlich der Behauptung, Krankheiten und Störungen mit Reiki „fernbehandeln“ zu können, ist bewußte Irreführung und Verdummung der zahlenden Kundschaft. [8]
Eine weitere höchst kompetente, „aktive“ und „kreative“ Business-Frau aus dem Bonner Frauen-Netzwerk ist z.B. Petra Meyer, die gleich 3 Berufsausbildungen anzubieten hat: Heilpraktikerin, Gestalttherapheutin, Diplom-Sozialpädagogin. Petra Meyer hilft ihren Kundinnen mit

  • Psychologischer Beratung
  • Gestalttherapheutischen Sitzungen
  • Scannen des Körperfeldes mit dem NES-Scanverfahren
  • Reikibehandlungen
  • Reikieinweihungen nach dem Usui-System
  • Kinesiologie-Sitzungen (Three-in-One)

Für alle bei diesen Hilfen verwendeten Methoden gibt es bis heute keinerlei nachweisbare Wirkung. Als Psychologin ist Frau Meyer nicht ausgebildet, daher sind auch ihre „psychologischen Beratungen“ nicht vergleichbar mit denen eines an der Universität ausgebildeten Psychologen. Im übrigen warnt der Berufsverband Deutscher Psychologen (BDP) Eltern und Schulen,

Kinesiologie sei nicht nur unnütz und teuer, sondern auch schädlich, wenn damit wertvolle Zeit für wirkliche Hilfe vertan werde.

[8]
Auch die Stiftung Warentest rät von kinesiologischen Methoden, egal welcher Form, entschieden ab:

Diagnostik mit Kinesiologie bringt das Risiko mit sich, daß Gesunde für krank und Kranke für gesund erklärt werden, daß unnötige Medikamente eingenommen, aber notwendige und wirksame Behandlungen versäumt werden.

[8]
Und so geht das dann weiter im Bonner Netzwerk für Frauen, das besser in „Bonner Netzwerk für Okkultismus und Esoterik“ umbenannt werden sollte. Denn unstreitig sollte sein, nach einem Blick auf die Liste der „Profile der Femmes“, daß dort fast ausschließlich esoteriknahe Themen und Verfahren angeboten werden:

Angela Diwisch, Sexualberatung & -therapie
Ulla Finsterer, balance-praxis
Monika Glausch, Ortho-Bionomy®
Bettina Husemann von Reumont, Commid
Petra Meyer, NES-Scanverfahren
Sylivia Nogens, Liquid-Balance
Ingrid Rauber, Naturheilverfahren
Vera Stöcker, Reiki für Frauen
Kathrin Tannert, Body & Mind Bewegungen
Marita Hoscheidt, Matriarchale Rituale und Tanz
Karin Schuller Gesunde Ernährung

Die restlichen Angebote (Goldschmiedin, Bücher Secondhand Buchhandlung, Versicherungen und Altersvorsorge, Kosmetik und Wellness, Coaching) lassen erkennen, daß man im Netzwerk für Frauen keine Lust hat, sich mit harten Berufsfeldern auseinanderzusetzen. Dies überläßt man den Männern und jenen Frauen, die beim Anhören der „Hymne an die Frauen“ auf der Homepage des Frauen-Netzwerkes einen Lachkrampf bekommen.


Anmerkungen und Links

[1] One Billion Rising . Events in Deutschland
[2] Facebook-Seite von One Billion Rising – Bonn
[3] Wikipedia zu One Billion Rising
[4] Bonner Gruppe von Feministinnen
[5] Angela Diwisch, Heilprakterin(Psychotherapie)
[6] Naturheilpraxis Monika Glausch
[7] Wikipedia über Ortho-Bionomy
[8] Colin Goldner: Die Psycho-Szene

Sexismus-Talkshow bei Anne Will

Am 30.Januar 2013 ging es bei der Anne Will Talkshow um eine neue Keule im „Ismen-Waffenarsenal“ der politisch Korrekten. Bisher wurde vor allem mit zwei Begriffen operiert, um in der Öffentlichkeit (wie z.B. einer Talkshow) spontanen Applaus zu bekommen: Rassismus und Antisemitismus. Die Keulen sind inzwischen so weit abgenutzt, daß sie als echte Waffen kaum noch taugen. Wer sich beispielsweise daran stört, daß immer mehr ganzkörperverschleierte Frauen in deutschen Innenstädten zu sehen sind, ist selbstredend ein Rassist, und letztes Jahr haben wir dazugelernt, daß auch alle Beschneidungs-Kritiker Antisemiten sind, was auch sonst. Kaum tritt man aus dem Haus, so ist man hierzulande von Rassisten, Antisemiten und seit neuestem auch von Sexisten umgeben.
Besonders aber an den Bars des Hotels Maritim. Denn nachdem Rainer Brüderle der STERN-Journalistin Laura Himmelreich an einer Bar des Hotels Maritim in Stuttgart vor gut einem Jahr nach einem Blick auf ihren Busen sagte:

„Sie können ein Dirndl auch ausfüllen.“

, war diese ein Jahr lang beleidigt, recherchierte hinter dem Frauenfeind Brüderle her und beschloß dann, ganz unabhängig natürlich von ihren Vorgesetzten und Kollegen im STERN, an die Öffentlichkeit zu gehen und für eine „schon längst notwendige breite Debatte“ über den alltäglichen Sexismus in Deutschland zu sorgen. Ob Brüderle diese wahnsinnig schrecklich verletzende und die Journalistin in ihrem Frau-Sein ganz eindeutig zutiefst herabwürdigende Äußerung wirklich getan hat, weiß kein Mensch mehr so richtig, weil es lediglich Himmelreich in ihrem Artikel schreibt und sonst niemand anders bestätigt.
Sieht man sich die Fotos von Frau Himmelreich an, so stellt sich allerdings auch die Frage, warum überhaupt jemand die o.a. Aussage ihr gegenüber hätte machen sollen. Aber es ist ja bekannt, daß mit fortschreitendem Alkoholgenuß die visuelle Wahrnehmung insbesondere des anderen Geschlechts sich verändert.
Doch unsere Medien haben sich nun mal das aus dem STERN-Artikel herausgegriffen, was ihrer Meinung nach die Bürger (die Menschen draußen im Lande, wie die Politiker zu sagen pflegen) am meisten interessiert: der Verstoß gegen feministisch begründete Anstandsregeln.
Und nun haben die Hersteller von Selbstklebe-Etiketten Hochkonjunktur: denn sexistisch ist ja fast die halbe Bevölkerung der Bundesrepublik, und allerorten, an Fabriktoren, Bürotüren und Haustüren klebt jetzt das Etikett „Sexist“. Feministische Kampftruppen und Einsatzteams mit Freiwilligen ziehen durch die Straßen, beobachten männliche Bürger beim Einkaufen, bei der Arbeit und an der Bar und notieren sofort alle Verstöße gegen unsere antisexistische Grundordnung.
Nun, ganz so weit ist es noch nicht gekommen, aber bei Anne Will waren drei der Teilnehmer der Meinung, daß es nun Zeit sei für eine neue „Frauenbewegung“, zumindest aber müsse es eine „breit angelegte, intensive Debatte über den alltäglichen Sexismus“ in unserer Gesellschaft geben. An der „Debatte“ bei Anne Will beteiligten sich:
Anke Domscheit-Berg, geb. Domscheit, verheiratet mit Daniel Domscheit-Berg, geb. Berg. Warum dieser nun nicht Berg-Domscheit heißt, kann man sich leicht denken: schließlich wurde seine Frau von Anne Will als „Anke Domscheit-Berg, Feministin“, vorgestellt. Wer mit einer hauptberuflichen Feministin verheiratet ist, hat gefälligst den Namen seiner Frau nach vorne zu stellen.
Beide sind Mitglieder der Piraten-Partei, in die man nur aufgenommen wird, wenn man weiß, daß ein Byte aus 23 = 8 Bits besteht. Ob sich die beiden schon mal klargemacht haben, daß ihre Enkel – würden sie ebenso gender-gerecht beim Heiraten auf gleichverteilte Nachnamen achten – womöglich 8 verschiedene Nachnamen in Kombination tragen müßten, halte ich für unwahrscheinlich. Denkbar wären z.B. schon in der nächsten Generation eine

Nadine Domscheit-Berg-Leutheuser-Schnarrenberger

oder auch ein

Kevin Gabriel-LaFontaine-Domscheit-Berg

woraus folgt, daß die Gleichstellungsbeauftragten der Städte demnächst weitere Aufgabenfelder bekämen wie z.B. die Festlegung einer aus maximal 2 Nachnamen bestehenden Kombination für den Familiennamen. Vielleicht brauchen die Gleichstellungsbeauftragten dafür auch eine weitere Halbtagskraft, so wird auf jeden Fall für Beschäftigung gesorgt. Mehr Feminismus = mehr soziale Gerechtigkeit und mehr Arbeitsplätze, würde jetzt Katja Kipping sagen .
Was bewog die beiden, sich bei den Piraten politisch zu engagieren? Bei Anke Domscheit-Berg ist dies klar: sie möchte gerne in den Bundestag. Da wird man dann 4 Jahre lang auf Diät gesetzt, kann nebenher Reden halten und in deutschen Talkshows als Feministin glänzen. Also hat sie sich nach ihrem Beitritt im Mai 2012 flugs um den Listenplatz 1 in Brandenburg für die Bundestagswahl 2013 beworben. (Leider klappte das nicht, sie kam nur auf den Platz 2, aber wenigstens ist sie noch Direktkandidatin im Bundestagswahlkreis Oberhavel – Havelland II. )
Womöglich hat Anke also auf das falsche Pferd gesetzt, auch weil den Piraten nur noch ganz schlechte Chancen für einen Einzug in den Bundestag eingeräumt werden – da wären die GRÜNEN als Sprungbrett für eine politische Karriere die bessere Wahl gewesen. (Für den Ehemann Daniel Domscheit-Berg, der zeitgleich seiner Frau in die Piraten-Partei folgte (warum wohl?) verweise ich nur auf die Wikipedia-Seite [2], die ein interessantes Bild dieses Menschen ergibt).
Neben Anke Domscheit-Berg saßen Renate Künast und Heiner Geissler , beide Dauergast in deutschen Talkshows – Geissler wurde bisher 41 mal eingeladen, Künast 34 mal (Statistik bis zum 23.01.2013). Daß Künast zur Sexismus-Diskussion eingeladen wurde, leuchtet jedem ein – bei Geißler lieferte Anne Will zu Anfang gleich die Begründung mit: manch einer habe schon gesagt, er sei die beste Frau der CDU.
Damit wäre die übliche politisch korrekte Mehrheit der Talkshow zusammengestellt. Die Ihnen gegenübersitzende Minderheit bestand zum einen aus Monika Ebeling, jener Gleichstellungsbeauftragten der Stadt Goslar, die 2011 nach „teils heftiger Diskussion“ auf Antrag der LINKEN mit Stimmen aus allen Fraktionen ihres Amtes enthoben wurde [10]. Grund dafür war eine Kampagne der grünen Stadträtin Doris Juranek, derzufolge Ebeling die Benachteiligung von Männern aufzeigen und beseitigen wolle – dies sei nicht der politische Wille der GRÜNEN [10].
Verständlich, daß bei einem solchen Gegenüber die sowieso schon immer abwärts gerichteten Mundwinkel von Renate Künast nun schon fast bis zu den Schultern runterhingen. Zumal der neben Monika Ebeling sitzende SPIEGEL-Author Jan Fleischhauer auch nicht gerade ein Freund der GrünInnen ist, wenn er auf seinem SPIEGEL-Blog schreibt:

Die Verbindung von Brüderle-Affäre und Frauenquote zeigt, wohin die Sexismus-Debatte eigentlich zielt: auf die Eroberung von Machtpositionen über die moralische Abwertung des Gegners.

Hier trifft Fleischhauer den Kern: es geht letztendlich um Geld und Ressourcen. Das wird sowohl in dieser als auch bei der nächsten Diskussion mit Maybritt Illner an einigen Stellen deutlich.
Lesen wir, wie sich Renate Künast bei Anne Will von der „unanständigen Entgleisung des Rainer Brüderle“ über die sexistisch angemachte Supermarkt-Kassiererin zum Kern der Debatte durchstottert, nämlich der Frauenquote in Aufsichtsräten und Vorständen:
Künast:

Es wäre vielleicht anständig gewesen, wenn er sich am nächsten morgen gesagt hätte, das war eine Entgleisung, Entschuldigung, sind wir jetzt… also is‘ jetzt wieder gut? Das wär soz. anständig gewesen, wenn er gemerkt hätte, daß er sich – ja mindestens – im Ton weitgehend vergriffen hätte …

Von der unanständigen Entgleisung gehts dann flugs über zur völkischen „Bewegung“, jetzt der dritten ihrer Art, in der sich die Massen erheben und in hunderttausenden von Debattierclubs ihre Betroffenheit zum Ausdruck bringen, einen Paradigmenwechsel herbeiführen wollen und Fragen nach den Wurzeln stellen:
Künast:

daß wir jetzt alle in so ’ner Art dritter Frauenbewegung über den alltäglichen Sexismus diskutieren können und müssen und über die Frage: sind Frauen in diesem Land gleichgestellt?

(Spontaner Beifall bei den langhaarigen, bärtigen und aus den 60ern durch Zeitreise in die Gegenwart gebeamten Männern, die zufällig in der Sendung anwesend und begeistert über die Beiträge von Künast und Geissler waren)
Richtig! Denn aus dem Blick in den Dirndl-Ausschnitt folgt, daß die betrachtete Frau nicht gleichgestellt ist. Das wäre ja auch schrecklich. Nur: wie ändern wir das? Sollen wir vielleicht einfach „die Menschen da abholen, wo sie sind„, und dann „ganz gezielt einfordern, worauf wir als echt irgendwo Betroffene“ Anspruch haben, oder nur „angemessene, sachorientierte Konfliktlösungsstrategien erproben„?
Fragen über Fragen, schaun wir, was Künast dazu meint:
Künast:

Ich will nicht da leben, wo ich dreimal am Tag sagen muß: Halt! Stop! Fass mich nicht an!…

Eine interessante Vorstellung: jemand möchte eine GRÜNEN-Politikerin auf offener Straße oder in einem vegetarischen Restaurant „anfassen“. Halt! Stop! So geht’s ja nun nicht!
Künast:

Und ich finde, wir sollten die Debatte führen: wie ändern wir die Strukturen, in Deutschland auch als Vorbild,

Das ist immer besonders wichtig, daß wirrrr Deutschen ein Vorrrbild sind! Und zwarrr fürrr die ganze Welt!
Künast:

damit Frauen mehr erwerbstätig sein können, damit Frauen Karriere haben können, und vielleicht isses dann so, wenn auch in großen Konzernen dann die Frauen in den Aufsichtsräten und Vorständen sitzen, daß dann schlicht und einfach bestimmte Dinge soz. tief in der Nacht, wo man noch überall so hingehen kann, um Frauen zu treffen oder so,

Tief in der Nacht, da kann man also „überall so hingehen“. Um Frauen zu treffen oder so. Das sollte man abschaffen. Zum Beispiel durch ein Ausgangsverbot für Männer zwischen 02:00 und 05:00 Uhr nachts. Dann könnten Frauen schön unter sich sein in den Bars und brauchten keine Angst haben, daß ihnen lüsterne Vorstandsvorsitzende oder Spitzenkandidaten von Parteien in den Ausschnitt gucken.
Künast:

….(daß dann solche Dinge ) NICHT mehr passieren, weil sie einfach transparent sind und nicht in so ner letzten Gruppe von reiner Männerherrlichkeit (8 Männer gehen zusammen irgendwohin) passiert. Frauen werfen einen Blick drauf und machen es deshalb in der Arbeitswelt anderen Frauen auch möglich, sich stärker zu bewegen und entwickeln (Geissler brummt dazwischen: richtig!). Und da müssen wir Vorbild sein. Denken wir an Indien und die Vorfälle mit den Frauen, die da wirklich vergewaltigt, geschlagen….

Das ist eine wirklich überzeugende Hinleitung zum Thema Quote. Bevor Renate Künast Bundesministerin für die Gleichstellung kinderloser Frauen wird, muß sie allerdings noch einige Hürden überwinden. Nicht schlecht wären z.B. ein Grundkurs für logisches Denken und ein paar Weiterbildungsseminare zum Thema „Arsch-Abwischen bei Babys mit Verdauungsbeschwerden“ oder „Schlaflieder in der Endlosschleife – wenn mein Baby mich nicht mehr schlafen läßt“. Danach könnte sie sich vielleicht mit Birgit Kelle in einer neuen Talkshow bei Anne Will über „Frauen mit und ohne Kinder“ unterhalten.
Ich habe allerdings wenig Hoffnung, daß sie den Logik-Grundkurs schafft. Logik ist für GRÜNE so etwas wie Evolutionstheorie für Kardinal Meissner oder Gene für Sigmar Gabriel: alles bähhh.

Lesen Sie zum Abschluß noch einen kleinen Ausschnitt dessen, was Heiner Geissler (Künast: Heiner Geissler, unser Ehrenfeminist!) an diesem Abend von sich gegeben hat, nicht wahrrr:
Heiner Geissler:

Er ist nach meiner Auffassung über das hinausgegangen, was man machen darf.
–….
er hat sich nicht entschuldigt, das ist für ihn ein Nachteil, aber es ist insgesamt ein Vorteil, weil wir nun endlich diese überfällige Diskussion über den Sexismus in Deutschland
sondern der Ort… jetzt bitte, soll niemand erschrecken, ähm, in dem am meisten und am intensivsten, aber auch am verstecktesten Sexismus ausgeübt wird, d.h. verbale oder physische Gewalt, ist die Ehe und die Familie. Darüber muss man diskutieren. Das ist der Dunkelraum, den wir in unserer Gesellschaft haben, …
Was Frau Ebeling sagt, sind alles nur Ablenkungsmanöver, die uns wegbringen sollen von dem eigentlichen Thema, nämlich verbale, psychische oder physische Gewalt gegen Frauen, und nicht umgekehrt, das ist die Realität!…
ja Moment, auf der Welt gibt es drei Milliarden Frauen, das ist der größte Bevökerungsanteil der Menschheit, es gibt keinen Bevökerungsteil auf der Erde, heute, der mehr diskriminiert und entrechtet wird als die Frauen, das kann doch kein Mensch bestreiten! Und was wir hier in Deutschland haben, ist in Deutschland längst nicht mehr so, ist richtig, wir haben 100 Millionen Analphabeten, äh… eine Milliarde Analphabeten, und davon sind 80% Frauen, aber doch nicht deswegen, weil die dümmer sind, sondern weil sie in dem von Männern veranstalteten Herrschaftsstrukturen und den Bildungsssystemen ferngehalten werden, das war bei uns vor 100 Jahren noch genauso, die konnten kein Abitur machen, kein Universitätsexamen, das hat sich bis heute gebessert, aber es ist immer noch nicht besser geworden!
Über 50% der Studierenden sind Frauen, bei uns in Deutschland, aber nur 8 % Professorinnen, sie schaffen es nicht, weil sie nach wie vor in einer Gesellschaft arbeiten müssen, nicht wahr, wo sie nicht gleichberechtigt arbeiten dürfen.


Anmerkungen und Links

[1] Anke Domscheit-Berg bei Wikipedia
[2] Daniel Domscheit-Berg bei Wikipedia
[3] Dirndl-Fantasien und Sexismus (Teil II) von Gideon Böss
[4] Dirndl-Fantasien und Sexismus (erster Teil) von Gideon Böss
[5] Wie Sexismus entsteht – und warum es dafür keine Entschuldigung gibt, von Bernd Lassahn
[6] Anne Will hat Sexismus-Talk besser im Griff als Jauch (Alexander Jürgs in der WELT)
[7] Dann mach doch die Bluse zu! (Birgit Kelle)
Leher Dr.Specht 1998 über Neger, Zigeunerschnitzel und links/grüne Political Correctness
[9] STERN Artikel von Laura Himmelreich
[10] Wikipedia über Monika Eberling

Facebook: mathematisches Analphabetentum

Auf Facebook findet man gelegentlich Werbung für Methoden zum Geldverdienen, die sich eigentlich eher an Esoteriker, Verschwörungsfanatiker oder nach dem richtigen Glauben Suchende wenden. Schon die Überschriften sind wirklich überzeugend:

Verdienen 399 Euro pro Tag
dein-online-erfolg.com
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Wer dann so doof ist und auf dein-online-erfolg.com klickt, der wird mit einem schwungvollen

Herzlichen Glückwunsch, dass Sie Ihren Weg hierher gefunden haben!

begrüßt und erfährt dann schnell, wohin die Reise geht. Was die Autoren dieser Webseite wünschen ist nämlich nichts anderes, als daß man sich bei einem der von ihnen empfohlenen Spielcasinos im Internet anmeldet und dort sein Geld verjuxt. Und damit man das macht, wird dem unbedarften Leser eine „wissenschaftlich“ geprüfte „Systemmethode“ zum Gewinnen erklärt: es ist die seit Jahrhunderten bekannte Verdoppelungsstrategie, von der auch seit ebenso langer Zeit bekannt ist, daß sie nur zu einem führt: nämlich dem finanziellen Ruin des Roulette-Spielers. Doch davon lesen wir auf der Seite von dein-online-erfolg.com, die sich auch mal als „der-reiche-sack.com“ präsentiert, natürlich nichts, statt dessen erfahren wir folgendes:

DIESE MATHEMATISCHE TATSACHE WIRD IHNEN TAUSENDE DOLLAR EINBRINGEN!

Ja Potzblitz, da freun wir uns schon auf die vielen Dollars, die wir demnächst mit mathematisch bewiesenen Tatsachen verdienen werden, aber was sagen denn andere Leute, die wie wir bei ihrem letzten Pauschalurlaub in Malle oder Ägypten in der Wüste keinen Platz zum Surfen gefunden haben zu diesen tollen Möglichkeiten?

bitte entschuldigen Sie mein Deutsch. Ich nutze Methode und verdiene 2340 € in vier Tagen. Ich habe nie so fiel Geld gehabt. Ein großes Dankeschön
Victor, Madrid (Spanien)

Ähnlich überzeugende Dankesbriefe lesen wir von Victoria, Kapstadt (Südafrika), Christopher, Berlin (Deutschland) und Mark R. (Toronto, CAN), die jetzt alle schon Millionäre sind und mit den Gewinnern des Dschungelcamp am Strand von Rio jeden Abend richtig einen draufmachen können.
Und damit meine Leser auch genau wissen, wie man jetzt ganz leicht jeden Tag 1200,- Euro im Internet-Casino verdienen kann, habe ich alles noch mal ganz genau aufgeschrieben: Wie funktioniert das Verdoppelungsprinzip beim Roulette?


Anmerkungen und Links

[1] Der reiche Sack

Datenschutzfanatiker

Was passiert eigentlich, wenn man in der Christophorusschule (CJD) Königswinter als Vater eines Sohnes auftaucht und im Schulsekretariat nachfragt, in welchem der vielen Schulgebäude dieser Sohn sich gerade aufhält? Finden Sie diese Frage uninteressant? Ist die Frage überhaupt zulässig? Wer darf diese Frage stellen, und wer darf darauf eine Antwort geben?
Viele Fragen, und wie eine Antwort aussehen könnte, habe ich heute erfahren:

  1. Im Schulsekretariat sagte man mir auf meine Frage, wo denn mein Sohn nun gerade Unterricht bekomme:man wisse das nicht. Ausserdem müsse ich mich zur Beantwortung dieser Frage erst mit meinem Personalausweis als echter Vater ausweisen.
  2. Eine freundliche weitere Angestellte im Sekretariat kannte mich von früher. „Ich kenne Sie, aber wir können Ihnen nicht weiterhelfen, gehen Sie bitte zwei Zimmer weiter zu Frau X.“
  3. Bei Frau X. ist die Tür abgeschlossen. Das Schloß macht den Eindruck, als sei es vom Verfassungsschatz installiert worden. Ich klopfe an, es surrt, und ich kann die schwere Tür aufschieben.
  4. Frau X. schaut schlecht gelaunt von ihrem Computer zu mir auf. „Ja, bitte?“ Fast hätte ich „Nein, danke“ gesagt, wollte aber nur diese Auskunft haben und sagte ihr das. Frau X. schaut auf ihren Bildschirm und fragt mich, ob ich wisse, in welcher Jahrgangsstufe mein Sohn sei. Ich verneine. Sie schaut mich konsterniert an: „Wie, sie wissen nicht, in welcher Jahrgangsstufe Ihr Sohn ist?“
  5. Ich merke, daß ich ohne diese Kenntnis als Rabenvater gelte und versuche diese Scharte auszuwetzen. Ich sage ihr also, ich wüßte nicht so genau, vielleicht in der 10. oder 11., aber ich könne ihr genau sagen, was er gerade im Mathematik-Unterricht mache.
  6. Frau X. schaut mich böse an und tippt etwas in Ihren Computer. Der antwortet und sagt, daß der Sohn in der Jahrgangsstufe 11 ist. Und nun sagt Frau X., sie könne mir zwar sagen, in welchem Raum mein Sohn gerade sei, aber sie müsse dazu auf dem Bildschirm ein Programm aufrufen, das auch Noten der Schüler anzeige. Deshalb müsse ich kurz den Raum verlassen und vor der Türe warten, bis sie mich wieder hereinrufe.
  7. Ich sage Frau X., daß sie mich mal kreuzweise… nein, das habe ich nur gedacht. Ich habe ihr gesagt, dass das alles doch nicht so wichtig sei und ich deshalb auch ohne diese Information meinen Sohn finden würde.

Merke: Fragen an Schulbehörden sind zwar gestattet, aber ob man sie beantwortet, hängt von diversen Datenschutzgesetzen ab.

George Gruntz: Jazz goes Baroque

Wer war George Gruntz? Wenn man die Nachrufe in den Zeitungen und im Internet verfolgt, so bekommt man den Eindruck, daß der Mann ein Universalgenie war: Pianist, Bandleader, Radio-Moderator, Arrangeur, Komponist, Dirigent und Festival-Leiter. Mit Recht haben die Kommentatoren hier den Tod eines der ganz Großen im europäischen Jazz beklagt, aber nirgends fand ich eine Beschreibung dessen, was mich an dessen Werk so besonders begeisterte: seine beiden Jazz goes Baroque Platten.
Mit der im März 1965 aufgenommenen Platte Jazz Goes Baroque II – The Music of Italy begann nämlich meine erste detaillierte Beschäftigung mit dem modernen Jazz – nicht mit der Barock-Musik, die interessierte mich damals schon lange nicht mehr. Gruntz‘ neueste Platte Jazz Goes Baroque II wurde im Winter 65 und Sommer 66 auf unserem damaligen Plattenspieler arg strapaziert: um die Musik wenigstens teilweise mitschreiben zu können, wurden die Titel mit halber Geschwindigkeit abgespielt (also eine Oktave tiefer) und die Plattenspielernadel häufig in der Mitte eines Stückes neu aufgesetzt.
Man kann sich leicht vorstellen, wie die Platte nach ein paar Jahren des Gebrauchs aussahen! Aber sie existiert noch, Jazz Goes Baroque II kann immer noch auf dem guten alten Plattenspieler abgespielt werden, und glücklicherweise kann man seit letztem Jahr beide Platten auch als CD erwerben.
Hier können Sie einen kurzen Ausschnitt aus dem Titel Danza, Danza, Fanciulla Gentile hören, beide „Jazz Goes Baroque“ Platten kann man bei Amazon als CD kaufen, auch einzelne Stücke der Platten können als MP3-Files heruntergeladen werden.
Was aber war das besonders Faszinierende an dieser Musik, warum konnte ich schon als Schüler nie genug von Danza, Danza, Fanciulla haben? Nun, ein wichtiger Grund war sicher die überaus ungewöhnliche Zusammensetzung der Band: die Rythmus-Gruppe bestand aus George Gruntz am Cembalo, Peter Trunk am Bass und Daniel Humair am Schlagzeug. Und die Bläser? Wer spielte Saxophon, wer Trompete? Niemand, statt dessen trat da eine Truppe von 4 (in Worten: vier!) Querflötisten an, und deren Zusammenspiel, ihr abwechselnd barocker und dann wieder jazziger Sound gaben der Band ihren Charakter: hier wurde mit Begeisterung Musik aus zwei unterschiedlichen Epochen gemixt, und das Ergebnis konnte sich hören lassen!
Im Wintersemester 1967/68 hatte ich in Stuttgart die Gelegenheit, George Gruntz und seine Band live zu erleben, und diesen Abend in irgendeinem kleinen Konzertsaal in Stuttgart werde ich nie vergessen. Neben Gruntz an seinem Cembalo, Peter Trunk am Bass und Daniel Humair am Schlagzeug waren da also auch noch die 4 Querflötisten:

  • Sahib Shihab,
  • Leo Wright ,
  • Stefan von Dobrzynski,
  • Raymond Guiot.



Sahib Shihab kam Anfang der 60er mit Quincy Jones nach Europa, er bläst, wie es auf der Plattenhülle so schön heißt, „mit der wilden Ausdruckskraft eines Roland Kirk„. Seine Improvisationen barocker Themen, garniert mit der von den meisten Jazz-Flötisten verwendeten Überblas-Technik ergeben ungetrübten Jazz-Genuß, man fragt sich beim Zuhören, ob dieser schwarze Jazzer überhaupt gemerkt hat, daß er nicht auf dem Tenorsaxophon, sondern auf der Querflöte gespielt hat.



Leo Wright, vorher lange Altsaxophonist bei Dizzy Gillespie, spielte dagegen eher lyrisch und klar, aber auch bei ihm fühlte man, wie er aus dem barocken Thema ganz lässig mitreissenden Jazz machte. Unterstützt wurden diese beiden schwarzen Musiker (damals waren sie noch „Neger“) von zwei Profis aus der Klassik, nämlich von Raymond Guiot, der von 1962 bis 1991 Solo-Flötist der Pariser Oper war, sowie von Stefan von Dobrzynski, Tenorsaxophionist und Flötist des Berliner SFB-Orchesters.
Interessanterweise wurden fast alle Improvisationen von den beiden schwarzen Saxophonisten/Flötisten bestritten – auch auf der Plattenaufnahme ist das so (bis auf zwei Stücke: Sarabanda (Zipoli)(Solo: Raymond Guiot) und Allegro aus der CembaloSuite Nr. 10 (Scarlatti)(Solo: Raymond Guiot,Stefan von Dobrzynski)) . Und glücklicherweise wurden im Konzertsaal in Stuttgart alle Instrumente mittels Mikrophon verstärkt, so daß ein wahrhaft mitreißender Sound zustandekam.
Und nun fragt man sich, welche Flötenstücke denn auf dieser Platte angeboten wurden. Das Überraschende ist: bis auf eine einzige Ausnahmen, nämlich das Allegro aus der Sonata F-Dur op. 2 Nr: I von Marcello wurden die Titel von den barocken Komponisten gar nicht als Flötenstücke komponiert! Wie aber kamen dann die Flötenparts zustande? Das verrät uns das Plattencover:

George Gruntz arrangierte die Ensemble-Parts stilgerecht unter Anwendung des Concertato-Verfahrens, indem er (wie in dem Allegro aus »II Pastor Fido« ) zwei Flöten plus Cembalo einstimmig mit dem Tutti aus 4 Flöten plus Schlagzeug und Bass oder (wie in dem Allegro aus der Sonata F-Dur) Flöte, Cembalo, Baß und reduziertes Schlagzeug mit dem Tutti aus 4 Flöten, Baß und vollem Schlagzeug wechseln ließ.

Am 10. Januar 2013 ist George Gruntz nun gestorben. Leider habe ich ihn nach diesem Konzert 1967 nie wieder live erleben dürfen, aber seine Musik, besonders seine Interpretationen barocker Kompositionen sind so lebendig wie vor 40 Jahren. Er hat mit dieser eigenwilligen Mischung einen wahrhaft bleibenden Eindruck hinterlassen.


Anmerkungen und Links

Jazz Goes Baroque II – The Music of Italy. Recorded 17./18.03.1965. Philips 1965 (LP: 843.727 PY)
Danza, Danza Fanciulla (Durante) (Solo: Sahib Shihab);
Allegro aus »II Pastor Fido« (Vivaldi) (Solo: Leo Wright);
Lamento d’Arianna (Monteverdi) (Solo:Sahib Shihab, Leo Wright) ;
Aria detta »La Frescobalda« (Frescobaldi)(Solo: Leo Wright);
Allegro aus der Sonata F-Dur op. 2 Nr: I (Marcello)(Solo: Sahib Shihab);
Allegro aus dem »Concerto San Marco« (Albinoni);
Aria de Polidoro aus »Flaminio« (Pergolesi)(Solo: Leo Wright);
Sarabanda (Zipoli)(Solo: Raymond Guiot);
Aria (Pasquini)(Solo:Sahib Shihab, Leo Wright) ;
Allegro aus der CembaloSuite Nr. 10 (Scarlatti)(Solo: Raymond Guiot,Stefan von Dobrzynski).
[1]Jazz Goes Baroque bei Amazon bestellen
[2] Home-Page von George Gruntz
[3]FAZ-Nachruf auf George Gruntz
[4]Wikipedia über Raymon Guiot (französisch)

Alan Turing

Heute kam ich im Rahmen des „dies academicus“ der Universität Bonn in den Genuß mehrerer Vorträge. Nur einer davon beeindruckte mich wirklich, nämlich ein Vortrag von Peter Koepke über „Berechenbarkeit und ihre Grenzen – zum 100.Geburtstag von Alan Turing“. Ich möchte gleich ohne Umschweife direkt auf den Punkt kommen, der mich wirklich zutiefst beeindruckte: Turing, dieser geniale Mathematiker, Begründer der Informatik und Inspirator jenes Teams von Wissenschaftlern in Bletchley Park, die den Code der deutschen Verschlüsselungsmaschine ENIGMA knackten und damit wesentlich zum Sieg über die deutsche Wehrmacht beitrugen, wurde nach dem 2.Weltkrieg in England wegen seiner Homosexualität vor die Wahl gestellt, entweder ins Gefängnis zu gehen oder sich einer Hormontherapie zu unterziehen. Nach einem Jahr Hormontherapie beging Turing Selbstmord – mit 41 Jahren. Das alles ist bekannt und heute, im Jahre 2012, wird zu seinem 100.Geburtstag in vielfältiger Weise dieses Mannes gedacht.
Doch Peter Koepke erwähnte einen Brief von Turing, den dieser nach dem frühen und plötzlichen Tuberkulose-Tod seines geliebten Schulfreundes Christopher Morcom an seine Mutter schrieb. Turing schrieb darin:

Liebe Mutter,

Ich bin mir sicher, daß ich Morcom irgendwo wieder treffen werde und daß es Arbeit für uns geben wird, die wir gemeinsam tun können, wie ich glaubte, daß es sie hier für uns gäbe. Nun, da ich übriggeblieben bin, um sie allein zu tun, darf ich ihn nicht im Stich lassen, sondern muß ebenso viel Energie hineinstecken, wenn auch nicht so viel Interesse, wie wenn er noch da wäre. Wenn ich Erfolg habe, werde ich geeigneter sein, mich seiner Gesellschaft zu erfreuen, als ich es jetzt bin….
Es tut mir leid, dass er weggeht. Es scheint mir niemals in den Sinn gekommen zu sein, zu versuchen, mir ausser Morcom noch andere Freunde zu machen…..

Hier ist der Punkt, wo jedem Menschen, der so etwas wie Mitgefühl und Empfindsamkeit sein eigen nennt, die Tränen kommen müssen. Ich bewundere Alan Turing, der seiner Mutter diesen und später noch andere Briefe schickte, die zeigen, daß er ein liebenswerter, genialer und bescheidener Mensch war, dem das Schicksal leider sehr übel mitspielte.

Anmerkungen und Links

[1] Andrew Hodges: Alan Turing, Enigma
[2] Queen begnadigt schwulen Informatik-Pionier
[3] Alan Turing war wegweisend an der Entwicklung verschiedener früher Computer beteiligt
[4] SPIEGEL 2015: Mensch gegen Maschine
[5] SPIEGEL-Online 2015: Hat der Mann nicht schon genug gelitten?

Bonner Palästinenser demonstrieren: Blutbad in Gaza! Wer stoppt Israel?

Blutbad in Gaza! Wer stoppt Israel? So stand es in triefendroter Schrift auf weißen Transparenten, hochgehalten von Demonstranten anläßlich eines sog. „spontanen Protests“ gegen den israelischen „Gaza-Überfall“. Veranstalter waren die Palästinensische Gemeinde Bonns und mehrere Bonner Palästina-Solidaritätsgruppen, darunter auch die Bonner Boycott-Sanctions-Divestment-Gruppe [11]. Direkt vor der Hauptpost hatten „Aktivisten“ einen Büchertisch aufgebaut, wo man sich mit Flugblättern über Themen wie „Israel ist ein Apartheidsstaat“ oder „Boykottiert israelische Apartheid“ versorgen konnte. Zufällig kam ich dort vorbei und wollte unbedingt auch Klarheit über die „israelische Apartheid“ haben. So trat ich näher und deutete auf das („Kauft nicht bei Juden“ -)Flugblatt. Eine ältere Dame hinter dem Büchertisch lächelte mich freundlich an, murmelte etwas von „Solidarität“ und „Boykott“ und bot mir weitere Broschüren an. Ich betrachtete das Flugblatt genauer, sah sie dann an und machte ein grimmiges Gesicht. Ich sagte, daß meine Eltern damals vor 75 Jahren auch schon beim Boykott mitgemacht hätten, aber offensichtlich hätte das nicht gereicht. „Richtig! Genau! Gut! “ – kam es da vom Büchertisch bestätigend, und gleich drückte man mir noch weiteres Aufklärungsmaterial in die Hand. Nette Leute, dachte ich – und entfernte mich zunächst mal in Richtung Cafe Blau, um in Ruhe die schönen, bunten Flugblätter zu studieren.

Gegen Krieg, Ausbeutung und Unterdrückung

Dort angekommen, warf ich als erstes einen Blick auf das Flugblatt eines gewissen John Glaser, überschrieben mit dem Titel

Israels letzter Überfall auf Gaza: die Lüge, wer angefangen hat

Den Text zu diesem Flugblatt fand ich auf der Website von Klaus Madersbacher, auf der ich auch schnell fündig wurde, als ich zu verstehen versuchte, wie die Behauptungen auf dem Flugblatt zustande kamen. Denn Madersbacher präsentiert sich auf seiner Homepage mit dem Heiligenschein jener, die „gegen Krieg, Ausbeutung und Unterdrückung“ sind und die Schuld für die Übel dieser Welt im Pentagon, der kapitalistischen Weltherrschaft und natürlich dem internationalen Finanzjudentum sehen. Ausnahmslos alle Konflikte der letzten 50 Jahre, an denen in irgendeiner Form westliche Staaten beteiligt waren, listet Madersbachers Website als „Verbrechen“ auf, begangen von Amerikanern, Israelis, den Banken, der Finanzwirtschaft und der Rüstungsindustrie:

  • Der verbrecherische Angriffskrieg gegen Libyen
  • Verbrecherische Kriegsvorbereitungen gegen Syrien, Iran, Russland, China
  • Der verbrecherische Gewaltstreich gegen Gaza und verbrecherische Okkupation
  • Der verbrecherische Angriffskrieg gegen Irak
  • Der verbrecherische Angriffskrieg gegen Afghanistan
  • Der verbrecherische Angriffskrieg gegen Jugoslawien

Es scheint Madersbacher dabei nicht zu stören, daß in Libyen, Iran, Rußland, China, Gaza, Afghanistan und Serbien über Jahrzehnte Diktatoren eine blutige Herrschaft führten, in deren Folge Millionen Menschen ermordet, gefoltert oder wegen Homosexualität an Baukränen aufgehängt wurden. Mit Frankensteinscher Einfühlsamkeit erfüllt er seine Hauptaufgabe, nämlich die Inhalte der amerikanischen Webseite http://www.antiwar.com ins Deutsche zu übersetzen und damit einem breiten deutschen Leserkreis bekannt zu machen.
Bei der Aufzählung der von ihm empfohlenen deutschen Blogs tappt er dann auch mal voll ins Fettnäpfchen, wenn er z.B. neben den üblichen linken Seiten (www.linkezeitung.de) und Von-oben-nach-unten-Umverteilungsblogs den Blog www.propagandafront.de erwähnt, der nichts anderes als eine extrem rechte und kapitalistische Seite ist („US-Wahlen: Obama gewinnt mit marxistischer Agenda„). Aber das kann einem schon mal passieren, wenn man sich durch das Gruselkabinett der deutschen Gutmenschen-Blogs klickt.
Von Madersbachers Antikriegs-Webseite aus hat sich also der ins Deutsche übersetzte Artikel des John Glaser im Internet verbreitet. Die englische Original-Version trat ihren Siegeszug von http://www.antiwar.com/ aus an. Schauen wir uns aber zunächst ein paar Aussagen aus diesem Artikel (datiert auf den 11.November 2012) an:

Panzerabwehrrakete trifft 4 israelische Soldaten

Es stimmt, dass am Samstag vor dem ausgedehnten israelischen Bombardement der militärische Arm der Volksfront für die Befreiung Palästinas eine Panzerabwehrrakete auf ein israelisches Militärfahrzeug in der Nähe der Grenze zu Gaza feuerte, wodurch vier israelische Soldaten verletzt wurden. Aber was führte zum Abschuss der Panzerabwehrrakete?

Es fällt auf, daß Glaser an den Anfang seiner Argumentation eine „Abwehr“-Rakete stellt. Die war (so schreibt er, aber belegen kann er es nicht) auch noch gegen ein israelisches Militärfahrzeug gerichtet. Vielleicht war sie aber auch nur ungefähr in Richtung eines der besiedelten Gebiete im Süden Israels gerichtet und hat nur zufällig dieses Militärfahrzeug getroffen? Wie auch immer, es soll der Eindruck erweckt werden, daß Streitkräfte des Gaza-Staates (also eine der zahllosen Terrorgruppen der Palästinenser, in diesem Falle eine Truppe mit dem lächerlichen Namen „militärischer Arm der Volksfront für die Befreiung Palästinas“) sich in einer regulären Auseinandersetzung mit Streitkräften der Israelis befänden.
Mit Absicht ausgelassen hat Glaser auch die Tatsache, daß zwei der Soldaten schwer verletzt wurden. Wären umgekehrt 4 palästinensiche „Kämpfer“ verletzt worden und zwei davon schwer, so hätte das Glaser natürlich erwähnt. Übrigens ist in seinem Artikel auch kein Wort über die Hunderte von Raketen zu finden, die das ganze Jahr 2012 über bis zu diesem Samstag auf Städte im Süden Israels abfeuert wurden (siehe Statistik, die roten Balken geben die Anzahl auf Israel abgeschossener Raketen pro Jahr an), nicht etwa auf militärische Ziele, sondern immer auf zivile.

Der Tod des geistig behinderten Ahmad Nabhani

Als habe die Eskalation erst Anfang November begonnen, beschreibt Glaser anschließend in seinem Artikel, wie am 5.November die Grundlage für die seiner Meinung nach gerechtfertigten Raketenangriffe auf Zivilisten durch die Hamas-Terroristen gelegt wurde:

Als erstes erschossen israelische Militärkräfte am Montag, 5. November den 23 Jahre alten Ahmad Nabhani, als er „sich dem Grenzzaun zu Israel näherte.“ Laut zumindest einer Zeugenaussage war Nabhani geistig behindert.

Glaser, der den westlichen Medien Lügen vorwirft, weil sie die Ursachen für die Eskalation in Gaza angeblich ausschließlich der Hamas zuordnen (anscheinend liest der Mann keine westlichen Medien, sonst würde er nicht eine so absurde Behauptung aufstellen), versteht es selber bestens, Tatsachen zu verdrehen und Dinge zu verschweigen. Woher hat Glaser überhaupt diese Geschichte? Was ist daran wahr und wer kann sie eindeutig bestätigen? Nun, wie bei so vielen Märchen über „israelische Kriegsverbrechen“, „terroristische Siedler“ und „Apartheid in Israel“ beginnt alles mit einer kleinen Meldung einer bekannten Nachrichten-Agentur, in diesem Falle von AP (Associated Press).
AP beschäftigt nämlich für den mittleren Osten eine Korrespondentin namens Diaa Hadid, auf die die ganze Geschichte zurückgeht. Hadid berichtete in einer ersten Version vom Abend des 4.November, daß in der betreffenden Grenzregion häufig „militante Palästinenser“ ihre Raketen gegen die israelische Südregion abschießen würden. Manchmal würden sich auch andere, harmlose Menschen (wie jener 23-jährige) in diese Gegend verirren. Wo genau „die Grenzregion“ nun liegt, verrät sie uns nicht, so daß eine Überprüfung dieser Aussagen fast aussichtslos ist.
In ihrer zweiten Version vom 05. November erfahren wir, daß John Glasers „Zeugenaussage“ vom Bruder des Ahmad Nabhani stammt, und nach dessen Aussagen war der Mann geistig behindert, wurde im übrigen schon drei mal in der Gegend des Grenzzauns von israelischen Soldaten geschnappt und jedesmal unversehrt zu seiner Familie zurückgebracht. Warum es beim 4. Versuch des gestörten 23-jährigen jungen Mannes anders kam, ist nicht bekannt. Oder zumindest nur teilweise (siehe unten). Eine IDF-Sprecherin, so Diaa Hadid, habe gesagt, er hätte mehrere Warnrufe ignoriert, als er in einem getrockneten Flussbett auf die Grenzlinie zukroch.
Aus den Schilderungen der AP-Korrespondentin kann man mehrere Schlüsse ziehen:

  1. Wer sich mutwillig in ein Grenzgebiet begibt, in dem palästinensische „Militante“ ihre Raketen und Mörsergranaten gegen Israel abfeuern, muß damit rechnen, von der Gegenseite (nach mehreren Warnschüssen) als potentieller Gegner mit feindlichen Absichten bekämpft zu werden.
  2. Wer den eigenen, geistig behinderten Bruder schon dreimal nach einer „Exkursion“ in diese gefährliche Region von den Israelis wohlbehalten wieder in Empfang nehmen konnte, hätte vielleicht auf die Idee kommen können, von den Behörden seines Landes eine Absperrung dieser Abschußrampen zu fordern.

Die sog. Behörden dieses Landes haben allerdings gar kein Interesse an einer Absperrung dieser Zonen, da sie dann ja für alle Welt sichtbar Zäune um Kindergärten, Krankenhäuser und Schulen errichten müßten – deutlicher könnte man nicht machen, daß die Hamas und ihre verbündeten Terrorgruppen sich gerne in sozialen Einrichtungen verbergen und Menschen als Schutzschilde benutzen. Inzwischen [19] hat sich die Hamas aufgrund des Waffenstillstands von Kairo dazu durchgerungen, die Grenze zu Israel wenigstens „zeitweise“ durch Polizeikräfte vor Zwischenfällen wie dem oben geschilderten zu bewahren.

John Glaser löst einen Empörungs-Tsunami aus

Wie fand der Bericht der AP-Korrespondentin nun seinen Weg zu John Glaser? Das ist eine erstaunliche Sache: einzig die New York Times setzte den Hadid-Bericht in einer kurzen Meldung vom 5.November 2012 auf ihre Webseite [16]. Keine andere größere Zeitung in Europa oder den Staaten kümmerte sich sonst noch darum (mit Recht) – aber John Glaser war von der Meldung elektrisiert. Möglicherweise ist er aber auch nur ein Follower der Diaa Hadid, die wie fast alle Korrespondenten auf twitter (twitter.com/diaahadid) vertreten ist. Wie auch immer, Glaser hat die (für Hadid sehr kurz gehaltene) Meldung in seinen Artikel in der ihm typischen verfälschenden Art eingebaut und löste damit einen Empörungs-Tsunami aus. Denn in tausenden von Blogs, in den Kommentaren von Tagesschau und Facebook, bei Jürgen Elsässer, Erhard Arendt und den Nazi-Katholiken bei kreuz.net, bei den Linken und der DKP: überall wurde dieser Artikel groß rausgestellt, häufig komplett kopiert, auf manchen Webseiten in den Kommentaren zitiert oder in Teilen „eingebaut“. Wer nach „Ahmad Nabhani Gaza“ googled, bekommt derzeit rund 80000 Treffer, und auf den ersten 5 Trefferseiten stehen fast ausschliesslich Webseiten von Israelhassern. Und das Verrückte daran: der Tod des Ahmad Nabhani hat nichts, aber auch gar nichts mit der Eskalation der Situation im Gazastreifen zu tun!
Aber ein harmloser Bonner Passant der Szene an der Hauptpost, der dieses Flugblatt in die Hand gedrückt bekam, ein Mensch, der nichts von den Hintergründen des Nahostkonflikts weiß, der der Desinformationskampagne unserer öffentlich-rechtlichen Rundfunk- und Fernsehanstalten ausgesetzt ist und jeden Tag einen Vertreter der Hamas im Fernsehen sehen kann, wie er seine Propaganda verbreitet, aber noch niemals einen Vertreter der israelischen Streitkräfte als Interviewpartner erlebt hat: ein solcher argloser Passant wird sich nach der Lektüre des Flugblattes womöglich sagen: diese Israelis haben doch tatsächlich einen wehrlosen, geistig Behinderten einfach so abgeknallt, dagegen müssen wir etwas unternehmen!

Der Tod des 13 Jahre alten Ahmed Younis Khader Abu Daqqa

Und nun noch der zweite Vorfall, der nach Meinung von John Glaser das Faß zum Überlaufen brachte:

Dann, am Donnerstag, 8. November, überschritten die israelischen Okkupationskräfte – acht Panzer und vier Bulldozer – die Grenze in den Süden von Gaza, schossen dort herum und töteten einen 13 Jahre alten Buben, wie das Palestinian Centre for Human Rights (PCHR – Palästinensisches Zentrum für Menschenrechte) berichtet.
Nach vom PCHR durchgeführten Untersuchungen wurde am Donnerstag ungefähr um 16.30 Uhr der 13 Jahre alte Ahmed Younis Khader Abu Daqqa durch ein Geschoß in den Unterleib schwer verletzt, nachdem israelische Militärfahrzeuge, die in das Dorf Abassan eingedrungen waren, willkürlich herumschossen. Zu der Zeit, in der er getroffen wurde, spielte Ahmed mit seinen Freunden Fussball vor dem Haus seiner Familie, das etwa 1.200 m entfernt ist von dem Gebiet, in dem sich die israelischen Okkupationskräfte befanden

Auch diese Meldung wird von keiner der großen Nachrichtenagenturen, Tageszeitungen oder Fernsehsender bestätigt, obwohl sie genau in das bei den Medien so beliebte Schema „verzweifelte Palästinenser contra brutale Israelis“ hineinpasst. Zurückverfolgen läßt sie sich bis zum PCHR (Palestinian Centre for Human Rights) [17], das nach eigener Aussage „Untersuchungen“ zu diesem Sachverhalt durchgeführt hat. Die 5 Zeilen dieser Meldung vom 8.November auf den Seiten des PCHR wurden von John Glaser als zweiter Begründungspunkt in seinen Artikel eingebaut, wobei er die Schilderung auf PCHR noch ein wenig „ergänzte“ durch die Bemerkung, daß die Israelis dort willkürlich herumgeschossen hätten. Nachdem dann Glaser seinen Bericht ins Netz gesetzt hatte, wurde er flugs von Klaus Madersbacher übersetzt und verbreitete sich in Windeseile in den einschlägigen Kreisen: Hunderte von Bloggern, HRW (Human Rights Watch) und die Leser der Webseiten von Tagesschau, Haaretz (!) oder SPIEGEL konnten in ihren Kommentaren endlich wieder ihrer Empörung über den „jüdischen Terrorstaat“ Luft machen.
Man könnte allerdings annehmen, daß wenigstens der Urheber der Meldung, das PCHR, genaueres über die Umstände zu berichten wüßte, aber auch hier bekommt man auf näheres Nachfragen keine Antwort.
Wer sich allerdings um echte Aufklärung bemüht wie die hessische Rundfunk-Journalistin Esther Schapira mit ihrer Dokumentation “Drei Kugeln und ein totes Kind – Wer erschoss Mohammed al-Dura” (linkes Foto) und “Der Tag, als ich ins Paradies wollte”, der wird dann auch schon mal gerne von den Fanatikern aus dem Muslimforum, den palästinensischen Gemeinden oder rechts- wie linksextremen „Widerständlern“ bedroht:

(Aus einer Mail von Frau Schapira an mich) Die Frage der Bedrohung kann ich Ihnen auch gern beantworten. Tatsächlich gab es heftige Zuschriften und Anrufe und Reaktionen. Am unangenehmsten war dabei vermutlich ein Aufruf im Muslimforum gegen mich, den das BKA immerhin so ernst nahm, dass ich unmittelbar nach Ausstrahlung des Films bei öffentlichen Auftritten Polizeischutz hatte.

Da ausnahmslos alle im Internet verbreiteten Berichte über den Tod des Fußball spielenden Jungen auf dem Bericht des John Glaser oder demjenigen des PCHR basieren, sind wir noch sehr weit von der Wahrheit über diesen Vorfall entfernt. Es fragt sich auch, ob es die Mühe lohnt, hier weiter zu bohren, angesichts der vielen Fälle in der Vergangenheit, wo Palästinenser und insbesondere deutsche und westliche Medien gezielt und nachgewiesenermaßen falsch über die Vorkommnisse aus Israel berichtet haben.

Nach der Lektüre dieses interessanten Flugblattes des John Glaser kehrte ich zurück zum Bonner Münsterplatz, wo inzwischen eine kleine Demonstration begonnen hatte. Schon von weitem hörte man die Rufe:

Israel: raus aus Palästina!
Israel: Hände weg von Gaza!
Stoppt die israelische Agression!
Netanjahu: Hände weg von Gaza!
Barak: Hände weg von Gaza!

Fast fühlte ich mich zurückversetzt in meine Studentenzeit. Ich brauche nur „Gaza“ durch „Vietnam“ und „Israel“ durch „USA“ zu ersetzen, und schon bin ich bei denselben Sprüchen, die damals 68 auf deutschen Demos geschrien wurden. Doch dürfen heutzutage auch Frauen auf Demos reden, sogar auf solchen von Palästinensern in Deutschland, und so hörte ich von einer jungen Wuppertaler „Aktivistin“ folgende „Solidaritätserklärung“ für ihre Volksgenossen/innen in Palästina:

…. da habe ich so ein Gefühl der Stärke, wenn ich hier so in die Runde schaue, das sind alles Kinder, Jugendliche , da sind viele, die Palästina noch nie gesehen haben, ich selber habe Palästina noch nie gesehen.
Und ich denke, wenn jeder von uns fühlt, in die Richtung. Und an, an die jungen Menschen, wir gehen alle zur Schule, wir nehmen am deutschen System hier teil, wir sind Teil des deutschen Systems, wir haben ’ne Stimme, und die müssen wir erheben. Wir haben Kommilitonen, wir haben Menschen, mit denen wir kommunizieren, und ich finde, wir sollten nicht einfach immer unsere Sorgen wegstecken, unsere Gefühle wegstecken. Nein, wir sind ein… ein… ein Miteinander ….

Ja? Da kommen einem schon fast die Tränen vor lauter Rührung! So emotional! So authentisch! Fast wie bei DSDS….
Und zum Schluß ohne Kommentar das Transscript einer Rede, die im Anschluß an die junge Wuppertalerin ein VerDi-Gewerkschaftsmitglied hielt:

Ich stell mich erst mal vor, ich bin Simon Ernst, bin Mitglied der Gewerkschaft Verdi hier in NRW Süd (genauer: er ist im Vorstand der Verdi-Jugend NRW Süd) und ich mach mit bei der „antikapitalistischen Aktion“ hier in Bonn. Wir stehen auf gegen Krieg, wir stehen auf, wenn die Bundeswehr… wenn die Bundeswehr nach Afghanistan geschickt wird, um dort für die deutsche Wirtschaft Krieg zu führen. Wir stehen auf, wenn Bomben geworfen werden auf Gaza, wenn Palästina besetzt wird, wenn Angriffskriege auf der ganzen Welt geführt werden, wir sehen es als unsere Pflicht, aufzustehen. Und uns stößt immer wieder eine große Redemaschine entgegen, uns stößt immer wieder entgegen…. wir schalten den Fernseher ein und man erzählt uns, die Unterdrückten und die vom Krieg Angegriffenen wären selbst schuld an ihrer Misere, und es gäbe eigentlich keine Kriegstreiber. Es gäbe eigentlich nur die Verantwortung bei den Unterdrückten.
Immer wieder erzählt man uns das, man erzählt es uns in der Schule, man erzählt es uns im Fernsehen, man kriegt es überall beigebracht, das Resultat haben wir gerade auf dem Münsterplatz gesehen, ein ziemlich lächerliches, ein ziemlich unbedeutendes Resultat.
Aber es gibt den Zionismus, es gibt den Imperialismus auf der ganzen Welt, überall erzählt man uns, Kriege wären gerechtfertigt, Unterdrückung wäre notwendig, und die Unterdrückten wären selbst schuld an ihrem Schicksal.
Und eine wichtige Sache dabei ist die Menschlichkeit, von der gerade die beiden Vorredner aus Wuppertal gesprochen haben. weil die Menschlichkeit… die wird selbst in Beschlag genommen von den größten Feinden den Menschlichkeit, von den Mördern von Gaza, sie wird selbst von den Bombenwerfern und Kriegstreibern für sich in Beschlag genommen. Sie erzählen uns jeden Tag, sie würden für die Zivilisation kämpfen, Israel wäre ein Vorposten der Zivilisation in der arabischen Welt. Sie erzählen uns das, dabei sprechen die Fakten eine andere Sprache!
Was ist das für eine Zivilisation, in der ein großer Teil der Bevölkerung, bald die Hälfte, nicht dieselben Rechte genießt… nicht dieselben Rechte genießt wie die Juden in diesem Land.
Was ist das für eine Zivilisation, in der bestimmte Strassen, bestimmte Gebiete nur zugänglich sind für eine Ethnie in einem Staat? Was ist das für eine Zivilisation,in der Teile von Universitäten geschlossen werden, wie kürzlich in Tel Aviv, weil dort Professoren Unterschriften für den Frieden gesammelt haben? Was ist das für eine Zivilisation, in der Apartheidsmauern gebaut werden, in der Zehntausende ohne Gerichtsverfahren in Gefängnisse gesteckt werden?

Tja, Fragen über Fragen. Nur habe auch ich noch eine letzte Frage: warum haben eigentlich linke Gewerkschafter und rechtsradikale NPDler in Punkto „Israel“ dieselben Ziele? Na?


Flugblätter der Bonner Demonstration vom 10.11.2012

  1. Otmar Steinbicker: Sterben Palästinenser und Israelis jetzt für Netanyahus Wahlkampf?
  2. John Glaser: Israels letzter Überfall auf Gaza
  3. Boykott-Flugblatt, Teil 1
  4. Boykott-Flugblatt, Teil 2
  5. Boykott-Flugblatt, Teil 3
  6. Boykott-Flugblatt, Teil 4
  7. Institut für Palästinakunde e.V.(IPK), Israel ist ein Apartheidsstaat, Teil 1
  8. (IPK), Israel ist ein Apartheidsstaat, Teil 2
  9. (IPK), Israel ist ein Apartheidsstaat, Teil 3
  10. (IPK), Israel ist ein Apartheidsstaat, Teil 4

Anmerkungen und Links

[1] Lizas Welt über die Bonner Intifada
[2] Institut für Palästinakunde: Bonn protestiert gegen israelischen Gaza-Überfall (Sa. 17. November, 16:00 Uhr)
[3] Fakten gegen die Propaganda aus Pallywood
[4] Simon Ernst und seine gewalttätigen Ausfälle gegen Israelfreunde
[5] Schlechte Karten sind Trumpf
[6] Gaza: warum gerade jetzt?
[7] Rede zum 1. Mai von Simon Ernst, Ver.di – Jugendverband NRW – Süd
[8] Bahamas: Auf einer Skala von eins bis zehn: Wie hässlich ist die Linke?
[9] Zionisten aus NRW: Israel unter Dauerbeschuss und die Munition der deutschen Medien.
[10] linksunten.indymedia.org: AStA der Uni Bonn mit Staatsgewalt gegen Kriegsgegner und linke Gewerkschafter
[11] Kauft nicht bei Juden Kampagne
[12] MFA: Hamas Terror gegen Israel
[13] kreuz.net schreibt bei John Glaser ab
[14] Diaa Hadid am 4.11. nachmittags um 6:59 PM, erster Bericht über den 23-jährigen am Grenzzaun
[15] Diaa Hadids zweiter Bericht über den 23-jährigen am Grenzzaun
[16] New York Times zitiert den AP-Bericht
[17] PCHR (Palestinian Centre for Human Rights) über den Tod des 13-jährigen Ahmed Younis Khader Abu Daqqa
[18] HRW (Human Rights Watch) berichtet ohne Quellenangabe über den 13-jährigen Jungen
[19] thesundaytimes vom 25.11.2012: Hamas deploy police on Israel border to prevent incidents

England: vier Wochen alter Junge nach einer Beschneidung verblutet


Ausnahmsweise zitiere ich hier einmal einen vollen Artikel (von Fiona Lorenz) aus dem hpd (= Humanistischer Pressedienst), weil er kurz, treffend und agressionsfördernd ist. Die Autorin hat in ihrem letzten Satz hervorragend zum Ausdruck gebracht, was auch ich angesichts der Diskussion des Themas bei Parteien, Politikern und im Bundestag empfinde:

MANCHESTER/BERLIN. (hpd) Am selben Tag, an dem der Rechtsausschuss des Deutschen Bundestages zum umstrittenen Gesetzentwurf über die medizinisch nicht indizierte Knabenbeschneidung die Harmlosigkeit des Eingriffs betont, beginnt in England ein Prozess. Ein vier Wochen alter Junge war nach einer Zirkumzision verblutet. Der Beschneiderin wird grob fahrlässige Tötung vorgeworfen.
Im Gerichtsaal des Manchester Crown Court stellte sich laut BBC am gestrigen Montag heraus, dass bis zu drei Kinder pro Monat allein ins Royal Manchester Children’s Hospital eingeliefert werden, weil sie nach einer häuslichen Zirkumzision stark bluten.
Der vier Wochen alte Goodluck Caubergs verblutete im April 2010 am Tag nach der Prozedur, die die Krankenschwester Grace Adeleye ohne Betäubung durchführte. Die 66-Jährige benutzte lediglich eine Schere, eine Zange und Olivenöl. Die Beschneiderin und die Eltern des kleinen Goodluck stammen aus Nigeria, wo die Zirkumzision Neugeborener für christliche Familien zur Tradition gehört. Laut Guardian hatten die Eltern Adeleye £100 für die Zirkumzision gezahlt, da ihnen nicht bekannt war, dass die Prozedur auch vom National Health Service (NHS) Großbritanniens durchgeführt wird.
In Anbetracht dieser entsetzlichen und für jeden zugänglichen Fakten erscheint es nahezu grotesk, mit welch verharmlosenden Äußerungen die gesetzlich legitimierte religiöse Zirkumzision – zudem ohne Betäubung, von nicht ärztlich ausgebildeten Beschneidern – in Deutschland regelrecht nach vorne gepeitscht wird.

Gender Mainstreaming (4): nachhaltige (Bio)EnergieDörfer

Dieser streng dreinblickende junge Herr hat mit dem nachfolgenden Artikel eigentlich nichts zu tun, aber eines ist ihm anzumerken: es ist ihm so ziemlich egal, ob er zuerst von Karin oder von Georg eine Flasche bekommt. Hauptsache die Flasche ist voll.
Wie ich darauf gekommen bin? Nun, zuerst habe ich eine Mail von Henrik Manthey und Bertold Meyer von der Akademie für Nachhaltige Entwicklung aus Mecklenburg-Vorpommern gelesen. Ich weiß zwar nicht, woher die Herren meine Adresse haben, aber bisher stören mich deren E-Mails auch nicht, da sie höchstens einmal pro Woche in meinem Breifkasten landen.
Diesmal habe ich mir die Mail aber etwas genauer angesehen. Es wird darin zu einer Veranstaltung in Neustrelitz eingeladen. Im Einladungstext steht u.a.:

Güstrow/Neustrelitz/Bollewick, 26. Oktober 2012
Sehr geehrte Landtags- und Bürgerschaftsabgeordnete,
sehr geehrte Mitglieder der Kreistage sowie Stadt- und Gemeindevertreter,
sehr geehrte Landrätinnen und Landräte, Oberbürgermeisterinnen und Oberbürgermeister, Bürgermeisterinnen und Bürgermeister,
sehr geehrte Landwirte und am Thema interessierte Bürger,
Liebe Mitstreiterinnen und Weggefährten,
………
Unter dem Slogan „Dahin weht der Wind! Energiewende durch kommunale und Bürger-Beteiligungsmodelle“ möchten wir im neu eröffneten Landeszentrum für erneuerbare Energien in Neustrelitz mit den anwesenden Bürgermeistern, Gemeindevertretern, Amtsmitarbeitern und am Prozess beteiligten Akteuren die zentralen Qualitätskriterien der (Bio)EnergieDörfer in Mecklenburg-Vorpommern diskutieren und weiterentwickeln.

Schön geschrieben, aber , lieber Henrik Manthe und lieber Bertold Meyer, das wird die Gleichstellungsbeauftragte eurer Akademie für Nachhaltige Entwicklung nicht so gerne lesen. Denn einerseits schreibt ihr von

  • Landrätinnen und Landräten,
  • Oberbürgermeisterinnen und Oberbürgermeistern,
  • Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern,

andererseits aber nur von „am Thema interessierten Bürgern“ sowie „Stadt- und Gemeindevertretern“. Auch haltet Ihr es nicht für notwendig, bei den “ Landwirten und am Thema interessierte Bürgern“ die Landwirtinnen und Bürgerinnen zu erwähnen, und in eurem Slogan schließlich werden „Bürgermeisterinnen, Gemeindevertreterinnen, Amtsmitarbeiterinnen und am Prozess beteiligte Akteurinnen“ vollständig ausgegrenzt.
So geht es auf jeden Fall nicht. Da ist nicht viel von Nachhaltigkeit zu spüren. Vielleicht hat aber auch die Gleichstellungsbeauftragte Mitleid mit euch, weil ihr als wissenschaftlicher Mitarbeiter und „Coaching (Bio)EnergieDörfer MV“ schwer überlastet seid, da kann man ja nicht für jede klitzekleine sprachfeministische Spitzfindigkeit in jedem Schreiben und jeder E-Mail den richtigen Ausdruck finden. Also wird sie euch wahrscheinlich zur Entlastung eine neue Planstelle bewilligen.
Das könnte z.B. eine Beauftragte für die nachhaltige sprachliche Gleichstellung (BNSG) von Frauen und Männern in Eurer Akademie sein. Dann könntet Ihr Eure Texte einfach wie früher runterschreiben, sie danach der BNSG vorlegen und am nächsten Tag schon die korrigierte, sprachfeministisch korrekte Version abholen. Das wär was! In der Zwischenzeit könnt ihr direkt vor eurer Stadt am Zierker See baden gehen und euch dabei Gedanken darüber machen, wie man die Toiletten im neu eröffneten Landeszentrum für erneuerbare Energien in Neustrelitz geschlechterneutral gestalten könnte.
Aber ist das nicht alles viel zu viel Aufwand? Kostet das den Steuerzahler nicht verdammt viel Geld? Ja, diese Frage stellt ihr euch zu Recht. Denn wenn jede Akademie, jeder Verein, jede Arbeitsgemeinschaft mit einer BNSG ausgestattet wird, kostet das tatsächlich viel Geld. Nun könnte man denken, daß so eine kleine Planstelle für ein paar tausend Organisationen nicht viel kosten wird, zumal ja in den meisten Fällen die Organisationen gar keine staatlichen sind, also kein Steuerzahler dafür aufkommen müßte. Außerdem : wenn sich die Gesamtsumme aller Leistungen mit frauenpolitischem Bezug in NRW 2011 auf schlappe 57.544.420 (also 57 Millionen Euro) belief, dann würde das doch in einem Bundesland wie NRW der zuständigen Ministerin kaum Probleme machen, zumal in ihrem eigenen Ministerium im Jahre 2011 lediglich Sach- und Personalkosten in Höhe von rund 24 Millionen Euro anfielen. Da könnte man ein paar Planstellen für den feministischen Sprachwahnsinn immer noch unterbringen, ohne daß das groß auffiele.
Nun ja, das mag ja alles sein. Aber ich würde den Neustrelitzer Entwicklern von „Qualitätskriterien der (Bio)EnergieDörfer in Mecklenburg-Vorpommern“ einen anderen Vorschlag machen: nehmt statt der BNSG einfach den Gleichstellungseditor des von der Universität des Saarlandes geförderten Projekts „Gendercheck“ [3]. Der unterstützt die Schreiber von beliebigen Texten bei der Formulierung geschlechtergerechter Texte. Ähnlich einem Rechtschreibprogramm werden Textstellen markiert, die den Richtlinien zur Vermeidung sexistischen Sprachgebrauchs nicht gerecht werden. [3] .
Damit könnte man Personalkosten einsparen, und statt die Zeit mit Baden im Zierker See zu vertrödeln könntet ihr stattdessen nachhaltige Ideen für neue, nachhaltige Energiekonzepte in euren nachhaltig angelegten (Bio)EnergieDörfern überlegen. Das ist ja das tolle an moderner, nachhaltig umwelt- und frauenfreundlicher Software: sie rationalisiert Arbeitsplätze weg, die man nicht braucht, kann in Schnittstellen von WORD, EXCEL und anderen anwender- und frauenfreundlichen Programmen eines bekannten Konzerns eingebaut werden und sorgt andererseits auch für neue Arbeitsplätze an Universitäten, wo GenderKompetenzZentren und Professorinnen für Theologie und Geschlechterstudien sich tiefschürfende Gedanken über “Gleichstellungspolitik als eine individuum-zentrierte oder gruppenorientierte Politik“ machen.
Und so könnte man Aufgaben wie die folgende (Die weibliche Personenbezeichnung soll der männlichen vorangestellt werden) in Zukunft getrost dem Gleichstellungseditor überlassen:

Solange Frauen und Männer nicht gleichwertig in Texten behandelt werden, stellen Sie Frauen an die erste Stelle, da die Reihenfolge in der Sprache meistens die Rangordnung angibt.
Beispiel: Georg und Karin haben sich zum Essen verabredet. => Karin und Georg haben sich zum Essen verabredet. [2]


Anmerkungen und Links

[1] BMI, 2009: Sprachliche Gleichbehandlung von Frauen und Männern
[2] Frauensprache
[3] GenderCheck: Ein Projekt der Universität des Saarlandes
Der Link der Universität des Saarlandes ex. leider nicht mehr. Daher gebe ich hier den Inhalt des Google-Caches dazu wieder:

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Forschungsprojekte zum Gender Mainstreaming

Gendercheck „Gleichstellung in der Sprache“
ProjektleiterIn Haller, Prof. Johann
Forschungsgebiete
Projektlaufzeit 12. Oktober 2005 –
12. Oktober 2005
Forschungsregion / -land Deutschland
Bundesland Saarland
Beschreibung
„Im Rahmen des von der Universität des Saarlandes geförderten Projekts „Gendercheck“ wurde der Prototype eines sogenannten „Gleichstellungseditor“ entwickelt, der Autorinnen und Autoren bei der Formulierung geschlechtergerechter Texte unterstützt. Ähnlich einem Rechtschreibprogramm werden Textstellen markiert, die den Richtlinien zur Vermeidung sexistischen Sprachgebrauchs nicht gerecht werden, so wie es in vielen Behörden und Ämtern erforderlich ist.
Im Folgenden beschreiben wir zusammenfassend den historischen und technologischen Hintergrund, der zur Entwicklung des Gleichstellungseditors führte. Der Beitrag beschreibt die wichtigsten Funktionalitäten sowie den Stand der Entwicklung des Gleichstellungseditor.
Im Rahmen des Projekts „Gendercheck“ haben wir einen Editor zur Kontrolle technischer Dokumente (controlled-language authoring technology (CLAT)) an die Besonderheiten zur Kontrolle von Verwaltungstexten auf geschlechtergerechte Formulierungen angepaßt. Zunächst beschreiben wir den Hintergrund und die Funktionsweise von CLAT und beleuchten dann die Realisierung des Gleichstellungseditors auf dieser Technologie.
CLAT wurde entwickelt aus der Notwendigkeit einiger Firmen, technische Texte automatisch auf allgemeine und firmenspezifische Sprachkonventionen hinzu überprüfen. Bei dieser Überprüfung wird ein Text auf mehrere Gesichtspunkte hin untersucht:
– Orthographische Korrektheit
– Abgleich mit firmeneigener Terminologie und Abkürzungen
– Grammatische Kontrolle nach allgemeinsprachlichen und firmenspezifischen Konventionen
– Stilistische Kontrolle nach allgemeinsprachlichen und firmenspezifischen Konventionen
In der Orthographiekontrolle wird der Text auf mögliche Rechtschreibfehler hin untersucht und gegebenenfalls ein (oder mehrere) Alternativen vorgeschlagen. Die Terminologiekomponente gleicht den Text mit einer Terminologie- und Abkürzungsdatenbank ab, wobei auch terminologische Varianten gefunden werden. Die grammatische Kontrolle überprüft den Text auf grammatische Richtigkeit und desambiguiert Bedeutungen soweit es die allgemeinsprachlichen und firmenspezifischen Konventionen zulassen, während die stilistische Kontrolle Texte auf firmenspezifische stilistische Vorschriften untersucht. Diese Komponenten bauen zwar aufeinander auf, sie sind aber so gestaltet, dass einzelne Module ausgetauscht werden können und so einfach an andere Anforderungen und Texttypen angepasst werden können.
Neben den inhaltlichen Kontrollmechanismen bietet CLAT auch eine graphische Oberfläche, die es erlaubt, markierte Textsegmente farblich zu unterlegen. Einzelne Fehlercodes können aus- oder zugeschaltet, und Textsegmente bearbeitet oder übersprungen werden, je nach Augenmerk des Autors oder der Autorin. CLAT erlaubt jedoch auch, die graphische Oberfläche auszuschalten und statt dessen eine XML Annotation zu erzeugen, die dann z.B. in einem Batch Mode weiterverarbeitet werden kann.
Das Hauptaugenmerk der Entwicklung des Gleichstellungseditors lag auf der Implementierung bzw. Modifikation einer stilistischen Regelkomponente und den zugehörigen Meldungen eines graphischen Interface. Die Implementierung dieser Regelkomponente erfolgte in einem Prototypen, der Textstellen, die gegen Richtlinien der geschlechterneutralen Formulierungen verstoßen, markiert und textsensitive Verbesserungsvorschläge bereitstellt. Entsprechend kennzeichnete sich die Arbeit in der ersten Hälfte des Projektes hauptsächlich durch einen Iterationszyklus, in dem wiederholt die folgenden beiden Fragen verfeinert wurden:
a) Welche Umformulierungen sollen vorgeschlagen werden?
b) Welche Fehlformulierungen können automatisch erkannt werden?
Ziel war es einerseits möglichst gute Werte für für Recall und Precision zu erreichen, andererseits aber auch aussagekräftige Umformulierungsmöglichkeiten vorzuschlagen. Beide Ziele sind nur bedingt vereinbar, da die Fehlerquote zunimmt, je präziser und feinkörniger die automatische Fehleranalyse ausfällt.
Zur Verwirklichung des Gleichheitsgrundsatzes auf sprachlicher Ebene gilt es in erster Linie, Alternativen für die als Oberbegriff verstandene Personenbezeichnung im Maskulinum (generisches Maskulinum) zu finden. Da es sich bei den untersuchten Texten ausschließlich um Formulierungen aus den Bereichen Recht und Verwaltung handelt, kann grundsätzlich von einer unspezifischen Referenz ausgegangen werden, d.h. ein Substantiv im Maskulinum bezeichnet nicht eine konkrete Person, sondern bezieht sich auf alle Personen gleichermaßen, gleich welchen Geschlechts. So wird mit Beamte in Beispielsatz 1 nicht ein bestimmter Beamter gemeint, sondern als generesches Maskulinum verwendet, das alle Beamten und Beamtinnen einschließen soll. Eine geschlechtergerechte Umformulierung wird hier notwendig und im Genderchek Editor vorgeschlagen.“
weitere Informationen (zum Download)
Kontakt
AnsprechpartnerIn Haller, Prof. Johann
Institution Universität des Saarlandes, Philosophische Fakultät II
Straße/Nr. Postfach 151150
Anschrift Zusatz
PLZ / Ort 66041 Saarbrücken
Telefon +49 (0681) 302-0
Telefax +49
eMail hans@iai.uni-sb.de
Internet-Adresse http://www.uni-saarland.de

© Gender Institut Sachsen-Anhalt GbR, G/I/S/A

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Datenschutzhysteriker


Daß Daten vor unberechtigtem Zugriff geschützt werden müssen, ist eine Selbstverständlichkeit, die uns von Politikern, Datenschutzbeauftragten und kleinkarierten Möchtegerne-Ministern täglich eingehämmert wird. Der Datenschutz ist zu einem Fetisch all jener geworden, die schon immer auf der Suche nach den Schuldigen waren, nach den reichen Hintermännern, Unternehmern und Kapitalistenschweinen, also denen „da oben“, die uns „hier unten“ am liebsten mit eintätowierten KZ-Nummern brandmarken würden. Dagegen müssen wir uns wehren, und sei es auch nur als Datenschutzbeauftragter des Landkreises Hinterzarten oder der Fachhochschule für homöopathische Theologie in München.
Ich selbst rechne mich allerdings nicht zu den KZ-Wächtern, aber auch nicht zu denen, die ständig darüber klagen, daß wir alle zu gläsernen Bürgern geworden seien. Ich sitze weder auf einem Amt noch kommandiere ich Soldaten noch bin ich Abteilungsleiter bei einer öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalt. Nein, ich bin nur ein schlichter Bürger ohne Machtbefugnisse über andere und wollte als solcher mal gerne wissen, was denn so im Fernsehen vor 10 Jahren gelaufen ist. Beispielsweise interessiert mich, über was Sandra Maischberger in der Zeit vom 02.09.2003 bis 03.05.2008 in ihrer Talkshow geredet hat. Denn das ist genau die Zeit, über die man im Internet keine Titel der Maischberger-Sendungen findet.
Aber darf man denn überhaupt den Titel einer solchen Sendung, die mehr als 2 Jahre zurückliegt, wissen? Gesetzt den Fall, man wüßte es, darf man dann dieses Wissen einfach so weitergeben? Im Internet womöglich noch?

Nicht doch! Die Sendungstitel unterliegen dem Datenschutz! Man darf nichts über sie erfahren!


Und wer das nicht glaubt, der verfolge mal den Briefwechsel, den ich mit der WDR-Redaktion der Maischberger geführt habe:

27.09.2010
Sehr geehrte Damen und Herren,
auf der Archiv-Seite von Sandra Maischberger
www.daserste.de/maischberger/
sind leider nur die Sendungen ab dem 01.09.2009 erfaßt. Gibt es eine Möglichkeit, eine Liste mit dem Titel, dem Sendungsdatum und den Gästen der Sendungen vor diesem Datum von Ihnen zu bekommen (also nicht das Video der Sendung selbst)? Falls ja, könnten Sie mir diese Liste per E-Mail zusenden?
Mit freundlichen Grüßen

Am gleichen Tag kam folgende Antwort der WDR-Redaktion:

Sehr geehrter Herr Winterhager,
aus rechtlichen Gründen sind keine älteren Sendungen im Archiv vorhanden und es ist leider auch nicht möglich eine Liste dieser rauszugeben.
Wir hoffen, Sie trotzdem auch weiterhin zu den Zuschauern unserer Sendung „Menschen bei Maischberger“ zählen zu dürfen.
Mit freundlichen Grüßen
ii. A. die WDR-Redaktion Menschen bei Maischberger

Da fragt man sich ja schon, wozu eigentlich ein Archiv beim WDR angelegt ist, wenn der größte Teil ja doch regelmäßig vernichtet wird. Daß nicht ALLE Sendung komplett aufbewahrt werden können, ist ja noch verständlich, zumal ja bei Youtube in bestimmten Bereichen sehr viel umfassendere Archive existieren. Aber warum

ist es leider auch nicht möglich eine Liste dieser rauszugeben ?

Was ist das besonders Schützenswerte an einem Titel einer Talkshowsendung von Sandra Maischberger aus dem Jahre 2005? Wer könnte durch das Nennen dieses Sendungstitels in welchen seiner Rechte eigentlich verletzt werden?
Das, so sagte ich mir dann zwei Jahre später, kann mir der zuständige WDR-Redakteur jetzt, nach so langer Zeit, sicher sagen. Und so schrieb ich einen zweiten Brief mit folgendem Inhalt (es handelte sich natürlich immer um E-Mails!):

15.05.2012 11:06
Sehr geehrte Damen und Herren,
haben sie in Ihrem Archiv eine Liste mit den Titeln der Sendungen zwischen dem 02.09.2003 und 03.05.2008? Falls nein, können Sie mir eine Person nennen, die mir zu der Historie der Sendung nähere Auskünfte geben kann? Da der Versuch, die Titel der Sendungen auf diesem Wege per E-Mail von
Ihnen zu bekommen, bisher keinen Erfolg hatte, scheint mir ein persönliches Gespräch mit einem Mitarbeiter erfolgversprechender.
Mit freundlichen Grüßen

Daraufhin bekam ich folgende aufschlußreiche Antwort:

25.07.2012
Sehr geehrter Herr Winterhager, vielen Dank für Ihr großes Interesse. Darf ich fragen, wozu Sie diese Liste haben möchten? Einstweilen mit besten Grüßen
KMH
Klaus Michael Heinz
Leitung RG Talk, Kabarett & Comedy
Westdeutscher Rundfunk Köln
Appellhofplatz 1
50667 Köln
Fon 0221/220-2992
Fax 0221/220-3318
e-mail klausmichael.heinz@wdr.de

Recht hat der Mann! Ich meine, der KMH, also der Klaus Michael Heinz, der immerhin Abteilungsleiter ist, noch dazu von „RG Talk, Kabarett & Comedy“! Denn man muß sich nur mal vorstellen, was man mit diesen Daten alles anfangen kann: ich hätte die Liste mit den Sendungstiteln und den Namen der Teilnehmer ja einfach an den CIA, den Mossad oder den vatikanischen Geheimdienst verschicken können, und wer weiß, was dann alles schreckliches passiert wäre! Da ich aber nichts dergleichen vorhatte, sondern die Sendungstitel mit den Namen der Teilnehmer (oh! Personendaten! Schlimm!) lediglich in mein eigenes, kleines, popeliges Privatarchiv speichern wollte, habe ich dem KMH, also dem Klaus Michael Heinz, noch am selben Tag geantwortet:

25.07.2012
Sehr geehrter Herr Heinz,
vielen Dank für Ihr Interesse an meinen Beweggründen für die Anfrage nach einer Liste mit den Titeln der Sendungen zwischen dem 02.09.2003 und 03.05.2008. Diese Liste ergänzt die bisher noch unvollständige Liste aller Sendungen von Frau Maischberger, die ich in einer kleinen privaten Datenbank pflege.
Darf ich fragen, wozu Sie eine schriftliche Auskunft über die Gründe für meinen Wunsch haben möchten?
Einstweilen mit freundlichen Grüßen
CW
Dipl.-Math. Christian Winterhager

Und seitdem herrscht betretenes Schweigen. Klaus Michael ist beleidigt und schreibt überhaupt nicht mehr. Und die Sendungstitel der Maischberger haben inzwischen beim WDR die Geheimhaltungsstufe 10 bekommen und werden in einem Stahltresor aufbewahrt.
Was bleibt, ist der Gang nach Köln. Vielleicht darf ich ja Sandra Maischberger persönlich mal die Hand schütteln und ihr erzählen, wie vorbildlich ihre Redaktion mit den Fans der Sendung umgeht.

Beschneidungsschlacht auf Facebook: Blocken, Entfreunden, Löschen

Die Verletzung der körperlichen Integrität, noch dazu der von Unmündigen, ist eine eklatante Menschenrechtsverletzung, die in ihrer religiösen Natur eine besondere kulturelle Primitivität und einen beschämenden Mangel an elementarer Humanität erkennen läßt.[12]

[youtube http://www.youtube.com/watch?v=xTxD6l-8ppw?feature=player_detailpage&w=640&h=360]
Bevor man über das Thema Beschneidung diskutiert, sollte man sich auf obigem Video genau ansehen, um was es geht. Danach kann jeder für sich entscheiden, ob er die älteren Herren, die sich im Video unter Absingen und Murmeln allerlei merkwürdiger Sprüche am Penis eines männlichen Babys zu schaffen machen, noch als Menschen mit gesundem Verstand oder als religiöse Irre bezeichnen möchte. Dieses Video wurde (in beschnittener Form) auch dem deutschen Ethikrat vorgeführt, die FAZ schrieb darüber folgendes:

Die Männer ziehen Jacob die Windel aus. In diesem Moment fängt das Kind an zu weinen…Die Männer stehen weiter um das Baby herum… Einer der Männer greift zu einem Glas und nimmt einen Schluck Wein in den Mund. Dann beugt er sich zu Jacob hinunter, der immer noch entblößt daliegt. Mit seinem Gesicht ist der Mann zwischen Jacobs Beinen, er berührt den Penis des Kindes mit seinem Mund und saugt das Blut von der Wunde. Es ist ein Ritual der Ultra-Orthodoxen. Für sie gehört es zur Beschneidung, auch wenn dadurch schon Kinder mit Herpes infiziert wurden. Manche erlitten in Folge der Infektion bleibende Hirnschäden. Andere starben. Als der New Yorker Bürgermeister vor einigen Jahren die Rabbiner bat, dieses Ritual aufzugeben, hatte er wenig Erfolg: Diese Art der Beschneidung sei sicher und würde weiter durchgeführt, bekam er zur Antwort.

Das Interessante an dieser „Filmvorstellung“ (in deren Folge mehreren Besuchern der öffentlichen Sitzung schlecht wurde, so daß sie den Saal verlassen mußten) ist nicht die Tatsache, daß hier ein paar Verrückte gezeigt werden, die sich einem abartigen archaischen Brauch hingeben. Einem archaischen Brauch übrigens, der schon immer nur dem Zweck diente,

die Sexualität des Mannes auf seine Fortpflanzungsfähigkeit zu reduzieren, damit er sich umso intensiver der Verehrung von Heiligen und dem Studium göttlicher Schriften widmen kann.

Nein, das Interessante ist, daß auch nach dem Ansehen dieses Films viele meiner engsten Israel-Freunde der Ansicht sind, daß jede Kritik an dieser ganz offensichtlich sexuell motivierten Amputation eines intakten Körperteils, vorgenommen an einem wehrlosen 8 Tage alten Baby, mit Antisemitismus gleichzusetzen ist. So wird übrigens nicht erst seit dem Kölner Gerichtsurteil „argumentiert“, sondern schon seit eh und je: wer sich mit dem Staat Israel verbunden fühlt und diesen öffentlich (z.B. in einem Internet-Blog) unterstützt, darf gerne mal kritisieren, zum Beispiel daß man am Rande eines Marktes in Tel Aviv auch schon mal Odachlose unter Müllbergen vegetieren sieht, aber Kritik an religiösen Praktiken des Judentums wird sofort mit einem empörten Aufschrei beantwortet: Nein! Das dürfen wir nicht kritisieren! Und wenn wir es doch tun, dann sind wir böse Nazis und Rassisten!
So bekam ich schon im Dezember 2008 als Reaktion auf einen Artikel über die Beschneidung ( Freiheit der Wissenschaft und die Freiheit, beschnitten zu werden ) den folgenden Kommentar, verfasst von dem zum christlichen Spektrum der Israelfreunde gehörenden „heplev“ (Klarname: Herbert Eiteneier) :

Warum sollen Jungs beschnitten werden? Weil’s in der Torah befohlen ist.

Das ist der Kommentar eines religiösen Spinners, der es sehr gut auf den Punkt bringt: keine Religion kann mit logischen Argumenten Menschen überzeugen, aber alle Religionen arbeiten mit Befehl und Gehorsam. Irgendwo in der Tora, der Bibel oder dem Koran steht etwas geschrieben, und danach haben sich die Anhänger der Religion gefälligst zu richten, und sei es auch noch so absurd oder komisch.
Damals (2008) war das Thema Beschneidung allerdings in der öffentlichen Diskussion nicht so beherrschend wie heute, auch gab es noch nicht so viele Möglichkeiten, sich an einer Diskussion im Internet zu beteiligen wie heute. Dies hat sich mit dem enormen Wachstum von facebook und einer stark zugenommenen Anzahl von Online-Medien geändert: fast jede Tageszeitung hat eine Online-Version, sämtliche Fernsehsender betreiben aufwendige Internetseiten, und überall können sich die Besucher dieser Seiten in Kommentaren „austoben“.

Das ist einer der Gründe, warum wir seit dem Kölner Gerichtsurteil eine sehr viel intensivere, aber auch heftigere Diskussion zum Thema Beschneidung erleben. Da dieses Thema aber einen sehr starken religiösen Bezug hat, melden sich nun im Internet auch viele jener Zeitgenossen zu Wort, die es nach 3400 Jahren (wahlweise auch mal nach 4000 oder 5700 Jahren) der fortgesetzten Körperverletzung noch immer nicht für nötig halten, sich von diesem völlig überflüssigen Ritual zu trennen.
Und es sind genau diese Leute, die nun, angesichts einer breiten Ablehnung der religiös begründeten Beschneidung, in einen Zustand der Dauerbeleidigung verfallen und sich von lauter Nazis umgeben wähnen. Besonders auf Facebook sind die Reaktionen von bisherigen „Freunden“ dabei z.T. maßlos. Aber auch auf Blogs wie der Achse des Guten hält man die Aufregung über die Beschneidungspraktiken für reine Hysterie und macht sich über die Diskussion lustig. Henryk M. Broder wird in privaten (und öffentlichen) Mails auf einmal übelst ausfallend gegenüber Leuten, die er bis dahin unterstützte, und auch andere Vertreter der jüdischen und islamischen Sicht der Dinge, die sich bisher erbittert bekämpften, ziehen auf einmal an einem Strang.
Und viele der Facebooker greifen dann zu einem kleinen, feinen, aber lächerlichen Machtmittelchen, das man ihnen als Eigentümer eines Facebook-Threads gibt: sie üben eifrig Zensurrechte aus oder blocken ihre Gegner. War man bisher in einer der zahlreichen, immer wieder sich neu gründenden Facebook-Gruppen zum Thema Israel/Antisemitismus, so konnte es einem nun passieren, dass die eigenen Beiträge in solchen Gruppen von den Admins gelöscht wurden oder man selbst schlicht aus der Gruppe ausgeschlossen wurde.
Die Beschneidungsbefürworter pflegen dabei in ihren Threads genau jenen haßerfüllten Ton, den sie ihren Gegnern ständig vorwerfen, Kostprobe:

  • Jakob Blumtritt: Wozu kann man die Vorhaut gut gebrauchen? Zum Wäsche aufhängen?
  • Jakob Blumtritt: Oder um es sich im Reißverschluß einzuklemmen?
  • David Rosen: Winterhager, man merkt an Ihrem grenzdebilen Applaus, den Sie sowieso nur herbeilügen, nichts anderes als peinliche Rache für jemanden, der anderer Meinung als Sie in der Beschneidungsdebatte ist. Peinlich.
  • David Rosen: Winterhager, es wäre ehrlicher die Israelflagge aus Ihrem Profilbild zu nehmen, das ist doch nur ein Feigenblatt für Ihren Hass.
  • Elwira Kubisa: Macbeth Fake, mit Kastrationsängsten und einem IQ unter dem Niveau eines Regenwurms plus latenter Xenophobie….
  • Elwira Kubisa: Keine Sorgen. Die Juden leben seit 2000 Jahren mit Einschränkungen, Diskriminierung, Ausgrenzung. Verleumdung und Hass. So ein Wicht wie Du, Macbeth, hat eh nichts zu melden.
  • Elwira Kubisa: Du hast Dir so viel Mühe gegeben, Christian. Naja, zum Einem schreien die Babies grundsätzlich immer und wenn sie hunger haben – noch lauter und heftiger. Zum Anderen kann der Ton extra druntergelegt worden sein. Und als letztes, man kann mit einer Betäubung arbeiten. Und jetzt hör auf mit diesem Geheule.

Wer die Diskussionsstränge bei Facebook, die das Thema „Beschneidung“ behandeln, in den letzten Wochen aufmerksam verfolgt hat, wird feststellen, daß ein nicht geringer Prozentsatz der Befürworter aus der Ecke der christlichen/jüdischen Fundamentalisten (egal ob katholisch oder evangelisch oder sektiererisch) kommt und die Diskussion mit kaum noch ernstzunehmenden Statements bereichern:
[6]Dr. med. Adam Daniel Poznanski über Gideon Böss:

Dieser Rotzer will tatsächlich die älteste noch existierende Hochkultur in ihrem Kern modifizieren und somit abschaffen. Des weiteren bedient er Judenhasser gleich mit Vorurteilen, die Juden würden mit G’tt HANDELN und FEILSCHEN („diskutieren“) Dabei sind im Judentum ausschließlich Fürbitten für die Gemeinschaft gestattet und selbst ein Gebet für die Gesundheit Einzelner respektive Lotto-Segnungen ein absolutes No-Go!
Was für ein imbeziles Arschloch! [vulg. et sic!]

Während Adam Poznanski, der bei Facebook mit mindestens 20 verschiedenen Identitäten auftritt, weil ihn keiner mehr so richtig ernst nimmt, solche in seinen Augen vom rechten Glauben abgefallenen Juden am liebsten nach alt-testamentarischer Sitte hinrichten (milder: Gott zum Opfer darbringen) würde, erwartet der von Michel Friedman am 4.10.2012 auf N24 interviewte Rabbiner Itzhak Ehrenberg „wegen der Vergangenheit: Vorsicht, Respekt“:

„Unsere Religion steht über alle Wissenschafter, die Wissenschaft, die Medizin … auch Gesetz ist nur von Menschen gemacht, und ich sag nochmal: Grundgesetz von Deutschland ist, dass ich darf meine Religion üben. Ich darf und ich eigentlich muss, und ich komme zu dem Punkt: Wenn ich meinen Sohn nicht Brit, nicht beschneide, dann ich mache mich strafbar bei Gott. Ich hab auch hier gesagt, ist besser Anzeige von der Staatsanwalt als Strafanzeige von Gott. Wenn mein Kind acht Tage wird, ich habe eine Pflicht, ich ihm zu beschneiden. …
Das Gegenteil: die Anderen sind ganz primitiv, ja, aber ich möchte … die Kritiker sind primitiv, die glauben nicht an Schöpfung der Welt, ja, die glauben nicht an Gott, die glauben nicht an Schöpfung der Welt, dass die kommen von, äh, die waren einmal im Dschungel, oder?Auf die Bäume, die Evolution, die, die Kritiker, die Athaisten, ja. …
Wenn Sie mich fragen, es ist sicher Antisemitismus. Die Frage ist nur wieviel Prozent Antisemitismus, ja. Kann sein einmal versteckt, kann sein sogar, man hat über Freud gesprochen, dass der Mensch selbst nicht weiß, dass er Assamtismetismus. Aber das ist antireligiös, ist anti Religion. Und Antireligion ist Antisemitismus, ist eigentlich gleich. Ich erwarte von Deutschland, gerade wegen der Vergangenheit: Vorsicht, Respekt.“

Man bedenke: dieser Mann ist „Gemeinde-Rabbiner“, von dem ich eigentlich annehme, daß er eine gewisse Grundbildung besitzt. Wer sich das gesamte Interview mit Ehrenberg ansieht und andere Äußerungen von ihm im Internet liest, kann nur zu der Meinung gelangen, daß wir es hier mit einem religiös indoktrinierten Menschen zu tun haben, für den jegliche Art von Logik und aufgeklärtem Denken des Teufels ist.
Angesichts solcher Kommentare, die den Haß ihrer Verfasser auf die „Ungläubigen“ fast in jedem Satz deutlich machen, ist es aber auch kein Wunder, daß die Gegenseite mit Spott und deutlichen Worten reagiert:

Rainer Franzolet: blumtritt@wenn man wie sie vermutlich als kind verstümmelt wurde dann kann man natürlich nicht über eigene erfahrung als unversehrter sprechen. leute wie sie gehen vermutlich auch nicht zum arzt sondern lieber in s gebetshaus. das sei ihnen unbenommen. sie können auch in ein land umziehen wo sich die leute in ihrem sinne einig sind. da können sie dann ihre kinder verstümmeln, ihre frau verprügeln und minderjährige heiraten. nur lassen sie den kleinen teil der aufgeklärten welt mit ihrem mittelalterlichen denken zufrieden. ´gute reise.

Und so wird die Diskussion noch eine Weile weitergehen. Viele Beschneidungsbefürworter ärgern sich, daß überhaupt diskutiert wird. Ich denke, sie haben nicht begriffen, daß die Abschaffung barbarischer Bräuche in der Geschichte immer in einem langen Prozeß vonstatten ging. Vieles von dem, was früher mal als selbstverständlich galt und sogar gesetzlich erlaubt war, ist heute (glücklicherweise) unter Strafe gestellt, und so wird es auch irgendwann mit der Beschneidung sein.
Glücklicherweise gibt es aber auch auf jüdischer Seite viele besonnene und kritische Stimmen, die sich gegen die Beschneidung aus religiösen Gründen wenden.
So schreibt etwa die Kölner Jüdin Ann Eliza in einer Facebook-Diskussion (initiiert von Gideon Böss) folgendes:

Ob ich religiös oder nicht religiös bin, kann ich, wie ich mich auch anstrenge, trotzdem nicht verstehen, was ein Bund mit Gott mit dem Geschlechtsteil eines Mannes zu tun zu haben hat… Die meisten Diasporajuden sind unbeschnitten und leben dann also glücklich in Sünde. Die Beschneidung hat Auswirkung auf das Sexualleben eines Mannes, er wird unwiederbringlich nachteilhaft unsensibel, was ich euch nicht näher beschreiben muss. Die religiösen Juden werden es abtun, weil sie es anders einfach nicht können, da sie selbst beschnitten wurden. Wer gibt den Eltern das Recht, im Namen Gottes, seinem Kind etwas Unwiederbringliches anzutun, was sein Sexualleben bestimmt. Sie selbst. Ich könnte es meinem Kind nicht antun.

Diese Aussage kann ich 100%ig unterschreiben. Es wird sich zeigen, ob das deutsche Bundesverfassungsgericht das von der Bundesregierung bereits durchgewunkene Gesetz, das die bisherige Beschneidungspraxis lediglich bestätigt und rechtlich absichert, durchgehen läßt oder die religiösen Fanatiker auffordern wird, ihre merkwürdige Schnippelei auf einen Zeitpunkt zu verlegen, wo jeder normale männliche Mensch sich an die Stirn tippen und sagen wird:

Ihr könnt mich mal!


Anmerkungen und Links

[1] FAZ am 02.06.2012: Blutiger Schnitt
[2] Femokratie-Blog zur Beschneidungsdiskussion
[3] H.Broder: Pornografische Debatte mit maximaler Erregung
[4] Frankfurter Rundschau: „Beschneidungsverbot wird sich nicht halten“
[5] Ärzte-Zeitung:Beschneidungsverbot: Ärzte sehen Gefahr für Jungen
[6] Circumcision and HIV – the Randomised Controlled Trials
[7] Weitere randomisierte Studien
[8]By Brian Earp: Circumcision is immoral, should be banned
[9] Matthias Krause im hpd zum Kölner Urteil
[10] Definition der Beschneidung bei www.judentum-projekt.de
[11] 01.07.2012, Tobias Kaufmann im Libero über die Beschneidungsdiskussion
[12] 03.07.2012, Kinderrechte beim hpd: Die beschnittene Psyche
[13] 29.06.2012, Skyaddys Blog: Die EKD-Position zur Beschneidung
[14] 06.07.2011 (!), Femokratie-Blog über Beschneidung, insbes. „10 Antworten zu Die Vorhaut von Jungen sei „so etwas Ähnliches wie der Blinddarm oder die Weisheitszähne“
[15] Die WELT: Gruene wollen Beschneidung gesetzlich regeln
[16] Youtube: Unterschiede zwischen männlicher und weiblicher Beschneidung
[17] 29.06.2012: Hinweis auf „Humanist News“ auf eine neue Facebook-Seite. Finger weg von meinem Pimmel
[18] Home Page von Holm Putzke
[19] jewsagainstcircumcision.org
[20] jewishcircumcision.org
[21] 17.11.2011, Juedische Allgemeine ueber: Schnittiger Typ: Mordechai Tzwi Solomon ist Mohel in Basel und arbeitet oft in Osteuropa
[22] 28.06.2012, Die WELT: Das Kölner Urteil zur religiös motivierten Beschneidung verstößt gegen das Verfassungsgebot von der „Freiheit des Glaubens“. So hat es das Bundesverfassungsgericht schon einmal gesehen. Von Jacques Schuster
[23] 29.06.2012, Der Tagesspiegel: Kliniken stoppen religiöse Beschneidungen
[24] 22.11.2008: Neues Produkt gegen Falten wird aus der Vorhaut von Babypenissen hergestellt
[25] 04.07.2012: news.ch: Hände weg von kindlichen Sexualorganen!
[26] 11.07.2012: Humanist News: Ob man sich wäscht oder nicht, hat nicht unbedingt mit dem Vorhandensein der Vorhaut zu tun
[27] 29.06.2012: Pierre Vogel und seine Welt: Religion gegen Kindeswohl – eine unnötige Diskussion
[31] Argumente gegen die Beschneidung, von muslimischer Seite!
[32] 28.06.2012, Die WELT: Die Beschneidung – ein unnützes Opfer für Allah; Die Beschneidung muslimischer Jungen ist eine ebenso abscheuliche archaische Sitte wie die Genitalverstümmelung bei kleinen Mädchen. Sie ist ein Unterdrückungsinstrument und gehört geächtet. Von Necla Kelek
[33] 29.06.2012, FAZ: Nicht nur das Kölner Landgericht, auch manche Israelis lehnen die jahrtausendealte Tradition der Beschneidung jüdischer Jungen ab. Noch sind sie eine Randgruppe, die gegen ein gesellschaftliches Tabu ankämpft. Aber sie wächst.
[34] 04.07.2012 hpd: Scharfe Klingen – Stumpfe Logik
[35] 28.06.2012, blu-news: Schnipp-Schnapp Vorhaut ab
[36] 05.07.2012: Der schwule Volker Beck wechselt von den „Grünen“ zur Partei „Christliche Mitte“
[37] www.beschneidung-von-jungen.de
[38] Claude Jaermann auf http://www.spuren.ch: Das wunde Geschlecht: Beschneidung von Knaben
[39]Tammoxsche Gedanken II: Volker Beck, Die GRÜNE und die Beschneidung
[40] Hier unterhalten sich Leute über die Beschneidung, die sich nicht im geringsten damit beschäftigt haben und irgendwas behaupten, die sie irgendwo mal gehört haben.
[41] 30.06.2012, Augsburger Allgemeine: Religiöse Beschneidung: Mehrheit der Deutschen dagegen
[42] Ein Video (Achtung! Dieses Video kann einen entsetzlichen Eindruck hinterlassen!)
[43] www.circumcision.org: Circumcision is traumatic and changes the brain.
[44] das-ist-fast-diktatorisch
[45] Unüberlegter Schnellschuss?: Vermehrt Zweifel an Beschneidungs-Resolution – Politik – Tagesspiegel
[46] Unbestritten unbeschnitten: Leserbriefe der Braunschweiger Zeitung
[47] Auch in Israel ist die Beschneidung nicht unumstritten
[48] Der Standard (Österreich): Die Vergewaltigung der Religionsfreiheit
[49] Mom, why did you circumcise me?
[50] Diskussion bei Anne Will mit Holm Putzke
[51] Ratgeber-Blog: Beschneidungsdebatte – Fehlinformationen ohne Ende!
[52] Humanisten Templin: Beschneidung zum Sonntag
[53] Prof. Reinhard Merkel in der Badischen Zeitung: „Beschneidungen ohne Anästhesie ist eine Folterqual“
[54] Prof. Reinhard Merkel, Gespräch mit dem DLF, 23.08.2012
[55] 24.08.2012 FAZ: Beschneidungsdebatte empört Israel
[56] 24.08.2012: BERUFSVERBAND DER KINDER- UND JUGENDÄRZTE e. V. zum Beschluss des Ethikrates
[57] 10.07.2012: Marlene Rupprecht SPD MdB: Beschneidung missachtet Kinderrechte
[58] 26.08.2012: Süddeutsche:Debatte über Beschneidung Angst vor strengen Auflagen
[59] Ending Unnecessary Male Circumcision In The UK: 1 in 3 Israeli Parents Don’t Want To Circumcise
[60] 26.07.2012: Dr. med. Adam Daniel Poznanski über Gideon Böss
[61] 31.08.2012, FOCUS: Nach Äußerungen über BeschneidungPirat findet abgeschnittenes Schweineohr im Briefkasten
[62] 03.09.2012: Die FAZ über die Vorführung zweier Filme im Ethikrat
[63] 05.09.2012 Süddeutsche ZEitung: Charlotte Knobloch zur Beschneidungsdebatte
[64] 05.09.2012, hpd: Nein zum geplanten Beschneidungsgesetz
[65] 01.09.2012, Der Freitag: Ethikrat Der Weg zur religionskonformen Demokratie. Der deutsche Ethikrat hat ein Votum abgegeben, das nur als Farce und Skandal bezeichnet werden kann.
[66] 08.09.2012, The European: Nicht veräußerbare Rechte, Wenn es nicht zulässig ist, einen erwachsenen Mann gegen seinen Willen zu beschneiden, warum sollte es dann bei einem Minderjährigen anders sein?
[67] 05.09.2012, The European:Traumatische Amputation, Die Entscheidung des Kölner Gerichts war richtig. Wer religiöse oder andere Rechtfertigungen zur Amputation des sensibelsten Teils am Penis unterstützt, rechtfertigt in Wirklichkeit die Misshandlung von Kindern.
[68] 05.09.2012: Religiöse Beschneidung – Erlauben oder verbieten? – PHOENIX Runde vom 05.09.2012
[69] 04.04.2012, Evidenz-basierte Ansichten: Beschneidung gegen Sex: Unser jüdisch-christliches Erbe
[70] 08.09.2012, Humanist News: Ein Gastkommentar von Manuel Störmer: „Katholische Kinder“, „christlich-jüdische Werte“ und das „goldene Zeitalter des Islam“
[71] Michael Wolffsohn am 11.09.2012 im hpd: Was das Judentum ausmacht
[72] 12.09.2012, Die WELT, Michael Wolffsohn: Die Vorhaut des Herzens
[73] 12.09.2012: Statement von Eran Sadeh, Gründer von Protect the Child, Israel, anläßlich der Pressekonferenz am 12.9.2012
[74] 14.09.2012, die taz: Im Bett mit und ohne, In der Vorhautdebatte kam eine Frage zu kurz: Ändert sich der Sex, wenn sie weg ist? Leider ja. Ein Erfahrungsbericht.
[75] 19.09.2012, Peter Schneider in der basler Zeitung: Was ist von der Beschneidung zu halten? (2. Teil)
[76] 21.09.2012, Michael Wolffsohn in der WELT: Gastkommentar zur Beschneidungsdebatte Danke, Deutschland!
[77] wie 76, nur im Tagesspiegel
[78] Rede von Wolfgang Klosterhalfen in Köln auf Domplatte, 21.9.2012
[79] University of Oxford: Why the “circumcision solution” to the AIDS epidemic in Africa will increase transmission of HIV
[80] Beschneidung von Kindern: „Wir machen weiter“
[81] 26.09.2012, das Handelsblatt: Justizministerin mit Eckpunkten, Beschneidung in Deutschland ist weiterhin erlaubt
[82] 02.10.2012: Reinhard Merkel im dradio im Gespräch mit Tobias Armbrüster
[83] 01.10.2012, Die WELT: Özdemir befürwortet Elternrecht auf Beschneidung
[84] 05.10.2012, n24, Friedmann interview Juden und Muslime zum Themma Beschneidung
[85] 04.10.2012 : Der Kampf des Rabbis: In New York wurden für Beschneidungen strengere Bestimmungen erlassen. Orthodoxe jüdische Gemeinden wehren sich. Der Rabbi Romi Cohn würde dafür sogar ins Gefängnis gehen.
[86] 02.10.2012: Ja, ich habe beschnitten! Von Adriana Altaras
[87] 26.09.2012, aerztezeitung.de: Pädiater entsetzt über Eckpunkte
[88] Youtube-Film einer Beschneidung (nur für starke Nerven)
[89] 06.10.2012, FAZ: Gesetzentwurf zur Beschneidung, Gender
[90] 10.10.2012, Die Betroffenen, Facharbeitskreis Beschneidungsbetroffener im MOGiS e.V.
[91] 11.10.2012, Süddeutsche Zeitung: Einstein-Brief bei Ebay, „Die Bibel ist eine Sammlung primitiver Legenden“
[92] Medizinisches Forum über Vorhautprobleme
[93] Christoph Zimmer: Über die Beschneidung

Muslime im Krankenhaus und wie man einen Geheimcode knackt

(Blick vom Bonner Venusberg aus dem 6.Stock der Urologie in Richtung Nordosten, das hoch aufragende Gebäude in der Mitte ist der „Posttower“, links davon, etwas niedriger, das ehemalige Abgeordnetenhochhaus, bekannt unter dem Namen „Langer Eugen„)
Nachtrag zum Artikel „Wie man sich die Langeweile im Krankenhaus vertreibt“: zu erwähnen ist noch die offensichtliche und nicht zu übersehende Präsenz der Mitglieder der „Religion des Friedens“ in der Klinik, die nicht nur durch ihre äußere Erscheinung auffielen. Man kann sich leicht vorstellen, daß muslimische Männer als Patienten an das Krankenhauspersonal erhöhte Anforderungen stellen, ist ihnen doch das Berühren fremder Frauen ein Greuel, noch mehr aber das ungefragte Berührtwerden von ungläubigen weiblichen Wesen.
So konnte ich auch hier miterleben, zu welchen Absurditäten das Beharren auf jahrhunderte alten religiösen Traditionen führt. Ein Zimmer weiter nämlich, aus dem bis spät in die Nacht lautstark auf arabisch geführte Gespräche zu hören waren, beschwerte sich einer der Insassen beim Personal über die Unverschämtheit, daß ihn eine Krankenschwester anfassen wollte. Nun wird aus gutem Grund das Messen von Blutdruck und Puls, auch das Herausziehen eines Katheters aus einem empfindlichen Organ geschultem Personal überlassen, unabhängig vom Geschlecht. Doch genau dieses stellte für den Muslim eine Zumutung dar, so daß die zuständige Krankenschwester sich an den Stationsarzt wandte und diesen bat, für sie einzuspringen. Der Stationsarzt aber reagierte vernünftig: hier gebe es keine Extrawürste für Muslime, es gelte die Klinikordnung und daran müsse der Patient sich halten. Der Einwand der Krankenschwester, das sei aber doch eine andere Kultur, da könne man nichts machen, führte zu einem erregten Dialog zwischen den beiden. Wer nun dem verklemmten Muslim den Puls gemessen oder seinen heiligen Schwanz gesäubert hat, weiß ich nicht, aber solche Vorfälle zeigen, daß viele Muslime noch längst nicht im Deutschland unserer Tage angekommen sind, sondern ganz offensichtlich immer noch im 9.Jahrhundert leben.
Ablenkung von solchen Vorfällen schafften da zum einen gelegentliche Smalltalks mit den Ärzten und dem Pflegepersonal, zum anderen als zweite Denksportaufgabe nach dem schon geschilderten Tröpfchenproblem das Knacken von Geheimcodes, die uns im modernen Leben auf Schritt und Tritt begegnen. Die folgende Aufgabe entstammt dem Buch „Kryptologie“ von Albrecht Beutelspacher und fragt nach dem Klartext der Buchstabenkombination „RJXWE“, unter der Voraussetzung, daß der Klartext ein deutsches Wort ist und durch eine sog. „Tauschchiffre“ verschlüsselt wurde, also eine Methode, bei der zuerst der dem Buchstaben entsprechende Zahlenwert mit einer Zahl (<= 25) multipliziert und danach noch eine feste Zahl (<= 25) dazuaddiert wird, schließlich wird das ganze durch 26 dividiert und der dabei entstehende Divisionsrest als Ergebnis genommen. Trotz seiner scheinbaren Kompliziertheit ist eine solche Verschlüsselung alles andere als sicher, wie man an der Lösung leicht sehen kann:
Wie lautet der Klartext des Geheimtextes RJXWE?

Wie man sich die Langeweile im Krankenhaus vertreibt

Bei gutem Wetter hat man vom Bonner Venusberg einen fantastischen Blick auf das Siebengebirge, vorausgesetzt, man befindet sich im 6.Stock des Operationszentrums der Bonner Universitätskliniken. Auf dem Foto erkennt man rechts oben den Petersberg, auf dem sich das Gästehaus der Bundesregierung befindet, ein üppig ausgestattetes Hotel mit Fernsicht zum Kölner Dom und einer interessanten Vorgeschichte: immerhin haben sich hier illustre Persönlichkeiten wie Kaiser Haile Selassie, der Schah von Persien (gleich zwei mal mit verschiedenen Ehefrauen) oder der Terrorist Jassir Arafat aufgehalten. Für einen frisch Operierten sind solche historischen Hintergründe allerdings weniger wichtig: man genießt die Weite der Landschaft und freut sich, daß die Klinik nicht im Stadtinnern von Bottrop oder Duisburg liegt.
Doch reicht dieser Blick nicht aus, um von den Mißlichkeiten abzulenken, die den Aufenthalt im Krankenhaus nun einmal begleiten: man liegt im Bett, allerlei Schläuche kommen aus diversen Körperöffnungen heraus und führen auch wieder hinein, und fortbewegen kann man sich nur mit einer Art fahrbarem Kleiderständer, der in diesem Fall jedoch weder Hemden noch Hosen trägt, sondern zwei Plastiksäcke.
Der eine, ganz oben am „Kleiderständer“ angebracht, enthält eine sog. „Spüllösung“, und der andere, am Fuße angebracht, fängt das auf, was der Körper mittels der Spüllösung an Operationsresten wieder nach draußen befördert. Der Unterschied zwischen den beiden Plastikbeuteln ist auffallend: die Spüllösung (Wasser mit NaCl angereichert) sieht schön klar und durchsichtig aus, der untere Beutel jedoch enthält eine bräunlich-rote Brühe, die ab und zu von der Krankenschwester in einen Eimer umgefüllt wird.
Diesen „Kleiderständer“ vor mir herschiebend habe ich mich also auf der Urologiestation im 6.Stock ein wenig umgesehen. Viel gibt es da nicht zu sehen, aber ich fand einen Aufenthaltsraum, ausgestattet mit ein paar Tischen und Stühlen, einem Kaffee- und Tee-Automat und sogar einem Regal mit der üblichen Dan-Brown/Uta-Danella-Literatur. Und auf den Tischen lagen Zeitungen herum. Zeitungen! Immerhin, aber meine anfängliche Begeisterung legte sich bald wieder: keine FAZ, keine WELT oder SÜDDEUTSCHE, kein einziges überregionales Blatt, sondern ausschließlich Lokalzeitungen. Und was lese ich da als Schlagzeile des Rhein-Sieg-Anzeigers vom 25.07.2012, direkt auf der ersten Seite:

Kasse rügt: Prostata-Krebs zu oft operiert

Diese Schlagzeile konnte man nun über das ganze Wochenende im Aufenthaltsraum ausgerechnet der Urologiestation bewundern, weil die nächsten Zeitungen erst am Montag geliefert wurden. Das Pflege-Personal jedoch hatte von einer Prostata-Studie noch nichts gehört, lediglich mein behandelnder Chirurg kannte die Studie der Barmer GEK. Wie sich wohl jemand fühlen mag, dem gerade ein Organ entfernt wurde, und der nun schwarz auf weiß nachlesen kann, daß die ganze Operation meistens überflüssig ist?
Mit dem Zeitvertreib im Aufenthaltsraum war es also nichts. Wie wäre es statt dessen mit Fernsehen? Jeder Patient hat an seinem Bett einen kleinen, an einem Schwenkarm angebrachten Siemens-Fernseher, und dort stehen rund 50 Programme zur Auswahl, eines schlimmer als das andere. Auf Bibel-TV sieht man die immerfort glücklich vor sich hinlächelnden Jung- oder Alt-Christen, die jeden Tag „mit Gott sprechen“ und ständig von Erweckungen, Erlösungen und Erleuchtungen heimgesucht werden. Auf sat1 bei Angelika Kallwass wird wie üblich geheult und geschrien, bei n-24 kann ich mir zum x-ten mal den Untergang des Schlachtschiffes Bismarck oder Hitlers verschiedene Freundinnen ansehen und im Morgenmagazin von ARD/ZDF wird vor Pommes Frites, Bratkartoffeln und Fleisch gewarnt.
Statt Fernsehen hätte ich also vielleicht einen Smalltalk mit dem über 80-jährigen Zimmergenossen in Erwägung ziehen können, aber auch das erwies sich als unmöglich, nachdem ich mehrere male am Tag den „Dialog“ der jeweiligen Krankenschwester mit dem Patienten verfolgen durfte:
Krankenschwester: Herr Baumann, haben Sie heute schon etwas getrunken?
Herr Baumann (krächzt): Hä? Mmmfff?
Krankenschwester (lauter): Haben Sie heute schon etwas getrunken?
Herr Baumann: Wa? Hä?
Krankenschwester (noch lauter):HERR BAUMANN, WIEVIEL HABEN SIE HEUTE SCHON GETRUNKEN?
Was bleibt in so einem Fall, ist das gute alte Buch, aber ich hatte leider in Erwartung eines viel kürzeren Aufenthaltes in dieser Klinik nur eines mitgenommen. So hatte ich bereits am zweiten Tag Andrei S. Markovits Buch über Antiamerikanismus und Antisemitismus (Titel: Amerika, dich haßt sich’s besser) ausgelesen und hatte nun nur noch einen Kugelschreiber sowie Kästchenpapier zur Verfügung. Und während ich also im Bett lag und vor mich hinbrütete, wanderte mein Blick immer wieder zu dem Verbindungsröhrchen zwischen dem NaCl-Beutel und dem Schlauch, der unter meiner Bettdecke verschwand. Plopp, plopp, plopp, fielen die Tropfen schön gleichmäßig herunter. Wirklich gleichmäßig? Ich begann zu zählen: 21, 22, 23,… Und da fiel mir auf, daß es ungefähr 4 Tropfen pro Sekunde waren. 4 Tropfen pro Sekunde, jeder Tropfen eine Kugel mit immer demselben Durchmesser: das schreit doch geradezu danach, aus diesen Daten die Zeit zu berechnen, die noch bleibt, bis man die Krankenschwester zum nachfüllen rufen muß! Gedacht, getan: Schreibgerät hatte ich, Gehirn war auch noch vorhanden und alle sonstigen Hilfsmittel lagerten auf der anderen Rheinseite im Siebengebirge. Was dabei herauskam, können Sie in dem PDF-File

Lösung der Tröpfchenaufgabe

nachlesen. Es dauerte – mit Unterbrechungen – allerdings einen ganzen Tag, bis ich alles sauber zu Papier gebracht hatte, aber danach fühlte ich mich erheblich besser und konnte die Zeit bis zur Entlassung sehr viel entspannter zubringen. Zumal mir nämlich noch etwas anderes einfiel, was ich schon immer mal gerne machen wollte: einen verschlüsselten Geheimtext knacken. Das kommt im nächsten Artikel dran.

Das Ende vom Lied war der Tag, an dem ich aus dem Operationszentrum entlassen wurde und das erste mal seit 5 Tagen wieder im Freien, in der Sonne stand: ein wahrhaft „befreiendes“ Gefühl, um mich herum Studenten, Personal und sicher auch der eine oder andere „Entlassene“. So ging ich auf die Busstation zu, verdrängte die Gedanken an Operationsfolgen wie Inkontinenz, Impotenz und die 50,- Euro, die der Gesundheitsfond auch für diesen unfreiwilligen Krankenhausaufenthalt einsackt und freute mich auf mein zu Hause.

Jazz und Occupy: Schönes und Schreckliches vom Bonner Sommer

[youtube http://www.youtube.com/watch?v=qGyhmWyCYC4&w=492&h=277]Zuerst mal das Angenehme, nämlich eine Gruppe von 4 jungen Jazzmusikern, die
vor dem Café Goettlich in der Bonner Innenstadt Standards aus dem Real Book spielten. Das ist in Bonn eine große Ausnahme, sieht man doch dort sonst nur Dilettanten, die von dem Wort „Üben“ anscheinend noch nie etwas gehört haben, zum Abzukassieren für ihre audiovisuellen Belästigungen aber meist noch einen besonders großen Hut hinhalten. Wie sagte doch schon Wilhelm Busch:

Musik wird oft nicht schön gefunden, weil sie stets mit Geräusch verbunden.

Die 4 jungen Jazzer aber vermittelten dem kundigen Zuhörer den Eindruck, daß sie ihre Instrumente beherrschten und sehr wohl den Unterschied zwischen Musik und Geräusch kannten. Um die Ohren des jungen, meist studentischen Publikums des Café Goettlich beim Kaffeetrinken nicht allzu sehr zu strapazieren, spielten sie ein paar Standards aus dem Real Book, jenem inzwischen umfassenden Kompendium klassischer Jazzkompositionen, das ein echter Jazzer immer mit sich rumschleppt. Den vier Musikern, die sich auf meine Frage nach dem Namen ihrer Band kurzerhand in „Cafe Goettlichs All Star Band“ umbenannten, hatten nichts dagegen, daß ihre von mir gefilmte Darbietung bei Youtube hochgeladen wird, und so kann der Leser dieser Zeilen wenigstens einen kleinen Ausschnitt aus dem Auftritt sehen und vor allem hören.
Am Rathausplatz, nicht weit entfernt vom Café Goettlich, wurde dagegen etwas ganz anderes geboten. Occupy hatte eine Redner/Musik-Tribüne aufgebaut, vor der sich ein etwas verloren wirkendes Häufchen jener Menschen versammelt hatte, die sich gerne als „Basisdemokraten“ sehen, für „globale Menschenrechte“ kämpfen und mittels „bedingunsloser Grundsicherung“ ihr Toilettenpapier bezahlen möchten. Vor ihnen produzierte sich ein geübter Geiger mit Bart und roten Oberwasserlatzhosen im Abspielen von populären Songs, textmässig auf das Occupy-Thema zugeschnitten: wir sind die Guten, und die anderen da oben sind fiese Kapitalisten.
Ich wandte mich den Schildern vor der Bühne zu und las folgendes:

Es gibt Millionen Menschen, die mit der jetzigen Politik sehr unzufrieden und darüber gefrustet sind. Wenn wir dieses Potenzial dazu bewegen können, auf die Strasse zu gehen statt Playstation zu spielen oder agressiv zu werden, dann können wir Dinge bewegen. Richtet euren Frust gegen die Verantwortlichen, nicht gegen Schwache und Unschuldige!

Da ist schon was dran. Man muß sich das nur einmal vorstellen: Millionen von Playstation-Spielern ziehen den Stecker aus ihrer Station, gehen auf die Strasse und „können dann Dinge bewegen“, z.B. eine bedingungslose Grundausstattung aller Bürger mit einer Playstation fordern. Auch sollten die Spielehersteller gezwungen werden, neue, innovative Spielethemen anzubieten, z.B. „Schwache und Unschuldige machen Jagd auf Kapitalisten“ oder „Wir sind das Volk! Hinrichtung von Bankern und Konzernchefs 2.0“. Nur wie bekommt man die Millionen auf die Strasse?

Die kritische Masse für eine Idee in der Bevölkerung liegt bei etwa 10%. Wissenschaftler des Rensselaer Polytechnic Institute (RPI) fanden heraus, wenn 10% der Bevölkerung eine unerschütterliche Meinung vertreten, springt diese auf den Rest über und kann Dinge schnell verändern. Dies ist der sog. Tipping Point = Wendepunkt, NUR ZEHN PROZENT! [1]

Ja, Sie haben richtig gelesen! Nur 10%! In Deutschland müßten wir also knapp 9 Millionen Menschen davon überzeugen, daß eine „umfassende Umverteilung und vernünftige Verwendung des globalen Reichtums“ möglich ist, daß wir im öffentlichen Dienst Millionen neue Stellen schaffen und für alle die 10-Stunden-Woche einführen könnten, natürlich mit vollem Lohnausgleich. Das müßte doch möglich sein!
Nein, das wird es nicht. Schon deshalb nicht, weil die Deutschen seit Hitlers Zeiten die Nase voll von sog. „unerrrschütterrrlichen Meinungen“ haben. Auch wenn in der Nachkriegsgeschichte immer wieder Meinungsterroristen gemeint haben, man müsse nur ein paar Kaufhäuser anzünden und Banker erschießen, um die große Revolution in der Bevölkerung auszulösen: alle diese Versuche scheiterten (zum Glück), und den Tipping Point haben diese Leute nur in ihrer leergelaufenen Birne erreicht.

Anmerkungen und Links

[1] Der Tipping Point des RPI

Salafisten sind gar nicht so

[youtube http://www.youtube.com/watch?v=URRsKYGrh-Y&w=640&h=390](Gastbeitrag von Paul Nellen)
Kübra Gümüsay schreibt in der taz meist islamisch grundierte Kolumnen – als Kopftuchträgerin natürlich aus orthodoxer Sicht, wobei sie die Konflikte glaubenseifriger Muslime mit dem säkularen Alltag in unserem Land teils mit Humor, teils mit leicht indignierter Ironie gegen die oft noch als sehr integrationsunwillig dargestellten Deutschen beschreibt.
In ihrer jüngsten Kolumne vom 18. Juni 2012 „Salafismus als Ausweg“ (http://www.taz.de/Kolumne-Das-Tuch/!95524/) wirft sie einen Blick auf eine Schulklasse mit überwiegend islamischen Schülern, die ein Problem damit haben, dass auf dem Klassenfest auch Alkohol getrunken wird. Strenggläubige Muslime müssen sich von solchen Partys und Feiern („Das können Sie nicht von uns verlangen!“) grundsätzlich fernhalten. Der Konflikt mit den demonstrativ areligiösen Lehrern ist damit vorprogrammiert. Wir ahnen, wie angespannt es in solchen Fällen hierzulande an immer mehr Schulen zugeht und lernen, dass in dem von der Autorin beschriebenen Fall „Islamisierung“ mit distanzierenden Anführungsstrichelchen geschrieben werden muss, weil es ein Unwort aus dem Vokabular der islamkritischen Abteilung ist und zudem überhaupt nicht zur Situation an der Schule passt.
Ich finde aber, man kann das Wort mit Fug & Recht ohne Anführungszeichen stehen lassen – es beschreibt nämlich genau, was auch in anderen Ländern wie Frankreich oder Großbritannien schon gang und gäbe ist: kaum merklich wird der Alltag in bestimmten Bereichen unseres Lebens nach den religiösen Vorschriften und Bedürfnissen der Muslime umgestaltet. Dass einige ansonsten gar nicht groß als Radikale aufgefallenen Muslime an der Schule, von der Kübra Gümüsay berichtet, viel Verständnis für die Salafisten hegen („sie haben viele von der Straße und aus der kriminellen Szene geholt, ihnen Zusammenhalt geboten…“), gehört dort offenbar schon so zur Normalansicht, wie man in Ostdeutschland gemeinsam mit den netten Glatzen von nebenan im Kegelklub ist oder es den Nazis erlaubt wird, Sonnwendfeste zu organisieren, damit die alkbesoffene, kleinkriminelle und ein bisschen braune Jugend endlich mal wieder „von der Straße geholt“ wird, wie die SA das ja seinerzeit so um ’33 auch mit den vielen perspektiv- und arbeitslosen Jugendlichen gemacht hat. Die waren dann umso begeisterte Nazis und voll integriert im „neuen Staat“.
„Statt die Salafisten zu kritisieren, müssten die übrigen Muslime eine Alternative anbieten“, fordert Frau Gümüsay zum Schluss, was aber nur das Zitat einer „engagierten“ muslimischen Schulsprecherin ist.
Man kann es auch so sagen: So lange es keine durch und durch alternative, nämlich islamische Gesellschaft in Deutschland gibt, sollten Muslime, ja am besten wir alle, darauf verzichten, die Salafisten zu kritisieren. Vielmehr gehört die Energie, die sich bei den „übrigen Muslimen“ kritisch gegen die radikalen Islamisten aufbaut, konstruktiv in die Entwicklung des Islam in Deutschland gesteckt. Davon hätten wir am Ende alle was – auch die Salafisten würden das sicher begrüßen. Sie hätten als islamisierende Kraftverstärker für den langen Lauf in die islamische Zukunft Europas endlich jene Funktion, die Claus Leggewie sich schon seit Jahrzehnten vom Islam erhofft:

„Eine gewisse Islamisierung des Abendlandes, das nach dem Tod Gottes den Glauben an sich selbst verloren hat, kann nicht nur den modernen Muslimen aufhelfen, sondern auch Europa nachhelfen.“

(Claus Leggewie: Alhambra – Der Islam im Westen, Rowohlt 1993, Umschlagtext)

30% Frauen in Afghanistan opiumabhängig


Vor dem Gebäude des englischen Seminars der Universität Bonn haben fortschrittliche Studentengruppen – pardon, Studierendengruppen – ihrem Protest gegen den Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan mit der Sprühpistole Ausdruck verliehen:

NATO in Afghanistan: 30% d. Frauen opiumabhängig!

Die tapferen Widerstandskämpfer (und -innen), die tagsüber freiwillig in den Hörsäälen und Gebäuden der Uni auf der Suche nach Diskriminierung, Ausgrenzung und davon Betroffenen Streife laufen, hatten ihre Information über die Drogenabhängigkeit afghanischer Frauen aus dem Afghanistan-Factsheet der Informationsstelle Militarisierung (IMI), die ihre „Untersuchungen“ im Verbund mit der „Deutsche Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen“ (DFG-VK) vertreibt [1]. Dort steht nämlich unter der Überschrift Krieg für Frauenrechte?:

Zu den wenigen einigermaßen verlässlichen Indikatoren über den Stand der Frauenrechte zählt die Tatsache, dass die Zahl der Selbstmorde in den letzten Jahren deutlich gestiegen ist.
20-30 Prozent der Frauen sind opiumabhängig, die Prostitution nimmt zu. Im Juli 2009 warnte ein UN-Bericht vor der „wachsenden Gewalt“ gegen Frauen, insbesondere Vergewaltigungen würden sprunghaft zunehmen.

(Foto: Youtube) 20 – 30%: sicherheitshalber nimmt man da die obere Grenze des Intervalls, das macht sich besser, wenn man es darauf anlegt zu zeigen, daß der Einsatz westlicher Truppen dem Land sowieso nur Unglück gebracht hat. „Unzuverlässige Indikatoren“ sind dagegen alle positiven Meldungen über die Entwicklung Afghanistans seit dem Beginn der Besetzung durch US- und NATO-Truppen. So versteigt sich das Fact-Sheet z.B. zu der Behauptung, Afghanistan würden „im Rahmen der Besatzung neoliberale Wirtschaftsreformen verordnet.“ Die KriegsdienstgegnerInnen beklagen „die umfassende Privatisierung von Staatsbetrieben“, die angeblich zu Massenentlassungen und einer hohen Arbeitslosenquote beitragen würden. Das alles sei die „Hauptursache für den andauernden bewaffneten Konflikt“ in ihrem Land, so glauben es 70% der Afghanen „laut einer Oxfam-Umfrage vom November 2009“. Die Verfasser des Fact-Sheets verraten uns allerdings nicht, wie man in diesem von Chaos, Warlords und korrupten Militärs regierten Land eine repräsentative Umfrage macht. Darüber sieht man großzügig hinweg, kommt es doch darauf an, den Leser in seiner vorgefaßten Meinung zu bestärken, daß nämlich letztlich Kapitalisten, Finanzheuschrecken und die mit ihnen verbündeten westlichen Militärs und Geheimdienste die Ursache für alles Übel sind, nicht nur in Afghanistan.
Doch wie ist das nun mit den Frauen in Afghanistan? Sind 20% von ihnen „opiumabhängig“? Oder 30%? Hat die Vergewaltigungsrate zugenommen, und seit wann? Vielleicht gehen wir erst mal ein paar Jahre zurück in die Zeit, als die Taliban das Land beherrschten. Merkwürdigerweise ist von denen im Fact-Sheet überhaupt nie die Rede. Dabei wäre es doch mal interessant zu erfahren, wie hoch die Vergewaltigungsrate zu Zeiten der Taliban war. Nur um einen Vergleich zu haben. Aber da haben wir ein Problem: im Talibanstaat wurden keine Statistiken über Vergewaltigungen geführt. Warum nicht? Weil es dort den Tatbestand der Vergewaltigung gar nicht gab. Frauen standen Männern zur freien sexuellen Verfügung, eine Weigerung bewirkte bei guter Laune des Ehemanns den Griff zur Peitsche, bei schlechter den zum Messer (siehe Ge- und Verbote der Taliban für Frauen). Es ist also kein Wunder, daß die Vergewaltigungsrate zugenommen hat, zumal dieses Verbrechen inzwischen zur Anzeige gebracht werden kann, ohne daß die betroffene Frau sofort gesteinigt wird. Und das wiederum hat seinen Grund darin, daß [3]

  • 28% der Abgeordneten des afghanischen Parlaments Frauen sind, das sind
    neun Prozentpunkte mehr als im weltweiten Durchschnitt,
  • 64 Sitze des Unterhauses für Frauen reserviert sind; derzeit gibt es 69 weibliche Parlamentsabgeordnete,
  • Mädchen heute rund ein Drittel der insgesamt 8 Mio. Schüler stellen,
  • es 2005 nur 180 Frauen in der afghanischen Polizei gab, 2009 waren es insgesamt 550, Ende 2011 dienten dort bereits 1.300 Frauen.
  • Afghanistan über eine gesetzliche Grundlage zur Beseitigung der Diskriminierung gegen Frauen verfügt. Diese ist zum einen in der Verfassung von 2004 verankert, außerdem seit 2010 ausdrücklich in einem Gesetz zur Eliminierung von Gewalt gegen Frauen (EVAW),
  • und schließlich: noch nie hatte die afghanische Bevölkerung, insbesondere die Frauen, vergleichbaren Zugang zu öffentlichen Leistungen, darunter Bildung und Gesundheit.

Das berichten nicht nur die Bundesregierung in ihrem „Fortschrittsbericht Afghanistan zur Unterrichtung des Deutschen Bundestags“ [3], sondern auch die notorisch antiamerikanische Süddeutsche Zeitung [5] und zahlreiche Hilfsorganisationen aus dem Land [4].
Es scheint, als wären die „KriegsdienstgegnerInnen“ nicht gerade glücklich darüber, daß es den Frauen in Afghanistan eindeutig besser geht als zu Zeiten der Taliban. Ihnen wäre es wohl lieber, wenn NATO- und US-Truppen das Land sofort verlassen würden. Dann könnte man ja mit den „moderaten Taliban“ verhandeln, und außerdem sollten wir diesen Menschen unsere westliche Kultur und Lebensweise nicht aufzwingen. Jazz im Radio hören, Drachen steigen lassen und Mottorrad fahren müssen die afghanischen Frauen ja nicht unbedingt, es gibt viel wichtigere Dinge im Leben.


Anmerkungen und Links

Einige Ge- und Verbote der Taliban für Frauen [6]:
1- Vollständiges Verbot für Frauen, außerhalb ihres Hauses zu arbeiten, welches auch auf Lehrerinnen, Ingenieurinnen und die meisten weiblichen Professionellen angewendet wird. Nur sehr wenigen Medizinerinnen und Krankenschwestern ist es erlaubt, in einigen Kabuler Krankenhäusern zu arbeiten.
2- Vollständiges Verbot für Frauen, irgendeine Aktivität außerhalb ihres Hauses ohne Begleitung eines Mahram (naher männlicher Verwandter wie Vater, Bruder oder Ehemann) durchzuführen.
3- Verbot für Frauen, mit männlichem Verkaufspersonal zu verhandeln.
4- Verbot für Frauen, sich von männlichen Ärzten behandeln zu lassen.
5- Verbot für Frauen, an Schulen, Universitäten und anderen Bildungsinstituten zu studieren (die Taliban haben Mädchenschulen in religiöse Seminare umgewandelt).
6- Forderung an die Frauen, einen langen Schleier (Burka) zu tragen, der sie vom Kopf bis zu den Zehen einhüllt.
7- Auspeitschen, Schlagen und verbale Misshandlung von Frauen, die nicht in Einklang mit der talibanischen Kleiderordnung gekleidet sind oder nicht von einem Mahram begleitet werden.
8- Öffentliches Auspeitschen von Frauen, wenn ihre Fussgelenke nicht bedeckt sind.
9- Öffentliches Steinigen von Frauen, die angeklagt sind, außerehelichen Sex gehabt zu haben. (Eine Anzahl von Liebhabern sind unter dieser Norm zu Tode gesteinigt worden).
10- Verbot, Kosmetik zu benutzen. (Vielen Frauen wurden die Finger mit lackierten Nägeln abgeschnitten).
11- Verbot für Frauen, mit Männern, die nicht Mahram sind, zu sprechen oder ihnen die Hand zu geben.
12- Verbot für Frauen, laut zu lachen. (Kein Fremder soll die Stimme der Frau hören).
13- Verbot für Frauen, Absatzschuhe zu tragen, welche Beim Gehen Geräusche produzieren könnten. (Ein Mann darf die Schritte einer Frau nicht hören.)
14- Verbot für Frauen, ohne einen Mahram ein Taxi zu benutzen.
15- Verbot des Auftritts von Frauen in Radio, Fernsehen und jeder Art von Kommunikationsmedien.
16- Verbot für Frauen, Sport zu treiben oder einen Sportclub zu betreten.
17- Verbot für Frauen, sogar in Begleitung ihres Mahrams, Fahrrad oder Motorrad zu fahren.
18- Verbot für Frauen, farbenfrohe Kleidung zu tragen. Nach der Taliban-Terminologie handelt es sich hierbei um „sexuell anziehende Farben“.
19- Verbot für Frauen, sich zu festlichen Anlässen oder für Erholungszwecke zusammen zu finden.
20- Verbot für Frauen, an Flüssen oder an öffentlichen Plätzen Wäsche zu waschen.
21- Umbenennung von Plätzen, die das Wort „Frauen“ im Namen haben. Der „Frauengarten“ wurde beispielsweise in „Frühlingsgarten“ umbenannt.
22- Verbot für Frauen, sich auf den Balkonen ihrer Wohnungen oder Häuser aufzuhalten.
23- Zwanghaftes Bemalen aller Fenster, damit die Frauen von draußen nicht zu sehen sind.
24- Verbot für männliche Schneider, bei Frauen Maß zu nehmen oder Frauenkleider zu nähen.
25- Verbot von öffentlichen Bädern für Frauen.
26- Verbot für Männer und Frauen, im selben Bus zu reisen. Öffentliche Busse müssen nun mit der Aufschrift „Nur für Männer/Nur für Frauen“ gekennzeichnet sein.
27- Verbot, weite Hosen zu tragen, sogar unter der Burka.
28- Verbot, Frauen zu fotografieren oder zu filmen.
29- Verbot, Bilder von Frauen in Zeitungen und Büchern abzudrucken, oder sie in Häusern oder Läden aufzuhängen.


[1] Factsheet über Afghanistan
[2] Mädchen lernen und haben Angst
[3] Fortschrittsbericht Afghanistan Dezember 2011
[4] Der SPIEGEL: Junge Frauen verlassen Afghanistan, Angst vor den Taliban
[5] SZ: Frauen in Afghanistan „Ich habe jetzt viel mehr Mut“
[6] Frauen unter den Taliban
[7] D-Radio: Mühsame Fortschritte am Hindukusch

Grünen-Parteichef Özdemir: Islam gehört zu Deutschland

(Bildquelle: Youtube) Der Deutschlandfunk schreibt heute auf seiner Webseite in der Rubrik
AKTUELL VOM 01.06.2012:
Der Parteichef der Grünen, Cem Özdemir, reagierte mit Unverständnis auf die Äußerungen des Bundespräsidenten. „Wenn der Bundespräsident erklärt, dass Muslime, die hier leben, zu Deutschland gehören, dann gehört natürlich auch ihr Islam zu Deutschland“, widersprach Özdemir.
Muslime seien seit den 60er Jahren nach Deutschland eingewandert. Neben ihren Sprachen und ihrer Kultur hätten sie auch ihre Religion mitgebracht. Bereits der heutige Bundesfinanzminister und damalige Innenminister Wolfgang Schäuble (CDU) habe daher 2006 mit gutem Grund festgestellt, dass der Islam ein Teil Deutschlands sei, sagte Özdemir. „Es kann keinen Zweifel daran geben, dass der Islam, der Teil unseres Landes ist, unter dem Dach unseres Grundgesetzes gelebt werden muss.“ Das gelte für jede Religion, ob eingewandert oder nicht.
( http://www.dradio.de/aktuell/1771429/ )
Paul Nellen, freier Autor, Politik-Journalist und Parteimitglied bei den GRÜNEN in Hamburg, ist da völlig anderer Meinung und widerspricht Özdemir in einem Brief vehement:
Lieber Cem,
nicht alles, was jemand nach Deutschland bringt, „gehört“ deswegen auch „zu Deutschland“ – oder sollen wir die Mafia, die mit der italienischen Einwanderung ebenfalls nach Deutschland kam, nun in gleicher Weise als zu unserem Land gehörig betrachten? Man kann das tun – als Benennung einer Tatsache. Aber dies allein bedeutet doch nicht, dass das Faktum als Inklusion zu werten oder gar zu begrüßen ist! Natürlich hinkt der Vergleich, weil Islam und Mafia nicht vergleichbar sind. Aber dennoch gibt es menschenverachtende, ja kriminelle Auffassungen und Ausprägungen von Islam, die nicht zu Deutschland gehören und auch nicht von der Mehrheit der hier lebenden Muslime praktiziert werden. Wer hier etwa unter Berufung auf den Islam Zustände herstellen wollte, die ein Reda Seyam („wer den Islam bekämpft, muss getötet werden!“) und seine Salafisten sich wünschen, oder ein Abou Nagie, die Taliban oder die Killer von Boko Haram, der gehört nicht zum Deutschland des Grundgesetzes und der Beachtung von Freiheits- und Menschenrechten, und sein Islam ebenso wenig. Es gibt neben dem grundgesetzkonformen Islam eine Vielzahl von Übergängen zu radikalen Varianten, die wir als unvereinbar mit den Werten des Grundgesetzes erachten. Sie alle machen letztlich „den Islam“ in Deutschland aus – auch dir selbst scheint offensichtlich unwohl bei dem Gedanken zu sein, dass diese mitgemeint sein könnten, wenn vom Islam in Deutschland die Rede ist; anders wäre deine Präzisierung vom gelebten Islam „unter dem Dach des Grundgesetzes“ jedenfalls nicht zu verstehen.
Die Einschränkung ist in der Tat wichtig – und darum geht es dem Bundespräsidenten! Mich erstaunt, dass du seinerzeit, als Gaucks Vorgänger pauschal, fahrlässig und damit angreifbar behauptete, „der Islam“ gehöre zu Deutschland, nicht sogleich die Maßgabe „unter dem Dach des Grundgesetzes“ eingefordert hast, die du jetzt zurecht machst. Auch damals waren schon grundgesetzferne und gesetzeswidrige Formen von Islam in unserem Land virulent, die sich von Christian Wulff, da von ihm nicht expressis verbis ausgeschlossen, durchaus mitgemeint und gewissermaßen anerkannt fühlen durften. Mit dem Wulffschen Diktum im Ohr war es jedenfalls eine zeitlang nur mit Skrupeln möglich, „den Islam“ genauer zu betrachten und seine Facetten, Strömungen und einzelne religiöse Gebote nach ihrer Stellung zu den in Europa obwaltenden leitkulturellen Werten zu beurteilen, geschweige denn abzulehnen. Es bedurfte erst einiger gewalttätiger Auftritte von Salafisten, um uns daran zu erinnern, dass es auch einen Islam gibt, den wir in diesem Land nicht haben wollen – jenen Islam, der eben in weltlichen und politischen Dingen nicht das Grundgesetz als oberste Richtschnur anerkennt, sondern allein die religiösen Vorschriften, sprich die Scharia. Dieser Islam ist nicht auf die wenigen Salafisten beschränkt, er reicht, oft nicht so deutlich erkennbar wie bei den Salafisten, bis weit in die Ausprägungen des normalen, friedlichen „Dialog-Islam“ hinein.
(Bildquelle: Youtube) „Dieser Islam aber gehört nicht zu Deutschland“ (Monika Maron) – das hat der Bundespräsident offensichtlich gemeint. Er hat damit auch den vielen Muslimen in Deutschland, die das Leben unter dem Grundgesetz einem Leben unter der strikten Befolgung aller Gesetze der Scharia vorziehen, einen Dienst erwiesen. „Wer den Koran wörtlich nimmt, wie es der Islam bis heute vorschreibt, wird nicht konfliktfrei durch den deutschen Alltag kommen“, schreibt Monika Maron (http://www.tagesspiegel.de/kultur/glaube/zur-rede-des-bundespraesidenten-der-islam-gehoert-nicht-zu-deutschland/1949762.html). „Muslime, die hier leben“, gehören zwar, wie Joachim Gauck sagt, „zu Deutschland“ – ob es „ihr Islam“ ebenfalls tut, wie du meinst, ist leider viel zu oft nicht ausgemacht.
Ich bin dem Bundespräsidenten dankbar für seine Differenzierung im Begriff Islam. Ich hätte mir gewünscht, dass du ihn in seinem Bemühen dabei deutlich unterstützt und ihm nicht in den Rücken fällst.
Mit grünen Grüßen:
paulnellen
kv hh mitte

Wolken des Nichtwissens: West-Östliche Weisheiten und das SS-Ahnenerbe des Hans Bender

Am 13.Mai dieses Jahres hat an der Freiburger Universität ein neuer Pilotstudiengang begonnen: es handelt sich um das berufs­begleitende / post­be­ruf­liche Kontakt­studium „Spiritualität und Interkulturalität“. 50 Studenten wollen dort „wissenschaftlich“ darüber nachdenken, „was Spiritualität eigentlich meint und worin sie gründet“.
Bernhard Ude, ordentlicher Professor am Institut für Systematische Theologie der Universität Freiburg, ist der Gründer des „Institut(s) West-Östliche Weisheit an der Universität Freiburg“, eines sog. „An-Instituts“ , dem die Konzeption und die Durchführung dieses Kontaktstudiums obliegt. 50 Studenten sollen sich im ersten Semester (wissenschaftlich) den Kopf darüber zerbrechen, was denn eigentlich Spiritualität meint. Nebenher ist Ude noch Honorar- und Gastprofessor an vier anderen Hochschulen und „zudem an verschiedenen anderen Instituten als Referent tätig“.([8]) Ein vielbeschäftigter Mann also. Da ist es kein Wunder, daß ihn „weitere Theologen und Experten aus Islam und anderen Religionen sowie Wissenschaftler aus Hirnforschung oder Quantenphysik“ in seinem Institut unterstützen müssen [4].
All diese „Experten“ müssen natürlich bezahlt werden, und da fragt man sich, woher die Gelder für die Beschäftigten des Instituts (immerhin 6 Personen) eigentlich kommen. Die Finanzierung dieser Mitarbeiter und der restlichen Instituts-Ressourcen wird auf „klassische“ Art bewältigt: bezahlt wird mit dem Geld derjenigen, die so dumm waren, sich für diesen Studiengang einzuschreiben. Die müssen nämlich pro Semester 1000,- Euro bezahlen, und das 4 Semester lang. Für „Reisekosten, Übernachtungen, Verpfle­gungen der Präsenzveranstaltungen und der Kontemplativen Praxis“ müssen die Studenten noch mal extra in den Geldbeutel greifen. Aber nehmen wir nur mal die 4000,- Euro für die 4 Semester, also 2 Jahre. Das sind immerhin (bei 50 Studenten) 100000,- Euro pro Jahr, die alleine an Studiengebühren reinkommen. Weil das nicht reicht und die ganze Sache ja auch vorfinanziert werden muß, gab es „eine Anschubfinanzierung in sechsstelliger Höhe“ von der „Stiftung Akademie west-östliche Weisheit[4].
Woher nimmt eine „Stiftung Akademie west-östliche Weisheit“ so viel Geld her, um ein „Institut in Trägerschaft“ zu gründen? Und warum wird das neue Universitäts-Institut immer mit dem Zusatz „in Trägerschaft der Institut West-Östliche Weisheit gGmbH“ erwähnt?
(Links auf das Youtube Video klicken, es spricht Willigis Jäger, Gründer des Benediktushofes)
Um diese Fragen zu beantworten, müssen wir einen Blick auf den Benediktushof in Holzkirchen/Unterfranken werfen, wo die gleichnamige gGmbH ein „Zentrum für spirituelle Wege“ betreibt und Kurse, Seminare und Tagungen zu Themen wie Meditation, Handauflegen oder „Heilkräuter in der Klosterküche“ anbietet.[2]
Nehmen wir als erstes die Abkürzung „gGmbh“. Darunter versteht man eine gemeinnützige GmbH. Eine solche spezielle GmbH hat diverse Steuervorteile: sie zahlt weder Körperschaftsteuer noch Gewerbesteuer. Und da diese Stiftungs-gGmbH wie fast alle Esoterik-Betriebe von „Seminaren“ lebt, in denen allerlei obskure Heilmethoden, Energieübertragungen und Materie-Geist-Transformationen gelehrt werden, entfällt auch die Umsatzsteuer, denn es handelt sich ja um Leistungen im ideellen Bereich. Solchermaßen von lästigen Steuern befreit kann die gGmbH ordentlich Geld erwirtschaften und aus den Gewinnen (und Spenden) den Geschäftsführern fürstliche Löhne zahlen. Oder eben ein Institut an der Uni Freiburg „in Trägerschaft“ gründen und dort mit Steuergeldern die eigenen abstrusen Ideen weiterverbreiten.
Zurück zur ersten Frage, woher das ganze Geld stammt, das die Stiftung für die „Anschubfinanzierung“ zur Verfügung gestellt hat. Dazu muß man sich die Homepage der Stiftung ansehen ([2]):

Der Benediktushof

  • steht für eine Spiritualität, die unter Berücksichtigung des zeitgenössischen Weltbildes und der modernen Wissenschaften Antworten auf die Fragen des heutigen Menschen geben will
  • vermittelt eine Spiritualität, die nicht an Konfessionen gebunden ist.
  • lehrt in seinem breit gefächerten Seminarangebot Wege in die transpersonale Erfahrung.

Je nachdem wieviele Menschen dieses Seminarangebot nutzen, könnte da schon ein hübsches Sümmchen zusammenkommen.
Das alleine allerdings kann nicht reichen, um ein paar hunderttausend Euro für die Gründung eines neuen Instituts locker zu machen, denn mit solchen Sprüchen werben im Bundesgebiet hunderte von sog. „Seminaranbietern“ um Kundschaft. Die Konkurrenz ist enorm. „Lebensberater“, „Lichtkörper-Akademien“ oder „Institute für Astro-Medizin“ preisen ihre Leistungen mit ähnlichen Worten an: immer ist alles irgendwie „trans-„, „spirituell“ oder „energetisch“. Das Erfolgskonzept des Benediktushofes beruht daher noch auf weiteren Eigenschaften, und dazu zählt z.B. die geschickte Ausbeutung der Kunden:
(Siehe Youtube Video )

Zum Übungsprogramm unserer Kurse gehört pro Tag eine Stunde Mitarbeit in Küche, Haus, Werkstatt oder Garten (hier klicken).

So spart man Gärtner, Küchenpersonal und Handwerker, und die Gäste sind auch noch glücklich! Damit das alles reibungslos funktioniert, sind mitzubringen:

Hausschuhe, Wecker. Für die Arbeit empfehlen wir Arbeitskleidung. Bitte tragen Sie zum Sitzen bequeme, farblich neutrale, ungemusterte Kleidung (keine Trainingsanzüge, keine kurzen Hosen, keine ärmellose Kleidung), festes Schuhwerk.

Und damit keiner anfängt, sich laut beim Mittagessen über defekte Duschen zu beschweren, gibt es einen Aufruf zur „Stille“:
(Links auf das Youtube Video klicken)

Der Benediktushof möchte als Zentrum für spirituelle Wege auch ein Ort der Stille sein, wo Menschen zu sich kommen und zur Ruhe finden können. Viele Kurse finden daher im Schweigen statt.
Wir bitten Sie, auch im Haus und während des Essens zu schweigen. Wenn es notwendig ist zu sprechen, dann achten wir darauf, dass niemand gestört wird. Wenn Sie sich auf die Stille einlassen, werden Sie erleben können, wie wohltuend dies sein kann.

Dem Schweigen beim Essen sind allerdings Grenzen gesetzt, denn ganz geräuschlos lassen sich auch ein Schnitzel oder eine Tafel Schokolade nicht vertilgen. Aber: lustvolles Schmatzen während des Essens werden die Gäste schon deshalb nicht hören, weil man am Benediktushof streng vegetarisch ißt:

Unsere biozertifizierte Küche am Benediktushof ist dem besonderen Geist des Hauses verpflichtet. Bei den alltäglichen Mahlzeiten unterstützen wir die Übung der Achtsamkeit in der Stille durch zeitgenaues Anrichten im Speisesaal und zurückhaltenden, freundlichen wie aufmerksamen Umgang mit den Gästen.
Unser Essen ist wohlschmeckend, frisch und überwiegend von Hand zubereitet. Die verwendeten Produkte sind fast ausnahmslos aus biologischem Anbau unter Berücksichtigung von Saison und Region. Wir servieren vollwertiges Essen ohne Fleisch.

(Youtube-Video links klicken)Toll! Wer möchte da nicht Wochen, ja Monate verbringen, schweigend sein „vollwertiges Essen“ vertilgen und die „Achtsamkeit in der Stille“ nur durch ein gelegentliches Furzen unterbrechen, um gleich danach den Löffel wieder in die biozertifizierte Erbsensuppe zu versenken! Leider ist das nicht jedermann möglich, da das Doppelzimmer mit Dusche und Toilette 56,- Euro kostet, ab 4 Übernachtungen 52,-. Das macht bei einem sog. „Aufenthalt als Langzeitgast“, unter dem die Weisen vom Benediktushof „einen Prozess verstehen, der sich über drei Wochen erstreckt“, schlichte 1040,- Euro. Ohne Anreise und Seminargebühr, versteht sich. Die üblichen Wochenendseminare von Freitag bis Sonntag kosten noch einmal 100,- Euro Kursgebühr, und wer in der Buchhandlung der Stiftung Bücher über „Meisterliche ZEN Rezepte“ oder „Westöstliche Weisheit“ lesen möchte, muß sie sich kaufen und ist dann schnell noch mal 100,- Euro los.
Es läppert sich also ganz schön was zusammen, so daß die „Anschubfinanzierung“ von Bernhard Uhdes Institut für die Benediktushof-gGmbH kein Problem war. Es kann losgehen, das erste Semester ist schon ausgebucht. Wer keinen Platz gefunden hat, kann bis zum Beginn des nächstens Semesters kurzfristig ein Seminar bei einem der anderen Freiburger „Institute“ buchen, etwa bei diesen:

  • Delphin-Institut Freiburg [10]
  • Institut für Psychoanalyse und Psychotherapie in Freiburg [11]
  • Oeko-Institut Freiburg[12]
  • Freiburger Institut für tiergestützte Therapie (F.I.T.T.)[13]
  • KAILASH INSTITUT FÜR TRADITION. TIBETISCHE HEILKUNDE, Freiburg [14]
  • Institut für intuitives Atmen [15]
  • Freiburger Heilpflanzenschule[16]
  • Freiburger Institut für Systemische Therapie und Beratung[17]

Nun ist die Etablierung eines solchen Instituts an der Freiburger Universität nicht unbedingt etwas neues. Es gab dort nämlich schon einmal einen Professor, der sich mit Wünschelruten, Astrologie und Parapsychologie beschäftigte.
(Das Bild stammt aus einem Film des ORF2 über Wilhelm Reich, siehe Youtube) Es war Ende der 60er, als man an den Mensa-Büchertischen in Freiburg noch die „Funktion des Orgasmus“ von Wilhelm Reich als Raubdruck erwerben konnte, eine Zeit, in der „fortschrittliche“ Studenten in ihrer WG-Bibliothek Werke der Kulturanthropologen
(Margaret Mead auf Youtube) Margaret Mead und Arno Plack sammelten, wo man das „Böse“ grundsätzlich in den „gesellschaftlichen Verhältnissen“, den „kapitalistischen Produktionsbedingungen“ und der autoritären Triebunterdrückung verdrahtete. In diesen Jahren hielt auch Prof. Hans Bender Vorlesungen über Parapsychologie an der Uni, die von Studenten aller Fakultäten besucht wurden, auch ich als Student der Mathematik habe mir eine angehört. Erst gegen Ende der 70er hat man sich kritisch mit Benders Lebensweg beschäftigt und dabei folgendes festgestellt:

  • Bender war seit 1937 Mitglied der NSDAP,
  • seit 1942 Professor an der NS-Reichsuniversität Strassburg [19]
  • arbeitete von 1941-1943 in einem SS-Forschungsprojekt des SS-Ahnenerbes mit [20], [19]
  • mußte nach einem von der Staatsanwaltschaft eingeleiteten Verfahren wegen falscher Titelführung 1977 seine Promotion zum Dr.med. „nachholen“,
  • wurde unter obskuren Umständen im Krieg an der NS-Reichsuniversität Strassburg außerordentlicher Professor,
  • erklärte gerne Spukphänomene wie sich bewegende Aktenschränke, Stimmen aus dem Waschbecken von Zahnärzten oder von Schränken plötzlich herabpurzelnde Tassen als Folge der übersinnlichen Kräfte eines Mediums.

Bender gründete schon 1950 das „Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene“, das heute noch als privat finanzierter Verein existiert. Auf der Homepage dieses Instituts sucht man allerdings vergeblich nach kritischen Worten zu Benders Lebensweg, seine Mitgliedschaft in der NSDAP oder die Tätigkeit für das SS-Ahnenerbe bleiben unerwähnt. Auch die vielen Fälle, in denen Bender nachweisbar geirrt hatte und ein vermeintlich übersensibles Medium für allerlei telekinetischen Unsinn verantwortlich machte, werden dort nicht beschrieben. Es ist eben wie bei allen esoterik-nahen Institutionen: man möchte sich nicht so gerne in die Karten gucken lassen. In denen steht nämlich nichts, auch wenn noch so viele Schamanen, Numerologen oder Runen-Leser das Gegenteil behaupten.
Und deshalb haben wir auch von diesem neuen Institut des Bernhard Uhde keine Offenheit über die Initiatoren des Projekts zu erwarten, nämlich die Irren vom Benediktushof, wo vom 23.-24. Juni 2012 das „Sommerfestival Benediktushof Kontemplation- Mystik heute“ stattfindet mit so spannenden Themen wie:

Begrüßung und Auftakt
„Wolke des Nichtwissens – Kontemplationslinie Willigis Jäger
Weisen der Meditation im Vijnana Bhairava Tantra: Text und Praxis
Prof. Dr. Dr. Bettina Bäumer
Handauflegen auf der Grundlage von Kontemplation
Anne Höfler
Sakraler Tanz – Gebet in Bewegung
Dr. Maria-Gabriele Wosien
Ikonen – Kontemplation in Farben
Jürgen Lehmann
Die Weisheit der alten Gesänge
Imke McMurtrie

Musik, die wir sind – Musik und Mystik
Jan und Dominik Sedivy
Kontemplation und Malen
Petra Wagner
Heilkräuter in der Klosterküche
Barbara Proske, Christof Zirkelbach

Verlockend? Nicht so richtig! Ich werde an diesem Wochenende wohl eher ins Schwimmbad gehen, mir mittags einen Döner genehmigen, ausgiebig beim Essen reden und – wenns denn nötig sein sollte – auch nach dem Essen gepflegt einen fahren lassen. Das „Schweigen als transpersonalen Prozeß“ überlasse ich den Verrückten dieses Festivals.


Anmerkung zum Sprach-Sexismus auf der Homepage des Instituts West-Östliche Weisheit:

In einem sind sich Esoteriker, Feministinnen, Linke, Grüne und die vielen beamteten sozialdemokratischen Sesselpupser einig: daß sie nämlich keine Mühe scheuen, die Leser ihrer Exzerpte mit grammatischem Feminismus zu nerven. So kennen die Verantwortlichen des Instituts West-Östliche Weisheit selbstredend keine Studenten mehr, sondern nur noch „Studierende“ oder „Teilnehmende am Kontaktstudium Spiritualität und Interkulturalität“, obwohl gerade die vielen des Lateins und des Griechischen Kundigen in diesem Institut wissen müßten, daß man mit substantivierten Partizipien die ach so bösen generischen Maskulina mit Sicherheit nicht in geschlechtsneutrale Personenbezeichnungen umwandelt. Sie verstehen ihre eigene Sprache nicht, können Individuen nicht von Mengen unterscheiden und belegen hiermit einmal mehr, daß logisches Denken bei jenen Menschen nicht gefragt ist, die andere durch Handauflegen, Geistheilung oder Bioenergetik heilen wollen.


Weitere Anmerkungen und Links

Elisabeth Burkard von der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Freiburg machte mich freundlicherweise auf den Artikel in der Badischen Zeitung über das neue Institut aufmerksam.
[1] Linke Stadtneurotiker
[2] www.west-oestliche-weisheit.de, Benediktus-Hof
[3] Evelyn Hecht-Galinski in Freiburg
[4] Die Badische Zeitung am 21.05.2012 über den neuen Studiengang
[5] Hans Bender und die Gründung des „Instituts für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene“
[6] Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene (IGPP) in Freiburg
[7] Wikipedia über Hans Bender
[8] Wikipedia über Bernhard Ude
[9] Institut für angewandten Regenwaldschutz e.V., Freiburg
[10] Das Delphin-Institut Freiburg
[11] Institut für Psychoanalyse und Psychotherapie in Freiburg
[12] Oeko-Institut Freiburg
[13] Freiburger Institut für tiergestützte Therapie (F.I.T.T.)
[14] KAILASH INSTITUT FÜR TRADITION. TIBETISCHE HEILKUNDE, Freiburg
[15] Institut für intuitives Atmen, 79100 FREIBURG
[16] Freiburger Heilpflanzenschule
[17] Freiburger Institut für Systemische Therapie und Beratung
[18] Der SPIEGEL, 1983, Dem Spuk-Forscher Professor Hans Bender droht ein Prozeß. Der Parapsychologe soll bei einem ehemaligen „Medium“ die ärztliche Schweigepflicht gebrochen haben.
[19] Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945.
[20] Horst Gundlach:Das Fach Psychologie an der Reichsuniversität Straßburg, Neue Klärungen und Fragen zu Hans Bender
[21] Andrea Grießmann vom WDR sucht das Glück in der Stille
[22] Dokumentation von ORF2 zu Wilhelm Reich

Frank Plasberg, Sandra Maischberger, Anne Will, Günther Jauch und Maybritt Illner, Statistik Dezember 2002 bis 2018-12-02


(Wer das nachfolgende Vorwort schon kennt: hier geht es direkt zu den Auswertungen!)
Wer eine Talkshow bei den Öffentlich-Rechtlichen sehen will, muß nicht lange nach einem Sendetermin suchen: ARD und ZDF bieten laut Wikipedia mindestens 17 Sendungen dieses Formats an, die meistens einmal pro Woche ausgestrahlt werden.
Es wird gequatscht, was das Zeug hält, und wenn die Quote nicht mehr stimmt, wird der Sendetermin verlegt, der Moderator ausgetauscht oder gleich die ganze Sendung gegen eine neue Talkshow. Die Sender mögen von ihren Talkshows nicht lassen – sie sind zu einem Dauerbrenner im Fernsehen geworden, von dem auch die Online-Redaktionen der großen Tageszeitungen profitieren. Kaum hat Frank Plasberg seine peinliche Endbefragung der Gäste eingeleutet(„Stellen Sie sich vor, sie wären zusammen mit den anderen hier anwesenden Gästen …“), da stürzen sich die Online-Redakteure von SPIEGEL, WELT und FAZ auf ihre Computer und schreiben die ersten bissigen Kommentare zur Sendung. Je schlechter die Sendung, je peinlicher die Entgleisungen der Gäste, desto größer ist die Freude bei den Journalisten, die die Sendung zerpflücken dürfen.
Für den Statistiker sind die Talkshows aber auch noch aus einem anderen Grund interessant: fast alle Sendungen sind gut dokumentiert, die Themen und die Gäste sind bekannt, und auf den Servern von ARD und ZDF findet man Kopien, sofern die Sendung nicht älter als ein Jahr ist. In Gästebüchern und Internetforen können die Zuschauer sich schon Tage vor der Sendung über die Themen austauschen, und Plasbergs „Faktencheck“ nach der Sendung prüft noch mal alle unklaren Behauptungen der Gäste. Wer also eine statistische Aufbereitung der Talkshows vorhat, kann aus dem Vollen schöpfen.
Es ist allerdings nicht immer einfach, an die Sendedaten aller vergangenen Talkshows zu kommen, zumal nach dem neuen Rundfunkgesetz die Sendungen nicht länger als ein Jahr im Internet stehen dürfen. Wenn man Daten zu den frühen Sendungen von Maischberger und Illner bekommen will, stellen sich die Redaktionen schon mal quer, weil es angeblich „rechtlich“ nicht möglich sei, das Thema einer Talkshow zu nennen, die mehr als 8 Jahr zurückliegt. Das von mir erfasste Datenmaterial beginnt daher mit dem 05.Dezember 2002 und führt bis zum aktuellen Tagesdatum, die davor liegenden Jahre konnten – bisher – nicht erfasst werden. Eine weitere Lücke sind die Themen der Sendungen von Sandra Maischberger zwischen dem 0.2.09.2003 und dem 05.03.2008, deren Bekanntgabe mir die Redaktion bisher verweigerte. Bis auf diese Themenlücke sind aber alle Daten vollständig, insbesondere die Gästeliste der erfassten Talkshows.
Die folgenden Tabellen und Grafiken basieren auf Auswertungen einer Datenbank, in der die Talkshows, die Sendungen und die Gäste gespeichert sind. In diesen Tabellen ist häufig die Rede von „mehrfach Eingeladenen“, „mehrfach Erfassten“ oder „mehrfach gezählten Personen“. Was bedeutet das? Zunächst haben wir eine Grundmenge G von eingeladenen Personen:

G={„Gregor Gysi“, „Renate Künast“,…}

Da Gysi aber mehrere male eingeladen wurde (wir nehmen mal an, er wäre n-mal eingeladen), dann ist er in der Menge der Eingeladenen auch in n-facher Kopie vorhanden, dasselbe gilt für die anderen Personen aus der Grundmenge G, die mehrfach eingeladen wurden. Die Menge E der Eingeladenen ist also erheblich größer als die Grundmenge G, und das ist der Grund, weshalb Prozentangaben wie „40% der Gäste sind Frauen“ genauer spezifiziert werden müssen (siehe Frauenanteile).
Sie sehen den Unterschied zwischen der Grundmenge G und der Menge der Eingeladenen E sehr deutlich an den Grafiken Gegenüberstellung einfach/mehrfach eingeladene Teilnehmer.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Klassifizierung der Themen. Diese mag in vielen Punkten verbesserungswürdig sein, es ist aber wichtig, nicht zu viele Klassen zu definieren, weil sonst keine Unterschiede mehr zwischen diesen gemessen werden können. Da alle Auswertungen für die einzelnen Talkshows in getrennten Tabellen und Grafiken vorliegen, kann man hier sehr gut erkennen, wo die einzelnen Moderatoren ihre Schwerpunkte haben.
Zum Schluß noch eine erstaunliche Erkenntnis: eine Frauenquote bei den Gästen scheint es nicht zu geben, denn im Schnitt sitzen bei den Eingeladenen zu 75% Männer, obwohl die Mehrheit der Moderatoren weiblich ist. Das könnte damit zusammenhängen, daß die Moderatoren und Redaktionen sich bei der Auswahl der Gäste (oder wie man in Österreich schon sagt: „Gästinnen“) nur von sachlichen Kriterien leiten lassen – und nicht von sexistischen. Hoffentlich bleibt das so.


Seit dem 14. Oktober 1999 sendet Maybritt Illner im ZDF ihre Talkshow, Sandra Maischberger gibt es es seit dem 2.September 2003, Frank Plasbergs „Hart aber Fair“ kann man seit dem 31. Januar 2001 im ersten Programm des ARD verfolgen. Die restlichen zwei Talkshows sind neueren Datums: Anne Will sendet seit dem 16. September 2007 und Günther Jauch seit dem 11. September 2011. Seit dem 29.11.2015 gibt es die Talkshow von Günther Jauch aber nicht mehr.

Klicken Sie hier, um sich die Auswertungen der Talkshows anzusehen!

Jakob Augstein: im Zweifel gegen Israel

Am Donnerstag, den 12.04.2012, sprach man bei Maybritt Illner über das Thema „Grass am Pranger – Ist Kritik an Israel wirklich ein Tabu?“. Zu Gast waren u.a. Franziska Augstein, Tochter des verstorbenen SPIEGEL-Gründers Rudolf Augstein sowie Peter Scholl-Latour, der erst vor kurzem im Iran gewesen ist. Scholl-Latour („PSL“), der Obernuschler unter den Nahost-Kennern, ist in solchen Sendungen immer gerade in Nairobi, Kabul oder Teheran gewesen, er ist wie Jürgen Todenhöfer ein Weltreisender in Sachen Selbstdarstellung und weiß immer genau, was „der Westen“ falsch macht, nämlich alles. PSL vertrat in der Sendung die These, die Iraner sähen sich zunehmend „diskriminiert, weil sie keinen Zugang zur nuklearen Technik haben“. Dennoch gehe im Augenblick die größere Gefahr von Israel und dessen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu aus [12]. Nun haben ja weder Venezuela noch Saudi-Arabien oder Kuwait Zugang zur nuklearen Technik, brauchen diese aber auch gar nicht, weils dort überall schön warm ist und das Öl dafür sorgt, daß die Öfen nicht ausgehen. Sofern man dort überhaupt einen Ofen braucht. Wozu braucht also der Iran einen „Zugang zur nuklearen Technik“? Das Land schwimmt in Öl und Gas und liegt geographisch so, daß es nur einen Bruchteil der Energie zum Heizen braucht, die wir in Deutschland verbrauchen. Worin also die „Diskriminierung“ der Iraner liegt, ist mir schleierhaft, es sei denn, sie fühlten sich ungerechterweise vom Atombomben-Basteln ausgeschlossen.
Franziska Augstein dagegen fürchtet sich vor einem Angriff Israels auf Iran: „Das wäre für die ganze Welt – und auch wenn es nur mit konventionellen Waffen geschieht – fürchterlich.“ Dabei haben die Israelis schon einmal mit Erfolg einen Angriff mit konventionellen Waffen gegen einen sehr weit entfernten Gegner geführt – den Irak (siehe Bild links). Glaubt man Franziska Augstein, so würde sich die ganze Welt, auch die Malaysianer, die Australier und die Namibier, fuchtbar ängstigen. Und mit Sicherheit gäbe es einen gewaltigen Flächenbrand im Nahen Osten, der alle paar Wochen von deutschen Politikern warnend angekündigt wird, für den Fall, daß wir die Kriegstreiber im Apartheidsstaat Israel weiter mit U-Booten beliefern. Wie schrecklich! Und was wäre erst, wenn die Militärs in Jerusalem ihre Atomwaffen gegen die friedliebende Bevölkerung des Iran in einem Erstschlag einsetzen würden? Nicht auszudenken! Wie gut, daß es fortschrittliche Menschen wie Franziska Augstein gibt, die uns daran erinnern, daß wir ein Recht auf Widerstand haben!
Sie ist da übrigens derselben Meinung wie ihr Bruder Jakob Augstein, der ein paar Tage später, ebenfalls in einer Talkshow zum Thema Günther Grass, ähnlich überzeugende Thesen vertrat. Diesmal trafen sich bei Günther Jauch

  • der Schauspieler und Buchautor Michael Degen,
  • der Historiker und Publizist Michael Wolffsohn,
  • die ehemalige Ministerpräsidentin von Schleswig-Holstein, Heide Simonis,
  • Jakob Augstein, sowie
  • Dirk Niebel, dessen Posten als Talkshow-Dauergast demnächst vom Berliner Piraten-Abgeordneten Gerwald Claus-Brunner übernommen wird.

In dieser illustren Runde nun konnten wir Jakob Augstein erleben, wie er eifrig an der Phrasendreschmaschine des politisch korrekten Israel-Kritikers drehte:
Jakob Augstein:

…daß Israel, was diesen Weltfrieden betrifft, von dem er (Grass) spricht, wo man sich ja auch fragen muß: gibts den eigentlich, aber lassen wir das mal dahingestellt, aber daß Israel diesen Frieden – im Moment jedenfalls – mindestens genauso gefährdet wie der Iran, weil Israel nun mal das Land ist, das durch die Welt seine Emissäre schickt, um überall Unterstützung für einen Angriff auf den Iran einzuholen, für einen Angriff, der ja völkerrechtswidrig wäre, und in dem die BRD aufgrund der Worte von Angela Merkel in der Knesseth damals, die Sicherheit Israels sei Teil der deutschen Staatsräson, ja, mit hineingezogen wäre, insofern geht uns das was an. Phänomenal wichtiges Thema, über das meiner Meinung nach tatsächlich zu wenig geredet wird, und jetzt wird drüber gesprochen, und das macht das Gedicht auf jeden Fall wertvoll.

Nehmen wir als erstes das Wort völkerrechtswidrig. Es ist eines der beliebtesten Schlagworte in der Antisemiten-Szene. Egal ob man auf die Webseiten der Israel-Hasser ([8]) schaut oder die Aussagen von Rupert Neudeck, Evelyn Hecht-Galinski oder Udo Steinbach verfolgt: völkerrechtswidrig ist für diese Leute fast alles, was mit Israel in Verbindung gebracht werden kann.

  • Udo Steinbach bei „Hallo Ü-Wagen“ [7]:wir haben ganz konkrete Handlungen Israels kritisiert, wenn sie völkerrechtswidrig waren, aber das hatte mit einer antijüdischen Attitüde oder mit Antisemitismus nichts zu tun.
  • Der Grünen-Abgeordnete und Vorsitzende der deutsch-israelischen Parlamentariergruppe, Jerzy Montag, sagte am Mittwochmorgen im SWR, die Bundesregierung müsse Israel “noch deutlicher” machen, dass der Siedlungsausbau in den besetzten Palästinenser-Gebieten völkerrechtswidrig sei [13]
  • Evelyn Hecht-Galinski bei „Hallo Ü-Wagen“ [7]:alle Siedlungen sind nach dem Völkerrecht widerwärtig und falsch
  • Reinhard Lütkemeyer in seinem Blog [8]:…von dem völkerrechtswidrigen Weiterbau sogenannter israelischer „Siedlungen“ auf geraubtem palästinensischem Land abzulenken
    …bevorstehenden völkerrechtswidrigen amerikanisch-israelischen Luftangriffe auf den Iran/Syrien
    ….um einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg des „Proisraelischen Westens“ gegen einen Staat aus dem muslimisch-mißliebigen „Rest der Welt“ handeln wird
    ….Im „Verdeckten US-/IL-Kampf gegen den Terror“ werden mit den Hellfire-Raketen der US-/IL-Drohnen in muslimischen Ländern inzwischen jede Woche völkerrechtswidrig irgendwo ein paar Dutzend Muslime gezielt getötet.
    …..seine völkerrechtswidrigen „Siedlungen“ in den besetzten palästinensischen Gebieten
    ….

Wer einen Blick auf die einschlägigen Seiten der linken antisemitischen Szene wirft, wird feststellen, daß auch dort – zumindest im Zusammenhang mit den Erzfeinden USA und Israel – der Terminus „völkerrechtswidrig“ mindestens genauso beliebt ist wie die Wortkombination „sozial gerecht“.
Woher kommt die Obsession auf das Wort völkerrechtswidrig? Die meisten Leute wissen ja gar nicht, was „Völkerrecht“ ist, sie benutzen das Wort nur, weil sie glauben, daß es eine Art „oberste Instanz“ bezeichnet, die von allen Menschen und Institutionen anerkannt wird. Derjenige, der sich auf diese „oberste Instanz“ beruft, kann davon ausgehen, von einer größeren Menge Menschen Beifall zu bekommen als wenn er sich nur auf seinen Nachbarn oder den bei Israel-Kritikern obligatorischen jüdischen Freund beruft. Genau derselbe Mechanismus wirkt, wenn diese Leute sich auf UNO-Resolutionen, Beschlüsse des UN-Menschenrechtsrates oder des Sicherheitsrates berufen. Es klingt einfach „amtlich“, und je weiter oben das „Amt“ angesiedelt ist, desto beweiskräftiger scheint die Behauptung zu sein. Und so verleiht Jakob Augstein seiner Behauptung, daß Israel einen Angriffskrieg gegen den Iran plane, die höheren Weihen, indem er den Terminus „völkerrechtswidrig“ hinzufügt.
Augstein benutzt in seinem Eingangsstatement eine weitere typische Verdrehung der tatsächlichen Verhältnisse. Er behauptet nämlich, daß über das Thema Israel und seine Angriffskriege „meiner Meinung nach tatsächlich zu wenig geredet wird“. Damit befindet er sich auf einer Linie
mit dem Berliner Piraten-Abgeordneten Gerwald Claus-Brunner, der der Meinung ist, daß seit 60 Jahren im Nahen Osten ein Konflikt herrscht und niemand kümmert sich darum.
Das alles ist völlig absurd. Augstein sollte es besser wissen, wird doch in seinem hauseigenen Blatt, dem SPIEGEL, fast in jeder Print-Ausgabe das Thema Israel behandelt. Und SPIEGEL-Online berichtet zusätzlich ebenfalls fast wöchentlich über Israel: Ulrike Putz, Andre Marty und Juliane Mittelstaedt sorgen dafür, daß die SPIEGEL-Leser das richtige Bild von Israel im Kopf behalten: Raketen gegen Steinewerfer, verzweifelte Selbstmordattentäter gegen militante Siedler, eine Apartheid-Mauer aus Beton und ein Massenmörder als Ministerpräsident.
Das alles aber ist ja nichts neues, denn Jakob Augsteins Stiefvater Rudolf Augstein hatte mit Juden im Allgemeinen und mit Israel im Besonderen, nun, sagen wir: ein Problem [9]. Liest man die folgenden Ausschnitte aus seinen Kommentaren, so muß man unwillkürlich an seinen Parteikollegen Möllemann denken:
Rudolf Augstein im SPIEGEL 29/1982:

„Denn wir täuschen uns, wenn wir uns trösten, der große, der Atomkrieg, werde nicht von den Eigendynamikern à la Arik Sharon inszeniert werden.“

Im SPIEGEL 42/1990:

„Es dürfen sich nun nicht dieselben Leute, die uns und denen, die nach uns kommen, die Erinnerung an die Rampe von Auschwitz für immer ins Gedächtnis brennen wollen […], den Palästinensern gegenüber als ,Herrenmenschen’ aufführen.“

Im Spiegel 18/1992:

„Möglichst viele Juden der ehemaligen Sowjetunion sollen nicht in andere, wohlhabendere Länder, sondern nach Israel auswandern. Sie sollen, dies der Hintergedanke, in den seit 1967 besetzten arabischen Gebieten siedeln, den dort ansässigen Arabern also weiteres Unrecht zufügen….
… [wurden die Palästinenser] Opfer der Anmaßung von Leuten, die in der eigenen Geschichte erfahren haben, wie man mit Minderheiten nicht umgehen sollte und wohin der Mangel an Toleranz führt.“


Im SPIEGEL 11/1988 [17]:

Es geht nicht, daß der Industrieminister Ariel Scharon, Mitverantwortlicher des Schlachtens in den Lagern Sabra und Schatila, sich wie ein ungekrönter König in der eroberten arabischen Altstadt niederläßt, gepanzert und bewacht (während wir in der Bundesrepublik noch dem letzten damals achtzehnjährigen SS-Schergen hinterherspüren, der sich 1945 an Leib und Leben diskriminierter Feinde vergangen hat)
….„Groß-Israel“, dieser Eroberungsstaat von Kriegern und Siedlern, hängt wie der sich selbst konservierende Buren-Staat vom Wohlwollen der USA ab, in denen eine mächtige jüdische Lobby verständlicherweise Einfluß ausübt.
…Beides sind „rassistische“ Staaten, in denen es Bürger gibt, Bürger zweiter Klasse und Menschen gänzlich ohne Recht. Während in Südafrika die Mehrheit der Schwarzen überwältigend ist, wird es in „Groß-Israel“ noch eine Weile dauern, bis besetzte und unbesetzte Araber zahlenmäßig den jüdischen Israelis gleichstehen, aber nicht mehr allzulange. Man wird dem Faschismusforscher Ernst Nolte recht geben müssen, und sei es nachträglich, der schon 1978 von einem „Scheitern“ der großen Ideologie des Zionismus schrieb

Und so geht es weiter, Rudolf Augstein hat hunderte von Kommentaren geschrieben, man kann sie alle im SPIEGEL-Archiv nachlesen, und wo er Gelegenheit hatte, hat er gegen Israelis als Kriegstreiber und Juden als Drahtzieher in den USA gehetzt. Rolf Behrens [16] Seite 35 spricht von antisemitischen Ideologemen, durch die Augsteins Kommentare geprägt seien, Esther Schapira und Georg Hafner [16] Seite 73 berichten vom „Entlastungsantisemitismus in Deutschland“ und belegen dies mit zahllosen Stellen aus dem SPIEGEL, der Süddeutschen Zeitung, der taz, der NZZ, der Berliner Morgenpost und der Frankfurter Rundschau. Jakob Augstein muß also auf einem Auge blind sein, wenn er meint, daß über Israel und den Nahost-Konflikt in Deutschland zu wenig (kritisch-negativ!) geredet werde und deshalb erst einer wie Günther Grass kommen müsse, um die Leute wachzurütteln.
Bei der letzten von Günther Jauch an Jakob Augstein gerichteten Frage ging es um die angeblich so geringe Anzahl von Journalisten, die Grass unterstützt hätten. Darauf erklärte
Jakob Augstein:

…weil ich als Journalist über Journalisten rede. …Ich glaube aber schon die Erfahrung gemacht zu haben, daß gerade im außenpolitischen Kommentatorenbereich die Leute sehr ähnlich denken alle. Und das muß nicht zwangsläufig damit zusammenhängen, daß die alle soz. Adepten der Wahrheit sind, sondern die haben alle eine bestimmte Art von Schulung soz. durchlaufen, soz. alle Teilnehmer eines Zirkels, und da haben es tatsächlich abweichende Meinungen sehr, sehr schwer. Das ist so.

Das klingt ja schon fast wie „Ausgrenzung“, „Diskriminierung“, am Ende sind gar Rassisten am Werk! Oder das ganze wird vom Mossad, den jüdischen Lobbys in den USA und den Rechtspopulisten in Israel gesteuert! Das ist so! Oder doch nicht?

Es könnte auch genau andersrum sein. Also nicht so. Sondern so: es steht überhaupt nicht fest, daß die überwiegende Mehrheit deutscher Journalisten gegen Grass argumentiert hat. Mir ist keine Statistik bekannt, die alle Artikel in deutschen Zeitungen und deren Online-Ausgaben über Günther Grass gezählt und analysiert hätte. Umgekehrt wird schon eher ein Schuh draus, wenn man bedenkt, welche Einstellung deutsche Politik-Journalisten haben. Darüber gibt es eine nette kleine Studie von Magreth Lünenborg und Simon Berghofer, die 789 Politik-Journalisten befragt haben [18]. Dabei kam bzgl. der Neigung zu einer bestimmten politischen Partei folgendes heraus:
Auf die Frage, welcher Partei sie am nächsten stehen, antwortet über ein Drittel der befragten  Journalisten,  dass  sie  keiner  Partei  zuneigen (36,1%).  Als  zweithäufigste  Nennung  wurden  von  gut  einem  Viertel  der  Politikjournalisten  Bündnis 90/Die Grünen (26,9%)  genannt,  gefolgt  von  der  SPD (15,5%), CDU/CSU (9,0%) , der FDP (7,4%) und Die Linke (4,2%).
….Das Einkommen der Politikjournalisten hängt jedoch stark davon ab, bei welchem Medium  sie  beschäftigt  sind. 
Am meisten verdienen Politikjournalisten beim Fernsehen, direkt gefolgt vom Radio,
den Tageszeitungen, Nachrichtenagenturen, Zeitschriften und Magazinen, Sonntags‐ 
und Wochenzeitungen,  und, an letzter Stelle, den Online‐Medien.  

Lünenborgs Studie stammt aus dem Mai 2010, ist also noch ziemlich aktuell. Wenn über 46% der Politikjournalisten dem rot-grünen Parteienspektrum zuzuordnen sind und davon wiederum die Bestverdiener beim Fernsehen arbeiten, so kann jeder politisch halbwegs Gebildete daraus Schlüsse ziehen. Die Berichterstattung in ARD und ZDF über Fukushima, die Schweinegrippe, das EHEC-Virus, das Waldsterben, die Vogelgrippe, die Klimakatastrophe, Tschernobyl, über Libyen, den Gaza-Krieg, die Libanon-Kriege, über den Irak und die USA, über orthodoxe Juden in Jerusalem, die Siedler und immer wieder die Palästinenser: alle diese Berichte werden von Menschen gemacht, die eine bestimmte Art von Schulung soz. durchlaufen, soz. alle Teilnehmer eines Zirkels sind. Ja, da hat der Jakob Augstein schon recht. Das ist so.
 


Anmerkungen und Links

Thomas Nehls, Tagesschau 04.04.2012:

Unter dem Strich könnte für den Literaturnobelpreisträger die Ausweitung auf den Friedensnobelpreis in Erwägung gezogen werden

[1].
Michael Wolffsohn bei Günther Jauch am 15.04.2012:

Historisch muß man richtigstellen: die BRD hat 1973, als Israels Existenz Spitz auf Knopf stand, im Jom-Kippur-Krieg, in der Regierung Brandt-Scheel den Amerikanern verweigert, Waffennachschublieferungen nach Israel zu gestatten… 1991, als die Raketen von Saddam Hussein auf Ramat Gan bei Tel Aviv gefallen sind, haben die Israelis durchaus um Unterstützung gebeten und nicht bekommen, und als dann Genscher, damals Aussenminister, die Einschußstelle besucht hat in Israel, stand er da wie ein begossener Pudel und das war die Situation, in der über die Lieferung von U-Booten beschlossen wurde.

Jakob Augstein bei Günther Jauch am 15.04.2012:

Deutsche Verbrechen werden kein Stück besser, wenn Israel seinerseits jetzt Verbrechen begeht.

Jauch am 15.04.2012:
Herr Wolffsohn, sie wird ja immer wieder beschworen, die deutsch-israelische Freundschaft. Gibt es die tatsächlich?
Antwort von Wolffsohn:
Nein,die gibt es nicht. Das ist ein Eliteprojekt, von Anfang an, seit der Adenauer-Regierung mit Unterstützung der Sozialdemokraten, damals die FDP noch solala, die Kommunisten auch dagegen, die Rechten ohnehin, und wenn wir uns die Umfragen ansehen in der BRD seit 1981, kann man nicht grob vereinfachend sagen, daß Israel- aus meiner Sicht leider – zu den ständig drei unbeliebtesten Staaten dieser Welt gehört .

Antisemitismusstudie 2012 der Bundesregierung:[5]

Was die Verbreitung antisemitischer Einstellungen in der Bevölkerung anbelangt, so geben die durch den Expertenkreis ausgewerteten demoskopischen Untersuchungen übereinstimmend eine Größenordnung von etwa 20 Prozent latentem Antisemitismus an

Nach einer Untersuchung von Zick/Küpper [6] aus dem Jahre 2004 stimmten 57% der Deutschen den Aussagen

Israel führt einen Vernichtungskrieg gegen die Palästinenser. Was der Staat Israel heute mit den Palästinensern macht, ist im Prinzip auch nichts anderes als das, was die Nazis im Dritten Reich mit den Juden gemacht haben

zu, die in der Untersuchung als „antisemitische Aussagen“ vorgestellt werden. So gesehen ist auch der ehemalige Arbeitsminister Norbert-die-Rente-ist-sicher Blüm einer, der gelegentlich antisemitische Aussagen von sich gibt.
[1] Thomas Nehls, WDR am 04.04.2012
[2] Klaus Bittermann in Jungle World über Grass
[3] Der SPIEGEL über die Jauch-Sendung am 15.04.2012
[4] Die WELT über die Jauch-Sendung am 15.04.2012
[5] Antisemitismusstudie 2012 der Bundesregierung
[6] Kurzbericht aus dem GMF-Survey, 2005/1 (Zick/Küppers)
[7] Hallo Ü-Wagen: Reden über Israel
[8] Aus dem Weblog von Reinhard Lütkemeyer
[9] Claudio Casula über Rudolf Augstein
[10] Otto Köhler über Rudolf Augstein
[11] Wikipedia über Franziska Augstein
[12] Franziska Augstein bei Maybritt Illner
[13] Grünen-Abgeordneter Jerzy Montag über Siedler
[14] Pirat mit Palästinensertuch
[15] Raketen gegen Steinewerfer, Das Bild Israels im SPIEGEL
[16] Deutsche Medien und der Nahostkonflikt
[17] RUDOLF AUGSTEIN: Vom Kriege, oder Kindern die Knochen zu brechen
[18] Magreth Lünenborg, Simon Berghofer: POLITIKJOURNALISTINNEN UND -JOURNALISTEN
Weitere Links zum Thema Grass:
http://www.welt.de/debatte/article106162791/Stuemperhafte-Prosa-Eine-literarische-Todsuende.html?wtmc=nl.wdwbaufmacher
http://www.welt.de/politik/deutschland/article106163175/Reich-Ranicki-spricht-von-ekelhaftem-Gedicht.html?wtmc=nl.wdwbpolitik
http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,826246,00.html
http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,826228,00.html
http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,826153,00.html
http://www.fr-online.de/israel-iran-konflikt/guenter-grass–eine-gestoerte-beziehung-zu-israel-,11950234,14681238.html
http://www.focus.de/politik/deutschland/broder-zu-gedicht-von-guenter-grass-damals-war-er-ein-ss-mann-heute-schreibt-er-wie-einer_aid_733075.html
http://www.welt.de/debatte/kommentare/article106156211/Guenter-Grass-seltsames-Verhaeltnis-zu-den-Fakten.html?wtmc=nl.wdwbaufmacher
http://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article106152894/Guenter-Grass-Nicht-ganz-dicht-aber-ein-Dichter.html
http://www.pnn.de/titelseite/637884/
http://www.stern.de/news2/aktuell/guenter-grass-sorgt-mit-israel-gedicht-fuer-empoerung-1809693.html
http://flatworld.welt.de/2012/04/04/die-faktenfreie-wahnwelt-des-gunter-grass/
http://www.ndr.de/ndrkultur/grassgedicht101.html
http://www.ardmediathek.de/ard/servlet/content/3517136?documentId=10025498
http://flatworld.welt.de/2012/04/05/warum-die-ard-grass-zum-vortrag-ladt/
http://www.mdr.de/mdr-figaro/podcast/feuilleton/audiogalerie130.html

Übung macht den Meister

([3] Download des PDF-Files mit den Berechnungen)In der Mathematik ist es ähnlich wie in der Musik: Übung macht den Meister. Hat man ein Kapitel in einem Mathematikbuch durchgelesen, so beginnt die eigentliche Arbeit: je nach Autor und Thema werden zwischen 10 und 50 Übungsaufgaben angeboten, die es zu lösen gilt. Wer das nicht macht, wird das Gelernte nie anwenden können. Auch später, wenn man den schleichenden Verdummungsprozeß des beruflichen Alltags in der Industrie (in meinem Falle: der Softwareindustrie) hinter sich hat, möchte man die eigenen grauen Zellen gerne wieder in Schwung bringen und greift sich dann aus den ersten 100 Seiten eines der Bücher, die schon lange darauf warten, endlich mal ganz durchgearbeitet zu werden, eine Aufgabe heraus, die man gerade noch so versteht. Z.B. auf Seite 100 von Klaus Fritzsches Buch Grundkurs Analysis 1 die folgende Aufgabe:
Es soll der Grenzwert der Folge

berechnet werden. Na, wenn das nichts ist! Für den Zähler gibt es sicher irgendeine nette Formel in Abhängigkeit von n, dann muß man nur noch durch n3 dividieren und schon kennt man den Grenzwert. Die Frage ist nur: wie lautet denn diese nette kleine Formel für den Zähler von an? In seinen Lösungen macht es sich Fritzsche leicht: er benutzt ein Ergebnis einer früheren Aufgabe, wo mittels vollständiger Induktion gezeigt wurde, daß

gilt.
Aber darauf muß man auch erst mal kommen. Beweise per vollständiger Induktion setzen ja immer voraus, daß man auch eine Behauptung aufstellen kann, die es zu beweisen gilt. Wie könnte man also intuitiv auf diesen Ausdruck kommen?
Nun, da hilft nur eins: nachdenken, nachrechnen und sich erinnern, welche Tricks man im Studium gelernt hatte (siehe [3]). Und in der Tat war da mal so ein Trick, der in diesem Fall weiterhelfen kann: das Prinzip der Teleskopsummen. Mit diesem Trick kann man nach ein wenig Rechnerei ziemlich schnell die Formel

beweisen. Und da das so einfach zu berechnen war, könnte man ja auch dasselbe mal für höhere Potenzen versuchen und bekommt dann folgende Formeln:

Spätestens aber ab der vierten Potenz wird die ganze Sache doch sehr unangenehm. Es sind Binomialkoeffizienten, Summen und Produkte zu berechnen, die Anzahl der Summanden wird immer größer, und immer häufiger verrechnet man sich, wie man am Ende nach einer Probe feststellt. Also wäre es besser, das ganze mit einem Computerprogramm zu erledigen, aber gibt es nicht auch einen genialen – also einfachen – Trick, um eine allgemeingültige Formel zu finden? Hat vielleicht jemand vor ein paar Hundert Jahren dieses Problem schon einmal ohne Computer gelöst? Die Antwort lautet: ja. Es war der deutsche Mathematiker, Ingenieur und Festungsbaumeister Johannes Faulhaber (Bild siehe oben), der sich u.a. mit Summen über Potenzen natürlicher Zahlen bis zum Exponenten 17 beschäftigte. Faulhaber, der natürlich keinerlei Computer zur Verfügung hatte, muß ein extrem guter Rechner gewesen sein. In seinem Buch Academia Arithmeticae (1631 in Augsburg veröffentlicht) hat er folgende Formeln aufgeschrieben:

Faulhaber vermutete, daß für jeden ungeraden Exponenten m eine solche Formel existiert, in der auf der rechten Seite ein Polynom in N steht mit abwechselnden Vorzeichen. Erst 200 Jahre später gelang einem anderen Mathematiker der erste Beweis der Faulhaberschen Vermutung (1834 Jacobi). Allerdings benutzten Jacobi und alle anderen Mathematiker, die sich mit der Faulhaberschen Vermutung beschäftigten, Methoden, die zu Zeiten Faulhabers noch unbekannt waren. Es ist das Verdienst von Donald Knuth, dem Erfinder von TeX, einen Beweis gefunden zu haben, der mit Methoden arbeitet, die wahrscheinlich auch schon Faulhaber kannte. Wer sich dafür interessiert, sollte Knuths Artikel Johann Faulhaber and Sums of Powers in den Mathematics of Computation 61 (1993),Seite 277-294, lesen.


Anmerkungen und Links

[1] Wikipedia über Johanness Faulhaber
[2] D. E. Knuth, Johann Faulhaber and Sums of Powers, Mathematics of Computation 61 (1993),277-294
[3] Summen von Potenzen

Bemützte Zauselbärte


Gastbeitrag von N.N. über den Besuch eines Salafisten-Demostandes in Hamburg:
Am 24.03.2012 war Salafistentag in der Hamburger Innenstadt. Gleichzeitig fand irgendwo eine Demo gegen Neonazis statt, die guten alten Feinde der Linken und der Demokratie. Die neuen Feinde fanden kein Interesse. Ich bin also hin.
In der Mönckebergstr. hatte ich dann mit den Salafisten meine erste „Feindberührung“ – mit Nazis, Scientologen oder Kommunisten habe ich in meinem Leben schon viel diskutiert. Aber die bemützten Zauselbärte waren die härtesten der Harten! Und ließen gar nicht erst den Eindruck entstehen, dass sie mit diesem Land und seiner Verfassung auch mehr nur am Häkelkäppchen haben als alle Rechte vollumfänglich auszunutzen, um sie nach der ersehnten Einführung der Scharia sogleich abschaffen zu können. Was ohnehin kein Problem sei, denn Deutschland habe schließlich – „wusstest du das?“ gar keine richtige Verfassung. (Ja, wusste ich – von den Webseiten Horst Mahlers und Reinhold Oberlerchers…) Zuerst müssten die „Ostgebiete“ wieder an Deutschland zurückfallen und eine freie Abstimmung über eine dann endlich legitime Verfassung erfolgen. Warum nicht eine nach den Regeln der Scharia – wenn die Mehrheit dies wolle? Und gemäß Art. 146 GG, wie der Salafi mit Abitur und 6 Semester Elektrotechnik mir aus der GG-App seines neuesten iPhone vorliest.
„Wer uns bei unserer Arbeit für den Islam behindert oder bekämpft, gegen den darf der Muslim notfalls mit Gewalt vorzugehen“ – das erlaube der Islam bzw. Gott. Wer will sich schon gegen Gott auflehnen? Man müsse seine Weisungen befolgen. Mein junger Salafi-Diskutant schiebt sich die Ärmel seines weißen Pullis über die muskulösen Arme. Auf der Brust prangt die Schrift „Lies! Und befolge die Worte deines Herrn!“ Seine Augen leuchten. Die Scharia weltweit einzuführen ist die Pflicht jedes Muslimen, wer daran einen Zweifel lässt, gehöre seiner: – ihrer Meinung nach nicht zum Islam. So wie die Kollegen von der Ahmadija-Gemeinde drüben auf der anderen Straßenseite, für die sie nur größte Verachtung hegten („Popoknutscher“).
Fast die ganze Zeit redeten 5-6 Salafis auf mich ein, telefonieren zwischendurch, Allhamduila, es war kaum möglich, einen Gedanken zuende zu bringen. Ihr Weltbild ist komplett verriegelt – alle Handlungen werden in letzter Instanz an Allah relegiert, die oberste Autorität und Legitimation. Es gibt keine Wahrheit jenseits des Koran, „der Islam ist die einzig wahre Religion“ (so der Name ihrer Gruppierung, bekannt durch Pierre Vogel) und habe deswegen das Recht zu bestimmen, wo es langgeht. Andere Weltanschauungen bzw. sind allenfalls geduldet – und nur privat; ein öffentliches Werben für eine andere Auffassung jenseits des Islam ist verboten. „In Deutschland wird es noch dauern, aber es wird kommen, weil die Muslime die Mehrheit eines Tages stellen werden. Und deren Auffassungen musst du doch demokratisch gutheißen, stimmt’s?“ Das kenne ich zwar aus den islamischen Schriften, aber es so ungeschminkt und mit dem Ausdruck beseelten Entzückens zu hören, hatte schon was Irritierendes, beinahe Faszinierendes (zumindest, wenn man sich in die ausgehungerten Seelen von jungen MuslimInnen oder anderen „GottsucherInnen“ hineinversetzt, die meinen, nun endlich festen Grund unter ihr schwankendes Dasein erlangen zu können). Dabei mit einer absoluten Hingabe an die Überlegenheit des eigenen Wirkens und Wollens vorgetragen, das ich so nur aus Filmen kenne, die in längst überwundenen dunklen Zeiten spielen.
Um zu erfahren, wie sie es mit den Menschenrechten und den eigenen Ansprüchen an Toleranz und Religionsfreiheit halten, komme ich auf das Schicksal des iranischen Apostaten zu sprechen, der mittlerweile evangelischer Pfarrer geworden ist und deswegen hingerichtet werden soll. Wenige Meter von uns entfernt stehen Iraner, die wie jeden Sonnabend für Demokratie und Menschenrechte in ihrer Heimat demonstrieren. Einer der Iraner hatte mir eine Unterschriftenliste zugesteckt, die solle ich den Salafis doch mal vorlegen, „da habt ihr gleich mal was zum Diskutieren“, meint er listig. Ich erfahre, dass mein Salafi-Bruder „erst mal wissen muss, ob der Pastor ein Spion für Israel oder die CIA ist“, vorher könne er nicht unterschreiben. Und wenn er keiner ist, ob er sich „öffentlich zum Wechsel der Religion bekannt hat“ – das sei im Islam strafbar, da hätte er gegen Gesetze verstoßen. Er hätte doch wissen können, dass das die Todesstrafe bedeutet, er hat sich wohl freiwillig in die Situation gebracht: „In den USA gibt’s bei bestimmten Verbrechen ja auch die Gaskammer!“ Der Apostat hätte auswandern müssen, das Recht hätte ihm zugestanden. Er tat es nicht – weil er provozieren wollte? Also: keine Unterschrift.
Rhetorisch kannst du gegen sie nicht gewinnen, weil sie sich einfach nicht auf deinen Bezugsrahmen einlassen (Grund- und Menschenrechte, Freiheit der Entscheidung, Herrschaft des Rechts, Demokratie… alles Menschenwerk, nichts, was Gott geschaffen hat). So wie die Nazis alles aus dem Antisemitismus und nach den angeblichen Gesetzen des Sozialdarwinismus und der Rassenlehre ableiteten, geht jedes Argument bei ihnen durch den Filter des Koran. Zur Not ist eben Gottes Befehl die Richtschnur – und wer will und darf sich schon gegen Gott auflehnen? Dabei arbeiten sie mit den üblichen Tricks aller Seelenverkäufer: keine Frage beantworten, vielmehr als Antwort eine neue Gegenfrage stellen; für Schreckenstaten in islamischen Ländern „die Muslime oder besser sog. Muslime“ verantwortlich machen, der Islam selbst ist fehlerfrei; wenn etwas nicht zu leugnen ist, dann war eben eine „falsche Auslegung“ des Koran schuld (fehlerhafte Übersetzung); und immer ist man den „Manipulationen der westlichen Medien“ aufgesessen“, usw.
Die jüngsten Morde von Toulouse, Ehrenmorde, Zwangsheiraten… alles entweder Verfälschungen oder Propagandaübertreibungen durch die Medien. Toulouse? CIA-gelenkte Operation – „kannst du beweisen, dass es das nicht war?“. Ich frage meinerseits nach Beweisen. Sofort wird der Irakkrieg oder der Krieg in Afghanistan als Beleg dafür angeführt, wie der „Krieg gegen die Muslime“ mithilfe „falscher Behauptungen“ und „alles wegen Öl“ geführt wird. Versuche, die viel behauptete „Toleranz“ des Islam gegenüber den Buchreligionen mit der Wirklichkeit in islamischen Ländern zu konfrontieren, führen wieder zurück zum Anspruch des Islam und den Schwächen der Muslime. Fragt man nach dem eigenen Engagement gegen empörende Zustände im islamischen Kulturkreis, ist dort eben „die Scharia noch nicht richtig eingeführt“ oder liegt eine falsche Interpretation bzw. eine falsche Übersetzung des Koran vor. Wenn sie das Sagen hätten, wäre es zwar erlaubt, dass Nichtmuslime ihre Religion behalten und Kirchen „erhalten“ blieben – neue dürften aber nicht gebaut, geschweige denn Werbung für eine nichtislamische Religion gemacht werden; eine Bibel dürfe man aber lesen. Ausnahme Saudi-Arabien als Mutterland des Islam und wegen der „Heiligkeit“ seiner Erde. Im übrigen: wo habe denn ich gegen die Beteiligung der BRD am Afghanistankrieg protestiert? Und wenn ich die fehlende Meinungs- und Religionsfreiheit in islamischen Ländern beklage – wo gibt’s denn die Gesetze gegen die Leugnung des Holocaust? Ist das etwa Meinungsfreiheit? Da hätte doch ICH erst einmal was zu tun…
Spätestens als ich freimütig bekenne, den Islam für eine „dumme Religion“ und den Koran für sturzlangweilig und ohne jede inspirierende Kraft zu halten, zieht mich mein Dialogpartner mit der GG-App rasch zur Seite, wo die anderen uns nicht hören: „Nicht so laut – es gibt hier welche, die das gleich als Angriff gegen den Islam verstehen und sich dann vergessen könnten…“
So viel Fürsorge hatte ich jetzt tatsächlich nicht erwartet. Ich greife dankbar in den Stapel aufgehäufter Koranexemplare. Ich darf einen mitnehmen – er ist ja schließlich auf Deutsch geschrieben. Wäre er in Arabisch, dürfte ich ihn als „Ungläubiger“ nicht mal anfassen. Ich bin gerührt. Salam… und tschüß!
Ich ahne beim Überqueren der Mö, warum die alten und neuen Nazis den Islam so taff finden – die kompromisslos-kämpferische „Unterwerfung unter Gott“ (wörtliche Übersetzung des Wortes „Islam“) erinnert bei Salafisten an den Fanatismus der SS. „Tötet die Juden, wo immer ihr sie findet. Das gefällt Gott, der Geschichte, dem Glauben“, hatte der Großmufti von Jerusalem, al-Husseini, SS-Mitglied und Inspirator der SS-Division Handschar, einst seinen deutsch uniformierten muslimischen Soldaten mit auf den Weg gegeben. Ich habe heute in die Gesichter eines neuen islamischen Fanatismus geschaut, der Böses ahnen lässt, wenn ihm Pardon gegeben wird. Ich habe keinen Zweifel: wenn sie glauben, dazu von Allah befugt zu sein, werden sie eines Tages auch vor Mord nicht zurückschrecken.

Toulouse war nicht das Ende, es war nicht der Beginn, es wird sich fortsetzen. Irgendwo im Umkreis dieser Fundamentalisten „(Was ist denn schlecht daran, auf einem Fundament zu stehen?“) wächst eine Gefahr, auf die wir keine Antwort zu haben scheinen. Es ist übrigens die am schnellsten wachsende Gruppierung unter den Muslimen…
Die Jungs, mit denen ich diskutierte, sind an ihrem Büchertisch auf der Pierre-Vogel-Site in einem Video zu bewundern: . Derjenige, der nach dem kurzen Video-Intro links im Bild auf die Uhr schaut und sagt „Exakt 3 Stunden…“ ist der, der die Scharia für die ganze Welt und für Deutschland eingeführt sehen will. Im off übrigens auch die Stimme des rheinischen Salafisten Abu Nagie (Youtube), der nach dem Erfolg des Propagandanachmittags fragt.

Mitgliederinnen und Mitglieder

Das Internetforum „politik.de“, eine Ansammlung von Antisemiten, Linksradikalen und grünen Gutmenschen, ist derzeit wegen Renovierung geschlossen. Damit die ehemaligen Teilnehmer den Initiatoren des Portals bis zur Wiedereröffnung der Seite nicht davonlaufen, wurde an die „Mitgliederinnen und Mitglieder“ eine E-Mail verschickt, die eine beeindruckende Mischung aus Managerkauderwelsch, Politikerphrasen und Werbegeschwätz enthält:

Politik.de startet bald mit einer neuer Webseite als zentrales Portal für politische Partizipation in Deutschland
 Hallo vonhaeften,
 wir haben uns entschieden mit Politik.de neue und zukunftsweisende Wege zu gehen. In den nächsten Monaten werden wir die Webseite für Sie zu einem wegweisenden Portal für Bürgerpartizipation und politischen Dialog im Web aufbauen.

Zukunftsweisend! Wegweisend! Und das für mich! Vielleicht noch „kundenorientiert“ oder „konstruktiv“? Oder so: eine innovative, maßgeschneiderte Lösung für die Herausforderungen des Web 2.0. Auf jeden Fall effektiv, professionell, optimal und alternativlos. Und wofür ist das Portal da? Für „Bürgerpartizipation und politischen Dialog im Web“. Wie vornehm. Und ihr seid euch sicher, daß es nicht so wie früher wird, wo „Israelkritiker“, denen der Antisemitismus aus der Schreibfeder quoll, pro Tag mindestens einen neuen Thread zu Themen wie „Siedler“, „Mossad“ oder „Apartheid in Israel“ aufmachten? Aber ihr habt euch ja vorbereitet, wie ihr schreibt:

 Die ersten Ideen, wie Politik.de als zentrale Partizipationsplattform im politischen Dialog wiederbelebt werden kann, haben wir bereits gesammelt. In den kommenden Monaten werden wir diese konkretisieren und umsetzen. Gerne werden wir Sie über die Entwicklung der Webseite weiterhin informieren. Sobald ein konkreter Starttermin absehbar ist, werden wir Ihnen diesen selbstverständlich unmittelbar mitteilen.

Toll, daß ihr so viele Ideen gesammelt habt. Ich kann mir das so richtig vorstellen, wie ihr jeden 2. Donnerstag im Monat um 18 Uhr im Cafe Rosalu gemeinschaftlich und ohne festgeschriebene Rollenfixierung erst mal einfach so „Ideen gesammelt“ habt. Jetzt müßt ihr diese Ideen nur noch basisdemokratisch „konkretisieren“. Und wenn der „konkrete Starttermin“ absehbar ist, dann werde ich selbstverständlich konkret und unmittelbar unterrichtet. Ist schon irgendwie spannend, daß ihr jetzt ein konkretes Projekt habt, das für uns alle draußen im Lande konkret wegweisend sein wird!

Ihr Team von Politik.de hat sich in den letzten Wochen intensiv damit auseinandergesetzt, wie der Internetdienst Politik.de und das angegliederte Politikforum in Zukunft weitergeführt werden sollen. Unser Ziel ist es, dass Politik.de weiterhin der Impulsgeber für politische Partizipation im Netz bleibt. Letzthin hat das Politikforum unserer Meinung nach den Ansprüchen eines Impulsgebers nicht mehr gänzlich entsprochen. Auch aus diesem Grund haben wir uns entschieden, das bisherige Konzept von Politik.de nicht mehr weiterzuführen.

Ihr meint also, ihr seid „der Impulsgeber für politische Partizipation im Netz“ gewesen. Welcher Impulsgeber? Der einzige, der ein nicht-islamisches Forum betrieben hat, in dem man als Linker ganz offen seinen Haß auf Juden und Amerikaner austoben konnte? Wo selbst so abstruse Theorien wie die angebliche Verursachung des Tsunamis 2004 durch Atombomben des israelischen Geheimdienstes Mossad allen ernstes lang und breit diskutiert wurde? Es ist kein Wunder, daß dieses Forum „den Ansprüchen eines Impulsgebers nicht mehr gänzlich entsprochen hat“. Mit anderen Worten, die Leser und User sind euch davongelaufen. Vielleicht deshalb, weil sie nicht mehr genügend Gegner in den Threads gefunden haben, die waren es nämlich irgendwann auch mal leid, von den Moderatoren wegen „rechtspopulistischer“ Zitate gesperrt zu werden. Wie auch immer, wir sind gespannt, wie der offene Prozeß der politischen Selbstfindung innerhalb eurer Gruppe verlaufen wird. Wir sind total gespannt und freuen uns alle auf die neuen konkreten Projekte!

 Wir möchten uns auf diesem Weg noch einmal bei allen Besucherinnen und Besuchern und vor allem natürlich bei allen aktiven Mitgliederinnen und Mitgliedern für die interessante und aufregende Zeit beim bisherigen Dienst von politik.de bedanken. Sie alle haben Politik.de zu dem gemacht, was es heute ist: Eine der größten Plattformen für politischen Information, Diskussion und Interaktion.

Aber nur „eine der größten“. Denn in Wirklichkeit seid ihr nur ein kleiner Furz in der Foren-Landschaft, wie man an der folgenden Grafik sehen kann:

Und aus diesem Furz wollen die Betreiber von Politik.de (früher hieß das mal „politikforum.de“) nun einen etwas größeren machen, indem sie mit Phrasendrescherei und Wortmüll aus der Marketingwelt um sich werfen. Ergänzend dazu werden die traditionell linken User ihres ehemaligen Forums mit angeblich gender-korrekten Wörtern wie „Mitgliederinnen“ angelockt. Ich verstehe das allerdings nicht so richtig. Sind „Mitgliederinnen“ eigentlich Mitglieder, die irgendwie, so konkret oder so, „innen“ sind? Sind das Glieder, die irgendwie mit drin sind? Oder einfach nur mitten drin? Ich kriegs einfach nicht auf die Reihe, aber ich weiß auf jeden Fall eins: die Vertreter geschlechtergerechter Sprache haben inzwischen einen solchen Einfluß in unserer Gesellschaft bekommen, daß auch außerhalb unserer vom Gender-Mainstreaming-Virus befallenen staatlichen Behörden in weiten Kreisen eine geradezu unterwürfige Akzeptanz dieses Sprachfeminismus herrscht. Allerorten wird von Bürgern und Bürgerinnen, Schülern und Schülerinnen, Lesern und Leserinnen gesprochen und geschrieben, und manche Verordnung von Behörden entartet auf diese Weise zu einem Dokument kaum glaublicher Beschränkheit [1]:

„1 Der Kantonstierarzt beziehungsweise die Kantonstierärztin oder der beziehungsweise die an seiner beziehungsweise ihrer Stelle eingesetzte Tierarzt beziehungsweise Tierärztin leitet in fachlicher Hinsicht die Tätigkeit der Fleischinspektoren beziehungsweise Fleischinspektorinnen und Fleischkontrolleure beziehungsweise Fleischkontrolleurinnen.
2 Der Kantonstierarzt beziehungsweise die Kantonstierärztin und der leitende Tierarzt beziehungsweise die leitende Tierärztin können auch die Funktion eines Fleischinspektors beziehungsweise einer Fleischinspektorin ausüben, der Kantonstierarzt beziehungsweise die Kantonstierärztin, der leitende Tierarzt beziehungsweise die leitende Tierärztin und der Fleischinspektor beziehungsweise die Fleischinspektorin die eines Fleischkontrolleurs beziehungsweise die einer Fleischkontrolleurin.“

Man darf gespannt sein, wie das „Team“ von politik.de die Administration des zukünftigen Forums regeln wird. Wie wäre es z.B. mit einer Gleichstellungsbeauftragten und einer Frauenquote für die Moderatoren?


Anmerkungen und Links

[1] bruehlmeier: Sprachfeminismus in der Sackgasse

Klaus Wowereit: Ehrensold soll gezahlt werden, damit Wulff nicht seine Würde verliert

Die Online-Ausgabe der WELT hat soeben in einem Artikel zum Fall Wulff geschrieben:

Auch Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) warnte vor der Diskussion. „Natürlich ist es für Bürger, die ihre Arbeitsstelle verloren haben, schwer, diese Regelung zu akzeptieren – trotzdem sollte man diese Debatte nicht zu lange führen“, sagte er der „Rhein-Zeitung“.
Von Ex-Präsidenten werde auch nach dem Ausscheiden würdevolles Agieren erwartet. Sie sollten sich nicht aus rein finanziellen Gründen einen neuen Arbeitsplatz suchen müssen.

Lieber Klaus Wowereit, auch von einem Regierenden Bürgermeister der Stadt Berlin erwarten wir schlichten Bürger „würdevolles Agieren“, besonders dann, wenn er noch im Amt ist. Dazu gehört z.B., daß man es vermeidet, in der Öffentlichkeit die eigene Arroganz allzu offensichtlich zu präsentieren. Als solche nämlich empfinde ich ihr Gerede vom „würdevollen Agieren“ eines Kollegen aus der Politikerkaste, nachdem dieser sein Amt unter würdelosen Umständen verloren hat. Ist das Suchen nach einem Arbeitsplatz, bei dem für 99% aller Bürger ganz sicher finanzielle Gründe eine wichtige Rolle spielen, für Sie also „würdeloses Agieren“?
Wenn dem so ist, dann hätte ich auch gerne einen Ehrensold. Nach Artikel 3, Absatz 1 Grundgesetz sind ja alle Menschen vor dem Gesetz gleich. Außerdem ist meine Würde unantastbar. Und da ich demnächst als Memoirenschreiber ehemaliger Bundespräsidenten erheblichen Aufwand habe, brauche ich auch noch ein Büro, einen Dienstwagen und eine Sekretärin. Den Ehrensold überweisen Sie bitte, wie bei Beamten üblich, im voraus zum jeweils 1. des Monats.
[1] WELT-Online am 04.03.2012: 280.000 Euro für Christian Wulffs Büro und Stab

Thomas von der Osten-Sacken, die freie Rede und Palästinenser ohne Lobby


Im Hörsaal 17 des Englischen Seminars der Universität Bonn veranstaltet der Asta dieser Universität regelmäßig Vorträge und Diskussionen zu aktuellen (nicht nur politischen) Themen. Ich habe mehrere dieser Veranstaltungen besucht und hatte so das Vergnügen, angenehmen Zeitgenossen wie Henryk Broder, Alan Posener oder Thomas von der Osten-Sacken zuzuhören, aber auch hauptberuflichen Antizionisten wie Rupert Neudeck, Felicia Langer oder Harald Moritz Bock, dem Generalsekretär der „Deutsch-Arabischen Gesellschaft e.V.“
Am 1. Februar 2012 gab es nun einen weiteren Vortrag von Thomas von der Osten-Sacken, diesmal mit dem Thema

„Inventur – Zum Zwischenstand der Revolten in Nordafrika und im Nahen Osten“

Ich will auf den Inhalt dieses Vortrages nicht weiter eingehen, wer möchte, kann dazu genügend Details unter den Anmerkungen und Links finden, hier insbesondere der Artikel bei Wikipedia [6] und ein weiterer in TheEuropean [7] Thomas von der Osten-Sacken über die Lage im Nahen Osten nach dem arabischen Frühling.
Statt dessen möchte ich auf zwei Punkte eingehen, die mich an diesem Abend beeindruckt haben. Beim ersten geht es um die Art, wie ein solcher Vortrag gehalten wird. Thomas von der Osten-Sacken hat seinen Vortrag völlig frei gehalten, er brauchte keine Spickzettel, keine Overhead-Folien und auch keinen Notebook mit grafisch aufgeblähten Powerpoint-Dateien, er sprach flüssig ohne verschachtelte Satzungetüme, kurz: es machte Spaß, ihm zuzuhören. Das ist nicht selbstverständlich. Man schaue sich einmal eine der vielen auf Phoenix übertragenen Bundestagsdebatten an.
(Links auf das Bild klicken!) Während in früheren Zeiten noch Kurt Schumacher, Franz-Josef Strauss oder Herbert Wehner mit donnernden Worten in freier Rede den Bundestag in ihren Bann zogen, so lesen heute die allermeisten Abgeordneten langweilige Texte von ihren Spickzetteln ab, mit den immer gleichen Gesten und gelegentlichen Erhöhungen der Stimme (… meine Damen und Herren…). Heerscharen von Redenschreibern verdienen an der rhetorischen Impotenz der Politiker, und diese ereifern sich dann darüber, daß einer der ihren (Guttenberg) beim Abschreiben erwischt wurde. Schlimmer noch sind aber Akademiker, die sich auf “wissenschaftlichen” Symposien [9] oder Podiumsdiskussionen [11] als Prof.Dr.Dr. vorstellen und ihre 10-minütigen Vorträge vom Blatt ablesen müssen, weil sie ansonsten nichts zu sagen wissen. So wie jener Professor der evangelischen Theologie, der anläßlich der Bonner Universitätstage 2009 einen 3/4-stündigen Vortrag über den verhaßten Richard Dawkins mit leiernder Stimme vom Blatt ablas, während in demselben Seminarraum eine Stunde zuvor ein russischer Mathematiker seine Antrittsvorlesung über den Beweis der Poincaré-Vermutung durch Grigori Perelman vollständig frei hielt, unterstützt von ein paar Schwimmringen und Badeenten.
(Links auf das Bild klicken!)
Thomas von der Osten-Sacken hat also einen spannenden, gut verständlichen Vortrag gehalten, in freier Rede, und dann kam die Diskussion, der zweite Punkt dieses Abends, der mir gut in Erinnerung geblieben ist. Das Thema hieß ja „Zum Zwischenstand der Revolten in Nordafrika und im Nahen Osten“, es ging also auch um Araber und den Nahen Osten. Und wie immer, wenn in deutschen Medien, in Talkshows oder auf Podiumsdiskussionen vom Nahen Osten die Rede ist, kommt irgendwann jemand mit dem Argument, man müsse doch auch die Rolle der Israelis bei der ganzen Sache unter die Lupe nehmen. von der Osten-Sacken hatte zwar in seinem Vortrag schon betont, daß der israelisch-palästinensische Konflikt durch die Ereignisse in Tunesien, Libyen, Ägypten und Syrien aus den Medien fast vollständig verdrängt, zumindest aber in die ihm eigentlich zustehende Aufmerksamkeitsskala gerückt worden war. Aber das können aufrechte Antisemiten auf keinen Fall akzeptieren, besonders nicht in Deutschland, wo man seit dem mißglückten Holocaust immer voller Sorge auf das kleine Israel schaut, damit es nicht dieselben Fehler wie die Deutschen im 2.Weltkrieg macht. Auch die Revolte in den arabischen Ländern muß einfach etwas mit den „Siedlern“, der „rechtslastigen Netanjahu-Regierung“ und natürlich mit dem Mossad zu tun haben. Und so war es auch in diesem kleinen Hörsaal am 1.Februar. Es meldete sich ein älterer Herr zu Wort und stellte folgende „Frage“:

Sie setzen sich ja sehr für die Freiheitsbewegungen in den arabischen Ländern ein, und das ist ja auch gut so, aber – die Siedlungspolitik der Israelis ist ja letztendlich auch kontra… geht gegen die Palästinenserrechte…
da die Siedlungspolitik der Israelis eigentlich völkerrechtswidrig ist, und insofern geht das ja jetzt unter in dem allgemeinen übergeordneten Aspekt dieser Befreiungsbewegungen in Afrika… in Afrika und der arabischen Welt. Aber letzten Endes kann man nicht darüber hinwegsehen, daß da ein Spannungsfeld ist, das kann auch eines Tages wieder aufbrechen, wenn es auch im Moment keine Relevanz hat gegen diese Befreiungsbewegungen in der arabischen Welt… die Palästinenser habe keine Lobby! Der Obama, der hat sich da mal stark gemacht, etwas zu tun für diese Friedensinitiative, aber eigentlich….

Die Palästinenser haben keine Lobby! Keiner kümmert sich um sie, nicht eine einzige NGO, keine UNO-Organisation hilft den armen Leuten im Westjordanland, die EU weigert sich, palästinensische Schulbücher zu drucken, es gibt keine UNO-Resolutionen für die Palästinenser, keine bilateralen Hilfen aus Kanada, Australien, Norwegen, Schweden, Frankreich, wie schrecklich, es ist also ganz so, wie es der Berliner Piraten-Abgeordneten Gerwald Claus-Brunner (95%schwul/5%hetero) sagt:

„Seit 60 Jahren herrscht im Nahen Osten ein Konflikt und niemand kümmert sich darum.”[12]

Auf diese Frage kam die einzig richtige Antwort von Thomas von der Osten-Sacken:

Googlen Sie mal, wieviele Resolutionen der UN-Menschenrechtsrat im Jahre 2010 verabschiedet hat. Und dann schauen Sie sich mal an, wie oft [in diesen Resolutionen] Israel verurteilt wurde, und wie oft der Sudan, der Iran, China, Weißrussland, Kuba oder Venezuela…
Diese Aussage, daß die Palästinenser keine Lobby haben, ist so kontrafaktisch, daß es überhaupt keinen Spaß macht, dagegen zu argumentieren.


Anmerkungen und Links

[1] Free Iran Now!
[2] Thomas Immanuel Steinberg über Thomas von der Osten-Sacken
[3] Interview im „Gestiefelten Kater“ mit Thomas von der Osten-Sacken
[4] Blog des WADI e.V.
[5] Website des Vereins WADI e.V.
[6] Wikipedia über Thomas von der Osten-Sacken
[7] Thomas von der Osten-Sacken im TheEuropean über die Lage im nahen Osten nach dem arabischen Frühling
[8] ASTA der Uni Bonn kündigt Veranstaltung am 01.02.2012 mit Thomas von der Osten-Sacken an
[9] Antisemitismus-Forschung: Kaffeesatzleserei oder Wissenschaft?
[10] Freie Rede im Bundestag
[11] “Wird Religion überflüssig? Der Neue Atheismus stellt die Gottesfrage”, Eine Diskussion im Haus der evangelischen Kirche Bonn
[12] Berliner Piraten-Abgeordneter Gerwald Claus-Brunner zum Nahost-Konflikt

Kevin ist kein Name, sondern eine Diagnose


Die taz hat sich am 09.02.2012 in einem Kommentar von Daniel Schulz mit dem Kampf der Piratenpartei gegen das ACTA-Abkommen beschäftigt. Aufhänger war das oben abgebildete Logo, „das die Nazis so ähnlich schon vor 70 Jahren nutzten.“ [12]
Ich möchte – vorerst – diese Thematik nicht weiterverfolgen, ich empfehle nur die Lektüre der u.a. Links. Besonders beeindruckend fand ich den Schluß von Daniel Schulzens Kommentar:

Dass Nachdenken nicht immer ein gutes Ende nimmt, beweist allerdings wiederum ein Pirat. In einem Tweet fragte Kevin Barth, inzwischen nicht mehr Kreisvorsitzender der Piraten in Heidenheim, Anfang Januar, ob er ein Antisemit sei, nur weil er „die israelische Kackpolitik und den Juden an sich unsympathisch finde, weil er einen sinnlosen Krieg führt.
Auf diese Frage könnte man ernsthaft antworten, auf die Untersuchungen verweisen, die antisemitische Einstellungen auch in der „Mitte der Gesellschaft“ erkennen. Ich frage aber lieber, was ich bin, wenn ich getreu einem alten Grundschullehrerdiktum finde, dass Kevin kein Name ist, sondern eine Diagnose.

[1] Homepage der Initiative „Stop Acta“
[2] taz-Kommentar zum „Stop Acta“-Logo
[3] Kommentar der FAZ-Bloggerin Julia Seeliger zur Kraken-Symbolik

Günther Jauch: Gerät Auschwitz in Vergessenheit?

Wenn im KZ Auschwitz der Lagerarzt Josef Mengele die damals 18-jährige Cellistin Anita Lasker-Wallfisch zu sich rief, wußte diese nie genau, von welchen anstrengenden ärztlichen Tätigkeiten sich der SS-Hauptsturmführer beim Zuhören erholen wollte. Denn Mengele war ein fleißiger und vielbeschäftigter Mann: sein Einsatz bei den Selektionen an der Rampe und in den Krankenlagern, seine hochinteressanten medizinischen Experimente mit Zwillingen, Zigeunern und Juden, seine neu eingeführten Operationstechniken zur Sterilisierung und Kastration von Männern und Frauen, durchgeführt am lebenden Objekt ohne Narkose, sind ihm hoch anzurechnen: der Hauptsturmführer hat für Führer, Volk und Vaterland ganz schön was ausgehalten. Dabei war er ein sehr gut aussehender Mann, immer elegant angezogen, und bei der Selektion, so wird berichtet, habe er seinen Opfern zugelächelt und manchmal eine Opernarie gepfiffen, besonders gerne Themen aus Rigoletto.[8] Der Mann hatte Stil, er war gebildet, kein Zweifel, und deshalb ließ er sich nach getaner Arbeit auch gerne „Die Träumerei“ von Robert Schumann vorspielen. Daß die Cellistin dabei eine Lagerinsassin war, noch dazu eine jüdische, schien ihn nicht zu stören. (Ob Mengele wußte, daß Lasker-Wallfisch Jüdin war, kann bezweifelt werden, da sie als sog. „Kriminelle“ eingeliefert wurde und daher der sofortigen Vergasung entging. Es spielt aber auch keine Rolle, da Mengele grundsätzlich alle Lagerinsassen als Material für seine medizinischen Versuche betrachtete.)
An all das erinnerte sich Anita Lasker-Wallfisch, als sie am vergangenen Sonntag bei Günther Jauch saß, zusammen mit dem Sportmoderator Marcel Reif, dem Schauspieler Christian Berkel und der Piratenpartei-Geschäftsführerin Marina Weisband. Das Thema des Abends hieß „Die letzten Zeitzeugen – Gerät Auschwitz in Vergessenheit?“ und knüpfte an die Feiern zum Auschwitz-Gedenktag an. Ohne daß Günther Jauch es wußte, war das eine Premiere, denn in den letzten 10 Jahren gab es im deutschen Fernsehen nicht eine einzige Talkshow zum Thema Auschwitz oder Judenvernichtung. Zumindest gilt dies für die Sendungen der Talkshow-Moderatoren Anne Will, Frank Plasberg, Maybritt Illner und Sandra Maischberger, über die auf dem Talkshow-Portal eine Statistik geführt wird.
Und gelungen ist diese Premiere allemal. Es kamen interessante Gäste, der Moderator stellte die richtigen Fragen und die Gäste hatten viel Zeit zum Antworten. Auch gab es keine beleidigten Mienen, keine überlegen-mitleidig vor sich hingrinsenden Parteipolitiker, und auch die Betroffenheit hielt sich in Grenzen, was wir der Abwesenheit von Claudia Roth, der Bundesbeauftragten für das Betroffenheitswesen, zu verdanken haben. Und trotzdem: es gab Momente, wo man sich gewünscht hat, daß ein 5.Gast dabeigewesen wäre, einer, der das Vergessen in einen direkten Zusammenhang zur Gegenwart gestellt hätte.
Es hätte ja genug gegeben: Esther Schapira und Georg Hafner vom hessischen Rundfunk, Yves Pallade vom B’nai B’rith Institut in Berlin, die Journalisten David Harnasch aus Freiburg, Gideon Böss, Tobias Jaecker, Tobias Kaufmann, auch Henryk Broder hätte sicher einiges zum Thema sagen können.
Nun gut, die Show ist gelaufen, Jauch hat seine Sache prima gemacht, und ich möchte mich nur noch mit drei Einzelaspekten der Sendung beschäftigen. Da ist einmal die Überlebende Anita Lasker-Wallfisch, deren Erscheinung mich nachhaltig beeindruckt hat. Die Cellistin, die das KZ nur deshalb überlebt hatte, weil sie die einzige in Auschwitz war, die dieses Instrument beherrschte und einem Scheusal wie Mengele so gut vorspielen konnte, ist zwar 86 Jahre alt, sieht aber aus wie 70 und spricht, als wäre sie bei Wolf Schneider in die Journalistenschule gegangen: schnell, laut, deutlich und kurz. Für alle, die das unerträgliche Genuschel von Helmut Schmidt, Peter Scholl-Latour oder Hans-Dietrich Genscher nicht mehr hören können, war diese Frau eine Augen- und Ohrenweide. Es ist gut zu wissen, daß sie seit 1994 wieder Deutschland besucht und besonders in Schulen über ihre Zeit im deutschen Vernichtungslager Auschwitz berichtet.
Der zweite Punkt, der mich in der Sendung aufhorchen ließ, war die Erwähnung von Berthold Beitz(Foto links, Quelle: Bundesarchiv). Der Sportmoderator Marcel Reif berichtete, daß sein Vater von Beitz während des zweiten Weltkrieges als „unabkömmlich“ für sein Unternehmen, eine Erdölfirma in Galizien, erklärt wurde. So konnte er wie viele andere Juden aus Galizien der deutschen Vernichtungsmaschinerie entkommen. Berthold Beitz, mir bisher nur als Aufsichtsratsvorsitzender bei Krupp bekannt, war also so eine Art Oskar Schindler Galiziens, und genauso wie Schindler hat Beitz sich nach Kriegsende nie als großer „Judenretter“ feiern lassen, sondern hat seine nicht gerade ungefährlichen Schutzmaßnahmen eher als eine menschliche Selbstverständlichkeit gesehen. Auch deshalb wurde er wie Schindler in die Liste der Gerechten unter den Völkern aufgenommen, als eine „nichtjüdische Einzelperson, die unter nationalsozialistischer Herrschaft während des Zweiten Weltkriegs ihr Leben einsetzte, um Juden vor der Ermordung zu retten.“[10]
Schließlich gab es noch eine sehr junge Teilnehmerin an der Diskussion, Marina Weisband, Studentin der Psychologie, freischaffende Künstlerin und politische Geschäftsführerin der Piratenpartei Deutschland. Auf der Homepage der Piratenpartei findet man über Weisband folgende „Kompetenzen“ aufgelistet:

  • 9 Semester Psychologie
  • Sprachen: Fließend Russisch, Englisch, Deutsch
  • Streitschlichterausbildung
  • Erfahrung in Moderation von Veranstaltungen und Sendungen
  • Erfahrungen Theaterpädagogik
  • Zeichnen

Die Kompetenzen lesen sich wie aus einem Bewerbungsschreiben als Moderatorin für eine neue Talkshow bei ARD oder ZDF. Zum Vergleich schauen wir uns noch einmal an, mit welchen Studienfächern sich die 6 erfolgreichsten Talkshow-Moderatoren im Öffentlich-Rechtlichen Fernsehen abgeplagt haben:

  • Reinhold Beckmann: Germanistik, Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften
  • Maybritt Illner: Journalistik
  • Frank Plasberg: abgebrochenes Studium von Theaterwissenschaft, Politik und Pädagogik
  • Anne Will: Geschichte, Politikwissenschaft und Anglistik
  • Günther Jauch: brach sein Jurastudium ab, machte Abschluß an der Journalistenschule München
  • Sandra Maischberger: hat wie Günther Jauch eine Ausbildung an der Journalistenschule München absolviert

Marina Weisband würde in diesen Klüngel bestens hineinpassen. Theaterpädagogik, Psychologie, Streitschlichterausbildung: wer davon etwas versteht, kann auch eine Talkshow moderieren. Weisband z.B. könnte, nachdem Maybritt Illner mit ihrer 500. Sendung zum Thema „Milliardengrab Euro“ den letzten Zuschauer ihrer Sendung endgültig vergrault hat, eine neue Talkshow mit dem Titel „Marina Weisband online!“ produzieren und als ersten Gast

den Berliner Piraten-Abgeordneten Gerwald Claus-Brunner einladen. Der ist (95%schwul/5%hetero)[11], hat mal ein halbes Jahr in Palästina gelebt und tritt seitdem bei Markus Lanz und im Abgeordneten-Haus gerne mit roter Latzhose und Palästinensertuch auf. Das gefiel so manchen Leuten nicht, z.B. der damaligen Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch. Da Claus-Brunner ein anständiger Mensch ist, hat er versucht, ihr zu erklären, warum er das Tuch immer noch trägt:

Er wisse allerdings sehr wohl um die politische Bedeutung und die Probleme der Region. „Seit 60 Jahren herrscht im Nahen Osten ein Konflikt und niemand kümmert sich darum.“ Wenn er ein politisches Statement mit dem Tuch verbinden wolle, dann der, dass man bitte bald eine Einigung finde. „Ich werde das Tuch erst ablegen – und dann mit sehr großer Freude – wenn beide Parteien im Nahost-Konflikt einen Kompromiss gefunden haben und Frieden herrscht.“ Dazu gehöre für ihn, dass Opfer entschädigt und Täter bestraft werden. [1]
…In Deutschland werde sehr einseitig über den Nahostkonflikt berichtet, „darauf möchte ich hinweisen“[5]

Vielleicht sollten wir alle uns jetzt Palästinenser-Tücher kaufen und sie erst dann ablegen, wenn Frieden herrscht. Und nach dem Frieden bekommen die Opfer (also die Palästinenser) eine Entschädigung und die Täter (also die Israelis) werden bestraft. Und Gerwald Claus-Brunner bekommt den Friedens-Nobelpreis, weil er sich als einziger Deutscher um den Nahost-Konflikt gekümmert hat. Aber natürlich ist auch so ein engagierter Mensch nicht ohne Fehler. Wer wie Gerwald Claus-Brunner unermüdlich für den Frieden im Einsatz ist, seit über 14 Jahren denselben Freund [11] hat, bei Antiatomdemos in Berlin, BGE-Demos and much more[11] tätig war, dem können wir es nicht übelnehmen, wenn er mal wie am 13.Januar 2012 aus Versehen gegen einen Antrag der LINKEN stimmte, weil er die Stimmkarten verwechselt hatte[2]:

„Ich habe Blau und Rot verwechselt. Bei der Abstimmung bedeutete Blau nein, Rot ja. Ich habe zwei Jahre lang Stimmkarten bei den Piraten hergestellt, da bedeutete Blau ja und Rot nein.“

Schon gut: das kann jedem mal passieren. Auf jeden Fall ist Gerwald (95%schwul/5%hetero) Claus-Brunner Top-Kandidat für Marina Weisbands erste Talkshow.
Ein weiterer Kandidat wäre der auf dem Bundesparteitag Anfang Juli 2009 als stellvertretendes Mitglied des Bundesschiedsgerichts gewählte Bodo Thiesen. Der war nämlich über ein Jahr vor seiner Wahl durch allerlei merkwürdige Ansichten aufgefallen, die er in der sog. Haupt-Mailingliste der Piraten veröffentlicht hatte. Kostprobe:

  • Nun, bis vor einigen Monaten glaubte ich auch, daß diejenigen, die „Auschwitz leugnen“ einfach nur pupertäre Spinner sind. Damals hatte ich aber auch noch nicht Germar Rudolf gelesen. Sorry, aber das Buch prägt einfach – zumindest wenn man objektiv ran geht. –Bodo Thiesen 19:50, 15. Jul 2004
  • Im Gegensatz zu Deutschland, wo die Judenverfolgung lächerliche 12 Jahre dauerte, kann die USA auf jahrhundertelange Verfolgung und Unterdrückung zurückblicken. Es waren nur keine Juden, sondern Indianer, Schwarze usw.
  • Es hören manche Leute nicht gern. Aber Hitler wollte keinen Krieg.
    Zumindest nicht mit dem Westen. (Ich glaube aber, generell nicht.)
  • Wenn Polen Deutschland den Krieg erklärt hat (und das hat Polen
    indirekt durch die Generalmobilmachung), dann hatte Deutschland *jede*
    legitimation, Polen anzugreifen
  • Hakenkreuzschmierereien auf jüdischen Friedhöfen stellen keinerlei Bedrohung der jüdischen Bevölkerung dar
  • jüdische Deutsche könnten auswandern wenn sie sich hier bedroht fühlen und diesmal sogar ihr Hab und Gut mitnehmen

[13]

In der Tat: wenn man sich auf [13] ansieht, was der „staatlich gepr. Assist. für Informatik & Automat.technik mit Fachhochschulreife“ Bodo Thiesen auf der „Haupt-Mailingliste“ alles von sich gegeben hat, so fragt man sich schon, was für eine merkwürdige Partei die Piraten darstellen, wenn sie solch einen armseligen Trottel als Ersatzrichter für das Schiedsgericht ihrer Partei wählen. Und Thiesen ist ja nicht der einzige in der Chaotenpartei der Piraten, dem solche Meinungen attestiert werden. Auf [7] wird von einer ganzen Reihe solcher Fälle berichtet, in den letzten 3 Monaten des Jahres 2011 immerhin 3, in denen ehemalige NPDler in Parteiämter gewählt wurden. Nun will das eigentlich nicht viel heißen. Auch die anderen Parteien hatten und haben merkwürdige Abgeordnete in ihren Reihen: Martin Hohmann, Jürgen W. Möllemann,Globke, Kiesinger, Filbinger, sogar die SPD hatte zahlreiche Minister und Abgeordnete, die Mitglied der NSDAP waren: Erhard Eppler, Horst Ehmke und schließlich Günter Hellwing, 1958 Mitglied im Bundesvorstand der SPD, der war sogar ab 1939 SS-Mitglied, 1940 beim SD und 1943–44 bei der Gestapo in Marseille tätig[15].
Marina Weisband, so könnte man denken, wurde von Günther Jauch eingeladen, weil sie jung und jüdischen Glaubens ist und deshalb etwas zum Thema des Abends hätte sagen können. Aber das ist nur die halbe Wahrheit: Weisband wurde vor allem deshalb eingeladen, weil sie „politische Geschäftsführerin“ der Piraten ist und in den vergangenen Wochen in allen überregionalen Zeitungen, in Fernsehen und Rundfunk, in zahllosen Internet-Blogs, bei Facebook und auf den diversen Websites der Piraten wegen einiger an sie gerichteter antisemitischer Haßmails für großes Aufsehen gesorgt hatte. Weisband bei Jauch:

„Ich habe ein paar antisemitische Mails bekommen, nicht mehr als acht oder so, nicht schlimm.“

Während prominente Juden wie Henryk Broder, Michael Wolffsohn oder Michel Friedman täglich tonnenweise antisemitische Hetzmails bekommen und diese gelegentlich ins Netz stellen, um interessierten Bürgern zu zeigen, was sie für nette Nachbarn haben, bekommt eine 24-jährige Psychologiestudentin „acht Haßmails oder so“, worauf sich die deutsche Presse begierig auf diesen Fall stürzt. Zeitungen wie die Süddeutsche, die taz oder die Frankfurter Rundschau, die mindestens einmal pro Woche über rechtsradikale israelische Siedler, völkerrechtswidrige Verwendung von Phosphorbomben im Gazakrieg und palästinensische Opfer des Mauerbaus berichten, hatten nun Gelegenheit, ausgiebigst ihre stramme projüdische, antifaschistische, antirassistische Gesinnung zu zeigen.
Ginge es nur darum, einer 24-jährigen jüdischen Studentin zu helfen, die – sagen wir mal – nebenberuflich noch für die „Jüdische Allgemeine“ einen Blog führt, in dem sie sich gelegentlich abwertend über die deutschen „Israelkritiker“ ausläßt und die auf einmal ins Visier rechts- oder auch linksradikaler Judenhasser geriete, so hätte es im deutschen Blätterwald noch nicht einmal gerauscht. Nein, hier war eine prominente Person aus dem Spektrum der linken Gutmenschen, noch dazu jüdischen Glaubens, Mitglied im Führungszirkel einer linken Partei, die sich einen wirren Cocktail aus „frühkindlicher Bildung“, „repressionsfreier Drogenpolitik“ und „Teilhabe am digitalen Leben“ auf die Fahne geschrieben hat. Und genau diese Person sollte bei ihrem „Kampf gegen rechtsradikale Rassisten“ unterstützt werden.
Das mag einer der Gründe gewesen sein, weshalb Weisband an diesem Abend mit dabei war. Sie konnte allerdings im Gegensatz zu den anderen Beteiligten keinen sinnvollen Beitrag zu der Diskussion leisten. Jeder, der einen Blick auf ihre Homepage und die offizielle Seite bei den Piraten wirft, hätte das voraussehen können. Da wimmelt es von nichtssagenden Sprüchen wie

  • Für eine freiheitlich demokratische Struktur setzen wir den mündigen Bürger voraus.
  • Freiheit bedeutet, Verantwortung für sich und seine Umwelt tragen zu können.
  • Schulen müssen Kindern nicht Wissen einimpfen, sie müssen dazu beitragen, dass Schüler sich eigenständig und aus eigener Motivation heraus bilden.
  • Ein gravierender Wandel im Stil der Politik muss sich vollziehen, damit diese nicht in eine verhehrende Krise stürzt.
  • Es braucht Jugendschutz, aber der muss ab einem gewissen Alter primär durch Aufklärung passieren.

(Fotoquelle: Nina Gerlach, Wikipedia)
Es wunderte mich daher auch nicht, daß Weisband, um wenigstens einmal an diesem Abend ein bißchen Beifall aus dem Publikum zu bekommen, gegen Ende der Sendung die Sarrazin-Karte zog:

Ich glaube, es ist einfach Haß, der daraus entsteht, daß man versucht, seine eigenen Zweifel oder Ängste oder Unzulänglichkeiten zu kanalisieren, indem man sich eine äußere Gruppe schafft und sagt, die sind schlechter als wir, und die sind schuld und wir sind besser. Dann kann man sich gut und sicher fühlen. Ich glaube: hätte unsere Generation tatsächlich sehr viel aus dem Holocaust mitgenommen, dann wäre Sarazzin kein so erfolgreicher Autor gewesen, denn das, was er tut, sind genau die gleichen Anfänge. Er nimmt sich eine Gruppe von Menschen, und er sagt: wißt ihr was, diese Menschen sind nicht so gut wie wir, deswegen sollten die Rechte dieser Menschen begrenzt werden.

Da tut die Psychologiestudentin im 9.Semester genau das, was sie in ihrem Satz beklagt: sie schafft sich ihre äußere Gruppe, nämlich Sarrazin und seine Verehrer, und am liebsten würde sie die Rechte dieser Menschen begrenzen. Weil sie ja „gleiche Anfänge“ schaffen. Und deshalb müssen diese Menschen umerzogen werden, was kaum Probleme bereiten wird, denn in Deutschland hat man ja Erfahrung mit so etwas.
Es ist eine grottenschlechte Argumentation, ohne auch nur einen einzigen einigermaßen logisch durchdachten Satz, ein linkspopulistisches Gelaber, und doch ist es genau das, was viele im Fernsehen hören wollen. Und deshalb könnte Weisband ihr Studium jetzt eigentlich abbrechen und direkt beim Fernsehen als Moderatorin anfangen.
[1] Pirat mit Palästinensertuch
[2] Blau und Rot verwechselt: Pirat Gerwald Claus-Brunner stimmte überraschend gegen den Antrag der Linken, 13.01.2012
[3] Piratin Marina Weisband erhält Hassmails
[4] Youtube: Caro Korneli beim Parteitag der Piratenpartei
[5] taz zum Piraten mit Palästinensertuch
[6] Henning Bartels: Die Piratenpartei
[7] piratengegenrechts.org
[8] Wikipedia über Josef Mengele
[9] Wikipedia über Anita Lasker-Wallfisch
[10] Liste der Gerechten unter den Völkern
[11] Piraten-Seite von Gerwald Claus-Brunner
[12] Piraten-Seite von Bodo Thiesen
[13] Originalzitate von Bodo Thiesen mit Quellen
[14] Benutzerdiskussion auf der Piratenseite über Bodo Thiesen
[15] Liste ehemaliger NSDAP-Mitglieder im Bundestag und den Landtagen
[16] Youtube-Video: Bodo Thiesen bei der Ersatzrichterwahl

Petition für den Erhalt des ungarischen "Klubradios"

(hattip von von Paul Nellen)
Liebe Freundinnen und Freunde der Demokratie, der Rede- und Pressefreiheit in Europa,
die 1848,1956, 1989 schwer erkämpfte Demokratie in Ungarn ist gefährdet, warnen Agnes Heller, György Konrad,György Dalos und jetzt auch die EU. Dem beliebten Klubradio, dem wichtigsten Organ der ungarischen Opposition, wurde die Lizenz ab Januar 2012 entzogen. Es ist die einzige Radio-Plattform für kritische Meinungsäußerungen einfacher Bürger wie auch für Künstler und Intellektuelle gegenüber der autoritären Orban-Regierung. Diese will die unabhängigen Medien in Ungarn zum Schweigen bringen und dadurch zu noch mehr Abbau der demokratischen Medien in Ungarn, einem Land der EU, gelangen.
Leider reichen die Proteste von Intellektuellen, der Protest der Jugend z.B. mit dem Youtube-Lied „Mir gefällt das System nicht“ (mehr als 635.000 Mal angeklickt), die Massendemonstration vor dem Budapester Opernhaus und die bisherigen Mahnungen der EU-Kommission nicht aus. Die Regierung hält am anti-demokratischen Kurs fest und distanziert sich auch nicht klar genug von den Rechtsextremen, die sie zu lang gewähren lässt mit Antisemitismus und Romafeindschaft, nun sogar mit dem Verbrennen der Europafahne, wohl um selbst als moderat zu erscheinen.
Neben der zunehmenden Regierungskontrolle und Zensur unabhängiger Medien, der Justiz, der Zentralbank und des Datenschutzes wurde auch ein bekannter Antisemit als Theaterdirektor eingesetzt .
Wir fordern Sie daher zur europäischen Solidarität auf, die Redefreiheit der Medien, speziell die Arbeit von unabhängigen Jornalisten vom Klubradio mit Unterschriften, durch Interviews mit ihnen und auch finanziell zu unterstützen. Damit verteidigen Sie auch das freie Denken von allen Kulturschaffenden, welche auch für diejenigen einstehen, die in ihren verantwortlichen Berufen im Universitäts- und Gesundheitsbereich von der Orban-Klüngel-Herrschaft behindert werden und mit Entlassungen rechnen müssen.
Wir fordern Sie auf, im Sinne von Vaclav Havel der konkreten Wahrheit zu dienen, für das kritische Klubradio zu unterschreiben und zu spenden, dessen Wirken sie auf der Webseite „http://www.klubradio.hu auf Ungarisch, auf auf Englisch und mit Google-Translate auch auf Deutsch nachlesen können. Es hat täglich 2-400.000 Zuhörer. Doch keiner wagt seit Mai 2010, Werbung bei dem Radio zu schalten, weil alle Angst vor der Rache der Regierung haben. Die Journalisten arbeiten schon jetzt ohne Bezahlung. Falls die Sendung abgeschaltet sein sollte, geht es per Satellit oder Internet weiter, eine Spende macht weiterhin Sinn.
Gerade jetzt, wo Europa sich in den Krisen neu einigen lernen muss, wo die EU-Kommission und der IWF mit der Orban-Regierung verhandeln und Bedingungen stellen, müssen wir als Bürger, Medien- und Kulturschaffende in Europa die hart erkämpfte Demokratie, die Lizenz für das einzige unabhängige ungarische Radio wieder erstreiten.
Die Rechtsradikalen in Europa wie in Ungarn die Jobbik-Partei können wir nur durch Solidarität mit unabhängigen Medien und starken demokratischen Institutionen in ihre Schranken weisen. Machen Sie das Klubradio in Europa bekannt, werden sie Fördermitglied oder Medienpartner, stärken sie Petitionen auch in der EU, damit Orban die Sendelizenz für die Verbreitung von unabhängigen Stimmen in einem freien Europa zurückgeben muss. Helfen Sie durch Spenden den Journalisten zu überleben, besuchen Sie die kritische Kultur und Medienszene in Ungarn als wache Europäer.
Kontakt: http://www.berlin-declaration.org
Erstunterzeichner:
György Konrad, Schriftsteller und Präsident der Akademie der Künste a.D.-Budapest-Berlin
Eva Quistorp, MdEP a.D., Autorin, Berlin
Ulrich Schreiber, Leiter des internationalen Literaturfestivals Berlin
Prof .Julius Schoeps, Historiker, Direktor des Moses Mendelssohn Zentrums für europäisch-juedische Studien Potsdam
György Dalos, Schriftsteller, Berlin-Budapest
Elke Schmitter, Jornalistin und Redakteurin, taz und Spiegel
Peter Stephan Jungk, Schriftsteller, Paris
Rolf Hossfeld, Autor, Wissenschaftler, Lepsius Haus Potsdam
Elisabeth Kiderlen, Jornalistin, Freundeskreis der Boellstiftung
Mischa Gabowitsch, Wissenschaftler, Einsteinforum Potsdam
Gerd Koenen, Autor, Frankfurt
Gabriele von Arnim, Autorin, Berlin
Thomas Boehm, Programmleiter des internationalen Literaturfestes Berlin
Petra Mosbach, Autorin, Starnberg
Julistta Fox, Magazin für Literatur
Peter Hoenisch, Manager, Berlin
Werner Löcher-Lawrence, literarische Agentur ,München
Halina Bendkowski, Autorin, Berlin-New York
Paul Nellen, Journalist, Hamburg

Frauenquote in Ägypten: 2,4% im Parlament


Im neuen 498-köpfigen Parlament von Ägypten sitzen 486 Männer und 12 Frauen. Das ist, für islamistische Verhältnisse, eine beeindruckende Frauenquote von immerhin 2,4%. Diese 12 Frauen gehören folgenden Parteien an:

  • 4 Frauen sind Mitglieder der islamistischen Muslimbrüder, deren Partei sich sinnigerweise „Freiheits- und Gerechtigkeitspartei“ nennt
  • 3 sind Mitglied der liberalen Wafd-Partei
  • eine Abgeordnete gehört zur Ägyptischen Sozialdemokratischen Partei
  • und eine zur Reform- und Entwicklungspartei,

die restlichen 3 sind koptische Christen. Wir sehen: die 2010 von Mubarak eingeführte Frauenquote im Parlament konvergiert wieder gegen Null, was den Vorteil hat, daß die bärtigen Schlafanzugträger im Parlament gar nicht erst durch aufreizend zur Schau getragene Röcke erregt werden. Sie können also (siehe Foto) ihrer anstrengenden Tätigkeit ganz ohne Störung nachgehen. Das können ihre türkischen Kollegen seit dem Oktober 2011 ebenfalls, weil deren Parlament in diesem Monat das Hosenverbot für Frauen aufgehoben hatte. Seitdem dürfen auch Abgeordnete wie die arm- und beinamputierte Safak Pavey, die bis zu diesem Zeitpunkt im Plenum stets ihre Beinprothese offen zeigen mußte, eine Hose anziehen. Was für ein Fortschritt! Ob es allerdings jemals in Ägypten so weit kommen wird wie in Israel, wo Gerichte das ehemalige Staatsoberhaupt wegen Vergewaltigung und sexueller Belästigung ins Gefängnis steckten, darf bezweifelt werden, denn im Islam bedient man sich ja einer inversen, besser gesagt perversen Logik – dort wird die Vergewaltigte bestraft und der Vergewaltiger darf als Ankläger seine Ehre verteidigen.
Bleibt zu hoffen, daß das Bündnis zwischen Muslim-Bruderschaft und Militär in Ägypten irgendwann von einer weiteren „grünen“ Revolution hinweggefegt wird. Denn daß diese Irren in der Regierung sitzen, kann nur einen Einfaltspinsel wie Jürgen Trittin kalt lassen, für den die ([2])

Muslim-Brüder sind so wie die CSU in Bayern.


Anmerkungen und Links

[1] Türkisches Parlament hebt Hosenverbot für Frauen auf
[2] Jürgen Trittin: Muslim-Brüder sind so wie die CSU in Bayern
Internationale Gesellschaft für Menschenrechte
IGFM – Deutsche Sektion e.V.
Borsigallee 9, 60388 Frankfurt/Main
Tel.: 069-420108-0, Fax: 069-420108-33
eMail: presse@igfm.de, www.menschenrechte.de

Reich-Ranicki im Bundestag, Facebook-Cordula Schuh und Norbert Lammert


Als am 27. Januar 2012 Marcel Reich-Ranicki im Bundestag seine Rede hielt, war der Saal mit ernst dreinblickenden Menschen gefüllt, Sorgenfalten und traurige Mienen prägten das Bild. Viele Abgeordnete, darunter jene, bei denen Betroffenheit, vorzugsweise über „soziale Ungerechtigkeit“, zum Markenzeichen gehört, blickten zum Rednerpult und warteten gespannt auf den Moment, in dem der „Literaturpapst“ das Wort ergreifen würde. Ich möchte zu Beginn eines klarstellen: ich unterstelle keinem der dort Versammelten, daß seine Betroffenheit gespielt sei. Ob Lammert, von der Leyen, Gysi oder Wagenknecht: allen Abgeordneten ging es wirklich um ein würdevolles Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus. Sie meinten es ernst.
Das hält mich aber nicht davon ab, die gesamte Veranstaltung kritisch unter die Lupe zu nehmen. Z.B. den Bundestagspräsidenten Norbert Lammert, der am 27. Januar als Vorredner auftrat.

Lammert habe ich noch in sehr unangenehmer Erinnerung, weil er bei der Feier zum 60. Jahrestag der Staatsgründung Israels in der Frankfurter Paulskirche ebenfalls eine Rede hielt. Bei dieser Feier (siehe [10]) verschwendete Lammert kein Wort über den antisemitischen Pöbel, der sich vor der Kirche aufhielt und bei fehlendem Polizeischutz nur zu gerne die ganze Versammlung in der Kirche niedergeschrien hätte.
Als Lammert damals seine Rede begann, dachte er wohl, daß man ihn in seinem Heimatland Deutschland nicht wie seinerzeit den Parteikollegen Hans-Gert Pöttering vor der Knesset mit eisiger Ablehnung und einem Rüffel durch die Knesset-Vorsitzende Dalia Itzik(Bild unten) abwatschen könne und begann daher seine Frankfurter Rede mit der üblichen Rückschau auf die Gründungstage Israels (und Deutschlands) sowie ein paar dürftigen Worten des Lobes für die Aufbauleistungen Israels.

Die bei der Paulskirchen-Veranstaltung (2008) anwesenden Vertreter der stramm antizionistischen Presseorgane Deutschlands brauchten aber nicht lange auf den wichtigsten Punkt seiner Rede, die Israel-Kritik, zu warten. Exakt 52% seiner Rede hatte Lammert abgelesen, als er zu dem Punkt kam, der dann in der Frankfurter Rundschau vom 16.Mai 2008 dankbar als „Kritik aus Respekt“ beschrieben wurde: bis heute gebe es keinen Frieden mit den Palästinensern. Und wer ist daran schuld? Auch als habilitierter „Israel-Kritiker aus Respekt“ bietet sich hier eine bewährte „differenzierte“ Sichtweise des Problems an – man finde einen Juden, den man nach vorne schiebt, um notfalls hinter ihm in Deckung zu gehen. Und so wird ausgerechnet (!) der vor Lammert in der ersten Reihe sitzende neue israelische Botschafter mit einer Aussage zitiert:

„Dass wir es nicht geschafft haben, Frieden mit unseren Nachbarn, den Palästinensern, zu schließen“ hat der neue israelische Botschafter in Deutschland, Yoram Ben-Zeev, vor einigen Tagen in einem Interview als „größten Fehler in den 60 Jahren“ bezeichnet (Badisches Tageblatt vom 6. Mai 2008).

Daß sich Lammert – bewußt oder unbewußt – dieser Alibimasche bediente, war ein Skandal, der in Deutschland als solcher schon gar nicht mehr wahrgenommen wird. Hätte Lammert diese Rede in der Knesset gehalten, so hätte ihn die Knesset-Vorsitzende Dalia Itzik mit ein paar unangenehmen Fragen konfrontiert. Statt dessen stellte sich Lammert dann weiter die Frage, wer denn für die Verhältnisse im Gazastreifen die Verantwortung trägt:

Wer jemals das Elend der Palästinenser insbesondere im Gazastreifen gesehen hat, der muss in der Tat auch nach der israelischen Verantwortung für die aktuellen Verhältnisse fragen.

Kam das Wort „Hamas“ überhaupt in Lammerts Rede vor? Nein. Deutsche Politiker sehen beim Blick auf Palästina zuallererst die „israelische Verantwortung für die aktuellen Verhältnisse“. Ausgerechnet jene, die sich mit dieser Blickweise auf die Geschehnisse im Nahen Osten immer schon besonders „ausgewogen“ vorkommen, werfen den Israelis regelmäßig „Unverhältnismäßigkeit“ und „Unausgewogenheit“ vor. Und wie auf den Hetzseiten der NPD, des Muslim-Markt oder der „anti-imperialistischen Widerstands-Komitees“ fragte sich Lammert weiter voller Sorge:

Und natürlich ist die Frage erlaubt, ob manche Sicherheitsvorkehrungen – zum Beispiel im Westjordanland mit rund 600 Kontrollposten – nicht eher den Islamismus fördern als die Friedensbereitschaft auf beiden Seiten.

Ihre Fragen, Herr Bundestagspräsident, sind erlaubt. Und wenn Sie an einer oder auch mehreren Antworten interessiert sind, dann sollten Sie Ihre Fragen vielleicht auch mal denjenigen Menschen in Israel stellen, die alltäglichem Terror der Palästinenser ausgesetzt waren oder noch sind. Oder meinen Sie, daß die Israelis diese Kontrollpunkte alle nur zum Scherz eingerichtet haben? Daß man sie eigentlich alle abbauen könnte, die „Mauer“ am besten auch noch gleich, damit man anschließend den Palästinensern beim Abschießen ihrer Raketen und Mörsergranaten besser zusehen kann?
Daß nun ausgerechnet Norbert Lammert, der „ausgewogene Israel-Kritiker“ par excellence, den Vorredner zu Marcel Reich-Ranicki abgeben mußte, wirft ein bezeichnendes Licht auf die Planer dieser Bundestagsveranstaltung. Hier scheint man wohl vergessen zu haben, daß es irgendeinen wesentlichen Zusammenhang zwischen den jüdischen Opfern des Nationalsozialismus und dem Staat Israel gibt. Und so schickt man dann einen vor, der in seiner Rede von den ungeheuren Verbrechen spricht, die von den „Nazis“ an den Juden begangen worden seien.
Nein, lieber Prof.Dr. Norbert Lammert, auch Akademiker können sich mal irren. Es waren nicht die Nazis, es waren die Deutschen, die diese Verbrechen begangen haben. Es gibt zwar haufenweise Studien und Bücher, aus denen hervorgeht, daß der Nationalsozialismus und der Antisemitismus breiteste Zustimmung in allen Bevölkerungsschichten Deutschlands hatte, aber davon möchten deutsche Volksvertreter anscheinend nichts wissen. Dabei hätte schon ein Blick in die Biographie „Mein Leben“ von Marcel Reich-Ranicki genügt, um zu erfahren, daß es promovierte Juristen, Metzger und Hertha-BSC-Fans waren, die sich darüber amüsierten, wenn Juden sich vor ihnen ausziehen und auf ihre Unterkleidung urinieren mußten. Ich habe diese Berichte MRRs im Anhang auszugsweise wiedergegeben, weil sie deutlich machen, daß Sadismus und Mordlust nicht ausschließlich auf fanatisch ideologisierte Nazis begrenzt waren. Auch bei Joe Heydecker, dem einzigen deutschen Soldaten, dem es gelang, im Warschauer Getto erschütternde Fotos von den vielen halb verhungerten Kindern auf den Strassen zu machen, können wir nachlesen, daß es die ganz „normalen Bürger“ waren, die sich an den barbarischen Zuständen im Getto delektierten:

Die Zuschauer waren Soldaten aller Dienstgrade zumeist, auch Offiziere, dann oft deutsche Zivilisten aus der Verwaltung des Generalgouvernements, Sekretärinnen, uniformierte Beamte, Arbeitsdienst, Eisenbahner, Rotkreuzschwestern. Ich habe dort, glaube ich, alle Uniformen aller Einheiten und Organisationen gesehen … Die Vorgänge an den Warschauer Gettotoren haben im Laufe der langen Zeit von 1941 bis 1943 hunderttausende oder noch viel mehr Menschen gesehen, sicher fast jeder, den sein Kriegsschicksal einmal nach Warschau führte – und das waren Millionen.

was mir die Frauen an diesem Abend erzählten, zerstörte den letzten Rest meines Glaubens, daß es ein Deutschland gäbe, das dies alles nicht zulassen würde.
Sie sprachen von den Deutschen, ohne herumzuklügeln, ob es nun SS, Wehrmacht, Polizei oder wer weiß was sonst gewesen sei – alle ihre Peiniger bei der Austreibung aus den Landgemeinden waren jedenfalls Deutsche gewesen.

Es ist, nach meinen eigenen Erfahrungen, ganz falsch, in der deutschen Kriegsdisziplin und Perfektion eine Art Mythos zu sehen. Auf dem östlichen Kriegsschauplatz, den vermeintlich raschen Sieg vor Augen, wurde nicht der geringste Wert darauf gelegt, die Ausrottung der Juden verborgen oder geheimzuhalten. An den Massengräbern, wo Ortschaft um Ortschaft die jüdischen Einwohner ohne Unterschied von Alter und Geschlecht blutig niedergemetzelt wurden, standen immer Soldaten, Eisenbahner, Männer der Organisation Todt, Zivilisten, manchmal in der Badehose, oft mit Fotoapparaten, und sahen dem grausigen Schauspiel zu. Die Mordkommandos hatten gar nichts dagegen, es gab keine Absperrungen, niemand wurde vertrieben. Wahrscheinlich galt allgemein vorausgesetzt, jeder Deutsche, in welcher Uniform oder Kleidung immer er da herumstehen mochte, sei als Gefolgsmann Hitlers ohnehin mit den Geschehnissen einverstanden.

Es ist also, wie so häufig in der Geschichte, etwas komplizierter als man denkt. Trotzdem glaube ich, daß Lammert keinesfalls eine Relativierung der Täter und Ursachen versuchte, er hat mit guter Absicht eine Rede formuliert, die im großen und ganzen auch den richtigen Ton traf, aber Kritik darf ja wohl sein, auch wenns mal keine Israelkritik ist.
Andererseits: es gibt auch Leute, denen man es nie recht machen kann, egal was man sagt. Dazu gehören jene Facebook-Teilnehmer, die in jedem Menschen, der nicht mindestens 10 mal am Tag auf seiner Pinnwand gegen Israelhasser und Islamismus protestiert, schon einen Antisemiten sehen.
So können wir etwa auf [7] folgendes Zitat unserer Bundesfamilienministerin Kristina Schröder lesen:

Auf Twitter: „Beeindruckende Rede eben von Marcel Reich-Ranicki anlässlich der Gedenkstunde Nationalsozialismus eben im Bundestag. Sein Buch „Mein Leben“ ist meines Erachtens auch eines der eindrücklichsten Werke über die NS-Zeit. Habe ich mit Anfang 20 verschlungen.“

Darauf schreibt eine Leserin mit dem interessanten Namen Cordula Schuh:

Eine Frage, Frau Schröder:Wie bitte kann man ein Buch bzw. den Inhalt über die Grausamkeiten des NS-Regimes „verschlingen“? Mund auf – Geschichte rein und dann -ohne zeitintensive Umwege in Gehirn und Herz – ab in den Verdauungstrakt?

Ginge es also nach Cordula Schuh, so würde man alle diejenigen, die die Bücher von Reich-Ranicki „verschlungen“ haben, an den Pranger stellen und mit Schuhen bewerfen. Hier ist das Diskussionsniveau, wie bei Facebook so oft, ja nun wirklich am Arsch. Es tritt einem in Form eines Schuhs der beste aller Gutmenschen entgegen: Frau Cordula Schuh, die die Bücher Reich-Ranickis nicht verschlingt, sondern wochenlang nur hinunterwürgt und nicht auszuscheiden wagt, denn wie sie es auch machte, ausgeschissen oder ausgekotzt – es würde ihr immer ein Strick draus gedreht. Man kann an Kristina Schröder (früher: Köhler) ja alles mögliche kritisieren, aber ihr vorzuwerfen, sie habe das Buch von Reich-Ranicki nur verschlungen und daraus zu folgern, sie habe es nicht „mit Herz und Hirn“ gelesen, das ist mit Sicherheit Schwachsinn und grenzt an Verleumdung.
Zum Schluß ein Wort des Altmeisters Reich-Ranicki, der von sich selbst sagt, er sei der
umstrittenste Literaturkritiker Deutschlands:
MRR am Ende des Interviews mit der Jüdischen Allgemeinen

Sie sind 1959 nach Deutschland gegangen. Würden Sie rückblickend sagen, dass dieser Entschluss richtig war?
Am liebsten wären wir nach dem Krieg in die Schweiz übergesiedelt. Aber wir hatten damals kein Geld, man hätte uns dort nicht aufgenommen. Ob es richtig war, nach Deutschland zu gehen und nicht etwa nach Israel oder in die USA? Darüber möchte ich hier und heute nicht sprechen. Ich habe keine Kraft mehr. Haben Sie Nachsicht mit mir. Ich bin ein alter Mann. Adieu.

Die Nachsicht sei dir gegönnt, alter Mann!


Anmerkungen und Links

[1] Die Rede Reich-Ranickis im Wortlaut
[2] Die FAZ zur Rede Reich-Ranickis
[3] SPIEGEL-Online über die Rede Reich-Ranickis
[4] Evelyn Hecht-Galinsky in der Neuen Rheinischen Zeitung zur Rede Reich-Ranickis
[5] Facebook Diskussionen zu Reich-Ranicki
[6] Die Jüdische Allgemeine: Interview mit Reich-Ranicki einen Tag vor seiner Rede im Bundestag
[7] Reich-Ranicki Seite auf Facebook
[8] Marcel Reich-Ranicki: Mein Leben, Deutsche Verlagsanstalt, 1999
[9] Joe J.Heydecker: Das Warschauer Getto, Fotodokumente eines deutschen Soldaten aus dem Jahre 1941 (vergriffen)
[10] Israel wird 60, Feier in der Paulskirche
[11] Kristina Köhler wird zum Haßobjekt politisch korrekter Blogger


Auszug und Kommentar zu Reich-Ranickis Buch „Mein Leben“:


Im Oktober 1939 bekam die Familie Reich-Ranicki in Warschau Besuch von ein paar netten, jungen deutschen Soldaten. Diese klopften artig an der Haustür, wo ihnen der Hausmeister öffnete. Dem erklärten sie, man bräuchte einen Zahnarzt – und hier wohne doch einer, nämlicher Marcels Bruder Alexander. Der war in der Tat Zahnarzt, und so klopften die Soldaten alsbald an der Wohnungstür der Familie Reich-Ranicki, um sich zu erkundigen, wo denn der Zahnarzt sein Gold versteckt habe. Denn die deutschen Herrenmenschen hatten gar keine Zahnschmerzen, sondern waren von der Möglichkeit fasziniert, im Selbstbedienungsladen jüdischer Untermenschen ihren Sold aufzubessern. Also haben sie sich an der Haustür gedacht: hier wohnt ein Zahnarzt, noch dazu ein Jude, der soll mal was von seinem Gold rausrücken.
Das tat er dann auch. Die Deutschen freuten sich und zogen mit vollen Hosentaschen wieder ab. Irgendwelche Skrupel oder Ängste brauchten sie nicht zu haben. Das war ja gerade das Schöne an der Besetzung Warschaus: man konnte all das gefahrlos machen, wofür man sich zu Hause, in Stuttgart, Berlin oder Hamburg, immer noch ein wenig schämen mußte. Im besetzten Polen, fernab der Heimat, gab es dagegen niemanden, der einem tapferen deutschen Soldaten das Recht streitig machen wollte, den jüdischen Spekulanten, Währungsheuschrecken und Wucherern ein wenig von ihrem Gold oder Schmuck abzunehmen.
Denn

hier unterlagen sie keiner Aufsicht und keiner Kontrolle. Anders als am Rhein oder Main konnten sie endlich tun, wovon sie immer schon geträumt hatten: die Sau rauslassen.

Und das taten die Besatzer denn auch immer öfter:

Ende November 1939 erschienen in unserer Wohnung wieder einmal deutsche Soldaten, jetzt aber zwischen zehn und elf Uhr vormittags. Sie wollten anders als ihre schneidigen Vorgänger weder Geld noch Gold, vielmehr benötigten sie Arbeitskräfte, also vor allem junge Männer. Sie nahmen uns gleich mit: meinen Bruder, der die zahnärztliche Behandlung eines vor Schreck erstarrten Patienten unterbrechen mußte, und mich. Auf der Straße stand schon eine Kolonne von dreißig oder vierzig Juden. Da wir etwas besser angezogen waren als die anderen, wurden wir mit spöttischen Zurufen an die Spitze dieses Zuges kommandiert.

Wir mußten nun losmarschieren ohne zu wissen, wohin und wozu. Unsere Bewacher und Antreiber, meist meine Generationsgenossen, also zwanzig, höchstens fünfundzwanzig Jahre alt, machten sich einen Spaß daraus, uns zu schikanieren und bald auch zu quälen. Sie befahlen uns zu tun, was ihnen gerade einfiel: schnell zu rennen, plötzlich stehenzubleiben und dann wieder ein Stück zurückzurennen. Wenn auf unserem Weg eine große Pfütze war (es gab sie im zerstörten Warschau überall) und wir sie zu umgehen versuchten, wurden wir sofort gezwungen, durch diese Pfütze mehrfach hin- und zurückzulaufen. Unsere Kleidung sah bald erbärmlich aus und eben darauf kam es diesen Soldaten an. Dann sollten wir singen. Wir sangen ein populäres polnisches Marschlied, aber unsere Bewacher verlangten ein jiddisches Lied.
Schließlich befahlen sie uns, und dieser Einfall schien ihnen sehr zu gefallen , im Chor zu brüllen: »Wir sind jüdische Schweine. Wir sind dreckige Juden. Wir sind Untermenschen« und dergleichen mehr. Ein etwas älterer Jude stellte sich taub. Jedenfalls hat er nicht mitgebrüllt vielleicht weil er zu schwach war oder weil er den Mut hatte, gegen diese Demütigung zu protestieren. Der Soldat schrie »Lauf!«, der Alte lief einige Schritte, der Soldat schoß in seine Richtung, der Jude fiel hin und blieb auf dem Straßendamm liegen. Verletzt? Getötet? Oder nur vor Schreck hingefallen? Ich weiß es nicht, niemand von uns durfte sich um ihn kümmern.

Und ich? Hatte mich dieser deutsche Barbar in der Uniform der Wehrmacht beleidigt oder erniedrigt oder gedemütigt? Ich glaubte damals, er könne mich gar nicht beleidigen, er könne mich nur verprügeln oder verletzen oder auch töten. Ich meinte, es sei richtiger, diesen grausamen Zirkus schweigend, brüllend und singend mitzumachen, als den Tod zu riskieren. Ungewöhnlich war das alles nicht. Es spielte sich beinahe täglich ab, in beinahe jeder polnischen Stadt. Ungewöhnlich vielmehr war, was ich an jenem Vormittag, unmittelbar nach diesem Marsch zur Arbeit, noch erlebt habe.
Nach zwanzig oder dreißig Minuten waren wir am Ziel angelangt, einem kurz vor dem Krieg erbauten, großzügigen Studentenheim am Narutowicza-Platz. Das riesige Gebäude wurde jetzt als deutsche Kaserne benutzt. Unsere Aufgabe war es, das ganze Untergeschoß, in dem sich zu unserem Leidwesen auch ein Schwimmbad befand, gründlich zu reinigen. Unsere Bewacher teilten uns mit, sie würden uns allesamt, sollten wir nicht gut und schnell genug arbeiten, mit einem kräftigen Tritt in das Schwimmbad befördern. Ich hielt das für durchaus möglich.
Aus irgendeinem Grund wollte einer dieser lustigen, dieser brutalen Soldaten etwas von mir wissen. Er war, das hörte ich sofort, aus Berlin. Ein Gespräch mit ihm hätte vielleicht nützlich sein können. So wagte ich ein vorlautes Wort: Ich sei ebenfalls aus Berlin. Schüchtern fragte ich ihn, wo er denn wohne. »Gesundbrunnen« antwortete er unwillig. Dort hätte ich, erlaubte ich mir zu bemerken, schöne Fußballspiele gesehen. In der Tat habe ich mich in meiner frühen Schulzeit für Fußball interessiert, nur vorübergehend, aber noch wußte ich über die wichtigeren Berliner Mannschaften gut Bescheid. Sein Verein, rühmte sich der Soldat, sei Hertha BSC. Rasch nannte ich die Namen der damals berühmten Spieler und das hat mich gerettet.

Er war erfreut, in Warschau, in dieser ihm fremden Welt, jemanden gefunden zu haben, mit dem er sich über Hertha BSC und die Konkurrenzmannschaften unterhalten konnte. Derselbe junge Mann, der uns vor kaum einer halben Stunde sadistisch geschunden und gezwungen hatte zu brüllen, wir seien dreckige Judenschweine, er, der uns noch vor wenigen Minuten mit der Pistole in der Hand gedroht hatte, er würde uns gleich ins eiskalte Wasser des Schwimmbads jagen, dieser Kerl benahm sich jetzt ganz normal, ja nahezu freundlich. Ich brauchte überhaupt nicht mehr zu arbeiten, auch mein Bruder wurde besser behandelt, er profitierte von meinen verblüffenden Informationen. Nachdem dieser Fußball-Enthusiast aus Berlins Norden beinahe eine Stunde mit mir geplaudert hatte, durften wir, mein Bruder und ich, nach Hause gehen.
So war es: Jeder Deutsche, der eine Uniform trug und eine Waffe hatte, konnte in Warschau mit einem Juden tun, was er wollte. Er konnte ihn zwingen, zu singen oder zu tanzen oder in die Hosen zu machen oder vor ihm auf die Knie zu fallen und um sein Leben zu flehen. Er konnte ihn plötzlich erschießen oder auf langsamere, qualvollere Weise umbringen. Er konnte einer Jüdin befehlen, sich auszuziehen, mit ihrer Unterwäsche das Straßenpflaster zu säubern und dann vor aller Augen zu urinieren. Den Deutschen, die sich diese Späße leisteten, verdarb niemand das Wort.

Deutsche Besucher gab es in unserer kleinen Wohnung jetzt immer häufiger. Ende Januar 1940 wünschten zwei oder drei Soldaten meinen Bruder zu sehen, wahrscheinlich wollten sie ihn verhaften. Zufällig war er nicht zu Hause. Also warteten sie auf ihn. Es handelte sich aber nicht etwa um einen der alltäglichen Übergriffe und Eigenmächtigkeiten, denn das ganze Haus war umstellt, niemand durfte es verlassen oder betreten. Nur um ein kleines, neun-oder zehnjähriges Mädchen, die Tochter unseres Hausmeisters, die auf dem Hof Ball spielte, kümmerten sich die Wachtposten überhaupt nicht. Diesem kleinen Mädchen hatte aber seine Mutter gesagt, es solle, weiterhin Ball spielend, unauffällig auf die Straße gehen, dem Herrn Doktor entgegenlaufen und ihn warnen. So geschah es. Mein Bruder kehrte sofort um und verbarg sich in der Wohnung von Freunden. Inzwischen warteten die Soldaten ruhig und geduldig ziemlich lange, wohl zwei oder drei Stunden. Dann wurden sie abgezogen; die treuherzige Frage meiner Mutter, ob sie heute noch wiederkommen würden, verneinten sie entschieden. Tatsächlich kamen sie nicht wieder.
Wenige Tage später erfuhren wir den Hintergrund. Einem jungen Polen jüdischer Herkunft, der an mehreren erfolgreichen Aktionen einer patriotischen Widerstandsorganisation teilgenommen hatte, war es auf abenteuerliche Weise gelungen, aus dem Warschauer Gestapo-Gefängnis fliehen. Daraufhin wurden über hundert Personen, sowohl Juden als auch Nichtjuden, als Geiseln genommen, und zwar ausschließlich Akademiker: Rechtsanwälte und Ingenieure, Ärzte und Zahnärzte. Auf dieser Liste stand der Name auch meines Bruders.

Free Jazz und Schreibstil

Ich hatte auf diesem Blog schon mal geschrieben, daß es sich beim Free-Jazz um reine „Scharlatanerie“ handelt, so wie „moderne Kunst“ häufig nur Verarschung eines dummen Publikums ist. Trotzdem begegnen mir immer wieder Leute, die darüber reden, als wenn sie wüßten, was das Wort bedeutet.
Meist sind es Alt-68er, die vor 35 Jahren mal im Radio etwas von Free-Jazz gehört haben und danach nie wieder… jetzt arbeiten sie als Referenten des Goethe-Instituts, Berater von Internationes oder Referatsleiter der Otto-Behnicke-Stiftung, gehen am Wochenende in Seminare über Ayurweda oder Homöopathie und Sonntag abends in die Oper, um sich auf diese Weise von ihrem anstrengenden Dasein im öffentlichen Dienst zu erholen oder besser: um in gehobener Atmosphäre einfach mal ein wenig Gedankenarmut auszutauschen.
Von Musik verstehen diese Leute in der Regel gar nichts, was ihr gutes Recht ist, aber die Gleichsetzung Jazz = Free Jazz ist dämlich, sie kommt schon eher aus dem Untertagebau der menschlichen Intelligenz, und trotzdem wird sie vorgetragen wie ein Axiom aus der Mengenlehre, um dessen Beweis man sich nicht kümmern muß.
Schlimm? Ja, schlimm. Aber derartige musikalische Einfaltspinsel sind noch gar nichts gegen jene Alt-68er, die zwar schon etwas vom Unterschied zwischen Freejazz und Hardbop gehört haben, sich jedoch nur dann in die Bonner Beethoven-Halle oder Kölner Philharmonie wagen, wenn dort „konzertfähiger“ Jazz geboten wird, also etwa Oscar Peterson oder Jan Garbarek. Dieses gehobene Publikum kommt sich einerseits toleranter, weltoffener und moderner vor wie jene Besucher der Oper, denen der Jazz nur in Form eines „Free-Jazz“ bekannt oder besser gesagt „unbekannt“ ist, aber es besteht andererseits aus ebensolchen Knalltüten und Ignoranten, die sich schon immer davor fürchteten, mit den Hörern von „Konzerten“ in einen Topf geworfen zu werden, die in New Yorker oder Bonner Bahnhofskneipen stattfinden. Um Gottes willen nicht diese „Niederungen“…. wenn schon Jazz, dann bitte mit Stil und danach ein Glas Sekt im Restaurant der Beethoven-Halle.
Dabei offenbaren sich gerade dort in den Niederungen erst die wirklichen Talente. Nämlich junge Musiker, die, schon bevor sie auf die Musik-Hochschule gehen, gestoßene 16tel auf ihrem Saxophon blasen oder auf ihrem Klavier „modal“ improvisieren können. Es sind Schüler von Musikschulen, die sich das Geld für ihre Instrumente vom Munde abgespart haben, jenen Musikschulen, denen das Geld fehlt, das die Städte in die Vergnügungstätten der großbürgerlichen Eliten stecken: Opernhäuser, Stadttheater und Kunstmuseen.
Doch was hat das alles mit „Schreibstil“ zu tun? Nun, die obigen Zeilen sind eben in einem gewissen „Stil“ geschrieben. Ich polemisiere hier gegen etwas, das mir auf den Geist geht. Manche meinen, da werde zu dick aufgetragen. Es sei alles „so verbittert“. Und ich werde manchmal auch gefragt:

Aber warum Sie immer so „over-the-point“ gehen müssen beim Schimpfen, kann ich nicht nachvollziehen!

Ich auch nicht. Ich sehe da nirgends etwas, was nach „over-the-point“ aussieht. Die Frage ist auch, ob man mein Geschreibsel mit dem Wort „Schimpfen“ ausreichend beschreiben kann. Es ist vielleicht eine milde polemische Auseinandersetzung mit dem Standpunkt gewisser Leute, aber Geschimpfe wäre, wenn ich 5 mal hintereinander „Arschloch“ sage. Die Sache mit dem (Free-)Jazz habe ich in den letzten Jahrzehnten eben zu oft gehört, um mir darüber keine Gedanken zu machen. Aus der Einstellung von Menschen zu bestimmten Stilrichtungen unserer Musik kann man vieles ableiten, was ihr Verhältnis zur Gesellschaft und zum Leben erklärt, und das betrifft wahrlich nicht nur den Aufsatz des „Neger-Jazz-Verächters“ Theodor W.Adorno über das „sozial nicht konformierende Moment des Jazz“.
Auch das, was ich z.B. über Richard David Precht geschrieben habe, hat – aus meiner Sicht – nichts mit „over-the-point“ Schimpfen zu tun. Es ist eine Polemik im Stile von Broders Artikel über Sloterdijk. Und diese Art Polemik hat nie jemandem weh getan.
Eine andere auf den Schreibstil bezogene typische Antwort auf meine polemische Kritik an Free-Jazz, Vollwerternährung oder den zahllosen Liebeserklärungen deutscher Akademiker an die palästinensische Hamas ist die folgende:

Ach ja, irgendwie bekommen Ihre Attacken langsam was Verkrampftes,muss nicht sein!

Das ist eine besonders typische, sehr häufig vorkommende Phrase: wer etwas kritisiert, was der Medien-Mainstream als offensichtlich wahr und richtig beschreibt, ist „verkrampft, verbittert, einsam“.
Dazu kann ich nur antworten:Welche Attacken? Was ist das besonders Verkrampfte an der Aussage „Noch schlimmer sind dann jene Alt-68er, die zwar den Unterschied zwischen Freejazz und Hardbop kennen, aber nur dann sich in die Beethovenhalle Bonn oder die Philharmonie in Köln bemühen, wenn dort „konzertfähiger“ Jazz geboten wird, etwa Oscar Peterson oder JanGarbarek. “ ?????
Verkrampft sind in meinen Augen ganz andere Leute. Ich habe mich mal einen Vormittag lang in Bonn mit einer Mitarbeiterin von Human Rights Watch unterhalten. Ich kannte sie von meinen früheren „grünen“ Aktivitäten her. HRW ist bekanntlich auf einem Auge blind – dem palästinensischen, und ich habe sie deshalb zu ihrer Meinung über Henryk M.Broder gefragt. Sie meinte milde lächelnd, daß ihr der wie ein völlig verkrampfter Journalist mit Schaum vorm Mund vorkäme. Ein interessanter Standpunkt, besonders von einer Mitarbeiterin einer Organisation für Menschenrechte, die einen ihrer militärischen Berater entlassen mußte, der jahrelang für HRW Gutachten über die israelische Kriegführung geliefert hatte, nebenbei aber ein eifriger Sammler von Memorabilien aus der Nazi-Zeit war und unter dem Pseudonym Flak88 begeisterte Kommentare auf Sammlerseiten geschrieben hat. (So hat er etwa geschrieben: „Das ist so cool! Diese SS-Lederjacke lässt mein Blut gefrieren, sie ist so COOL!“). Besagte Mitarbeiterin aber kam sich vor, als liefe sie mit einem Heiligenschein ihrer Organisation über dem Kopf herum, und Kritiker wie Broder seien natürlich nichts als „verkrampfte Schaumschläger“.
Wie immer in solchen Fällen muß man hier ausgleichen: auch HRW macht sinnvolle Arbeit, (etwa im Kongo und in Darfur) und längst nicht alle Mitarbeiter sind so wie besagte ehemalige (oder auch Noch-) Grüne. Das hindert mich aber nicht, Stellung zu beziehen und zu sagen, daß das Engagement jener HRW-Mitarbeiterin von verkrampfter Frankensteinscher Einfühlsamkeit geprägt ist.
Wer viel schreibt und dies ernsthaft mit der Absicht tut, das Verständnis der Leser zu gewinnen, überlegt häufiger und tut sich überhaupt schwer mit dem Schreiben, im Sinne von Wolf Schneider, den ich schon öfters erwähnt hatte. Was ich schreibe, kommt immer voll aus dem Herzen (aus meiner Sicht eher aus der Birne) und ist meist mit komplexen Argumenten unterfüttert. Zwischendurch sage ich auch gerne BUMM,BUMM und Peng, Peng, aber dann versuche ich wieder, meine Gedanken möglichst verständlich und genau aufs Papier zu bannen.
Ist das schlimm? „over-the-point“ ? Nicht nachzuvollziehen? Aufgeregt?


Foto oben: Tenorsaxophonist Michael Brecker

Das Warschauer Getto 16. Oktober 1940 bis 16. Mai 1943

Willy Brandts Kniefall vor dem Mahnmal zum Gedenken an den jüdischen Ghetto-Aufstand von 1943 am 7.Dezember 1970 war eine Sensation: niemand hatte mit dieser spontanen Geste gerechnet, mit der Brandt um Vergebung bat für die Verbrechen der Deutschen im Warschauer Ghetto, in Auschwitz und Treblinka, in den vielen anderen KZ in Polen. Dieses Bild ging damals um die Welt, und natürlich jammerten in Deutschland gleich wieder die ewiggestrigen Rechten über den „Verzichtspolitiker“ Brandt, der mit seinem Warschauer Vertrag den endgültigen Verzicht Deutschlands auf die ehemaligen Ostgebiete unterschrieben hatte. 2008, als der Aufstand im Ghetto sich zum 65. Mal jährte, hielten es die Deutschen nicht für nötig, einen höheren Repräsentanten ihres Staates zur Gedenkfeier in Warschau zu schicken: anwesend waren dagegen die Präsidenten Polens und Israels, Lech Kaczynski und Schimon Peres, der polnische Premier Donald Tusk und Marek Edelman (87), der letzte überlebende Kommandant der Ghetto-Kämpfer, die am 15.04. der Kämpfer und Opfer des Aufstandes im Warschauer Ghetto vor 65 Jahren gedachten.

Bei der zentralen Gedenkzeremonie am Denkmal der Ghetto-Helden in Warschau sagte Kaczynski, obwohl eine Wiederholung des Holocaust unmöglich erscheine, müsse man wachsam sein. Die Gedenkzeremonie sei eine Huldigung für die Helden und zugleich ein «Zeugnis der Erinnerung und Wachsamkeit».
[2]
Während also die Deutschen, die zwischen 1941 und 1943 mit beispielloser Brutalität 500000 Juden im Ghetto von Warschau in den Tod trieben, bei dieser Gedenkfeier mit ihrer Abwesenheit glänzten, machten sich die Vertreter Polens und Israels Sorgen über eine mögliche Wiederholung des Holocaust. Man müsse „wachsam sein“. In der Tat, gibt es doch im Iran einen Staatspräsidenten, der den Holocaust leugnet und den Staat Israel gerne von der Landkarte tilgen möchte. Damit wird er allerdings ein paar Probleme haben, denn diesmal handelt es sich nicht um etliche hunderttausend halb verhungerte unbewaffnete Juden in einem Ghetto, sondern um einen Judenstaat mit einer der besten Armeen dieser Welt.

Über das Warschauer Ghetto und seinen berühmten Aufstand ist viel geschrieben worden – Überlebende wie der Widerstandskämpfer Marek Edelmann, der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki haben ausführlich über ihre Erlebnisse geschrieben, der SS-General Jürgen Stroop lieferte seinen berühmten „Stroop-Bericht“ an Himmler (als Faksimile bei Luchterhand erhältlich). Von deutscher Seite gibt es nur einen einzigen Bericht eines Soldaten, der die Geschehnisse im Ghetto mit Abscheu verfolgte und teilweise mit Fotos dokumentierte: Joe J. Heydecker konnte über 100 Fotos über den Krieg retten, die er 1941 im Ghetto unter Lebensgefahr aufnahm. [3]
Joe J.Heydecker:

Das Warschauer Getto
16. Oktober 1940 bis 16. Mai 1943

Der Stadtbezirk, der Mitte Oktober 1940 vom deutschen Gouverneur Warschaus, Ludwig Fischer, zum »jüdischen Wohngebiet« erklärt wurde, war zu normalen Zeiten von etwa 160 000 Menschen bewohnt. Durch die Kriegsereignisse hatte sich die Einwohnerzahl auf rund 320 000 erhöht. Sie setzte sich zusammen aus 80 000 Polen und 240 000 altansässigen und aus der Provinz nach Warschau geflohenen Juden. Weitere 160 000 Juden wohnten verstreut im übrigen Teil der Stadt. Ihnen befahl Fischers Sonderverordnung vom 16. Oktober 1940, in den jüdischen Bezirk umzuziehen. Derselbe Befehl nötigte die dort ansässigen Polen, das Gebiet zu verlassen. Als Frist wurden vierzehn Tage gegeben, und in diesen zwei Wochen erhöhte sich die Einwohnerzahl des Zwangsbezirks auf fast 400 000 Menschen.

Der Umzug vollzog sich unter verzweifelten Umständen. Es war unmöglich, in der kurzen Frist den Hausrat und die Berufsausrüstung von 160 000 Menschen zu befördern. Die Juden, schon seit Mitte November 1939 durch eine Verordnung des Generalgouverneurs Hans Frank gezwungen, zur Kennzeichnung eine weiße Binde mit einem blauen Davidstern am rechten Ärmel zu tragen, bewegten den dringendsten Teil ihrer Habe auf Handkarren, Kinderwagen und selbstgebauten Fahrgestellen dem ihnen zugewiesenen Wohnbezirk entgegen, Fiebernde, Todkranke, Kleinkinder und Gehunfähige obenauf. Den größten Teil ihres Besitzes, vor allem Möbel, Maschinen und andere Werkstätteneinrichtungen, mußten sie herrenlos zurücklassen. Verzweifelter noch als der Umzug war der aussichtslose Versuch, in dem schon überfüllten Stadtteil ein Unterkommen zu finden. Wer über Geld oder andere Werte verfügte, konnte sich vielleicht noch einen Platz erkaufen, aber die Masse der betroffenen Juden setzte sich aus kleinem Mittelstand, Handwerkern, Arbeitern und Minderbemittelten zusammen. Sie irrten durch die Straßen und Höfe, zogen und schoben ihre Wägelchen, schleppten ihre armseligen Koffer und Säcke, bis sie erschöpft in einer Ecke oder einfach am Straßenrand niedersanken – und hier blieben. Es dauerte Wochen, für viele Unglückliche auch Monate, bis sie schließlich doch noch ein Dach über dem Kopf fanden, eineinhalb Quadratmeter Fußboden in einem schon überfüllten Zimmer, einen Winkel in einem Hausflur, einen Keller in einer Ruine, ein Loch unter einer Treppe. Für viele löste der Tod das Problem.

Am 15. November 1940, vierzehn Tage nach dem Umzug, errichtete deutsche Polizei zusammen mit abkommandierten polnischen Stadtpolizisten an allen Zugangsstraßen des Gettos Sperren und riegelte das Gebiet ab. Die dort zusammengepferchten Menschen saßen damit plötzlich in einer Falle. Stacheldrahthindernisse und später hohe Bretterzäune vollendeten die Absperrung. Dann wurde auf deutschen Befehl um den ganzen etwa vier Kilometer langen und zweieinhalb Kilometer breiten Bezirk eine Ziegelmauer gebaut. Sie war sechzehn Kilometer lang, drei Meter hoch, einen Ziegelstein dick und wurde im Sommer 1941 fertiggestellt. Weite Strecken, besonders an den Seitenstraßen, die in die breite Marszal-kowska mündeten, eine der belebten Hauptstraßen Warschaus, waren aber schon viel früher fertig.
Als äußerer Grund für die Absperrung wurde von den Deutschen »Seuchengefahr« angegeben. Große Schilder an den Zugängen des Gettos wiesen in deutscher und polnischer Sprache darauf hin. Tatsächlich lagen die Verhältnisse umgekehrt. Infolge der Absperrung, Überfüllung und elenden Ernährungs- und Sanitätslage traten Typhusfälle im Getto auf. Hinzu kam, daß immer noch mehr Menschen in den abgesperrten Bezirk gepreßt wurden. In den westlichen Landgebieten Polens mußten die Juden ihre Arbeits- und Heimstätten verlassen und in die Gettos ziehen, die überall in den größeren Orten des Generalgouvernements geschaffen worden waren. So bekam auch das Warschauer Getto ständigen Zuzug aus der Provinz, später auch noch aus anderen unterworfenen Ländern Europas und aus Deutschland selbst. Jedes Haus beherbergte schließlich im Durchschnitt 393 Personen, jeder Raum diente etwa dreizehn Menschen als Wohnstätte. Im Mai 1941 war die Bevölkerung des Warschauer Gettos auf 430 000 Einwohner gestiegen, aber im September des gleichen Jahres waren es nur noch 404000.
Diese Zahlen zeigen die Sterblichkeit. Obwohl es immer Typhusfälle im Getto gab – im Dezember 1941 beispielsweise waren offiziell 2405 bekannt –, starben die meisten Menschen einfach Hungers. Während die Deutschen in Warschau Lebensmittelzuteilungen in Höhe von täglich 2310 Kalorien erhielten, betrug die tägliche Ration für die Bewohner des Gettos im zweiten Halbjahr 1941 nur noch 184 Kalorien. Um diese Zeit gab es für Juden amtlich ein Kilo Brot wöchentlich sowie monatlich 250 Gramm Zucker, 100 Gramm Marmelade und 50 Gramm Fett. Das Brot war mit Kartoffelschalen und Sägemehl versetzt. Und selbst diese Hungerrationen waren unregelmäßig verteilt. Bernard Goldstein berichtet in seinen Getto-Erinnerungen: »Obwohl die Karte zu mehr berechtigte, gab es pro Person nur etwa 20 Gramm Brot und etwas Grütze pro Tag und ganz selten ein bißchen Zucker.« Über hunderttausend Menschen lebten allein von einer Wassersuppe, die täglich von einer jüdischen Selbsthilfeorganisation ausgegeben wurde und oft nur aus gekochtem Heu bestand. Im Februar 1941 starben im Getto von Warschau 1025 Menschen, im März 1608, im April 2061 und im Mai 3821. Im ganzen Jahr 1941 starben über zehn Prozent der Gettobevölkerung, nämlich 44 630 Menschen, die meisten am Hunger, 15 780 am Typhus und ein unbekannter Teil erfror während der Wintermonate. Zynisch meinte Gouverneur Fischer: »Die Juden werden vor Hunger und Elend eingehen, und von der jüdischen Frage wird nur noch ein Friedhof übrigbleiben.« In einem Bericht an die polnische Untergrundpresse hieß es im April 1942:
»Wir sehen täglich bettelarme, vor Hunger geschwollene Gestalten, wir sehen Kinder, zu Skeletten abgemagert, mit Hungergeschwüren bedeckt, kraftlos auf der Straße liegen. Den Menschen bleibt nur eines übrig: der Tod auf der Straße.“
Bernard Mark berichtet: »Der Hunger verursachte massenhaftes Betteln. Durch die Straßen zogen Gruppen bettelnder, abgezehrter Kinder und sangen mit wehklagender Stimme das bekannte Gettolied: Gite mentschn, hot rachmunes, der tate is geschtorbn fun hunger un nojt. Gite mentschn, hot rachmunes, werft arop a schtikele brojt. (Gute Menschen, habt Erbarmen, der Vater ist vor Hunger und Not gestorben. Gute Menschen, habt Erbarmen, werft herab ein Stückchen Brot.)«
In dem vergrabenen Ringelblum-Archiv, das nach dem Krieg auf dem Ruinengelände des ehemaligen Gettos gefunden wurde, heißt es: »Ein Leben ohne Brot, ohne einen Löffel warme Speise im Verlauf langer Jahre übt einen schockartigen Einfluß auf die Psyche der Menschen aus. Viele der erschöpften, entkräfteten Menschen verfielen äußerster Apathie. Sie legten sich auf ihre Lager und blieben liegen, lagen so lange, bis die Kraft nicht mehr ausreichte, sich zu erheben. In den Häusern in der Krochmalna-, Ostrowski-, Smocza- und der Niskastraße lagen fast den ganzen Tag über kraftlose Menschen auf ihren Lagern. Unter ihnen befanden sich Familien von zehn bis zwölf Personen. Sie lagen bewegungslos mit bleichen Gesichtern und brennenden Augen nebeneinander und schluckten Speichel. Ihnen war alles gleichgültig geworden. Es verzehrte und quälte sie ununterbrochen, unablässig nur ein Wunsch, ein wahnsinniges Verlangen: ein Stück Brot aufzutreiben.«

Die Gettoverwaltung, der von den Deutschen eingesetzte Judenrat, stand den Verhältnissen hilflos und machtlos gegenüber. Die zwei Hauptprobleme des Gettos, Hunger und Wohnraumnot, waren unlösbar. Eine jüdische Polizeitruppe in Stärke von zeitweise etwa 3800 Mann – ihre Mitglieder waren oft getaufte Juden, ehemalige Angehörige der polnischen Polizei oder Armee, oft Günstlinge –, blau uniformiert und mit einem Gummiknüppel bewaffnet, sorgte anfangs für Ordnung und spielte später den deutschen Mordkommandos in die Hände, wohl in dem Wahn, damit das eigene Leben retten zu können. Außerdem gab es im Getto eine jüdische Sonderpolizei, die sogenannten Dreizehner, die eng mit der Gestapo zusammenarbeitete. Ihre offizielle Aufgabe sollte es sein, Korruptionsfällen nachzugehen. Indes waren alle diese Stellen selbst zutiefst korrupt. Hauptnutznießer der Millionengeschäfte, bei denen es um gefälschte Papiere, Privilegien und Realwerte ging, waren deutsche Gestapobeamte, Angehörige der SS, des SD und andere Deutsche in hohen Stellungen, die irgendwie etwas mit dem Getto zu tun hatten. Ihre jüdischen Handelspartner auf der anderen Seite der Mauer bildeten jene winzige Minorität, die trotz der extremen Verhältnisse noch ein Leben in Überfluß führen konnte. Immerhin kamen durch diese Kanäle auch Waren ins Getto, die das Leben seiner Bewohner zu verlängern vermochten.
Tatsächlich blieb das Getto trotz der rigorosen Absperrung nie ganz ohne Zuflüsse von außen. Anfangs gab es sogar noch Postsendungen, und das jüdische Hilfskomitee der Vereinigten Staaten hatte eine Zeitlang die Erlaubnis, die Gettobewohner zu unterstützen.
Als diese beiden Quellen versiegten – die Deutschen schlossen das jüdische Postamt, und Hitlers Kriegserklärung an die Vereinigten Staaten machte den amerikanischen Liebesgaben ein Ende –, blieben nur noch die Schmuggler, die ihre Waren auf die abenteuerlichste Weise über und durch die Mauer, durch Kanalrohre und in Särgen ins Getto brachten. Das alles konnte jedoch nicht ausreichen, annähernd eine halbe Million Menschen zu ernähren. Ein von einer illegalen jüdischen Zeitung veröffentlichter Bericht sagt:
»50 Prozent der Bevölkerung sterben buchstäblich vor Hunger, 30 Prozent hungern auf ’normale‘ Art und Weise, 15 Prozent haben selten zu essen.«
Dennoch hätte es nach Untersuchungen einer jüdischen Ärztekommission etwa fünf Jahre gedauert, bis alle Bewohner des Gettos verhungert gewesen wären. Die Deutschen waren inzwischen auch entschlossen, die »Endlösung« auf andere Weise vorzunehmen. Der Krieg gegen die Sowjetunion hatte begonnen, und hinter der Front waren schon die Einsatzgruppen damit beschäftigt, das russische Judentum durch Massenerschießungen auszurotten. In der zweiten Hälfte des Jahres 1941 kam es dort auch zu den ersten Vergasungen, eine Methode, die zuvor schon bei der Tötung von Geisteskranken in Deutschland angewendet worden war. Auf dem östlichen Kriegsschauplatz wurden zunächst Gaswagen benützt, doch schätzten die Verantwortlichen der »Endlösung« deren Leistungsfähigkeit bald als zu gering ein. So kam es zur Errichtung der Todeslager, Vergasungsanstalten mit einer täglichen Mordkapazität von vielen tausend Menschen.
Die große Liquidierung, die das Warschauer Getto traf, dauerte vom 22. Juli bis zum 13. September 1942. Eine Terroraktion, Erschießungen auf offener Straße und die Festnahme von Geiseln aus der jüdischen Gemeinde waren dem Stichtag vorausgegangen. Dem Judenrat und seiner Polizei wurde befohlen, ab 22. Juli täglich sechstausend »unnütze« Juden auf dem sogenannten Umschlagplatz – dem Kreuzungspunkt eines Bahngleises mit der Stawkistraße – »zur Umsiedlung nach dem Osten« bereitzustellen. Von hier gingen die Transporte in Viehwagen direkt zu den Gaskammern von Treblinka.
Obwohl Nachrichten von den Massenmorden an russischen Juden und von der Liquidierung der Gettos kleiner polnischer Provinzorte in das Getto von Warschau gedrungen waren, wollten noch die wenigsten Menschen Verdacht schöpfen. Viele klammerten sich an die von den Deutschen ausgegebene und vom Judenrat weiter verbreitete Verlautbarung, es gehe nur darum, etwa 60000 Arbeitskräfte für wichtige Bauvorhaben in die Gegend von Minsk zu schicken. Doch alle Anzeichen sprachen gegen diese Version. Zusammengefangen und abtransportiert wurden nämlich zuerst Bettler, Kranke, Gefängnisinsassen und die zweihundert Kinder des jüdischen Waisenhauses, alles Menschen, die den Deutschen als Arbeitskräfte nicht nützlich sein konnten. Bei den Krüppeln machte man sich nicht einmal die Mühe der Täuschung: sie wurden zum Gettofriedhof gebracht und dort am Rande eines Massengrabes erschossen. Auch stellten die Bewohner des Gettos nach den Nummern der Güterwagen fest, daß diese immer sehr schnell wieder zurückkehrten, um neue
Unglückliche abzuholen, also unmöglich die weite Fahrt nach dem Osten zurückgelegt haben konnten. Durch die Vermittlung polnischer Eisenbahner kamen auch bald genaue Beschreibungen der Vorgänge in Treblinka und sogar Fotografien des Todeslagers nach Warschau. Eine jüdische Widerstandsgruppe verbreitete im Getto folgenden Aufruf:

»Juden, man täuscht euch! Glaubt nicht, daß ihr zur Arbeit und zu
sonst nichts deportiert werdet. Tatsächlich werdet ihr in den Tod ge-
schickt. Dies ist die satanische Fortsetzung der Vernichtungskampagne,
die bereits in den Provinzen durchgeführt wurde. Laßt euch nicht freiwil-
lig in den Tod abführen. Leistet Widerstand! Kämpft mit Händen und
Füßen. Begebt euch nicht auf den Umschlagplatz! Kämpft für euer
Leben. «

Der Vorsitzende des Judenrates, Adam Czerniakow, entzog sich seiner Gewissensqual am zweiten Tag der Aktion durch Selbstmord. Acht jüdische Polizisten wählten ebenfalls den Freitod, um den Deutschen nicht länger Bütteldienste leisten zu müssen. Natürlich wurde der Mordplan von solchen Demonstrationen nicht beeinträchtigt. Die Transporte liefen, und auch die letzten Gutgläubigen im Getto wußten nun, daß die Reise nicht in östliche Arbeitslager ging, sondern in den Tod. SS, jüdische Polizei und litauische Hilfsmilizen trieben in allen Teilen des Gettos Menschen zusammen, um sie zum Umschlagplatz zu bringen. Haustüren, die verbarrikadiert worden waren, wurden mit Äxten aufgeschlagen, Frauen und Kinder fortgezerrt. Der Augenzeuge Goldstein berichtet: »Kinder hängten sich an ihre Väter, Frauen an ihre Männer. Sie krallten sich an Möbelstücke, Türpfosten und was sie sonst zu fassen kriegten, um sich vor dem Weggeschlepptwerden durch die Polizei zu retten. Den ganzen Tag über konnte man den Lärm dieser schauerlichen Jagd vernehmen. «

Anfangs noch bot die Arbeitskarte, der Nachweis, in einem der kriegswichtigen Betriebe des Gettos zu arbeiten, einen gewissen Schutz gegen die Deportation – und eine wilde, verzweifelte Jagd nach echten oder falschen Arbeitskarten setzte ein. Dann, als es den Deutschen allmählich schwerer wurde, die täglichen Transporte zusammenzustellen, verlor auch dieses Dokument seinen Wert. Wer sich nicht versteckt halten konnte, lief nun jeden Augenblick Gefahr, mit den anderen Bewohnern aus einem Haus geholt oder auf der Straße ergriffen und zum Umschlagplatz gebracht zu werden. Später mußten die Belegschaften aller Betriebe geschlossen erscheinen und an einem SS-Mann vorbeigehen, der mit der Bewegung eines Stöckchens entschied, wer nach links oder nach rechts mußte. Rechts bedeutete den Abmarsch zum Umschlagplatz und den Weg in den Tod.
Das Wort Umschlagplatz hatte im Getto bald eine furchtbare Bedeutung. Die von den Deutschen ursprünglich angegebene Zahl von 60 000 »Umsiedlern« erwies sich als bloße Täuschung. Alle, die gehofft hatten, sie würden in Ruhe gelassen werden, wenn sie es nur fertigbrächten, nicht bei diesen 60 000 zu sein, gerieten jetzt ebenfalls in den Sog der Todesmaschine. Die Treibjagden gingen weiter, die Zahlen überschritten hunderttausend, dann zweihunderttausend Menschen. Es war kein Ende abzusehen. Aus diesen Schreckenstagen des Warschauer Gettos sind Berichte überliefert, die der Verstand kaum zu fassen vermag. Die Opfer wurden zusammengetrieben wie Vieh, mit Schlägen und Peitschenhieben zum Umschlagplatz gestoßen; wer schrie oder den Mördern andere Schwierigkeiten machte, mußte damit rechnen, niedergeschossen zu werden. Kinder wurden von ihren Müttern gerissen, Familien getrennt, Bitten und Tränen ernteten Hohn.
Das Resultat der Aktion spricht für sich selbst. Anfang Oktober 1942 meldete SS-Obergruppenführer Jürgen Stroop dem höheren Polizeiführer Friedrich Krüger, daß insgesamt 310332 Bewohner des Warschauer Gettos »umgesiedelt« worden seien. Bei dieser Zahl handelt es sich allein um jene Menschen, die beim Verladen in die Züge nach Treblinka von der SS auch statistisch erfaßt worden waren. Nicht gezählt wurden natürlich die Opfer der Metzeleien, die während der zehnwöchigen Aktion täglich in den Häusern und auf den Straßen stattfanden. Übriggeblieben waren am Ende zwischen 65 000 und 70 000 Juden, die im sogenannten Kleinen Getto, einem Bezirk von etwa 950 mal 280 Meter im Nordosten des alten Gettos, zusammengedrängt wurden. Es handelte sich um jene Ausgelesenen, die den Deutschen als Arbeiter in den hier gelegenen Fabriken und Werkstätten – noch – unentbehrlich erschienen waren. Goldstein, der auf einem Fluchtweg bald nach der Aktion durch das alte Getto kam, hat das ganze Geschehen in einem grauenvollen Bild eingefangen: »Langsam wanderten wir durch die verlassenen Straßen. Ein schauerliches Schweigen gähnte aus den offenen Türen und Fenstern. Hier war einmal pulsierendes Leben gewesen – ein miserables, unterdrücktes, verzweifeltes Leben, aber dennoch: ein Leben. Wo waren alle die Bewohner, die diese leeren Häuser und verlassenen Höfe gefüllt hatten? Verschlungen von dem Umschlagplatz, ein Fraß der unersättlichen deutschen Todesmaschine. «
Himmlers Befehl, auch das restliche Getto zu liquidieren, brachte die Deportationen nach Treblinka erneut in Gang. Abermals wurden die Fabriken und Werkstätten nach entbehrlichen Arbeitskräften durchsucht, doch am 18. Januar 1943 leistete eine Gruppe auf dem Todesweg um Umschlagplatz plötzlich Widerstand. Einige Juden zogen Pistolen und schossen auf die begleitende SS-Mannschaft. Die Gruppe konnte untertauchen, noch ehe sich die Deutschen von ihrer Verwirrung erholt hatten. Es war nun immerhin klar, daß es die überlebenden Bewohner des Gettos verstanden hatten, sich Waffen zu beschaffen und daß sie sich nicht mehr willenlos zur Schlachtbank führen lassen würden. Als Stroop am 19. April 1943 mit drei Geschützen und drei Panzerwagen in das kleine restliche Getto einrückte, um Himmlers endgültigen Liquidierungsbefehl auszuführen, schlug ihm so erbitterter Widerstand entgegen, daß er sich wieder zurückziehen mußte.
Der heroische Aufstand des Warschauer Gettos hatte begonnen.
Er dauerte bis zum 16. Mai 1943, fast einen Monat lang. In diesen vier Wochen mußten die Deutschen Straße um Straße, Haus um Haus des Gettos erobern. Sie mußten Geschütze, Panzerfahrzeuge, Flammenwerfer, Pioniere mit Sprengmitteln und über zweitausend Männer der Waffen-SS, deutsche Polizeiangehörige, Wehrmachtssoldaten und polnische und litauische Hilfskräfte einsetzen, um die jüdischen Verteidiger zu überwältigen. Die Juden, Männer und Frauen gleichermaßen, kämpften mit polnischen und mit selbstgemachten Handgranaten, mit Pistolen und anderen leichten Feuerwaffen deutscher, italienischer und polnischer Herkunft. Sie hatten im ganzen Sperrbezirk unterirdische Bunker angelegt, die als Wohnhöhlen, Vorratslager, Lazarette und Unterschlupf für Greise, Kinder und Kampfunfähige dienten, die der großen Liquidierung auf die eine oder andere Weise entgangen waren. Sie kämpften gegen die Deutschen in zähen Feuergefechten, zogen noch bei der Gefangennahme Pistolen und riefen ihren Henkern ins Gesicht, daß deren Untaten einst gerächt würden.
Die Deutschen griffen dagegen zu bequemeren Mitteln, um die letzten Männer, Frauen, Alten, Schwangeren, Kranken und Kinder herauszutreiben. Sie sprengten die Häuser oder setzten sie in Brand. Vier Wochen lang lag über dem Gettobezirk tags eine schwarze Rauchwolke und nachts der dunkelrote Schein der Brände. Am 25. April meldete Stroop seiner vorgesetzten Dienststelle in Krakau fernschriftlich: »Wenn gestern nacht das ehemalige Getto von einem Feuerschein überzogen war, so ist heute abend ein riesiges Feuermeer zu sehen. « Doch in einem anderen Fernschreiben mußte er zugeben: »Immer wieder konnte man beobachten, daß trotz der großen Feuersnot Juden und Banditen es vorzogen, lieber wieder ins Feuer zurückzugehen, als in unsere Hände zu fallen.«
Stolz meldete er am 16. Mai 1943: »Das ehemalige jüdische Wohnviertel Warschau besteht nicht mehr … Gesamtzahl der erfaßten und nachweislich vernichteten Juden beträgt insgesamt 56065.«

Wer lebend in die Gewalt der Deutschen geraten war, wurde entweder an Ort und Stelle erschossen oder mit dem nächsten Transport ins Todeslager Treblinka geschickt. Die Zahl der Menschen, die in den brennenden oder gesprengt zusammenstürzenden Häusern ums Leben kamen, in verschütteten Bunkern und Kanalrohren erstickten oder ertranken, läßt sich nicht abschätzen. Obwohl das Getto später noch von deutschen Sprengtrupps weiter zerstört wurde und dem Erdboden gleichgemacht werden sollte, stellte sich im Januar 1945 nach dem Einmarsch der Roten Armee in Warschau heraus, daß es in einigen unterirdischen Bunkern immer noch eine Handvoll versteckter Juden gab. Sie und ein paar Glückliche, denen die Flucht gelungen war oder die bei Arbeitskommandos in Treblinka der sofortigen Vergasung entgangen waren, blieben von über einer halben Million der ehemaligen Gettobevölkerung Warschaus die einzigen Überlebenden.
Anmerkung vonhaeften:
Marek Edelmann beschreibt, wie er mit ein paar Kameraden aus dem Getto entkommen ist:
In den Durchgängen hängen Granaten, die bei geringster Berührung explodieren. Von Zeit zu Zeit lassen die Deutschen Giftgas hineinströmen. Unter solchen Bedingungen warten wir achtundvierzig Stunden lang in einem siebzig Zentimeter hohen Kanal, wo das Wasser bis an den Mund reicht, um heraussteigen zu können. Alle Augenblicke wird jemand ohnmächtig. Am meisten quält uns der Durst. Manche trinken das dicke, schlammige Kanalwasser. Sekunden ziehen sich hin wie Monate.

Am 10. Mai, um zehn Uhr morgens, fahren zwei Lastwagen am Kanaleinstieg an der Ecke Prosta- und Twarda-Straße vor. Am hellichten Tag und fast ohne Geleitschutz (der vereinbarte Geleitschutz von der Heimatarmee traf nicht ein, und die Straße wird von unseren drei Verbindungsleuten und einem speziell zu dieser Aktion delegierten Vertreter der Volksarmee, Genossen Krzaczek, gesichert) öffnet sich der Einstiegsdeckel, und vor den Augen einer verwunderten Menschenmenge kommt aus der dunklen Höhle ein bewaffneter Jude nach dem anderen heraus (zu dieser Zeit ist bereits der Anblick eines Juden eine Sensation). Nicht alle schaffen es herauszukommen. Der Kanaldeckel wird hastig und schwer zugeschlagen. Mit Vollgas fahren die Lastwagen ab.
Zwei Kampfgruppen blieben im Ghetto. Bis Mitte Juni halten wir Kontakt zu ihnen. Dann verliert sich jede Spur.
Diejenigen, die auf die „arische Seite“ übergingen, setzen in den polnischen Wäldern den Partisanenkampf fort. Die Mehrheit kommt ums Leben. Eine Handvoll Überlebender nimmt als eine ZOB-Gruppe am Warschauer Aufstand 1944 teil.

Persönliches

[…] Anfang 1941 als Fotolaborant versetzt zur Propaganda-Kompanie 689 (Feldpostnummer 21022) nach Warschau.
Das war mein Wiedersehen mit dieser Stadt.
Hier möchte ich zwei Kameraden erwähnen, Köhler und Krause, beide ebenfalls Fotolaboranten bei der Kompanie 689. Wir durften uns gegenseitig als zuverlässige Freunde betrachten, und mit ihrer Hilfe und Mitwisserschaft wurden meine Kleinbildfilme, die Negative der in diesem Buch gezeigten Bilder, heimlich in der Kompanie-Dunkelkammer entwickelt, versteckt gehalten und später fortgeschafft. Danach erübrigt es sich, etwas über die politische Gesinnung unserer kleinen Gruppe zu sagen. Meine damalige Frau, Marianne Heydecker (gest. 1968), die dienstverpflichtet worden war und sich freiwillig nach Warschau gemeldet hatte, um in meiner Nähe zu sein, brachte die Negativstreifen unter Lebensgefahr – Hausdurchsuchungen durch die Gestapo aus mehreren, hier nicht weiter erwähnenswerten Gründen – über das Kriegsende hinweg.
Im September oder Oktober 1941 wurde ich aus Rußland, wo sich die Kompanie etwa in der Gegend von Roslawl befand, nach Potsdam zurückversetzt. Schreibstubendasein bei der Ersatzabteilung bis 11. August 1944, dann Versetzung zu einer Volksgrenadierdivision, Panzerjägerabteilung 337 (Feldpostnummer 25361), nach Piaseczno an der Weichsel, unweit von Warschau. Seit 5. Januar 1945 im Lazarett Beelitz bei Berlin, bei Annäherung der Sowjetarmee am 22. April entlassen, nach Westen gewandert und am 1. Mai 1945 in Vellahn an der Elbe, in einer Kanalröhre verborgen, von den Amerikanern »überrollt«. Zu meiner Frau nach Bad Liebenstein in Thüringen durchgeschlagen: sie hatte noch immer die Negative in ihrem Besitz.
Wir zeigten sie eines Tages Captain Kilbourn von der amerikanischen Militärregierung Bad Liebensteins. Er erkannte, daß sie sichergestellt werden müßten und gab uns einen Ausnahme-Passierschein zum Verlassen Thüringens in Richtung Bayern, wenige Tage vor der Veränderung

(Foto links: Der Verfasser (x) am 1. März 1941 mit seinen Kameraden im Warschauer Getto, rechts Krause; eingeblendet Köhler, der dieses Bild aufnahm; Erläuterung siehe hier)
der Demarkationslinie zugunsten der Russen. So kamen die Filme nach München. Auch der damalige amerikanische Intendant von Radio Munich, Field Horine, sah die Negative und forderte mich auf, im Rundfunk über das Warschauer Getto zu sprechen.
Ich sprach am 4. November 1945. Meines Wissens war das der erste Augenzeugenbericht eines Deutschen. Wenige Tage später wurde ich von Horine als Rundfunkberichterstatter nach Nürnberg geschickt. Dort begann am 20. November der Prozeß gegen die Hauptkriegsverbrecher, dem ich bis zu seinem Ende beiwohnte (Siehe mein Buch „Der Nürnberger Prozeß“. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 1958).
Es folgten Jahre journalistischer und schriftstellerischer Tätigkeit. Ende 1960 nahm ich mit meiner Familie Wohnsitz in Brasilien. Hier befinden sich heute auch die Negative. Von den meisten wurden nach Jahren erstmals Vergrößerungen hergestellt, eine Arbeit, die meine Frau, Charlotte Heydecker, in ihrem Laboratorium in Säo Paulo besorgte. Sie war 1941, als ich die Aufnahmen machte, noch ein kleines Kind. Jetzt sah sie, allein in ihrer Dunkelkammer, die verstummte Vergangenheit aus der Entwicklungsschale wieder in die Gegenwart treten. Wir haben eine damals neunjährige Tochter: meine Frau sah zum erstenmal die armen, kleinen, gequälten Kinder aus den Straßen des Warschauer Gettos, die wir alle auf dem Gewissen haben, und sie gestand mir – ich darf es ohne Scham niederschreiben –, daß sie bei dieser Arbeit weinen mußte.
Weshalb vierzig Jahre vergangen sind, ehe ich die Bilder veröffentlichte, kann ich kaum erklären. Es fehlte mir einfach die Kraft, den Text dazu zu schreiben, so oft ich auch damit begann. Sie fehlt mir noch immer. Aber ich schreibe nun, was mir noch in der Erinnerung brennt, mit allen Schwächen, weil die Zeit nicht unerschöpflich ist.

Hinter der Mauer
Februar und März 1941

Als ich Anfang Januar 1941 in Warschau ankam, ein verzweifelter Soldat es Krieges, lag Schnee auf den Ruinen und grauer Matsch in den Straßen. Das deutsche Artillerie- und Luftbombardement hatte die lebensvolle Metropole der Vorkriegszeit mit Trümmern bedeckt. Zum ersten mal sah ich, was später ein allgemeiner Anblick in Europa wurde: eine zerschlagene Großstadt, stehengebliebene Mauern mit den Spuren leerer Stockwerke, leere Fenster, kahle Schuttfelder. Auch die Menschen sahen grau, geschlagen und hoffnungslos aus. Die Uniformen der Deutschen Wehrmacht und anderer Einheiten verfremdeten das alte Straßenbild noch mehr. Vor den Gebäuden, in denen militärische Dienststellen oder Angehörige der deutschen Zivilverwaltung untergebracht waren, bettelten frierende Kinder. Sie leierten monoton den eingelernten Spruch: „Bit-te Herr ein Stück-chen Brot!“
Der Dienstbetrieb in meiner neuen Einheit – sie war in einem Schulgebäude in der Wolska untergebracht – ließ mir viel Zeit. Was war aus meinen Freunden und Bekannten geworden, mit denen ich 1937 so viele Stunden verbracht hatte? Ich fand keinen, und ich war eigentlich froh darüber. Wie hätte ich ihnen als deutscher Soldat gegenübertreten sollen? Trotzdem – nach einiger Zeit suchte ich Marguitta Olsiariska. So merkwürdig es heute klingt: das Einwohneramt Warschaus funktionierte noch. Dort erhielt ich die Adresse, Ulica Dzielna 27 m 7. An einem der nächsten dienstfreien Abende nahm ich eine Pferdedroschke und gab dem Kutscher die Straße an. Er fuhr, und fuhr schließlich auf eines der Gettotore zu. Ich war in Uniform, und der Kutscher dachte wohl, alles sei in Ordnung. Erschrocken ließ ich anhalten, ich wollte nichts mit den Wachen zu tun bekommen. Der Kutscher erklärte mir, die Dzielna liege im Getto.
Von diesem Abend an war ich direkt mit dem Problem konfrontiert, das mich seit den ersten Tagen meines Wiedersehens mit Warschau beschäftigte.

Das Getto war im Januar 1941 eine noch neue Einrichtung. Die Umfassungsmauer war kurz zuvor gebaut worden, an vielen Stellen noch nicht fertig. An den wenigen Ein- und Ausgängen lagen Stacheldrahtsperren über der Straße. Deutsche und polnische Polizei übte die Kontrolle aus. Eine Straßenbahn fuhr durch einen schmalen Korridor des Gettos, ohne anzuhalten. Sie wurde oft von Neugierigen benutzt, die bei dieser Fahrt einen Blick hinter die Mauer werfen wollten. Andere Neugierige standen täglich an den Eingängen. Sie sahen zu, wie die Ein- und Ausgehenden von den Polizeiposten kontrolliert und zusammengeschlagen wurden. Damals noch durften Bewohner des Gettos einzeln oder in Gruppen zu außerhalb des Sperrbezirks gelegenen Arbeitsstätten gehen. Bei ihrer Rückkehr spielten sich häufig unmenschliche Szenen ab. Ich habe darüber in meinem Rundfunkbericht gesprochen. Es kam vor, daß Kinder, die ein Brot zu schmuggeln versuchten, niedergeschossen wurden. Männer, auch ehrfurchtgebietende Greise, wurden von deutschen Polizeiposten blutig geboxt. Oft gab es dabei anfeuernde Rufe aus der Menge der Zuschauer.
Die Zuschauer. Soldaten aller Dienstgrade zumeist, auch Offiziere, dann oft deutsche Zivilisten aus der Verwaltung des Generalgouvernements, Sekretärinnen, uniformierte Beamte, Arbeitsdienst, Eisenbahner, Rotkreuzschwestern. Ich habe dort, glaube ich, alle Uniformen aller Einheiten und Organisationen gesehen. Die meisten standen lange, stumm und mit verschlossenen Gesichtern, beobachteten das Ein- und Ausgehen, die Kontrollen, die Brutalitäten. Einige wendeten sich ab, einige ließen sich zu Ermunterungen hinreißen. Die meisten verharrten schweigend und ohne ein Zeichen ihrer Gedanken und Gefühle erkennen zu lassen. Nichts läßt sich darüber aussagen. Aber es darf festgestellt sein: Wir alle haben es zur Kenntnis genommen. Die Vorgänge an den Warschauer Gettotoren haben im Laufe der langen Zeit von 1941 bis 1943 hunderttausende oder noch viel mehr Menschen gesehen, sicher fast jeder, den sein Kriegsschicksal einmal nach Warschau führte – und das waren Millionen.
In jenen Tagen füllte sich das Warschauer Getto, überfüllte sich, und immer mehr Unglückliche aus den Westprovinzen Polens und auch aus anderen Gebieten wurden hineingestopft. Die Juden, die aus ihren Heimatorten vertrieben worden waren, kamen in kläglichen Trecks in Warschau an. Mit ihren Bauernwagen, vollgepackt mit armseligem Hausrat, Frauen, Kindern, Kranken, zogen sie durch die Kälte heran, ein oder zwei Pferde vorgespannt. Jeden Tag von früh bis spät knirschten die Wagen durch den Schnee stadtwärts. Sie kamen an der Wolska-Schule vorbei, die unserer Kompanie als Unterkunft diente. Vom Dach dieses Gebäudes herab machte ich an einem späten Januartag die ersten Aufnahmen der jüdischen Tragödie. Einige Zeit danach wagte ich es – wohl im Schutz der Wehrmachtuniform, aber doch stets in der Angst, zur Rede gestellt zu werden –, auch an den Gettotoren zu fotografieren.
Die Frage nach meinem Motiv ist berechtigt. Sachlich vorausschicken möchte ich nur, daß ich niemals in offizieller Eigenschaft als Angehöriger einer Propagandakompanie fotografierte. Ich war Laborant, nicht Berichterstatter. Ich fotografierte allein aus eigenem Antrieb und auf eigene Gefahr, ohne Auftrag und glücklicherweise auch ohne Wissen irgend einer Dienststelle. Leider gelingt es mir nicht, zu schildern, wie es damals in mir aussah. Ich war von Scham, Haß und Ohnmacht zerrissen. Ich wünschte glühend, eine gründliche und rasche Niederlage Deutschlands und sah doch,wie lange es bis dahin noch dauern würde.
Ich fotografierte, um die Schmach festzuhalten – gewissermaßen, um den Schrei zu konservieren, den ich in die Welt hätte hinausschreien wollen. Mehr kann ich dazu nicht sagen.
Meine Schuld ist, daß ich sah, dabeistand und fotografierte statt zu handeln. Schon damals fühlte ich dieses furchtbare, undurchdringliche Problem. Feige die Frage: Was hätte ich tun können? Etwas. Mit dem Seitengewehr einen der Posten niederstechen. Den Karabiner gegen Vorgesetzte richten. Überlaufen und auf der anderen Seite kämpfen. Den Dienst verweigern. Sabotage treiben. Befehlen nicht gehorchen. Den Tod hinnehmen. Niemand, so sehe ich es heute, kann uns davon absolvieren.
Am 25. Juni 1941, wenige Tage nach dem Beginn des Rußlandfeldzuges, wurde unsere Kompanie zur Säuberung eines Waldes bei Rozana in Wolhynien eingesetzt. Wir verloren einen Mann und machten Gefangene. Drei davon waren verwundet und konnten nicht mehr gehen. Sie lagen auf einer Waldlichtung, wo sich unser Trupp sammelte. Man hätte die verwundeten Russen auf abgehauene Äste setzen und forttragen lassen können. Ganz selbstverständlich begannen wir damit, aber unser Kompaniechef, Oberleutnant Thürmer, sagte: »Quatsch, die werden umgelegt. « Wir standen in einem losen Halbkreis auf der Waldlichtung. Er sah langsam in die Runde, auf einen nach dem anderen. Sein Blick streifte mich und glitt weiter. Dann bestimmte Thürmer zwei andere Kompanieangehörige. Er gab ihnen Befehl, die drei Verwundeten zu erschießen. Wir zogen mit den nicht verwundeten Gefangenen ab. Ich sah, wie die Kameraden auf die hilflosen Menschen, die dort im Gras hockten, anlegten, ich hörte die Schüsse. Befehl ausgeführt. Ich höre sie noch, und immer mit der quälenden Frage, was ich getan haben würde, wenn der Finger des Kompaniechefs auf mich gedeutet hätte. Es ist an mir vorbeigegangen. Aber wenn? Wenn? Ich weiß auch heute keine Antwort, über vierzig Jahre danach. Ich weiß nur, daß dann eine Entscheidung hätte fallen müssen, die zu treffen mir allein durch zufällige Umstände erspart blieb.

An einem der ersten Tage des Februar 1941 kletterte ich spät nachmittags über die Mauer des Warschauer Gettos. Wenn mich mein Gedächtnis nicht trügt, war das dort, wo die Panska-Straße von der breiten Marszalkowska abzweigt. Es kann auch eine Seitenstraße vorher oder nachher gewesen sein. An der linken Ecke befand sich eine früher polnische, zu jener Zeit deutsche Konditorei. Die Panska, wie alle diese Seitenstraßen, führte einige zwanzig Meter von der Marszalkowska fort und war dann von der Gettomauer gesperrt. Hier lagen Ruinengrundstücke, und die Mauer ließ eine Lücke frei, die von einem polnischen Polizisten bewacht wurde – ich habe das an einem anderen Tag auch mit der Kamera festgehalten. Es war schon dunkel. Es schneite und war nicht kalt. Ich ging in die Seitenstraße bis zu der Mauerlücke, stand unschlüssig herum – in Uniform übrigens –, und der polnische Polizist fragte mich endlich in holprigem Deutsch, was ich wolle. Ich erklärte es ihm in noch ungelenkerem Polnisch. Er sah die Straße entlang, prüfte die Situation und machte mir dann mit Hand und Augen ein rasches Zeichen: »Raz, dwa!« – eins,zwei!
Ich sprang auf den Trümmerhaufen und auf der anderen Seite hinunter.
Ich war im Getto.

Ein jüdischer Polizist, der jenseits Wache zu halten hatte, grüßte den deutschen Soldat, der da plötzlich über die Mauer gekommen war, militärisch. Ich sagte »Guten Abend« und ging weiter in die leere Panska hinein. Es gab hier viele Ruinen. An der nächsten Ecke traf ich Menschen. Sie trugen am rechten Ärmel die weiße Binde mit dem David. Die Männer zogen tief die Hüte und Mützen, sobald sie meiner ansichtig wurden. Das war eine der Vorschriften, die ihnen von der deutschen Besatzungsmacht auferlegt waren. Es beschämte mich, ich konnte es aber nicht verhindern. Ich hielt eine Pferdedroschke an, setzte mich in den Schatten des hochgeklappten Daches und nannte dem Kutscher die Dzielna. Die Droschke fuhr durch schwach beleuchtete Straßen, die von Menschen überfüllt waren. Voll Angst sah ich hinaus. Ich war in einem Gebiet, dessen Betreten streng verboten war. Nicht eine einzige Ausflucht wäre mir eingefallen, wenn ich entdeckt worden wäre. Das Kriegsgericht wäre sicher gewesen. Aber darauf bezog sich meine Angst nicht, oder doch nur entfernt. Ich hatte Angst, jetzt der vollen Wahrheit zu begegnen. Die Wahrheit war rings um mich, in den tausend elenden Menschen, die im Halbdunkel der Straßen kaum zu unterscheiden waren. Ich war mitten in einem entsetzlichen Geheimnis der deutschen Reichsmaschinerie. Ich hatte Angst vor der Wahrheit, der ich in der Dzielna gegenübertreten mußte. Aber ich wollte die Wahrheit wissen.
Es gab ein Hindernis. Die Droschke hätte, um zur Dzielna zu gelangen, das Getto verlassen, durch einen Streifen »arisches« Gebiet und dann wieder ins Getto hineinfahren müssen. Durch zwei deutsche Kontrollposten also. Der Kutscher meinte, für einen deutschen Soldaten sei das keine Schwierigkeit. Ich bemerkte die Gefahr in letzter Minute, als das Tor schon in Sicht war, ließ wenden und mich zum Ausgangspunkt der Fahrt zurückbringen. Dort konnte der Kutscher einen größeren Zlotyschein nicht wechseln. In der Nähe sah ich ein Geschäft, ich glaube mich zu erinnern, daß es eine Metzgerei oder ein Krämerladen war. Eine Glühbirne hing von der Decke und brannte mit der üblichen Unterspannung. Das trübgelbe Licht schien auf starre, von einem mühsamen Lächeln bedeckte Gesichter. Ich sah, daß ich den Menschen Furcht einflößte, wurde wieder an meine Uniform erinnert. Offenbar gelang es mir mit ein paar Worten, die Situation zu entspannen. Jemand wechselte mir das Geld.

Meine Mutter war eine kleine, im Alter sehr zierliche und etwas gebeugte Person. Sie war weitgereist, hatte intelligente Augen und konnte auch in späteren Jahren nicht davon ablassen, sich etwas zu jugendlich zu kleiden und zu schminken. Sie gehörte zu jenen älteren blassen Damen, die man in Kurorten findet und deren Rouge und nachgezogene Brauen ein wenig rührend wirken. Beim Verlassen des Ladens legte eine kleine, zierliche Dame, die genau so aussah, ihre Hand auf meinen Arm und fragte in gutem Hochdeutsch: »Ach, sagen Sie, Herr Soldat, was soll das alles bedeuten, wie lange wird das noch dauern?«
Sie war erst vor wenigen Tagen hier angekommen, ich weiß nicht woher, ganz desorientiert, ohne noch zu begreifen, was ihr geschehen war. Ich kann nicht niederschreiben, was ich antwortete. Es war töricht und nichtig, eine falsche Hoffnung wider meine innere Gewißheit. Roosevelt, er hatte gerade die „Vier Freiheiten“ verkündet, Amerika. Ich sagte »bald« und wußte, daß es spät sein würde. Sie weinte. Ich lief zur Droschke, zahlte und schwang mich über die Mauer zurück in die Legalität.
Wenige Abende später sah ich, daß derselbe Polizist wieder die Mauerlücke bewachte. Es war etwa sechs Uhr und schon dunkel. So kam ich zum zweiten Mal ins Getto. Es war sehr kalt. Meine Erinnerung läßt mich jetzt im Stich. Ich weiß nicht mehr mit Sicherheit, wie ich zur Dzielna kam, auf welchen Umwegen zu Fuß; ich glaube, es war da eine Holzbrücke, die über den »arischen« Korridor führte. Es kann aber auch sein, daß ich diese Holzbrücke nur später einmal auf einer Fotografie vom Krakauer Getto gesehen habe. Das verwischt sich. Jedenfalls habe ich die Dzielna erreicht und das Haus Nummer 27 gefunden. Dunkel weiß ich noch, wie peinigend der lange Weg war, das von meiner Uniform erzwungene ehrerbietige Grüßen, wie manche Menschen bei meinem Erscheinen in Haustore zurücktraten, die Straßenseite wechselten. Ich spürte die Blicke in meinem Rücken. Hier war ich ein Aussätziger.
Die Dzielna war eine nicht sehr breite, nur wenig belebte Straße. Das Haus rechts neben Nummer 27 war ausgebombt, eine Schutthalde, von Schnee bedeckt. Haus Nummer 27 war nicht von der Straße her zu betreten, der Eingang lag an der Seite neben dem Ruinenfeld. Als ich an die Tür kam, bemerkte ich einen alten Mann. Er trug einen schwarzen Kaftan, hatte einen weißen Bart, zog sein Käppchen tief vom Kopf und machte eine herzergreifende Verbeugung. An seiner Hand, die das Käppchen hielt, sah ich, daß er zitterte. Sicher wußte er nicht zu unterscheiden zwischen den vielen deutschen Uniformen, den Rangabzeichen (ich trug am Ärmel nur den Stern des Obersoldaten). Die Haustür war ein wenig geöffnet, und ich bemerkte, daß durch den Spalt andere Menschen herausspähten.

Wie Blei fühlte ich meine Stiefel, den feldgrauen Mantel, das schwarze Koppel, die Dienstmütze. Das jiddische Wort für Angst fiel mir ein, moire. Ich benützte es und sagte dem Mann, niemand brauche Angst zu haben, ich sei ein Freund. Ich fragte ihn, wer er sei. Der Hausmeister, verantwortlich für dieses Haus und seine Menschen. Ich bot ihm Zigaretten an. Warschau war damals voll von amerikanischen Camel- und Lucky-Strike-Zigaretten. Er nahm sie nicht an, hielt immer noch das schwarze Käppchen in seiner Hand. Ich fragte nach Marguitta Olsiariska und erklärte ihm, polnisch radebrechend, es handle sich um eine liebe Bekannte aus der Zeit vor dem Krieg. Ich konnte nicht sehen, ob ihn das beruhigte oder noch ängstlicher stimmte. Er machte wieder eine dieser erschütternden Verbeugungen und sagte, er werde mich sofort zu ihr führen.
Die Tür des Hauses hatte keine Klinke und kein Schloß. »Alle Türen müssen offen sein und dürfen nicht abgesperrt werden«, erklärte er mir auf meine Frage. Wir betraten einen fast dunklen Hausflur und stiegen eine Holztreppe hinauf. Flur und Treppe waren voll Menschen. Sie lagen auf dem Boden, saßen auf den Stufen, in Mäntel, Decken und Lumpen gehüllt. Frauen hielten eingemummte Kinder auf den Knien. Alle drückten sich zur Seite, um mir Platz zu machen. Viele wollten aufstehen, wie es ihnen in Anwesenheit eines Deutschen befohlen war. Ich machte ihnen ein unbeholfenes Zeichen, sich nicht um mich zu kümmern. Ich brachte es nicht fertig, in ihre Gesichter zu sehen. Sie umwogten mich wie ein Angsttraum, während wir die Treppe hinaufstiegen. Auch die Wohnungstür war ohne Schloß. Ein kleiner Junge hielt sie weit geöffnet; meine Ankunft und mein Begehr hatten sich längst im Haus herumgesprochen. Ich konnte ungehindert eintreten und stand gleich darauf in einem geräumigen Zimmer, im ehemals herrschaftlichen Salon eines bürgerlichen Stadthauses. Der Raum war von mehreren Familien oder Gruppen bewohnt, die sich in den Ecken und entlang den Wänden auf dem Boden eingerichtet hatten. Es gab nur zwei Stühle, einen ovalen, einbeinigen Tisch und einen Diwan, der in der Mitte des Zimmers stand. Etwa zwanzig Menschen waren anwesend. Die meisten schliefen auf dem stumpfen Parkettboden auf untergelegten Decken oder Zeitungspapier, mit Mänteln zugedeckt. In einer Ecke saß eine Frau und versuchte, ein wimmerndes Kind zu beruhigen. Es fiel mir jetzt erst auf, daß nur Frauen in diesem Raum waren, Mädchen und Kinder. Auf den ersten Blick waren ihnen Entbehrungen, notdürftige Hygiene und seelische Qualen anzusehen. Eine erstickende Luft herrschte. Die Fenster waren geschlossen, zugenagelt, das Glas mit blauer Ölfarbe undurchsichtig gemacht.
Später wurde mir erklärt, die Fenster seien auf Befehl zugenagelt und angestrichen worden, weil sie einen Ausblick auf den Pawiak gestatten würden, das deutsche Gestapo- und SD-Gefängnis.
Der Name Pawiak war ein Schreckenswort während der deutschen Besetzung Warschaus. Der Gebäudekomplex lag genau hinter der Dzielna-Straße, man hätte von den rückwärtigen Fenstern in den Gefängnishof blicken können. »Wir hören immer die Schüsse«, erzählten mir die Bewohner des Zimmers, »manchmal tags, häufig nachts, auch Schreie, wenn die Stadt still ist.«

Die Bewohner des Zimmers erzählten mir mehr. Die Mutter von Marguitta Olsiariska bereitete auf einem Petroleumkocher etwas Tee. Trotz der Überfüllung des Raumes war es kalt. Wir saßen in Mäntel gehüllt, und ich war froh, ebenfalls meinen Mantel anbehalten zu können, weil damit das Hakenkreuz auf der Uniformbrust verdeckt blieb. Was ich aus den Erzählungen der Frauen erfuhr, auch aus den Berichten über ihre persönlichen Leiden und Schicksale, bis sie in diesem luftlosen Verlies angekommen waren, in diesem erdrückenden Zimmer mit den ewig geschlossenen, hohen blauen Fenstern, mit der überladenen Stuckdecke, dem grauen Parkett, den schäbig gewordenen Tapeten, dem gespenstischen Mobiliar, den Schlafenden, leeren Blickes Herumhockenden – was mir die Frauen an diesem Abend erzählten, zerstörte den letzten Rest meines Glaubens, daß es ein Deutschland gäbe, das dies alles nicht zulassen würde.

Sie sprachen von den Deutschen, ohne herumzuklügeln, ob es nun SS, Wehrmacht, Polizei oder wer weiß was sonst gewesen sei – alle ihre Peiniger bei der Austreibung aus den Landgemeinden waren jedenfalls Deutsche gewesen.

Eine der Frauen hatte ihren Sohn verloren, noch nicht zwanzig, wie sie sagte, der seine Mutter vor den Schlägen eines Deutschen schützen wollte; er wurde auf dem Hof erschossen. Ihr Mann war schon zuvor aus dem Haus gezerrt worden und seither verschollen. Eine andere Bewohnerin des Zimmers hatte im westlichen Teil Warschaus eine schöne Wohnung in einem modernen Haus besessen, bis zwei Deutsche erschienen, junge Sekretärinnen der Gouvernementsverwaltung, und sie mit einem Zettel in der Hand aufforderten, binnen einer Stunde die Wohnung zu räumen und alles zurückzulassen, höchstens einen Koffer mit persönlichen Sachen mitzunehmen. Damals war die Umzugsverordnung Fischers noch nicht erlassen, und die Frau konnte sich auf vorsichtige Weise davon überzeugen, daß die beiden Angestellten in die »Judenwohnung« eingezogen waren und von Mobiliar, Hauswäsche, Geschirr, Teppichen, Radio, Bildern, Silber und Büchern Besitz ergriffen hatten – übrigens ein alltäglicher Fall im deutsch besetzten Polen. Die beiden Damen Olsiatiska, schon vor dem Krieg in der Dzielna zu Hause, waren am meisten bedrückt von der Enge, von der Unheimlichkeit des nahen Pawiak, von der Ungewißheit ihres Schicksals. Alle, die bald an dem Gespräch teilnahmen, sprachen vom Hunger. Das Getto war damals noch nicht allzu lange Zeit abgesperrt, es gab noch Reserven da und dort, aber zu Preisen, die den überwiegenden Teil der Bewohner vom Kauf ausschlossen. Wer nichts zum Verkaufen oder Tauschen besaß, Schmuck, Hausrat, Pelzmäntel oder was sonst immer Wert haben mochte, mußte einfach verhungern, die einen schneller, die anderen langsamer. Die Menschen starben unter freiem Himmel im Schnee, oder sie wurden nachts aus den Häusern getragen, nackt (denn selbst die abgerissenste Kleidung besaß noch Wert), mit Zeitungen bedeckt an den Randstein gelegt, damit sie am nächsten Morgen der Totenkarren auflesen und zum Friedhof bringen konnte.
Sie bekamen einen Zettel mit dem Namen, falls sie einen hatten, an die rechte Zehe gebunden, wurden für das Sterberegister des Judenrates notiert und in die Kalkgrube geworfen. Eine ordentliche Bestattung war selten und nur den Familien möglich, die Geld dafür ausgeben konnten. Die Frauen erzählten mir auch von den gelegentlichen Razzien, die von den Deutschen im Getto veranstaltet wurden, von Menschenjagden auf der Straße, wie sie auf Fliehende schossen, lachend, besonders wenn die Opfer ungeschickt waren, Kaftan und Schläfenlocken trugen und sich im Fall überschlugen.
Es war zu viel und es ist zu lange her, als daß ich mich an mehr Einzelheiten erinnern könnte. Ich weiß nur noch, wie die Frauen um mich her hockten – ich saß, wo man mich hingesetzt hatte, auf dem Diwan –, und daß alles, was sie mir berichteten, mich traf, meine Scham und meine Verzweiflung erhöhte. Dies alles war ein nacktes, teuflisches Verbrechen.

Ich ging mit der Überzeugung, daß es allen diesen unglücklichen Menschen bestimmt war, bewußt und vorbedacht bestimmt war, getötet zu werden. Wenn die Grenzen des Menschentums schon so weit überschritten waren – was sollte den Haß noch hindern, bis ans Ende zu gehen? Zu nutzlosen, tiergleichen Schädlingen erklärt, konnte es für diese Verdammten nach der nationalsozialistischen Ideologie keinen Platz im deutschen Machtbereich geben. An ein »jüdisches Siedlungsgebiet« im überall fieberhaft germanisierten Generalgouvernement war ebenfalls nicht zu denken. Was mir die Frauen in jenem schrecklichen Zimmer erzählt hatten, ergänzte, was ich selbst sah und was ich mir, als Deutscher im deutschen Wehrmachtmilieu, an fünf Fingern ausrechnen konnte. Ich glaubte fest, daß wir den Plan hatten, das Warschauer Getto und die vielen anderen Gettos im besetzten Polen dem Hungertod zu überlassen. Mit dieser Überzeugung kehrte ich zu meiner Einheit zurück. Auch auf meinem Koppelschloß stand »Gott mit uns«.
Ich sprach mit Köhler und Krause. Sie versuchten, mich zu beruhigen. Manchmal wünschte ich, nie die Wahrheit gesucht zu haben. Aber sie ließ sich nicht mehr vertreiben. Ende Februar 1941 kam meine Frau nach Warschau. Wir schmiedeten irre Pläne, ohne jede Möglichkeit, sie zu verwirklichen. Damals ging ich abermals ins Getto. Wieder in Uniform. Aber diesmal bei hellem Tageslicht und mit meiner Kamera. Rückblickend kann ich die Entschlossenheit, die mich damals zu dem Wagnis trieb, nicht mehr begreifen. Heute weiß ich auch, worüber ich mir 1941 keine Rechenschaft ablegte, daß es im Getto immer Gestapo-, SD- und SS-Leute gab, in Zivil oder in Uniform, denen ich hätte in die Hände laufen können. Wahrscheinlich hatte ich die möglichen Folgen nicht bis zum Ende bedacht. Eine mir heute ganz fremde, eine naive Tollkühnheit trieb mich in das Abenteuer, und was ich als Nachklang davon noch in mir aufspüren kann, war die Furcht, daß dies alles eines Tages niemand mehr glauben könnte, daß es daher für immer und unwiderleglich festgehalten werden müsse. So entstand der größte Teil der Bilder, die ich in diesem Buch vorlege.
Die Fotografien mögen für sich selbst sprechen. Auch kann ich mich nicht mehr an allzu viele Einzelheiten jenes Rundgangs erinnern, der etwa zwei Stunden dauerte. Ich marschierte durch die Straßen des Gettos, eine groteske Tatsache, eine Homme machine von einem anderen Gestirn, und vor mir teilte sich das dichte Gewoge der Menschen, sie wichen zurück, öffneten eine Gasse, sahen mich überrascht, scheu oder belustigt an. Einige Kinder und junge Burschen liefen in gewissem Abstand neugierig hinter mir her. Ab und zu blieb ich stehen und fotografierte, Straßenszenen, elende Kinder, einen bemerkenswerten Kopf, ein armes Gesicht. Es gab Schwierigkeiten.

Ich habe – Jahre später – in Holland Fischer, auf Ceylon Priester, in Bolivien Indianer fotografiert, ich trat auf sie zu, bat sie freundlich um die Erlaubnis: kein Problem. Im Getto von Warschau mußte die noch so freundliche Bitte eines deutschen Soldaten wie ein schrecklicher Befehl wirken. Einige Männer, noch in ihrer Erniedrigung von prachtvoller Würde, sprach ich an, erklärte ihnen meinen Wunsch, bat sie, ein Porträt machen zu dürfen – doch es half nichts, sie willigten ein, aber ebenso, wie sie es wohl erduldet haben würden, wenn ich sie für verhaftet erklärt hätte. Sie nahmen die Kopfbedeckung ab und hielten erstarrt still, und ich mußte sie bitten, den Hut oder die Kappe wieder aufzusetzen. Dann wurde die Situation noch peinigender. Einige der Kinder, die mir nachfolgten und mein Tun beobachtet hatten, begannen jetzt wie Herolde vor mir herzulaufen. Sie wollten sich nützlich machen, auch ein paar Zloty verdienen, und sie hielten nun von sich aus Passanten an, die sie für fotografierwürdig hielten, trieben sie mir förmlich zu, gaben ihnen auch gleich die Anweisung, die Kopfbedeckung nicht abzunehmen. Einige Porträts sind so entstanden. Aber diese Ausartung meines Rundgangs brachte mich zur Verzweiflung. Das Kainsmal meiner Uniform brannte. Ich jagte die Jungen weg, sie kamen wieder. Mit mir bewegte sich ein immer größer werdendes Knäuel Neugieriger vorwärts.
Auf den Stufen eines großen Gebäudes fotografierte ich zwei Angehörige des jüdischen Ordnungsdienstes, der sogenannten Getto-Polizei. Als ich meinen Weg fortsetzte, folgte mir einer der beiden, und das machte meine bedrängte Lage noch schlimmer. Er lief bald vor mir her, schwenkte die Arme und rief laut, soviel ich verstehen konnte, man solle Platz machen, nicht herumstehen, weitergehen! Dann wandte er sich drohend gegen die Traube Neugieriger hinter mir. Ich sprach ihn an und bat ihn, mich allein gehen zu lassen. Er nahm militärische Haltung an und sagte in ziemlich gutem Deutsch etwa: »Bitte sehr, ich darf Sie nicht allein lassen, ich muß aufpassen. «
Ich sagte ihm, er solle nicht strammstehen, und er müsse auch nicht aufpassen, ich sei ganz harmlos. Etwa wie man als deutscher Zivilist einem Polizisten glaubhaft zu machen versuchen würde, daß man nicht verdächtig ist. Der Mann vom jüdischen Ordnungsdienst glaubte es so vollkommen, daß er lächelte und ein offenes Wort riskierte. Er sagte: »Das ist es nicht. Aber wenn Ihnen hier im Getto etwas passiert . . .« –»Es wird mir sicher niemand etwas tun.« – »Aber wenn .. .«, beharrte er und schwieg. »Was wäre dann?« Er sah mich noch einmal prüfend an. »Dann wird das Getto zur Verantwortung gezogen«, sagte er leise, daß es die Umstehenden nicht hören konnten, aber doch bestimmt und ernst. »Deshalb muß ich aufpassen, daß Ihnen nichts zustößt. «
Wir vereinbarten, daß er es so diskret wie möglich machen sollte, und von da an hielt er sich in einem unauffälligen Abstand, ließ mich aber keinen Moment lang mehr aus den Augen. Er zerstreute auf stille Weise die Neugierigen in meinem Gefolge, schickte die kleinen Herolde fort, und ich war schließlich sehr froh, ihn in meiner Nähe zu haben. Die Fotografien haben mir sein Gesicht wieder in Erinnerung gebracht, das Gesicht eines gefälligen jungen Mannes, und es ist, als sei daraus ein tragischer Blick zu lesen, eine Vorahnung des teuflischen Schicksals, das die Männer des jüdischen Ordnungsdienstes bald dazu verdammte, ihre eigenen Leidensgenossen zur deutschen Schlachtbank zu treiben, bis sie schließlich selbst den gleichen Weg gehen mußten.
Nachdem sich der Knoten meines Abenteuers gelöst hatte, setzte ich den Weg fort, beschränkte mich darauf, Straßenszenen, arme Kinder, zufällige Gruppen zu fotografieren; die Pein, die das Porträtieren für beide Teile heraufbeschworen hatte, ließ mich vor einer Wiederholung zurückschaudern.
Außer dem, was meine Bilder berichten, ist nur wenig noch von meinem Rundgang zu sagen. Obwohl sich die Verhältnisse im Getto nach dem Beginn des Rußlandfeldzuges rapid und grausig verschlechterten, waren sie schon zur Zeit meines Besuches über alle Vorstellungskraft schrecklich. Gewiß, es gab damals noch gut gekleidete und gut genährt aussehende Menschen im Getto – sie fielen als Einzelerscheinungen sofort auf –, es gab Vergnügungen, Theater, Zeitungen, Schwarzmarktdelikatessen und sogar Luftballons. Auf einem der hier gezeigten Bilder ist ein Luftballonverkäufer zu sehen. In all den vergangenen Jahren, bis diese Aufnahme vergrößert wurde, hätte ich die Frage, ob mir je im Getto ein Verkäufer von Kinderluftballons begegnet ist, als unpassend bezeichnet und jeden Eid geleistet, daß dies nicht der Fall gewesen sei. Dennoch, die Fotografie beweist es: selbst Luftballons gab es anfangs noch im Getto von Warschau. Wie vorsichtig muß man mit Erinnerungen sein.
Aber rückschauend, wissend um die erbärmliche Ausrottung auch der Kinder des Gettos – diese Luftballons? Sie schweben, ein Symbol aller Ausnahmen, über einem Meer von Elend und Verzweiflung. Die meisten Menschen, die ich in den überfüllten, brodelnden Straßen und Gassen des Gettos sah, waren abgerissen gekleidet, und vieltausendmal mehr, als ich fotografierte, waren in Lumpen gehüllt, kauerten, lagen oder schliefen an den Straßenrändern, wimmerten, flehten um eine Gabe, sie warteten vergebens, die Füße in alte Säcke gewickelt, mit Hungeraugen, hohlen Wangen, ohne Zuflucht vor der Kälte.

Zu einem der herzzerreißenden Kinder hockte ich mich nieder. Es erzählte mir, daß es den ganzen Tag Lieder gesungen habe. Ich zählte die Münzen in seiner Bettelhaube: 26 Groszy, nach damaligem Wertverhältnis 13 Pfennig. Und fünf Jahre später berichtete ich in meinem Rundfunkvortrag: »Dabei waren die Preise für alle Dinge des Lebens schwindelhaft hoch. Nach deutschem Geld zahlte man für einen Laib Brot 200 Mark, für ein Paar gut erhaltene Schuhe 2000 Mark, für ein Pfund Ochsenfleisch 600 Mark. Zahlreiche Juden begingen in letzter Verzweiflung Selbstmord. Eine Dosis Zyankali wurde mit 4000 Mark gehandelt.«
Es war nicht übermächtiges Verhängnis, nicht schicksalhafter Untergang, dem diese Kinder, diese vielen zehntausend Menschen des Warschauer Gettos in Kälte, Entbehrung und Hunger erlagen, sondern geplante Vernichtung. Nicht allgemeine Knappheit an Wohnraum, Kleidung, Medikamenten, Nahrungsmitteln, nicht ein überall herrschender Mangel im deutschen Machtbereich lieferte sie dem Elend aus, sondern künstlich erzeugte Not, von Deutschen ersonnen und gegen wehrlose Gefangene hinter der Gettomauer in die Tat umgesetzt.
Ein vorsätzliches Verbrechen, so schrecklich, daß meine Kameraden Köhler und Krause nicht alles glauben wollten, was ich ihnen nach meiner Rückkehr erzählte. Sie sahen in der verschlossenen Dunkelkammer die Kleinbildstreifen. Sie wollten aber alles auch mit eigenen Augen sehen. Ich hatte nicht mehr die Kraft, mein Abenteuer zu wiederholen. Den Abgrund hinter mir, waren mir die Gefahren jetzt deutlicher bewußt.
Trotzdem fand sich eine Gelegenheit, das Getto noch einmal aufzusuchen. Wie schon erwähnt, war meine damalige Frau in der Inneren Verwaltung des Gouvernements Warschau dienstverpflichtet. Sie nutzte die Gier der Gouvernementsbeamten, bequeme Geschäfte, besonders mit Leicas, zu machen und »organisierte« unter der Vorspiegelung solcher Aussichten einen höchst dubiosen Passierschein. Er besagte, daß die Soldaten … erstens, zweitens, drittens, viertens . . . der Einheit Feldpostnummer 21022 berechtigt seien, das Warschauer Getto zu betreten, um dort dienstliche Einkäufe zu erledigen. Hoheitsadler, Hakenkreuz, Dienstsiegel, Unterschrift. Anweisung: nach Gebrauch vollständig zu vernichten. Eventuelle Ausrede: Einkauf von Zigaretten und Spirituosen für einen Kameradschaftsabend. Beide Waren kosteten im Getto zwar viel mehr als im übrigen Warschau, aber jeder mögliche Fragesteller hätte gewußt, das es deutschen Soldaten in dienstlichem Auftrag wohl leicht gewesen wäre, den Juden die Sachen einfach wegzunehmen.
Unser Dokument war also zwar illegal zustandegekommen, aber echt, und es stammte von der zuständigen Stelle der Gouvernementsverwaltung. Der Passierschein nannte unsere vier Namen, aber ich muß gestehen, daß mir der vierte nicht mehr einfällt. Wenn ich die Fotografie betrachte, auf der links unser vierter Mann neben mir und Krause zu sehen ist, glaube ich ihn sprechen zu hören, und sein Name will sich auf die Zunge drängen, ich erinnere mich an die ruhige, bedächtige Art dieses Kameraden und Mitwissers, dessen politische Empörung über den menschlichen Beweggründen immer noch einen deutschen Akzent hatte. Köhler, der die Aufnahme machte, ist in das Bild eingeblendet.
Ganz offen und ohne jede Schwierigkeit betrat unsere Gruppe am 1. März 1941 das Getto von Warschau. Der deutsche Polizeiposten am Eingang warf pflichtgemäß einen Blick auf den Passierschein und sagte:
„Macht’s gut.“ Daß Köhler, Krause und ich je eine Kleinbildkamera umhängen hatten, war ihm sicher egal. An jenem Tag entstand ein weiter Teil der in diesem Buch enthaltenen Bilder. Köhler und Krause belichteten bei dem Rundgang ebenfalls ein oder zwei Filme. Ich weiß nicht, was aus den beiden Kameraden und aus den von ihnen aufgenommenen Fotografien geworden ist – der Krieg trennte uns. Aber es gab ein Ereignis, das ich hier nicht unerwähnt lassen möchte. An einem späteren Tag ging einer der beiden, leider kann ich nicht mehr sagen, ob es Köhler oder Krause war (es ist sogar möglich, daß es sich um einen anderen Angehörigen unserer Einheit handelte), allein zum Gettofriedhof und fotografierte dort, wie die morgens in den Gettostraßen aufgelesenen nackten Toten auf Handwagen herangekarrt wurden, wie diese nur noch von dürrer Haut umspannten Skelette zu Haufen lagen und dann in die Massengräber geworfen wurden. Unvorsichtigerweise wurden von diesem Film in der Kompanie-Dunkelkammer einige Vergrößerungen im Format 9 x12 cm hergestellt, von denen ich auch mehrere besaß.
Von irgend einer Seite her kamen solche Bilder in Umlauf und fielen prompt in die Hände eines undichten Kompanieangehörigen, der ebenso prompt Meldung erstattete. Es kam zu einer Untersuchung, der Fotograf verteidigte sich mit der naiven Masche, er habe das eben interessant gefunden, ohne an Folgen zu denken, zumal der Friedhof offen zugänglich gewesen sei. Die Negative wurden eingezogen, alle, die im Besitz von Bildern waren, mußten diese abliefern und eine eidesstattliche Erklärung unterschreiben, keine weiteren davon mehr zu besitzen. Damit war der Fall glimpflich beigelegt. Bemerkenswert war die Belehrung, die anschließend allen in den Fall verwickelten Soldaten von einem Offizier erteilt wurde. Er verlor kein Wort über die schauerlichen Tatsachen, die auf jenen Bildern zu sehen gewesen waren. Er betrachtete sie, sicher zu Recht, als allgemein bekannt und, sicher zu Unrecht, als jedem deutschen Soldaten selbstverständlich. Die Belehrung zielte allein darauf ab, welch unendlicher Schaden Deutschland hätte zugefügt werden können, wenn die Bilder in Feindeshand gelangt und dann zu einer »Greuelhetze« benützt worden wären. Bedenken, daß die Fotografien auch in Deutschland Empörung hätten wecken können, äußerte er nicht.
Nach diesem Vorfall unterblieben weitere Expeditionen ins Getto. Meine Negative ruhten in ihrem Versteck. Über vierzig Jahre lang bewahrten sie stumm die gespenstische Kulisse längst zu Staub zerfallener Häuser, die Gesichter und Gestalten von Menschen, die da leben, gehen, sprechen, durch verschwundene Straßen eilen, am Wege kauern, flehen und mit einem unergründlichen Blick in unsere Gegenwart schauen. Ich veröffentliche die Dokumente in polemischer Absicht. Sie vertreten noch heute und heute wieder denselben Sinn wie am fernen Tag ihrer Entstehung: meine Furcht, daß dies alles einmal niemand mehr wahrhaben möchte.

Epilog

Während des Krieges war ich noch mehrmals in Warschau. Einmal bei einer Unterbrechung meiner Rückkehr aus Rußland zum Ersatztruppenteil in Potsdam, kurz vor dem Beginn des Winters 1941. Dann wieder im Sommer 1942 und im Frühjahr 1943, beide Male kurioserweise in Zivil. Da meine Frau noch immer bei den Behörden des Generalgouvernements tätig war, durfte ich dort meinen Urlaub verbringen, und zwar mit der üblicherweise erteilten Zivilerlaubnis. Bei der Reise 1943 sah ich Warschau nur kurz, weil ich nach Lemberg weiterreiste, wohin meine Frau inzwischen versetzt worden war. Das letzte Mal sah ich Warschau im November 1944.
Die Veränderungen des Kriegsbildes ließen sich in Warschau deutlich ablesen. Im Spätherbst 1941 – die deutschen Truppen drangen noch unaufhaltsam tiefer in die Weiten Rußlands ein und bedrohten Moskau –hatten sich die Gebräuche an den Toren des Warschauer Gettos noch mehr brutalisiert. Bis zum Angriff auf die Sowjetunion hatte wohl eine Art Abwartezustand geherrscht. Jetzt war eine Enthemmung eingetreten. Im Osten wüteten bereits die Einsatzgruppen, die Massengräber füllten sich mit zehntausenden und hunderttausenden erschossener Juden, und die deutschen Polizeiposten in Warschau waren gewiß von diesem Vernichtungsfieber angesteckt. Was nun im Osten vorging, war ja keineswegs geheim, vielmehr ganz allgemein bei der Fronttruppe und in der Etappe mit mehr oder weniger genauen Einzelheiten bekannt.
Es ist, nach meinen eigenen Erfahrungen, ganz falsch, in der deutschen Kriegsdisziplin und Perfektion eine Art Mythos zu sehen. Auf dem östlichen Kriegsschauplatz, den vermeintlich raschen Sieg vor Augen, wurde nicht der geringste Wert darauf gelegt, die Ausrottung der Juden verborgen oder geheimzuhalten. An den Massengräbern, wo Ortschaft um Ortschaft die jüdischen Einwohner ohne Unterschied von Alter und Geschlecht blutig niedergemetzelt wurden, standen immer Soldaten, Eisenbahner, Männer der Organisation Todt, Zivilisten, manchmal in der Badehose, oft mit Fotoapparaten, und sahen dem grausigen Schauspiel zu. Die Mordkommandos hatten gar nichts dagegen, es gab keine Absperrungen, niemand wurde vertrieben. Wahrscheinlich galt allgemein vorausgesetzt, jeder Deutsche, in welcher Uniform oder Kleidung immer er da herumstehen mochte, sei als Gefolgsmann Hitlers ohnehin mit den Geschehnissen einverstanden.
Hier lag natürlich ein Irrtum. Die Vorgänge bei den Massenerschießungen, die Tatsache der schauerlichen Gräber, in denen ein ganzes Volk verschwand, verbreiteten sich, von den Zuschauern berichtet, in der ganzen Truppe.
Ich behaupte, daß nur blinde und taube Soldaten im Osten nichts von den Dingen erfahren haben. Es wurde in der sparsamen Art, die Soldaten eigen ist, darüber gesprochen, und ich möchte den ehemaligen Landser sehen, dem die damals üblichen Ausdrücke »umsiedeln«, »liquidieren«, »sonderbehandeln« oder einfach »umlegen«, schließlich »vergasen« und »durch den Schornstein jagen« nicht in ihrer nackten Bedeutung verständlich waren. Selbst wenn es der Wille der Führung gewesen wäre, die Ausrottungen geheimzuhalten, wäre das bei dem Umfang der Aktionen nicht möglich gewesen. Wehrmacht und andere Formationen waren in den Ostgebieten allgegenwärtig und mußten zwangsläufig ständig den Weg der Mörder kreuzen. Die »Entjudung« von Ortschaften, die Transporte, die Sammelpunkte und das tagelange Geknatter der Schüsse an den Todesgruben konnten nicht unbemerkt und ungedeutet bleiben. Ich habe einen Elendszug von Juden an einem improvisierten Sammelpunkt in der Nähe von Smolensk gesehen. Die Erde starrte von kaltem Schlamm. Die Menschen, die man hier wohl aus verschiedenen Dörfern zusammengetrieben hatte, warteten stehend und frierend auf ihr weiteres Schicksal. Die meisten hatten keinen Mantel, einige kleine Kinder waren in die Jacken Erwachsener gehüllt, andere trugen nur Lumpen. Ich fragte einen der Bewacher, einen Mann der Waffen-SS: »Was ist mit denen los ?« Er wendete sich taktvoll etwas zur Seite, damit seine Worte nur von mir gehört werden konnten, und sagte: »Die werden umgelegt.«
Kein Geheimnis. Und natürlich auch keine Neuigkeit. Was so allgemein bekannt, was so zwanglos ausgesprochen wurde, was in einer Millionenarmee zum geistigen Normalgepäck gehörte (wie leicht oder wie schwer jeder einzelne daran trug, ist eine andere Frage) – das darf man wohl nicht mehr als sonderliches Geheimnis bezeichnen. Wendungen wie »Das deutsche Volk hat davon nichts gewußt« oder gar »Wenn das deutsche Volk etwas von diesen Dingen gewußt hätte . ..!« sind doch ganz brüchig. Millionen Angehörige der deutschen Formationen im Osten kamen als Urlauber, Verwundete, Heimatversetzte nach Deutschland. Sollten sie alle geschwiegen, nicht einmal im engsten Vertrautenkreis geflüstert haben? In welcher Gesinnung sie ihr Wissen anderen mitteilten, auch das ist eine andere Frage. Jedenfalls waren die Vorgänge bekannt, und als schließlich auch in den deutschen Städten die Juden aus ihren Wohnungen geholt und »nach dem Osten umgesiedelt« wurden, gab es doch kaum noch Zweifel über ihr wahres Schicksal.

(zeichnung links: Zuschauerinnen beim Abtransport einer jüdischen Familie 1943 in Berlin. Der Verfasser, damals 27 Jahre alt, fertigte unmittelbar nach dem Erlebnis aus dem Gedächtnis diese Bleistiftzeichnung an.)
1943 sah ich in der Berliner Neuen Winterfeldtstraße, wie eine jüdische Familie abtransportiert wurde. Die Menschen, alle mit dem gelben Stern gekennzeichnet, mußten mit ihrem geringen Handgepäck auf einen bereitstehenden Lastwagen steigen. Ein paar Hausfrauen mit Einkaufstaschen und andere wenige Straßenpassanten standen dabei und sahen zu. Die Juden gingen rasch und mit gesenktem Kopf durch das Spalier der Blicke und kletterten auf das Fahrzeug. Ich betrachtete die Umstehenden, und der hämische oder triumphierende Ausdruck, der deutlich auf den Gesichtern der biederen Frauen stand, prägte sich mir so brennend ein, daß ich gleich danach aus dem Gedächtnis eine Zeichnung (siehe Seite 35) der Szene anfertigte (ich bin kein Zeichner), und daß ich heute noch genau Tonfall und Klang im Ohr habe, wie die eine ohne Bedauern zu ihrer Begleiterin sagte – der Lastwagen fuhr gerade ab, und die Dame warf mir einen verständnisinnigen Blick zu –: »Die werden ooch vajast.«
Es war bekannt. Auch die Wehrmachtführung wußte schließlich, was in ihren Befehlsbereichen geschah. Zwei oft zitierte Befehle zeigen darüber hinaus, wie sich die Ausrottung der Juden auf die Truppe auswirkte. Sie zeigen die ganz gegensätzlichen Reaktionen, nämlich Beschämung und Empörung bei den einen, Zustimmung und verrohende Einflüsse auf der anderen Seite. Die Empörung war immerhin so stark, daß sie selbst dem Generalfeldmarschall Walther von Reichenau zu Ohren kam und ihn veranlaßte, am 10. Oktober 1941 einen Armeebefehl herauszugeben, in welchem er »die Ausrottung des asiatischen Einflusses im europäischen Kulturkreis« als »das wesentliche Ziel des Feldzuges gegen das jüdisch-bolschewistische System« bezeichnete und beschwichtigend und belehrend sagte: »Hierdurch entstehen auch für die Truppe Aufgaben, die über das hergebrachte, einseitige Soldatentum hinausgehen . . . Deshalb muß der Soldat für die Notwendigkeit der harten, aber gerechten Sühne am jüdischen Untermenschentum volles Verständnis haben. « Das übliche Zuschauen und Fotografieren, ja das Mitmachen von Wehrmachtangehörigen bei den Ausrottungen, die ganze Skala des brutalisierenden Einflusses auf die Truppe zeigt der Armeebefehl des Feldmaris Gerd von Rundstedt vom 23. September 1941. Darin heißt es unter anderem: »Eigenmächtiges Vorgehen einzelner Wehrmachtangehöriger oder Beteiligung von Wehrmachtangehörigen an Exzessen der ukrainischen Bevölkerung gegen die Juden ist verboten, ebenso das Zusehen oder Fotografieren bei der Durchführung der Maßnahmen der Sonderkommandos. «
Die Brutalisierung, wie ich schon sagte, zeigte sich mir auch, als ich im Spätherbst 1941 abermals die Tore des Warschauer Gettos sah. Die deutschen Polizeiposten benahmen sich ungehemmter als noch ein halbes Jahr zuvor. Vier Jahre später sagte ich darüber in meinem schon erwähnten Rundfunkbericht, also noch aus frischem Gedächtnis:
»Einmal wurde ein alter, weißbärtiger Mann kontrolliert, der abends aus der Stadt zurückkehrte. Der Posten studierte mit quälender Langsamkeit den Passierschein, um sein Opfer in Ungewißheit und Angst zu versetzen. Inzwischen stand der Alte mit dem Hut in der Hand da, wie das die Vorschrift verlangte, und wartete zitternd auf den üblichen Fußtritt, während die umstehenden Soldaten ihm höhnische Bemerkungen zuriefen und sich über seinen Bart lustig machten. Schließlich untersuchte der Posten die Taschen des Mannes und fand darin einen Viertellaib Brot. Das sei verboten, schrie er ihn an – er habe das Brot gestohlen. Der Alte sagte einfach, daß er das Brot geschenkt bekommen und daß er Hunger habe. >Das ist eine freche Lüge!Bravo!Gib ihm Saures!< Der Posten folgte den aufmunternden Zurufen, wie es hier Brauch war. Mit Tritten und Boxhieben wurde der Alte in das Schilderhäuschen befördert, das neben der Sperre stand. Ich mußte wegsehen, aber ich stand wie versteinert. Ich hörte mehrere dumpfe Schläge und ein ächzendes Krachen. Dann kehrte der Posten auf seinen Standplatz zurück und wurde von erneutem Beifall begrüßt. Als ich wieder hinzusehen wagte, lag der alte Mann bewußtlos in dem Schilderhäuschen. Blut sickerte ihm aus Mund und Nase in den weißen Bart. In der folgenden Viertelstunde weckte der Posten den Greis noch mehrmals aus seiner Ohnmacht, um ihn dann wieder bewußtlos zu Boden zu schlagen, bis er ihn am Ende mit einem furchtbaren Fußtritt in das Innere des Gettos beförderte.
Auch im Inneren der Einzäunung standen immer kleine Ansammlungen von Menschen, um die Vorgänge zu beobachten. Freilich war ihr Antrieb ein anderer als der der Zuschauer auf der Außenseite. Jetzt lösten sich zwei junge Juden und eine Frau aus der elenden Gruppe dort drinnen, hoben den Ohnmächtigen auf und trugen ihn fort.

Ich betone noch einmal, daß dies ständig von Gelächter, von beifälligen und aufmunternden Zurufen der außen stehenden Soldaten begleitet war. Ich betone aber auch, daß es sich hier nicht um einen Einzelfall handelte. Solche Szenen spielten sich täglich und stündlich ab … In Warschau waren diese Tatsachen so bekannt, daß jeden Tag viele Wehrmachtangehörige und die Mitglieder anderer Formationen und der deutschen Zivilverwaltung herbeiströmten, um dem entsetzlichen Schauspiel zuzuschauen, als handle es sich um eine Gratis-Kinovorstellung. Manchmal waren die Vorkommnisse so unmenschlich, daß sich unter den ohnmächtig zuschauenden Juden im Inneren der Umzäunung laute Empörung und eine drohende Zusammenrottung zeigte. Aber auch für solche Fälle war vorgesorgt. Meist stand am Eingang des Gettos ein Beiwagen-Motorrad mit aufmontiertem Maschinengewehr, und ich habe selbst einmal sehen müssen, wie die deutsche Polizei rücksichtslos das Feuer gegen die empörte Menge eröffnete. Nachher wurden zwei Frauen, ein Knabe und ein jüdischer Ordnungspolizist tot vom Platze getragen. «

Das war im Herbst 1941 und schon mit den Augen eines Mannes gesehen, der aus Rußland kam und die Fortsetzung der Tragödie kannte. Im Sommer 1942, als ich den ersten Zivilurlaub bei meiner Frau in Warschau verbrachte, war bereits die Dezimierung des Gettos, die Verschickung seiner Bewohner in die Gaskammern von Treblinka im Gang. Gleichzeitig kamen noch immer Juden aus anderen Teilen Europas an. Meine Frau führte mich zu einer neuen, mir noch nicht bekannten Einrichtung, einer Art Schleuse oder Quarantäne, eigentlich ein Käfig, in dem die Neuankömmlinge zusammengepfercht wurden und auf irgend etwas warten mußten. Es bestand hier ein Durchgang für die außerhalb des Gettos lebende Bevölkerung, ein Laufsteg aus Holz, dessen eine Seite von einem engmaschigen Drahtgitter begrenzt war. Hinter dem Gitter standen, hockten und lagen Juden, Gefangene in unendlichem Elend, ausgezehrt und erschöpft, apathisch. Die Passanten gingen an dem Gitter vorbei und schauten hinein. Die Drahtmaschen waren so eng, daß sie gerade Platz für zwei bis drei Finger ließen. Kinder, Frauen und Halbwüchsige standen dort und flehten die Vorbeigehenden mit herzzerreißenden Stimmen um ein Stückchen Brot an, dabei steckten sie bittend ihre Finger durch das Geflecht, und ich sah die graue Drahtwand mit dem Gewimmel der kleinen Kinderfinger und den dürren, verkrümmten Fingern der Frauen.
Zu dieser Zeit sprach man in Warschau über die Vergasungen so offen wie etwa über die Kriegslage. Aus der deutschen Zivilverwaltung des Gouvernements Warschau erfuhr ich durch meine Frau, daß dort die Beamten, und eben bis herab zur Sekretärin, ohne Umschweife von Auschwitz, Treblinka und der Liquidierung der Juden redeten, so beiläufig und gelegentlich, wie man im Dienstbetrieb oder in der Kantine irgendein anderes Tagesthema anschneidet und wieder fallenläßt. Auch die einheimische Bevölkerung, die selbst in immer härterer Form den blutigen Terror der Besatzungsmacht zu spüren bekam, war über die Bedeutung der Abtransporte aus dem Getto nicht im Zweifel. Einige Freunde –ehemalige Mitwirkende und Gäste eines Notlokals polnischer Künstler, der Gospoda Wloczegow – erzählten mir in vertrautem Kreis Einzelheiten. Es handelte sich also, wie sich abermals bestätigte, um ein offenes Geheimnis.
Zum vorletzten Mal sah ich das Getto im Frühjahr 1943 bei einem kurzen Aufenthalt in Warschau auf der Durchreise nach Lemberg. Die große Liquidierung, welche die Bewohnerzahl des Gettos um über 310000 Opfer verringert hatte, war vorüber, der Aufstand der überlebenden etwa 70000 Juden lag in der nahen Zukunft. Bei Straßenlücken und in Durchfahrten verschaffte ich mir Einblick und sagte darüber in dem Rundfunkbericht vom November 1945: »Aus dem Getto starrte mir eine grauenhafte Leere entgegen. Wo es vorher von Hunderttausenden wie in einem Ameisenhaufen gewimmelt hatte, lagen jetzt verödete Straßen. Aus den Fenstern der verlassenen Wohnungen flatterten herabgerissene Vorhänge. In Warschau selbst stellte ich bei den Juwelieren einen auffallenden Preissturz fest. Dies erklärte sich aus der Tatsache, daß die SS bei der Liquidierung der Bevölkerung des Gettos alle Wertsachen geplündert hatte und nun auf den Markt warf. In den Vergnügungslokalen Warschaus wurden um diese Zeit oftmals ungeheure Zechen mit ein paar hingeworfenen goldenen Armreifen oder Brillantringen bezahlt.«
In Lemberg – Stalingrad und die alliierte Landung in Nordafrika hatten den Horizont schon gerötet – kam es zur Liquidierung des Gettos erst in der zweiten Junihälfte 1943. Als ich als Urlauber meine Frau dort besuchte, fotografierte ich die nach dem deutschen Einmarsch zerstörte Synagoge. Es gab deswegen ein übles Nachspiel, in das sich auch die Gestapo einschaltete. Meine Frau hatte eine Haussuchung zu überstehen, bei der sie den Beamten lächelnd Koffer, Schränke, Schubladen und alte Wäsche zeigte, unter der die Negative verborgen waren.
Lemberg will ich aber auch noch in einem anderen Zusammenhang erwähnen. Nach der Vernichtung des dortigen Gettos und seiner Menschen erfuhr ich Einzelheiten durch meine Frau, die auf Urlaub nach Berlin kam. Sie berichtete mir, was sie gesehen und gehört hatte und was auch alle anderen Bewohner Lembergs einschließlich der deutschen gesehen und gehört hatten. Sie berichtete mir von dem tagelangen Gemetzel, von dem Feuerschein über dem Getto und wie die Deutschen die Mitglieder des Judenrates öffentlich an einem Balkon aufgehängt hatten, einen sogar zweimal, weil der Strick gerissen war. Sie berichtete, wie noch Tage nach dem Massaker Lastwagen durch die Straßen der Stadt fuhren, beladen mit Plünderungsgut oder angehäuft mit den Leichen der Ermordeten. Die Menschen, die den schauerlichen Transporten begegneten, hielten sich die Nase zu, eine Übelkeit erregende Brühe von Blut und anderen Körperflüssigkeiten troff aus den Ritzen der Lastwagen und zog ihre Spur auf der Fahrbahn.
Auch nach der Liquidierung des Gettos gab es noch Juden in Lemberg. Sie arbeiteten in verschiedenen von den Deutschen eingerichteten Werkstätten, waren aber ebenfalls schon zum Tode bestimmt. Meine Frau hatte wie alle anderen Angestellten der Zivilverwaltung von dem System erfahren und berichtete mir, daß an die jüdischen Arbeiter und Arbeiterinnen Nummern ausgegeben worden waren, welche die Reihenfolge der Hinrichtung bestimmten. Es gab in den Werkstätten auch Ehepaare, die nach der Höhe der zugeteilten Nummern wußten, wer als erster den letzten Weg anzutreten hatte.
Der zuverlässigste und aufrichtigste Freund, den ich damals hatte, war Werner Asendorf, ein einfacher Soldat, mit einer Amerikanerin aus Dänemark verheiratet. Er saß im Oberkommando der Wehrmacht (OKW), damit beschäftigt, amerikanische Zeitungen und Zeitschriften auszuwerten; außerdem besaß er eine der so seltenen Genehmigungen zum dienstlichen Abhören ausländischer Sender, eine Tätigkeit, die jedem Unberechtigten im damaligen Deutschland den Kopf kostete. Er war ein glühender Gegner der Nazis, wegen seiner Dienstobliegenheiten natürlich immer glänzend informiert, waghalsig in der Verbreitung ausländischer Nachrichten. Asendorf wohnte mit seiner Frau Signe und seinen beiden Kindern im Haus seiner Schwester in Potsdam. Nach Dienstschluß sahen wir uns fast täglich in seiner Wohnung, hörten Radio London, saßen gemeinsam im Luftschutzkeller. Auch als der Krieg zu Ende war, sahen wir uns noch oft, bis Asendorf schließlich in die Vereinigten Staaten ging. Ein kurzer Briefwechsel folgte, dann riß die Verbindung ab.
Nachdem meine Frau nach Berlin gekommen war, war Asendorf dabei, als sie mir von ihren Erlebnissen in Lemberg berichtete. Wir überlegten, wie wir die Nachrichten ins Ausland bringen könnten. Asendorf erbot sich, einen Schweizer Journalisten, den er aus dem Berliner Club der Ausländischen Presse kannte, mit uns in Verbindung zu bringen. Die Zusammenkunft fand an einem der nächsten Abende in einem außerhalb Potsdams gelegenen Gartenlokal statt. Um mein Gedächtnis für dieses Buch aufzufrischen, schrieb ich 1965 an Werner Asendorf, 3942 N.E. 11th Avenue, Portland, Oregon. Es genügt zur Schilderung der damaligen Situation, hier einfach die betreffende Stelle aus meinem Brief wiederzugeben.
»… ich würde sehr dringend Deine Hilfe benötigen. Ich muß eine Szene rekonstruieren, an der Du teilgenommen hast, aber ich kann mich nicht mehr ganz genau erinnern … In der zweiten Kriegshälfte saßen wir einmal zusammen mit einem Schweizer Journalisten, den Du aus dem Club der Auslandspresse mitgebracht hattest, in der sogenannten Meierei in Potsdam; auch Marianne Heydecker war dabei. Wir erzählten ihm von Schicksalen der Juden in Polen und, wenn ich mich richtig erinnere, von der Liquidierung des Lemberger Gettos, die Marianne Heydecker sehen hatte. Am Ende dieses langen Gesprächs äußerte der Schweizer etwa: „Ihre Aufrichtigkeit in allen Ehren – aber das kann ich Ihnen nicht glauben.“ Weißt Du zufällig noch, wer dieser Schweizer Journalist war, oder kannst Du mir wenigstens so genau wie möglich schreiben, wie Du diesen Abend in Erinnerung hast? Dies wäre für mein Buch eine sehr große Hilfe . ..«
Als Antwort schickte Frau Asendorf eine Trauerkarte mit den Worten: »Sorry he can’t help you. « Mein Freund war schon seit sieben Jahren tot, gestorben am 28. Februar 1958. So muß ich die Erinnerung hier als Fragment stehen lassen, ich kann sie genauer nicht mehr in die Gegenwart rufen. Vielleicht liest jener Schweizer diese Zeilen. Ich beglückwünsche ihn noch nachträglich zu seinem guten, ehrlichen Glauben an Deutschland.
Warschau sah ich zum letzten Mal am 20. November 1944. Mein Truppenteil, die Panzerjägerabteilung 337, war in Konstancin bei Piaseczno einquartiert, einem ehemaligen Erholungs- und Villenort in der Nähe Warschaus. Der Warschauer Aufstand des Generals Bor-Komorowski war kurz zuvor blutig zusammengebrochen, die Russen bereiteten den Durchbruch an der Weichsel vor. Warschaus Bevölkerung war gezwungen worden, die Stadt zu verlassen. In dieser Situation gelüstete es unseren Kompanieführer, Hauptmann Krause, einen trinkfreudigen, zackigen Jüngling, in Warschau Wodka organisieren zu lassen. Das Betreten der Stadt war bei Todesstrafe verboten, aber Krause beschaffte unter einem Vorwand beim Divisionsstab für einen Leutnant und fünf Mann einen Sondermarschbefehl, unterschrieben vom General der Volksgrenadierdivision, Eberhard Kinzel, persönlich.
Leutnant Lutter hatte mich, da ich die Stadt kannte, seinem Kommando zugeteilt. Und so darf ich sagen, einer der wenigen Menschen zu sein, die das zerstörte, tote und menschenleere Warschau in jener kurzen Spanne zwischen Evakuierung und russischem Einmarsch betreten haben. Eine in Trümmern liegende Millionenstadt, in der sich kein lebendes Wesen regt, in der das eigene Wort, der eigene Schritt das einzige echohafte Geräusch ist, kann nur als Zukunftsvision gedacht werden. Doch ist sie vergangen und war gegenwärtige Wirklichkeit, als wir sechs, einsam und fröstelnd, durch die geisterhafte Szenerie gingen. Ab und zu der ferne Einschlag eines russischen Artilleriegeschosses, weit hallend. Ein ausgebrannter Straßenbahnwagen auf der leeren, erstarrten Marszalkowska. Stille. Das Rieseln von Steinen erschreckt. Auf dem Platz vor dem Bahnhofsskelett ein Kistendeckel an einen Mauerbrocken gelehnt, mit roten Buchstaben beschriftet: »Plünderer werden erschossen«. Daneben liegt ein Toter auf dem Bauch, Arme und Beine wie gespaltene Verlängerungen des Körpers ausgestreckt. Mitten auf der Straße, auf den zerwühlten Bürgersteigen, Grabkreuze, aus zwei Holzlatten schnell zusammengebunden, mit Tintenbleistift geschriebene Namen, bei manchen steht eine Topfpflanze. Grabkreuze, so viele. Unser Trupp hatte sich getrennt, ich ging mit einem Kameraden durch die Trümmerschlucht der Marszalkowska, wir stiegen mit der Taschenlampe in Keller, fanden weggeworfenes Verbandzeug, modernde Lumpen, Gestank. Wir wanderten durch Seitenstraßen, menschenleere, kletterten durch Ruinen, Wohnungen, menschenleere, durch Hinterhöfe und abermals in Keller. Wir fanden keinen Wodka, suchten auch keinen, suchten nichts und suchten doch, wie in einer boden- und uferlosen Traumlandschaft.
Das einstige Getto lag weit hingebreitet, eine lautlose Ebene von Schutt, aus der da und dort ein Pfeiler, ein Eisenträger emporragte. Die Grenze verschwamm im Dunst des Novembertags. Hier machte ich die letzte Aufnahme einiger Filme, auf denen ich die tote Stadt Warschau festgehalten habe.

Ich stand und sah auf die Trümmer. Nicht einmal die Luft regte sich. Das Schweigen schrie. Ganz fernes Artilleriegepolter, oder mein Herz, dieses Klopfen im Hals. Mein Kamerad stieß mich an, daß wir weitergehen sollten. Auch er sprach kein Wort. Erst als wir den Weg zurück gefunden hatten und der Lastwagen mit dem wartenden Fahrer und dem Leutnant am Ende der grauen Straße sichtbar wurde, sagt er, was damals schon ein Gemeinplatz war: »Mensch, wenn das jetzt alles auf uns zurückkommt!«

[1] ARD-Doku über Lösche
[2] Gedenkfeier 15.04.2008 in Warschau
[3] Joe J.Heydecker: Das Warschauer Getto, Fotodokumente eines deutschen Soldaten aus dem Jahre 1941

Samantha Cristoforetti

Die Dezember-2011-Ausgabe der Zeitschrift „junior//consultant“ ist eine besondere Ausgabe, nämlich eine,

in der ausschließlich Frauen von ihren Projekten berichten.

Während man bei Zeitschriften, die es wagen, eine Ausgabe ausschließlich Männern zu widmen, die über ihre Projekte berichten, gerne mal von Rassismus
und Frauenfeindlichkeit redet, scheint sich an einer solchen Titelaufmachung im universitären Umfeld niemand zu stören. Ich übrigens auch nicht, als ich diese Zeitschrift in der Bonner Uni zum ersten mal erblickte, denn von der sog. „Consultant-Branche“ habe ich noch nie viel gehalten.
Das hängt vielleicht damit zusammen, daß ich selbst jahrelang als „Consultant“ gearbeitet habe und dabei eine Menge Kollegen als Projektschwätzer, Wichtigtuer und aufgeblasene Phrasendrescher kennengelernt habe. Was ist eigentlich ein Consultant und was raten einem solche „Berater“? Zum Beispiel dieses:

Alle Maßnahmen müssen systematisch und zielgruppenadäquat im Rahmen einer integrierten Kommunikationsstrategie aufeinander
abgestimmt werden, um den größtmöglichen Nutzen und Synergieeffekte zu erreichen. Als innovative Full-Service-Agentur übernehmen wir gern
die Implementation der angedachten Maßnahmen. Dazu definieren wir die Milesstones im Prozess der Realisierung und arbeiten die Spezifikation der Kommunikationsphasen aus.

Da weiß man doch, was zu tun ist! Als erstes nämlich den Consultant für seine weitreichenden und erfolgversprechenden Ratschläge fürstlich entlohnen und dann sich an die Realisierung der Milesstones machen! Nun ja, jetzt mal im Ernst: die oben erwähnte Zeitschrift, in der ausschließlich von Frauen über Frauen und deren Projekte berichtet wird, wimmelt nur so von Psychologinnen, Politikwissenschaftlerinnen, BWLerinnen und Management-Beraterinnen, deren innovatives Marketing-Geschwätz kaum in der Lage ist, die Dürftigkeit ihrer Gedanken zu kaschieren. Vielleicht sollten die, bevor sie andere „beraten“ ( wie es mir ein Consultant-Kollege einer Bank mal erklärte) erst mal über das Problem ein bißchen „brainen“…
Später fiel mir dann ein, daß es ja auch andere Frauen gibt, die in ihrem Beruf erheblich bescheidener auftreten, aber um Klassen kompetenter sind: z.B. Astronautinnen. Wie? Astronautinnen? Ja, auch die gibt es! Eine solche ausgewachsene Astronautin sehen wir beispielsweise oben links auf dem Foto. Es handelt sich um Samantha Cristoforetti, eine Italienerin, die schon in ihrer Kindheit davon geträumt hat,

Astronautin zu werden, ins All zu fliegen… ich habe mich einfach so spontan dafür begeistert… ich habe so viel Science Fiction gelesen

Nun träumen vielleicht viele Kinder davon, mal mit einem Raumschiff zum Mond zu fliegen, lesen als Jugendliche wie Cristoforetti vielleicht auch Romane von Asimov und sind Fans von Star Trek, aber zum Fliegen auf den Mond gehört ein wenig mehr als Science-Fiction-Romane lesen:

Ich habe das Glück gehabt, daß sich dann später meine Leidenschaften für Technik, Naturwissenschaften und das Fliegen entwickelt haben.

Wie haben sich solche Leidenschaften in dieser schrecklichen männerdominierten Gesellschaft überhaupt entwickeln können? Hat Samantha Cristoforetti etwa an den Veranstaltung von „MINT Role Models“ teilgenommen, hat sie die bewegenden Sätze auf der Homepage unseres BMFT (Bundesforschungsministeriums) gelesen?

MINT – das steht für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Doch MINT ist mehr. Damit kannst du Flugzeuge noch höher fliegen lassen, Autos noch umweltfreundlicher machen und mit der ganzen Welt kommunizieren. Wie das geht? Ganz einfach, indem du MINT nutzt, um die Welt von morgen mit zu gestalten. MINT steckt überall. Finde es heraus…

Nein, sie hat diesen Schwachsinn nicht gelesen sondern einfach Maschinenbau mit Vertiefung in Luft- und Raumfahrt an der TU München studiert und machte dort 2001 ihren Master (damals noch Diplom). Und das will was heißen. Nicht weil das für Frauen angeblich viel schwieriger ist, weil sie sich gegen Konkurrenz der Männer durchsetzen müßte. Nein, weil es einfach ein schwieriges Ingenieursfach ist. Wer einmal wie ich in einer Vorlesung über technische Mechanik gesessen hat weiß, welche immensen Anforderungen dieses Studium an Studenten stellt, egal ob sie weiblich oder männlich sind.
Samantha Cristoforetti meisterte ihr Studium in München mit Bravour und wollte dann keine Quotenfrau im Vorstand von BMW, Megatron oder General Electric werden. Statt dessen gefiel ihr der Gedanke, mal in einem Kampfflugzeug im Tiefflug über die italienische Küste zu düsen. Also bewarb sie sich nach ihrem Studium beim Militär in Italien:

Von 2001 bis 2005 arbeitete sie an der Luftwaffenakademie Italiens in Pozzuoli, wurde danach zum Militärpiloten (sie sagte NICHT Pilotin!! siehe [1]) ausgebildet und flog u.a den AMX, ein italienisches Bodenangriffsflugzeug [6]. 2005 – 2006 war Cristoforetti an der Sheppard Air Force Base in Texas, wurde dort zum Kampfpilot ausgebildet und anschliessend zur 132nd Squadron, 51st Bomber Wing, in Istrana (Italien) versetzt. Und so ging es weiter bis 2009: Cristoforetti wurde Leutnant der italienischen Luftwaffe und absolvierte mehr als 500 Flugstunden auf 6 verschiedenen Kampfflugzeugen (SF-260, T-37, T-38, MB-339A, MB-339CD, AM-X).
All das war aber nur eine Zwischenstation, denn sie wollte höher hinaus: ins All. Diesen Schritt wagte sie 2009 mit einer Bewerbung zur Ausbildung als Astronautin bei der ESA.
Für die Bewerbung füllte man einen Fragebogen aus, der natürlich besonders auf die Eigenschaften abstellt, die für Astronauten wichtig sind, z.b. auch die Verständigung in mehreren Sprachen. Für Cristoforetti kein Problem: sie spricht Deutsch, Englisch, Italienisch, Französisch und Russisch fließend, genau die Sprachen, auf die es ankommt. Von den 8500 Online-Bewerbern blieben noch 1500 übrig, die dann in Gruppen von 20 Leuten nach Hamburg zu einem psycho-kognitiven Computertest eingeladen wurden. Da wurde dann das Grundwissen in Mathematik, Physik und Astronomie geprüft, dreidimensionales Vorstellungsvermögen und auch das Kurzzeitgedächtnis. Cristoforetti nennt ein Beispiel für letzteres: eine Stimme sagt eine Zahlenreihe auf und hört dann an einer bestimmten Stelle unvermittelt auf. Die Probanden sollten dann diese Zahlenreihe rückwärts aufschreiben, eine Aufgabe, die erhebliche Konzentration erfordert und daher nicht geeignet ist für Management-Consultants. Überhaupt waren die Ansprüche dieser 8 mal 1/2 Stunde Tests nach Aussage Cristoforettis sehr hoch, jeder Proband sei da mal an die Grenze seiner Fähigkeiten gekommen.
Nach diesen Tests, die mehrere Monate liefen, bis alle 1500 Kandidaten ihn durchlaufen hatten, blieben noch 200 über. Im September 2009 wurden diese dann in Gruppen von 6 Leuten zu weiteren Tests nach Köln zur DLR (Deutsche Luft- und Raumfahrtgesellschaft) eingeladen. Dort ging es vor allem um die Fähigkeit, in einem Team extrem schwierige Aufgaben in sehr kurzer Zeit zu lösen, anschließend kamen eine psychologische und eine medizinische Untersuchung dazu. Übrig blieben dann nur noch 22 Kandidaten, aus denen letztlich der Chef der ESA (Europäische Raumfahrtagentur) die 6 ausgewählt hat, die als Astronauten zugelassen wurden, und darunter war auch Samantha Cristoforetti.

Und warum sind die anderen 5 ausgewählten Bewerber männlich? Das ist doch vollkommen klar, meinen Ursula von der Leyen, Alice Schwartzer und die NRW-Emanzipationsministerin Barbara Steffens, es liegt an der fehlenden Astronauten-Frauenquote. Denn, so meinen diese Fürsprecherinnen der Gleichschaltung durch Genderpolitik: wenn jedes Ministerium, jede Firma und jede Universität neben der Frauenbeauftragten auch noch eine MINT-Beauftragte bekommt, dann wimmelt es in unserem Land bald nur noch so von Ingenieurinnen, Physikerinnen und Astronautinnen, die „umweltfreundliche Autos“, Solarkraftwerke und giftfreies Baby-Spielzeug entwickeln. Und CO2-freie Raketentriebwerke und Raumstationen.
Ich habe da allerdings meine Zweifel. Für die CO2-Freiheit der Raumstation ISS braucht man nämlich Menschen wie Samantha Cristoforetti, die aus reiner Begeisterung für die Raumfahrt, die Technik und das Fliegen von Kampfflugzeugen den Sprung ins All wagen und dort ihren Job machen. Und keine Leute, die sich Gedanken darüber machen, wie man das Bordhandbuch der ISS mit einer „geschlechtergerechten Sprache“ ausstatten kann, ohne von den Astronauten für verrückt erklärt zu werden.
[1] Astronautenausbildung: Raumzeit-Folge 11 mit ESA-Astronautin Samantha Cristoforetti
[2] ESA Astronaut biography von Samantha Cristoforetti
[3] Im Einsatz für die Sicherheit – Flugversuchsingenieurin Ina Niewind
[4] Melitta Schenk Gräfin von Stauffenberg
[5] Petra Liebner: Melitta Gräfin Schenk von Stauffenberg, Biografie auf der Website des Deutschen Roten Kreuzes
[6] Bodenangriffs-Flugzeug AMX
[7] BMFT: Komm mach MINT

Von heulsusigen israelischen Siedlern, spinalreduzierten Stammlern und Verwaltern des jüdischen Tränensees


Damit wir nicht vergessen, in welcher Sprache sich die sog. „Israelkritiker“ in deutschen Internetforen äußern, habe ich hier noch einmal einige der markantesten Sprüche aus den vergangenen Jahren zusammengestellt, die ich auf den Seiten „http://www.politik.de aufgeschnappt hatte. Die Seite „politik.de“ existiert allerdings nicht mehr.

Teilnehmerin mhilitia:
….spinalreduzierte Stammler ….rechtsextreme Mehrzeller
….heulsusige israelische Siedler ….Existenzen vom Wert einer Nacktschnecke
….nicht mal im Promillebereich ….politisch degenerierter Individuen
….des an so einigen Missstaenden leidenden User ….der Sprechapparillo
….der dissonante Ukrainer ….Aussage des rhetorischen Grobmotorikers
….der forumseigene Verwalter des juedischen Traenensees ….in User Tiqvahs gotteslaesterlicher Birne.
….Deine Links…sind wirklich ohne eine einzige Ausnahme eine einzige dampfende Kloake miesester Propaganda ….des von Exkrementen durchzogenen Sprachvermoegens User palmahs
….Deine Argumentationsstruktur ist wie ein wucherndes Geschwuer, User palmah, ….Innerhalb einer palmah-Pathogenese halten manche Menschen selbst die schraegsten Quellen fuer neutral.
….Vielleicht koennen Antworten sogar heilend auf den ukrainischen Eigentorkoenig wirken ….Ich habe noch nie gesehen, dass sich jemand aufgrund eines der reine Neurosenkompensation darstellenden Beitraege
von User [i]Tommy2[/i] haette [i]verteidigen[/i] muessen.
….Zu bedenken ist auch, dass schluchzender Traenenfluss in den vonhaeften unterstellbaren Dimensionen zu einer schleichenden Dehydrierung des Gehirns fuehrt – vom Holocaustgram gebeutelte deutsche Ewigschuldner sollen bis zu fuenf Litern taeglich erweinen koennen. ….Nach ein paar verschlungenen Irrungen samt Reizleitungsstau hakt es jetzt aber immer noch am Begreifen,
….Man beachte die Ausgewogenheit zwischen Phantasie und Intellekt beim sich lustig vorzustellenden User ….das kindische Verhalten passt aber zum engen Horizont des Users.
….Du kannst in Deiner seltsamen Form von Einfalt ….Du hattest Dich ganz [i]palmah[/i] entbloedet,
….Deine Hin-und-Her-Kapriolen waren auch weniger aergerlich denn putzig ….haben also Deiner Tagtraeumermeinung
….Vergessen solltest Du im Bezug darauf auch nicht, dass ich in diesem Strang bereits zu mehreren Punkten argumentiert hatte, Dein Beitrag dagegen nur als hohle Polemik fungierte.(gegen User peet_g) ….Das Element Deiner Empoerung bleibt mir allerdings verborgen.
….Dein aufwendiges Unverstaendnis ueber den schiefen, aber neutralen Begriff des „einseitigen Rueckzuges“ bleibt mir unter diesen Umstaenden schleierhaft. ….Mein politisches Hauptanliegen bezieht sich auf die Sondierung kompromissfaehiger Positionen und Personen unter Wahrung des Voelkerrechts.
….Dass dies im Nahostforum bisweilen anders wirken mag, kann durchaus sein, liegt m. E. aber daran, dass hier wenige UserInnen sind, die sich einer offenen Diskussion stellen (koennen), dafuer umso mehr, die lautstark rechtsextreme Parolen und Argumentationsfetzen betreiben, denen ich mich hoeflich weder stellen moechte noch werde. ….mir ist es wirklich egal, ob der KGB Scharanski zu Recht die Knochen brach
….Mit der richtigen Schnittechnik konnte im Libanon so manches Geschwuer extrahiert werden. ….Ich reagiere lediglich auf einen Satzfetzen stammelnden User, dessen Wortschatz bezueglich Aussagenverstaerkung ausschliesslich eine Faekaliengrube bereithaelt.
….Worin diese Fixierung auf Exkremente begruendet liegt, musst Du den Trottel fragen, anstatt Dich bei mir zu beschweren. ….gegen den User Nikkei:
Aus der beleidigt-blasierten Abhandlung kann ich als Essenz entnehmen, dass Dein angekuendigtes Bemuehen, meine Beitraege zu ignorieren, sicher fuer beide Seiten Sinn macht. Bei derartiger Sehschwaeche solltest Du Dir demnaechst vor dem zweiten Blick das Konfabulieren ersparen.

Nikkei: Ihre Grundlage ist das penetrante Speien von Gift und nicht die Argumentation.

Antwort Mhilitia:
Unsere wenigen virtuellen Begegnungen sind dadurch gepraegt, dass du behauptetest und ich argumentierte und Dich hinterfragte. Falls Dir eine einzige Ausnahme bekannt ist, teile sie mir vor Deinem Ignorationsversuch noch mit. Am liebsten bin ich uebrigens im Umfeld einer sicheren Argumentation giftig – Deine haltlose Behauptung beinhaltet keine sich ausschliessenden Elemente.
Dein Selbstbewusstsein, dies effektiver einschaetzen zu koennen als die hoechsten israelischen Stellen, ist durchaus imponierend – die Gefahr, als ein Trottel angesehen zu werden damit aber bei weitem nicht gebannt.
….Dein Geblaeffe bezueglich einer Konfusion wirkt umso peinlicher.
….und das von zu Zellschlacke degenerierten Pennern, die ich nicht als tierisches Leben bezeichnen wuerde.


Teilnehmer tweety

….warum ich diese verlogene scheiße nicht nachplappere
….an deinem hastig bei den schmierigsten zionazis zusammengelesenen halbwissen.
….deine affinität zu rechtsextremistischen websites
….bei deiner plumpen hetze
….allein um deinen sermon geht es.
….einem von dir angeschleppten zitat
….dass du noch mehr alberne „vorschläge“ auf der pfanne hast
….in etwa deinem üblichen geistigen horizont.
….dass du hier schon scheißhaus-parolen verbreitet hast
….deine phrasendrescherei
….wenn ausgerechnet du das nicht kapierst, ist das aber nicht weiter verwunderlich.
….deine unterstellungen werden zunehmend dämlicher.
….warum zielt eigentlich jeder deiner auftritte darauf ab, dich selbst zum kasper zu machen?
….ich glaub dir ja gerne, dass du unfähig bist, mehr als zwei seiten einer sache zu sehen.
….aber deine geistigen defizite musst du nicht wirklich auf andere projizieren.
….weil dir eine sachliche diskussion partout nicht gelingen will,
….schreib dir das mal hinter deine ungewaschenen ohren.
….Denunzianten-Dreckschleuder „Swiss Media Watch“ nach Vorbild des bekannten PMW. [url]http://www.swissmediawatch.org/links.asp[/url] (Mhilitia)
….vonhaeftens verzweifelte versuche, hier mit seinen absurden spitzfindigkeiten den troll zu rehabilitieren
….deine wenigstens bruchstückhaft vorhandene fähigkeit zu messerscharfen schlussfolgerungen ist ja doch verblüffend.
….wenn deine aufmerksamkeitsspanne aber nicht schon innerhalb eines einzigen postings schlapp machen würde
….da du derart offensichtlich unfähig bist, einer diskussion geistig zu folgen,
….halte ich es für zwecklos, deinen wortschwall en detail zu erörtern, der wohl einzig dazu dient, von der diletantischen
widersprüchlichkeit deiner argumentation abzulenken.
….zusammenhanglos von broder zu chomsky hüpfst
….als letzte geistige bankrotterklärung
….solange du am inhaltlichen verständnis selbst eines derart kurzen absatzes scheiterst, solltest du dich nicht mit politischen diskussionen quälen.
….die posse, die du hier aufführst
….deine wortklaubereien
….du mit deinem gebrabbel
….ob dir diese reaktion schmeckt, geht mir kilometerweit am arsch vorbei
….und wenn du hier mit nervtötender penetranz faschistoiden dünnschiss widerkäust
….Arschloch
….kackbraune Sosse
….aus der hüfte klugscheißen
….forenbekanntes hetzfake
….goldstein-arschloch
….der scheiß passt wohl auch nur in eine kachnik-birne
….dein dünnsinn
….absonderungen von itamar marcus
….cmip-müll
….goldsteins kackbraune gesinnung
….einem klugscheißer wie dir
….man kann gar nicht so viel fressen, wie man kotzen möchte!….palmahs fascho-müll
….dass du pausenlos die tollen belege der größten schreihälse über den grünen klee loben musst, ohne auch nur eine silbe
zum inhalt beisteuern zu können, bin ich ja von dir gewohnt.
….jetzt mach dich doch nicht mit gewalt zum deppen
….armseliger schwätzer
….statt einfach nur große töne zu spucken.
….ansonsten ergehst du dich zunehmend platter in grübeleien über „überflüssigkeit“ und solltest dabei wohl erst mal
deine hysterischen ausbrüche darauf hin überprüfen.
….solange du dich nur sinn- und hilflos aufregst, lass ich dich halt toben.
….trotzdem halte ich nichts von marktschreiern, denen keine schote zu derb ist, um mal so richtig vom leder zu ziehen.
wenn’s nicht so traurig wäre, fänd ich es sogar belustigend, dass hier leute selbst nazi-lügen für ihre sache
ausschlachten müssen. (israelischer Kindermörder freigesprochen, 25.11.05 20:03)
….dein tendenziöses gerümpel hat regelmäßig ein massives glaubwürdigkeitsproblem.
….dass deine ergüsse erheblich mehr ähnlichkeit mit nazihetze haben, als meine beiträge…
….mehr als eine unterstellung hast du noch nicht hingekriegt…
….ob du selbst die für „richtig“ hältst, ist unerheblich…
….muss wohl ein hobby sein, dir ständig selbst zu widersprechen…
….wolltest du diese neigung sogar schon als ein zeichen von intelligenz gewertet wissen…
….der zynismus, der hinter dem gefasel…
….menschen mit einem iq über der zimertemperatur…
….verlausten kaftanjuden…
….deinem miesen rassismus im stürmer-duktus…
….vor diesem hintergrund kannst du dir schon gar nicht leisten, anderen haltlos eine nähe zum dritten reich zu unterstellen…
….deine verlogene impertinenz…

Warum der Bundespräsident keine Riester-Rente braucht

Private Vorsorge, Riester- und Rürup-Rente, Berufsunfähigkeitsversicherung : fast jeden Tag mahnen uns besorgte Politiker, für Krankheitsfall, Unfall oder Arbeitslosigkeit vorzusorgen. Das ist gut und wichtig, denn viele unserer Mitbürger leben einfach sorglos in den Tag hinein, bis sie vom Burnout-Syndrom erwischt werden und sich bei Angelika Kallwass ausheulen müssen. Aber wie sorgen die Politiker selbst vor?
Das wollen wir uns am Beispiel des Bundespräsidenten anschauen. Der hat seinen Amtssitz im Bundespräsidialamt in Berlin. 167 Personen arbeiten in diesem Amt, davon 87 Beamte, 2007 waren es noch insgesamt 210, davon 85 Beamte. Unter den 87 Beamten finden wir alleine 17 aus den Besoldungsgruppen B3 und höher – z.B. 11 Beamte aus der Gruppe B3 mit einem Grundgehalt von 6775,-, macht im Monat zusammen 74525,- oder 894300,- im Jahr. Ohne die beamtenüblichen „Erhöhungsbeiträge“ mitzuzählen. Da kommt was zusammen, wenn man die übrigen Beamten und Angestellten mitzählt, nämlich 16,11 Mill.€ an Gehältern im Jahre 2010. Gut, daß wir da nur einen Bundespräsidenten haben, dessen Bezüge auf 199000,-€ pro Jahr festgelegt wurden. Vor 2007 waren es noch 213.000,-€, man hat dem Bundespräsidenten also das Gehalt um 14.000,- € gekürzt, das der übrigen Beamten aber wie gehabt erhöht.
Aber reicht denn das Gehalt von 199.000,- Euro aus? Niemals! Es gibt z.B. noch

[2] 78.000 Euro Aufwandsgeld (Aufwandsentschädigung), aus dem auch die Löhne des Hauspersonals für die freie, voll eingerichtete Amtswohnung des Bundespräsidenten zu zahlen sind.
Zur Verfügung des Bundespräsidenten stehen (2010) unter dem Titel 529-01-011 ausserdem 830.000,-€ für:
….entsprechende Ausgaben für repräsentative Verpflichtungen des Ehegatten des Bundespräsidenten, soweit diese Ausgaben nicht von Dritten übernommen werden. Aus dem Mittelansatz dürfen auch Ausgaben für die Bewirtung mit Erfrischungen bei Besprechungen aus besonderem Anlass geleistet werden.[1]

Und was ist, wenn er sein Amt aufgeben muß, z.B. dann, wenn er wegen seiner Arbeit, seinem unermüdlichen Einsatz für die Menschen in unserem Lande und jetzt auch noch den vielen gehässigen Anfeindungen von Journalisten und Abgeordneten aus dem Bundestag „ausgebrannt“, ja womöglich traumatisiert ist? Dann, liebe Mitbürger, bekommt unser Bundespräsident eine kleine, bescheidene Rente und kann sich erst mal ausruhen:

Nach dem Ausscheiden aus dem Amt werden die Amtsbezüge mit Ausnahme der Aufwandsgelder auf Lebenszeit als Ehrensold weitergezahlt. Der Altpräsident behält weiterhin ein Büro/Sekretariat im Bundespräsidialamt.[3]

Vorbildlich! Das ist gelebte soziale Gerechtigkeit! Sollte Christian Wulff also jetzt von seinem schweren Amt zurücktreten, so kann er in den Altherren-Club der ehemaligen Bundespräsidenten frischen Wind hineinbringen. Darauf warten nämlich schon die Kollegen
Walter Scheel, Richard von Weizsäcker, Roman Herzog und Horst Köhler. Dann wärens immerhin schon 5 Ehemalige mit Büro, Dienstwagen und Sekretärin, die sich im Bundespräsidialamt nachmittags zum Kaffee treffen und überlegen könnten, wie sie die eine Million Euro an „Ehrensold“ am besten anlegen.

Anmerkungen und Links
[1] Bundeshaushaltsplan 2010
[2] wikipedia zum Bundespräsidenten
[3] Gesetz über die Ruhebezüge des Bundespräsidenten
[4] Bundeshaushalt 2007
[5] Beamtenbesoldungstabellen


Liste der Bundespräsidenten

Theodor Heuss (1949–1959)
Heinrich Lübke (1959–1969)
Gustav Heinemann (1969–1974)
Walter Scheel (1974–1979)
Karl Carstens (1979–1984)
Richard von Weizsäcker (1984–1994)
(Obiges Foto Weizsäckers: Bundesarchiv, Bild 146-1991-039-11 / CC-BY-SA)
Johannes Rau (1999–2004)
Roman Herzog (1994–1999)
Horst Köhler (2004–2010)

Grisha Alroi-Arloser über die Deutsch-Israelischen Wirtschaftsbeziehungen: endlich nur gute Nachrichten!


(Foto links: [0])Nehmen wir an, ein Verein, der sich um gute Beziehungen zwischen Israel und Deutschland kümmert, plant einen Vortragsabend. Es stehen vier Themen zur Auswahl:

  1. Hintergrundgespräch mit Herrn Abdelsalam Najjar aus der „Oase des Friedens“/Neve Shalom
  2. „Der islamistische Medien-Krieg“, Prof. Richard Landes (Boston University) im Gespräch mit Thierry Chervel über das Versagen der westlichen Berichterstattung von Mohammed al Durah bis zum „Arabischen Frühling“
  3. „Vernichtungskrieg gegen Palästinenser“- Podiumsdiskussion mit Evelyn Hecht-Galinski, Henryk Broder, Ludwig Watzal und Tobias Jäcker
  4. Deutsch-Israelische Wirtschaftsbeziehungen. Vortrag von Grisha Alroi-Arloser

Welches Thema werden die Mitlgieder des Vereins bevorzugen? Ich vermute: der Vortrag über Wirtschaftsbeziehungen wird es nicht sein. Das kann ja nur langweilig werden! Da redet dann einer über Exporte, Überschüsse, Kredite und Bruttoinlandsprodukte, am Ende werden noch irgendwelche unverständlichen Statistiken präsentiert, alle klatschen und keiner hat was verstanden. Wie viel spannender ist es da doch, über eine „Oase des Friedens“ zu reden, in der Israelis und Palästinenser in „Friedensschulen, Seminaren und Kursen“ zu Begegnung und Verständigung zusammenkommen, oder einer Podiumsdiskussion zu folgen, wo Henryk Broder sich über die durchgedrehte Hausfrau Evelyn Hecht-Galinski aus dem Badischen lustig macht!
Vielleicht lag es an dieser Furcht vor einem zu trockenen Thema, daß am 23.November 2011 zum Vortrag von Grisha Alroi-Arloser in der Industrie und Handeskammer Bonn so wenige Teilnehmer erschienen – immerhin wurden ja alle Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft Bonn der Deutsch-Israelischen Gesellschaft zu diesem Abend eingeladen.
Darauf angesprochen meinte Grisha Alroi-Arloser zu Beginn seines Vortrages:


… ich bin nicht enttäuscht, was die Zuhörerschaft angeht, es gibt große Veranstaltungen und es gibt gute Veranstaltungen und das wird bestimmt eine gute.
Ich bin heute morgen aus München gekommen und reise heute abend noch nach Köln weiter. Und damit habe ich im Grunde an einem Tag die drei Orte in Deutschland besucht, an denen ich gelebt habe. Ich bin in Köln aufgewachsen…

und spreche (ergänzte ich für mich) astreines Hochdeutsch.


… habe 20 Jahre in Köln gelebt, bin nicht in Köln zur Welt gekommen, sondern in Sibirien, aber im Alter von 2 Jahren mit den Eltern nach Köln gekommen.

Aus dem kleinen Sibirier Grisha wurde ein großer Kölner, der 20 Jahre später nach Israel auswanderte. Ab 1987 arbeitete Alroi-Arloser 4 Jahre lang an der israelischen Botschaft in Bad Godesberg, ging dann wieder zurück nach Israel und lebte schließlich von 2002 bis 2007 in München, wo er als Leiter der Deutsch-Israelischen Wirtschaftsvereinigung tätig war. Im Augenblick ist er Geschäftsführer der Deutsch-Israelischen IHK und auch noch Präsident der Israelisch-Deutschen Gesellchaft, dem Pendant zur DIG in Israel.
(Foto links: [0])
Es schwirrt einem der Kopf vor lauter Institutionen, bei denen Alroi-Arloser als Leiter oder Geschäftsführer tätig ist! Doch das hat mich an diesem Abend überhaupt nicht beeindruckt. Titel, Posten und gesellschaftliche oder politische Stellung sind mitunter ja sogar umgekehrt proportional zur fachlichen, intellektuellen und sozialen Leistungsfähigkeit eines Menschen, wie diverse Beispiele aus der deutschen Gegenwart bezeugen. Nein, das Imposante an diesem Abend war zunächst einmal: da stand einer am Rednerpult und redete völlig frei. Fast zwei Stunden lang. Natürlich hatte er seinen Mac-Book dabei und eine kleine Präsentation, aber die fasste nur zusammen, was Alroi-Arloser uns über die Wirtschaft Israels erzählte. So blieb mir erspart, was man auf Antisemitismus-Kongressen, Israel-Symposien oder Friedenspreis-Verleihungen nur zu häufig erfährt: akademischer Dünkel gepaart mit geballter Inkompetenz präsentiert dem „gemeinen Publikum“ vom Blatt abgelesene Selbstverständlichkeiten und Trivialitäten, wonach man dann zum Buffet schreitet.
Doch an diesem Abend ging es um Fakten, um belegbare, harte Wirtschaftsdaten, und vorgetragen wurden sie von einem sympathischen, bescheiden auftretenden Schnelldenker. Und der freute sich darüber, endlich mal nur gute Nachrichten präsentieren zu dürfen:

Ich freue mich, daß ich heute abend über die deutsch-israelischen Wirtschaftsbeziehungen sprechen darf, weil man heutzutage im Grunde selten gute Nachrichten über Israel vermitteln darf. In den meisten Fällen geht es um den israelisch-arabisch-palästinensischen Konflikt, es geht um die geopolitische Großwetterlage in der Region (…) die wirtschaftlichen Daten sind ganz andere.

In der Tat: Nachrichten aus Israel haben meistens negativ-reißerische Titel wie „Raketen gegen Steinewerfer“, „Israelische Hardliner fürchten Frieden“ oder “ Uno kritisiert Israels Siedlungspläne“. Die Bevölkerung Israels besteht nach landläufiger Meinung aus radikalen Siedlern, orthodoxen Juden und gewalttätigen Militärs, es beherrscht in Form einer jüdischen Mafia die USA, verursacht mit unterseeischen Atomexplosionen Tsunamis und exportiert vor allem Jaffa-Orangen. Das ist natürlich alles antisemtischer Stuß, wird aber so oder ähnlich von weiten Teilen der Mainstream-Medien verbreitet und nach Umfragen von einem nicht unbeträchtlichen Teil der deutschen Bevölkerung geglaubt.
(Foto links: [0])
Alroi-Arloser ging es bei seinem Vortrag aber nicht um radikale Siedler oder gewalttätige Militärs, sondern eher um die Jaffa-Orangen. Um zu verstehen, warum ein Boykott von israelischen Waren aber am wenigsten Wirkung hätte, wenn man ihn auf diese Frucht begrenzte, begann Alroi-Arloser mit ein paar Grunddaten über Israel:

  • Fläche: 22.145 km km2 (Hessen: 21.114,94 km2)
  • Einwohner: 7, 798 Mio. (September 2011;Hessen: 6,075 Mio., Juli 2011)
  • Bruttoinlandsprodukt (BIP) 213 Mrd. US$ (2011;Deutschland: 3.286 Mrd. US$, 2010). Zum Vergleich: Jordanien 16,01 Mrd. US$ , Libanon: 24,64 Mrd. US$, Ägypten: 127,93 Mrd. US$, Syrien: 52,52 Mrd. US$
  • Mehr Notierungen am NASDAQ als Europa, Korea, Japan, Indien und China zusammen
  • Bruttoinlandsprodukt pro Einwohner 28.685,62 US$ (Deutschland: 40.273 US$)
  • Staatsverschuldung (2009) 151,3 Mrd. US-Dollar oder 78,0 % des BIP (Deutschland: 2.676 Mrd. US$ oder 81,43% des BIP)
  • Wachstum: 4,5% (Deutschland 2010: 3,6%, 2009 -4,7%)
  • Exporte 2010: 58,4 Mrd. USD
  • Importe: 59,1 Mrd. USD
  • Inflation 1.Halbjahr 2011: 2,2%
  • Arbeitslosigkeit (2.Quartal 2011): 5,5%
  • Bevölkerungszuwachs: 1,7% (jährlich!!)

(Quelle: [0])
(Anmerkung: wo es mir möglich war, habe ich die Zahlen von Herrn Alroi-Arloser durch neuere des israelischen Zentramts für Statistik ersetzt [1]. Die meisten Zahlen stammen aber aus seiner Vortrags-Präsentation ([0]), die er mir freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat. Ein Update einiger Zahlen wurde mir am 04.12.2011 von Alroi-Arloser zugeschickt und ist hier eingearbeitet. ) Welch gewaltige Wirtschaftsmacht sich in Israel zusammenballt, erkennt man z.B. aus der obigen Zusammenstellung des BIP: die Summe aller BIP der Israel umgebenden Länder ist mit 220 Mrd. US-$ nur wenig mehr als das israelische BIP (213 Mrd. US-$).
Neben dem hohen Wirtschaftswachstum ist hier vor allem eine unscheinbare, aber wichtige Zahl hervorzuheben: das ist der Bevölkerungszuwachs von 1,7%. Israel ist der einzige Staat der Welt, dessen Bevölkerungszahl sich innerhalb von rund 60 Jahren nach der Staatsgründung verzehnfacht hat, nämlich von 780.000 auf rund 7,8 Millionen. Unter anderem hängt das mit der Fruchtbarkeitsrate zusammen, die mit 2,41 die höchste unter den Industriestaaten ist. Auch die Lebenserwartung in Israel gehört zu den höchsten der Welt und beträgt für Frauen 80,9 Jahre und für Männer 76,7 Jahre [2]. Irgendwie scheints den Leuten in Israel zu gefallen, sonst würden sie sicher nicht so viele Kinder dort in die Welt setzen. Da mußte ich schon wieder an die Bundesrepublik denken, die eine Bevölkerungsabnahme zu verzeichnen hat, bei den Geburten sogar eine dramatische (-5,9% 2003 – 2009), wie Politiker gerne sagen.
Alroi-Arloser vergaß auch nicht zu erwähnen, daß ein großer Bevölkerungszuwachs auch automatisch ein größeres Wirtschaftswachstum zur Folge hat. Die Israelis profitieren also in vielerlei Hinsicht von der hohen Geburtenrate. Das alleine kann aber auf keinen Fall das gigantische Wachstum und den wirtschaftlichen Erfolg des Landes erklären, der es einzigartig im Nahen Osten dastehen läßt. Schauen wir daher als nächstes auf die einzelnen Wirtschaftszweige: womit verdienen israelische Unternehmen ihr Geld? Wer kauft israelische Waren und welche sind besonders begehrt?
Der wichtigste Handelspartner Israels ist eindeutig die EU, danach kommen die USA und Asien. 2010 kamen etwa 35% aller Warenimporte aus der EU, weitere 11% aus den USA; 26% aller Warenexporte flossen in die EU und 31% in die USA. Der Außenhandel war insgesamt im Vergleich zum Vorjahr um 23% gestiegen, wobei die Ausfuhr mit 21% etwas weniger expandierte als die Einfuhr mit 25%. Aber was exportieren die Israelis eigentlich? Eigentlich haben sie außer Jaffa-Orangen doch gar nichts zu exportieren. Weder Erdöl noch Erdgas noch Kohle, Uran, Eisenerz: die Bodenschätze, ohne die Länder wie Rußland, Saudiarabien oder der Iran längst zu Entwicklungsländern geworden wären, all das gibt es in Israel nicht. Und trotzdem ist Israel kein Entwicklungsland, ganz im Gegenteil, es ist bei allen internationalen Hilfseinsätzen mit dabei, wenn es darum geht, Menschen zu helfen, die in Entwicklungsländern in Not geraten sind.
Was also exportieren die Israelis? Man kann es auf einen Nenner bringen: es ist Intelligenz. Denn:

  • Orangen und andere landwirtschaftliche Erzegnisse machen nur 3% des Exports aus,
  • 28% werden in Form von Diamanten exportiert,
  • aber satte 69% sind Industrie-Produkte.

Und von diesen Industrie-Produkten sind wiederum 74% High-Tech- und Medium-High-Techprodukte. Die Ausfuhr von (wissensbasierten) Dienstleistungen ist weiterhin von zunehmender Bedeutung und belief sich im Jahr 2007 auf etwa 21,3 Mrd. US$. Dem gegenüber stand eine Einfuhr von Dienstleistungen im Wert von circa 18,1 Mrd. US$. Was braucht man, um solche Produkte herzustellen? Intelligenz! Und warum, so fragen sich die Vertreter der „Kauft nicht bei Juden!“ – Fraktion, kann man so was nicht auch boykottieren?
Die Antwort lautet: dann müßtet ihr zu Hause den Stecker rausziehen. Denn die Liste der elektronischen Geräte, der Computerhardware und Software, die wir täglich benutzen und die von israelischen Unternehmen erfunden wurden, ist unendlich lang. Es fängt an mit der Handytechnologie, die von Motorola-Israel entwickelt wurde. Handys sind aus dem täglichen Leben heutzutage nicht mehr wegzudenken, selbst starrsinnige Technologie-Gegner benutzen sie, und sei es nur, um sich bei der nächsten Castor-Demo untereinander blitzschnell zu verständigen.

Ein weiteres elektronisches Minigerät, das heutzutage jeder Schüler mit sich herumträgt, ist der USB-Stick. Auch dieser wurde von einem Israeli entwickelt, und weil die Entstehungsgeschichte einerseits witzig und andererseits auch typisch ist, möchte ich hier Ulrich Sahm zitieren, der Dov Moran (Foto links, Quelle: U.Sahm), den Erfinder des USB-Sticks, im Jahre 2008 interviewte:


Die Erfindung des UBS-Stick geschah nicht aufgrund einer genialen Inspiration. „Ich bin kein Einstein, der eine neue Theorie aus dem Nichts erfand. 1998 reiste ich nach New York. Während des Fluges habe ich an meiner Präsentation gearbeitet. Ich verschloss den Laptop nicht richtig. Die Batterie entleerte sich. Danach wollte der Laptop nicht mehr anspringen.“ Jemand bot ihm seinen Laptop an. Aber die Präsentation steckte unerreichbar im kaputten Computer. „Ich kam zum Schluss, dass ich meine Präsentation an (einem) sicherem Ort haben muss, um auf jedem Computer zu laufen. Ich wusste, dass jedes Notebook einen USB Stöpsel hat. Ich wollte Speicherkarten wie in Digitalkameras mit dem USB-Stecker verknüpfen. Das war meine Idee. Keine Erleuchtung, sondern das Bedürfnis, ein akutes Problem zu lösen.“ Moran tüftelte, bis der USB-Stick geschaffen war. Nebenbei wurde er so auch Millionär.

.[5]
Und nicht nur das: seine Firma M-Systems verkaufte er 2006 für 1,6 Milliarden Dollar an SanDisk Corp. Und tüftelt auch jetzt noch weiter, der Mann ist ja erst 56 Jahre und heißt nicht Boris Becker. Ich will aber jetzt keine vollständige Liste aller technischen und wissenchaftlichen Innovationen wiedergeben, mit denen uns die Israelis in den vergangenen Jahrzehnten beglückten, es reicht, einen Blick auf die Links am Ende diese Artikels zu werfen.
Statt dessen möchte ich einige Superlative aus Alroi-Arlosers Vortrag wiedergeben, die auch mich überrascht haben (Quelle: [0]):

  • Israel hat mehr Notierungen am NASDAQ als Europa, Korea, Japan, Indien und China zusammen
  • Israel ist größter Magnet für VC p/c weltweit. Und das heißt übersetzt: Pro Kopf wird in Israel am meisten Kapital für Firmengründungen („Startups“) eingesetzt. (VC = Venture Capital)
  • Voice over IP wurde von der israelischen Firma VocalTec, erfunden
  • ICQ , Firewall und VPN wurden in Israel entwickelt
  • EPROM, der erste lösch- und wieder beschreibbare Memorychip wurde von Intel Israel entwickelt
  • Given Imaging [6]gelang die Miniaturisierung israelischer Raketen- und Bilderkennungs-technologie und entwickelte so die Kapselendoskopie

Bei dem letzten Punkt handelt es sich um eine winzige Kapsel, die der Patient schluckt und die dann auf ihrem Weg durch Speiseröhre, Magen und Darm alle 2 Sekunden ein Bild aufnimmt. Die Kapsel wiegt weniger als 4 Gramm und ist 11mm x 26mm groß, enthält Batterien, einen Sender, 2 Lichtquellen vorne und hinten sowie eine Chip-Kamera, die maximal 18 Bilder pro Sekunde aufnehmen kann. Die Bilder werden an einen Empfänger gesendet, den der Patient am Körper tragen kann. Die Firma schildert den typischen Einsatz so: nach einer gründlichen Darmreinigung geht man morgens zum Arzt, nimmt sich ein großes Glas Wasser und schluckt die Kapsel. Danach kann man dann normal zur Arbeit gehen und dem Arzt am Abend das Empfangsgerät abliefern, die Kapsel verläßt den Körper auf natürlichem Wege.
Wem das noch nicht reicht, der kann hier noch ein paar weitere Punkte zur Erfolgsstory hinzufügen (Quelle: [0]):

  • 70% der israelischen Abwässer werden recycled, 2009 erklärte die UNO Israel zum weltweit effizientesten Wasser-Recycler
  • Über 90% der israelischen Haushalte nutzen Solarboiler zur Warmwassererzeugung
  • Die weltweit größte Meerwasserentsalzungsanlage steht in Israel und versorgt die Bevölkerung mit jährlich 100 Millionen Kubikmeter Wasser – und ist dabei die kostengünstigste ihrer Art.
  • Israel wird das erste Land weltweit mit einem flächendeckenden E-Mobility-Netz sein.

Und nun noch ein paar Worte zu den Deutschen. Was kaufen die in Israel? Da erleben wir ein paar Überraschungen:

  • die virtuelle Abseitslinie bei Fußballübertragungen aller Sender wird durch eine Technologie der israelischen Firma ORAD auf den Bildschirm gebracht
  • Deutsche Weine werden durch eine in Israel entwickelte Tropfbewässerung veredelt
  • die CRM- und Abrechnungssoftware bei Vodafone und T-Mobile kommt aus Israel
  • Magnesiumteile für Autos werden in Israel bestellt
  • Deutsche Flughäfen übernehmen die Sicherheitstechnologie der Israelis

Aber das wichtigste: deutsche Firmen kaufen sich in israelische ein und nutzen den hohen Ausbildungsgrad israelischer Techniker und Ingenieure. Die Israelis haben das, wonach man in Deutschland verzweifelt sucht: weltweit den höchsten Bevölkerungsanteil an MINT-Beruflern.. Der Akademikeranteil in der gesamten Bevölkerung beträgt stolze 34% (in Deutschland nur 10%), da ist es kein Wunder, daß z.B. Firmen wie Siemens oder SAP riesige Niederlassungen resp. Beteiligungen an israelischen Firmen haben (Siemens investierte über 900 Mio. € in Israel, SAP über 400 Mio. €, VW über 225 Mio. €). Die Firma SMA, ein TecDAX-Schwergewicht aus der Solarbranche, hat erst 2008 den israelischen Markt entdeckt und bereits heute ein Auftragsvolumen von der Größe Spaniens.
Ich möchte als letztes noch etwas zur Frage nach der Ursache für den hohen Grad an Akademisierung in Israel sagen. Es ist ja nicht nur der hohe Anteil der Akademiker an der Gesamtbevölkerung, es ist vor allem der hohe Anteil an Technikern, Ingenieuren und Naturwissenschaftlern, der deutsche Firmen wie ein Magnet nach israel ziehen läßt. Für diese weltweit einzigartige Zusammenballung von naturwissenschaftlichem Sachverstand gibt es zwei Gründe:

  1. Israel befindet sich eigentlich in einer schwierigen wirtschaftlichen Ausgangssituation. Es gibt fast keine Bodenschätze, die Gesamtfläche des Landes ist extrem klein und reicht , was eigentlich ein Wunder ist, gerade mal aus, um die Bevölkerung mit Gemüse und Obst zu ernähren, der Rest muß eingeführt werden. Der Handel mit den Nachbarstaaten war jahrzehntelang blockiert, und so ist es kein Wunder, daß Regierung und Militär den Aufbau von High-Tech-Firmen und die Ausbildung von Naturwissenschaftlern an den Universitäten massiv unterstützt haben. Grisha Alroi-Arloser hat es in seinem Vortrag so ausgedrückt:„Militärische Notlage, Wasser- und Nahrungsmittelknappheit sowie Masseneinwanderung machten rasche Erfolge der eigenen Forschung und Entwicklung notwendig“.
  2. Ich habe aber noch einen zweiten Punkt im Verdacht, der bei diesem beispiellosen Aufschwung eine wichtige Rolle spielt: das ist der statistisch signifikant hohe Anteil von Naturwissenschaftlern unter den Einwanderern. Besonders aus der ehemaligen Sowjetunion, aber auch aus Nazi-Deutschland und anderen europäischen Staaten sind sehr viele Naturwissenschaftler nach Israel ausgewandert, wo man auf genau diesen speziellen Wissenszuwachs angewiesen war.
    Es ist daher kein Wunder, daß in Israel der Wissenschaftsminister gleichzeitig aktiver Professor für Mathematik ist und darüberhinaus neben seinen politischen Tätigkeiten zwischen 1999 und 2009 alleine 9 Publikationen veröffentlichte, darunter eine Arbeit über „The recursive inverse eigenvalue problem“, verfaßt 1999 zusammen mit zwei deutschen Mathematikern und der israelischen Mathematikerin Marina Arav [13]. Auch hier gibt es also eine fruchtbare Zusammenarbeit zwischen Israelis und Deutschen, wenn zwar auch „nur“ auf einer wissenschaftlichen Ebene, aber diese bildet ja die Grundlage für High-Tech und Industrie.

Und was gibt es schöneres als diesen israelischen Bus mit der Telefonnummer des Goethe-Instituts auf der Seite und einer Einladung in hebräischer Schrift: Lerne Deutsch – erlebe Kultur! Einschreiben jetzt…. ? Da möchte man gleich einsteigen und eine Rundreise durch Israel starten!


Anmerkungen und Links

Die Vortragsfolien findet man im Original bzw. in leicht abgewandelter Form unter mehreren URLs im Internet wieder, siehe [8] und [9].
Die Fotoquellen sind immer direkt neben den Fotos angegeben.
[0] Vortragsfolie aus der Präsentation der AHK Israel, 2011, stand 27.02.2011
[0.1] Israel, die Spieltheorie und der Nobelpreis
[1] Israelisches Zentralamt für Statistik
[2] Wikipedia zu Israel
[3] Youtube Video: Boycott Israel
[4] Israels Parade des Stolzes, Ben Dror Yemini, Maariv, 17.05.08
[5] Wie der USB-Stick erfunden wurde
[6] Given Imaging, Erfinder der Kapselendoskopie
[7] http://www.kapselendoskopie.de, MEDIZINISCHE UNIVERSITÄTSKLINIK Bochum
[8] www.saarland.ihk.de/ihk/international/vortraege/israel09.pdf (Veraltete Version von 2009)
[9] cgbn.files.wordpress.com/2011/08/israel-pp-von-cgbn.pptx
[10] http://www.eclareon.eu/sites/default/…/praesentation_grisha_alroi-arloser.p…
[11] Marina Arav, Associate Professor am Departement of Mathematics & Statistics der Georgia State University
[12] Besuch von Hershkowitz in Worms, 27.06.2011
[13] Ausgewählte Veröffentlichungen von Daniel Hershkowitz, Liste bei scientificcommons
[14] Hershkowitz zu Obamas Forderung, die Siedlungsaktivitäten „einzufrieren“
[15] Ausführliche Beschreibung des Besuchs von Hershkowitz in der Bundesrepublik

Berliner Polizisten müssen Parkgebühren bezahlen

In der ZDF-Sendung „WISO“ vom 28.11.2011 wurden am Ende der Sendung Polizisten in Berlin beim Einparken gefilmt. Das ist etwas ungewöhnlich. Normalerweise werden Polizisten im GEZ-Fernsehen nämlich eher beim Wegschleppen von „Aktivisten“ aus der sog. „Umweltschutzbewegung“ gezeigt, auch sehen wir sie im Einsatz gegen friedliche Stuttgart21-Demonstranten oder als Beschützer von Teilnehmern eines NPD-Fackelzugs. Doch hier konnten wir Polizeibeamte sehen, wie sie mit einem Problem kämpften, das jeder Normalbürger kennt: nämlich die zeitraubende, kostspielige und oftmals vergebliche Suche nach einem Parkplatz, als deren Folge Verdienstausfall, Ärger mit der Ehefrau und womöglich eine Geldbuße wegen Verstoßes gegen die Straßenverkehrsordnung zu befürchten ist.
Es ist dem WISO-Team hoch anzurechnen, hier auf einen Mißstand hingewiesen zu haben, der zwar schon lange bekannt ist, aber gerade in Berlin angesichts der dortigen eskalierenden Kriminalität für die Polizeibeamten ein völlig unnötiges und unsinniges bürokratisches Hindernis darstellt. Man fragt sich mit Fug und Recht, wie sich die für diesen Schwachsinn verantwortliche „Oberste Straßenverkehrsbehörde“ bei der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung Berlin einen Polizeieinsatz vorstellt, bei dem

„auch im Verlauf des Einsatzes“ ständig die Voraussetzungen für die Inanspruchnahme von Sonderrechten gem. § 35 StVO geprüft werden müssen, die„zur Erfüllung hoheitlicher Aufgaben dringend geboten“ sind.(nach der ab dem 07.11.2011 gültigen GA PPr Stab Nr. 06/2011)

In der Sendung beschrieb ein Sprecher der Polizeigewerkschaft einen Fall, wie er häufig passiert, der aber den Bürokraten der „Obersten Straßenverkehrsbehörde“ nie in den Sinn gekommen ist: wenn er mit seinem Dienstfahrzeug zu einer Vernehmung fahre, so müsse er auch irgendwo parken. Das Entrichten der Parkgebühr in den (nach Loriot) dafür vorgesehenen Einwurfschlitz der Parkgebührsuhr könne jedoch zu einem Problem führen, da die Dauer der Vernehmung nicht exakt abzusehen sei. Infolgedessen müsse er nach Ablauf der Parkzeit entsprechend viele Geldmünzen dabeihaben, um die Parkzeit zu verlängern. Aufgrund vorhergehender Einsätze könnten seine Münzvorräte inzwischen erschöpft sein, so daß er gezwungen sei, über Funk ein Einsatzfahrzeug anzufordern, das die entsprechenden Münzen für die Parkuhr mitbringt. Andernfalls wäre er gezwungen, die Vernehmung zu unterbrechen, den zu Vernehmenden oder andere Anwesende zu bitten, ihm das Geld für die Parkgebühr zu leihen und hätte hierdurch womöglich seinen Einsatz vermasselt.
Mit dem Einwurf der Parkmünze in den dafür vorgesehenen Schlitz der Parkuhr (wieder siehe Loriot) ist es aber nicht getan. Denn nach vollzogenem Einsatz müssen Polizeibeamte diesen protokollieren und sich für ev. stattgefundene Übergriffe auf „Umwelt-Aktivisten“ rechtfertigen. In diesem Fall müssen sie aber vor allem diverse Formulare ausfüllen, um die von ihnen ausgelegten Parkgebühren zurückzubekommen. Nach Aussage des Sprechers der Polizeigewerkschaft sind dann noch einmal 3 Verwaltungsbeamte damit beschäftigt, ihm seine 2 Euro Parkgebühr zusätzlich zu seinem Gehalt am Monatsanfang auf sein Konto zu überweisen. Irgendwann bekommt er sie dann auch zurück, natürlich ohne Zinsen.
Da fragt man sich ja schon, warum Berliner Polizisten dort überhaupt noch Dienst schieben?
[1] Deutsches Verbände-Forum: Die närrische Zeit hat begonnen / Polizisten müssen Parkgebühren für Dienstfahrzeuge verauslagen!
[2] Gewerkschaft der Polizei Berlin: Polizisten müssen Parkgebühren verauslagen – Strafzettel für Ermittler
[3] Cop2Cop: Polizisten müssen Parkgebühren für Dienstfahrzeuge verauslagen

Der Club der gehorsamen Ehefrauen

Einmal in der Woche führt uns der NDR in seiner Sendung  Weltbilder  „bis zum Horizont und weiter“. Diesmal, am 18.10.2011, ging es nach Malaysia, einem der aufstrebenden „Schwellenländer“ aus Südostasien, in denen der Islam Staatsreligion und die Bürger per Gesetz von Geburt an Muslime sind. 60% der Bevölkerung  bekennt sich zum Islam, das Land ist eine Art islamistischer Überwachungsstaat, in dem alles und jedes von einer islamhörigen Regierung und den Behörden kontrolliert wird. Homosexualität ist grundsätzlich strafbar, Pressefreiheit ist in Malaysia ein Fremdwort und Frauen haben, wie überall in islamischen Ländern, nichts zu sagen. Weibliche Wesen, die  gegen das schikanöse Scharia-System rebellieren, bekommen die ganze gnadenlose Unmenschlichkeit der islamischen Gesetze zu spüren. So wurde im August 2009 eine Frau zu 6 Peitschenhieben und einer Woche Gefängnis verurteilt, weil sie in einem Hotel 3 Gläser Bier getrunken hatte [2]. In anderen islamischen Ländern bekommt man als